10.10.2005

COMPUTERKRIMINALITÄT„Sechser im Lotto“

Vor dem Verkaufsstart der neuen Microsoft-Spielkonsole verschwanden jüngst zehn streng geheime Prototypen - das Werk von Freaks oder ein Fall großangelegter Wirtschaftsspionage?
Die Anzeige, die am 1. September bei der Kreispolizeibehörde Düren unter dem Aktenzeichen 609 000-033 682-05/7 erstattet wurde, sah zunächst nach einem gewöhnlichen Lagerdiebstahl aus. Sechs Tage zuvor sollen aus einer Halle im Dürener Industriegebiet zehn Kartons einer größeren Warenlieferung entwendet worden sein. Der Inhalt: Computer-Spielkonsolen der Firma Microsoft.
Die unbekannten Täter hatten den restlichen Inhalt der Paletten, darunter Zubehörteile wie Joysticks und sogenannte Controller, einfach stehen lassen und nach ihrem Zugriff die aufgerissene Folie notdürftig mit Verpackungsband wieder verklebt. Doch hinter dem vermeintlichen Fall von Lagerdiebstahl verbirgt sich womöglich weit mehr, denn bei dem Diebesgut handelt es sich nicht etwa um marktübliche Daddelboxen, sondern um zehn Prototypen der kommenden Microsoft-Konsolen-Generation Xbox 360.
Im Gegensatz zu den Produkten, die ab
2. Dezember bei den Händlern stehen sol-
len, sind die entwendeten Modelle sogenannte Development Kits, die einen weitreichenden Einblick in die Geheimnisse der neuen Technik erlauben.
Für Konkurrenten, nicht lizenzierte Spieleentwickler und Graumarktproduzenten von Zubehörteilen wäre so ein Gerät zurzeit wie "ein Sechser im Lotto", so ein Fahnder. Für Microsoft ist der Dürener Diebstahl dagegen eine Katastrophe.
Schließlich geht es im hartumkämpften Spielgeschäft um Milliarden Euro. Experten schätzen den weltweiten Umsatz auf bis zu 30 Milliarden Dollar in diesem Jahr - das ist mehr, als Hollywoods gesamte Filmindustrie inzwischen an den Kinokassen erlöst.
Geschwindigkeit ist in diesem Geschäft nicht nur bei der Entwicklung der Computerprozessoren alles. Mit der Xbox 360 will Microsoft endlich die Vorherrschaft der Playstation von Sony brechen, die in den vergangenen Jahren rund 90 Millionen Mal verkauft wurde - und hat sich das einen Milliarden-Dollar-Betrag an Entwicklungsgeldern kosten lassen. Von der alten Xbox sollen gerade mal gut 20 Millionen Stück über den Tresen gegangen sein.
Um den Absatz zu verdoppeln, sollte die neue Spielekiste, die von Microsofts Unterhaltungschef Robbie Bach im Mai erstmals vorgestellt wurde, bereits zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt kommen. Schließlich machten die Amerikaner zuletzt rund um das heilige Konsumfest mit ihrer Spiele- und Unterhaltungssparte doppelt so viel Umsatz wie in den übrigen Quartalen. Die nächste Sony-Generation wird erst im Frühjahr erwartet, ebenso das neue Produkt des Marktdritten Nintendo.
Wo es um so viel Geld geht, wird bisweilen mit harten Bandagen gespielt. So ist es durchaus schon mal vorgekommen, dass ein Software-Entwickler, der für mehrere Hersteller arbeitete, Informationen über die neue Konsole des Konkurrenten weitergab. "Aber einen gezielten Diebstahl wie dieses Mal", sagt ein Szenekenner, "hat es bisher noch nie gegeben."
Die Tat hat sich nach allen bisherigen Erkenntnissen so abgespielt:
Am 23. August verließen mehrere Paletten Luftfracht den Flughafen in Hongkong mit Ziel Frankfurt am Main. Versteckt zwischen Paketen mit Zubehörteilen und aktuellen Xbox-Konsolen liegen auch zehn braune Pappkartons ohne jegliche Aufschrift. Inhalt: fabrikfrische Xbox 360 Development Kits. Die streng geheimen Prototypen sind die ersten Exemplare ihrer Art, die die Microsoft-Produktionsstätten in Südostasien verlassen.
Nach ihrer Ankunft in Frankfurt werden die Paletten auf Lastwagen verladen und in eine Lagerhalle nach Düren transportiert. Von dort sollen die Einzelstücke an deutsche Spieleentwickler ausgeliefert werden, die bis zum offiziellen Verkaufsstart ihre Software auf die brandneuen Konsolen abstimmen wollen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Ausgerechnet die zehn unscheinbaren Kartons verschwinden.
Während von der europäischen Microsoft-Zentrale aus die Suche einsetzt, tauchen drei bis vier Tage später Fotos der Xbox 360 im Internet auf. Eine Website präsentiert, aneinander gereiht wie Wildtrophäen bei einer Treibjagd, auf über 40 Bildern das gesamte Innenleben der Konsole - bis zur letzten Lötstelle. Als die Microsoft-Manager davon erfahren, ist ihnen schnell klar: Die Bilder zeigen einen der gestohlenen Erlkönige.
