19.02.1973

Berliner Bluff

Eine Untersuchung entlarvt die angebliche Propaganda-Wirkung der Olympischen Spiele 1936 auf das Ausland als Legende.
Prestige für Hitler von Australien bis Alaska. Begeisterung für Großdeutschland vom Pol bis Patagonien -- so beschreiben Publikationen bis heute die Wirkung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin auf das Ausland. Doch die Begeisterung war nur Bluff.
Das jedenfalls schrieb der Historiker Dr. Arnd Krüger, Olympiateilnehmer von 1968, nach dem Studium bislang unausgeschöpfter Quellen. Sogar "der geheime Bericht des Propagandaministeriums (gab) zu, daß die Spiele kein Propagandaerfolg waren", entdeckte Krüger. Seine Dissertation erschien jüngst als Buch**.
Anders als die Münchner Spiele von 1972, die sogar in kommunistischen Ländern anerkennende Kommentare ausgelöst haben. wies Krüger für das Olympia im Dritten Reich nach, "daß die Auslandspresse im Verlauf der Spiele ihre ursprüngliche Einstellung kaum änderte". Ein Grund: Viele ausländische Zeitungen sparten Reisespesen für Sportjournalisten und ließen ihre Europa-Korrespondenten berichten. die Hitlers politisches Kulissenspiel seit Jahren kritisch verfolgt hatten.
Drei Jahre lang hatten Sportfunktionäre und Publizisten vor altem in den
* Mit Reichssportführer von Tschammer und Osten.
** Arnd Krüger: "Die Olympischen Spiele 1936 und die Weltmeinung". Verlag Bartels & Wernitz. Berlin: 256 Seiten, 23 Mark.
USA wegen der diskriminierenden Behandlung von Minderheiten im Dritten Reich für einen Boykott gegen Hitlers Olympia gekämpft. So erschienen statt freundlicher oder wenigstens neutraler Reportagen immer wieder kritische Berichte.
Der "in erster Linie für den Führer bestimmte" Olympia-Rapport erfaßte das Echo in 37 Staaten: Nur sieben beurteilten die Spiele günstig -- durchweg Länder mit antikommunistischer Führung oder Rechtsregimes.
Auch wirtschaftlich bescherten die Spiele den Reichsführern eine Enttäuschung. "Da spielen einige Millionen keine Rolle", hatte Hitler seine Planer angewiesen, die größte Sportanlage der Welt zu errichten. Das sei besser, als Arbeitslosenunterstützung zu zahlen. Doch zu keiner Zeit arbeiteten mehr als 2000 Helfer am Olympia-Bau: ungelernte Kräfte konnten nur anfangs für die Erdarbeiten eingesetzt werden. Profit zog erst der juristische Erbe. die Bundesrepublik, aus dem verkehrsgünstig gelegenen Berliner Olympia-Stadion.
Zu den Wettkämpfen reisten 1936 nach den vorliegenden Unterlagen nur etwa 35 000 Ausländer (München 1972: etwa 230 000 Ausländer) an, die für ihre Eintrittskarten höchstens den Devisenwert von 900 000 Reichsmark ausgaben. Allein 852 Millionen Reichsmark mußte die Regierung dagegen in der zweiten Jahreshälfte für zusätzliche Nahrungsmittel- Importe bereitstellen.
Außer den meisten Deutschen ließen sich von den Goebbels-Helfern fast nur die Herren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) täuschen: Sie wollten vor allem ihre Spiele. So blieb ungerügt, daß die Ansprache, die der Olympia-Gründer Coubertin geschickt hatte, verfälscht wiedergegeben wurde: Die Reichspropagandisten unterschlugen etwa Coubertins Begeisterung für Internationalismus und Demokratie.
Dem IOC entging auch die stramme Gestapo-Kontrolle im Olympischen Dorf. Schon in den ersten Tagen warnten, wie Krüger schreibt, die geheimen Wächter 52 "weibliche Personen", die sich "insbesondere Farbigen" genähert hätten. Auf dem Postamt Charlottenburg zensierten Geheimdienstler die Athletenpost.
Schon vor dem ersten Startschuß ging in der SA die Parole um: "Wenn die Olympiade vorbei -- schlagen wir die Juden zu Brei." Unmittelbar nach den Spielen erschoß sich ein Kommandant des Olympia-Dorfes, Hauptmann Fürstner: Er sollte als nicht reinrassiger Arier aus dem Heer ausgestoßen werden.
Für den Präsidenten des Organisations-Komitees, Theodor Lewald, stand nach den Spielen die Wahl zum IOC-Vizepräsidenten an. Auf Hitlers Drängen mußte der Halbjude statt dessen seinen IOC-Sitz dem General von Reichenau räumen.
Außer den meisten ausländischen Publikationen versetzte ein Gremium von weltweitem Ansehen den Olympia-Oberen eine deftige Ohrfeige. Statt den Friedens-Nobelpreis wie vorgeschlagen an Coubertin zu verleihen -- was zugleich den Berliner Olympia-Planern Ansehen eingebracht hätte -, wählte das Nobel-Komitee in Oslo ein Nazi-Opfer: den Journalisten Carl von Ossietzky.

DER SPIEGEL 8/1973
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