Die Internet-Seite ist in der Szene der Computerspieler nicht unbekannt und gilt als Forum von Hackern, die sich auf das Knacken des Xbox-Innenlebens spezialisiert haben. Einer der Betreiber wohnt in Niederösterreich. Ein junger Mann Ende zwanzig, den Fahnder später als "kettenrauchenden und colasüchtigen Computerfreak" bezeichnen. Die heißen Bilder von der auseinandergeschraubten Konsole machen derweil im Netz ähnlich schnell die Runde wie Nacktfotos von Paris Hilton. Auch sonst lässt der Mann aus der Wachau nicht gerade Vorsicht walten. Per E-Mail an Microsoft brüstet er sich mit der Beute. Er habe da etwas, was Microsoft wissen sollte.
Während die Spielerszene das vermeintliche Husarenstück noch feiert, zieht sich um den Computerfreak aus Niederösterreich bereits die Schlinge zu. Microsoft schaltet das Bundeskriminalamt in Wien ein. Kurz darauf durchsuchen österreichische Beamte seine Wohnung und stellen zwei Xbox-360-Kistchen sicher. Den Beamten tischt der konfus wirkende Mann die Geschichte auf, er habe die Geräte von einem Freund aus Deutschland erhalten.
Die Spur zurück führt ins rheinische Troisdorf. Mittlerweile kümmert sich dort die Staatsanwaltschaft Bonn um den Fall. Bei der Durchsuchung eines Computerladens stellen Beamte eine dritte Konsole sicher.
Angeblich will der Inhaber das Gerät ebenso wie die beiden in Österreich entdeckten Konsolen von einem geheimnisvollen Unbekannten ausländischer Herkunft gekauft haben. Eine Aussage, die die Fahnder kaum überzeugen dürfte, zumal der Händler die heiße Ware offenbar "zeitlich und räumlich sehr nah zum Diebstahl erhalten hat", wie ein Ermittler sagt.
Wer aber hat den Diebstahl in Auftrag gegeben? Wer hat so genau gewusst, wann die geheime Ladung, versteckt unter zig anderen Microsoft-Produkten, in Düren landet? Und wo sind die restlichen der insgesamt zehn Prototypen geblieben? Die Fahnder haben dazu ihre eigenen Theorien.
Entweder Mitglieder aus der weltweiten Xbox-Hackerszene haben durch Zufall von der geheimen Luftfracht erfahren, die Geräte entwenden lassen, und brüsten sich nun im Netz mit ihrem Erfolg. Oder aber ein Insider aus dem Umfeld des Herstellers, eines der asiatischen Konsolen-Produzenten oder der Frachtfirmen hat geschäftstüchtigen Profis einen Tipp gegeben. Die könnten dann pünktlich zum Verkaufsstart vor Weihnachten mit eigenen Rechner-Chips auf den Markt kommen, die die Xbox zu einem Multimedia-Rechner aufrüsten können - auf der dann auch raubkopierte Spiele und sogar Filme laufen könnten.
Dritte Variante: Es handelt sich um einen Fall von Wirtschaftsspionage, bei dem es darum ging, die Development Kits zu beschaffen, um sie gegen Bares an Konkurrenten oder Anbieter von nicht lizenzierten Graumarktprodukten zu verkaufen.
Nur so viel scheint sicher: "Das war ein gezielter Zugriff von jemandem, der einen zahlenden Abnehmer für die Konsolen hatte", sagt ein Fahnder. Ermittler schließen daher nicht aus, dass einige der Boxen nur deshalb in die Hackerszene gelangten, um die Spuren der tatsächlichen Täter zu verwischen.
Der Schaden des Rechnerraubs lässt sich bislang noch nicht genau beziffern, doch er dürfte für Microsoft immens sein. Sollte das technische Innenleben der neuen Konsole vorzeitig bekannt werden, wäre der zeitliche Vorsprung durch den baldigen Verkaufsstart für Microsoft schnell dahin.
Nicht nur, dass die Konkurrenz ihre eigenen Produkte noch nachbessern könnte. Nicht lizenzierte Entwickler könnten ihre Spiele dann ebenfalls zum Verkaufsstart der Xbox 360 auf den Markt werfen, ebenso das Graumarktheer der Zubehörproduzenten und Konsolen-Tuner, die mit selbstentwickelten Chips die Spielkonsolen zu einem Multimedia-Center aufrüsten, der auch für andere Audio- und VideoFormate offen ist.
Microsoft jedenfalls will den Konsolenklau mit allen Mitteln aufklären. Neben dem Wiener Bundeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft Bonn hat der Konzern inzwischen eine Truppe externer Ermittler des Hamburger Beratungsunternehmens Prevent mit dem Fall betraut. Ihre Aufgabe: die Täter und Helfer zu identifizieren, damit Microsoft sie mit millionenschweren Schadensersatzklagen überziehen kann.
"Wir werden eng mit den Behörden zusammenarbeiten und alle straf- und zivilrechtlich notwendigen Schritte zur Verfolgung der Beteiligten einleiten", heißt es bei Microsoft. JÖRG SCHMITT
* Bei der ersten Präsentation der Xbox 360 im Mai in Los Angeles.
Von Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 41/2005
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