05.02.1973

AKTIONSZENTRENUnbezahlte Brötchen

Mit Streik, Demonstrationen und dem Ruf nach Enteignung wollen Jugendliche die „Kommerzialisierung“ des Hamburger Freizeitzentrums „Fabrik“ verhindern. Die Besitzer konterten mit Entlassungen.
In der "Fabrik" im Hamburger Arbeiterstadtteil Altona wurde einst Munition hergestellt. Jetzt ist die Atmosphäre dort wieder explosiv: Das seit Mitte 1971 in dem fast kirchengroßen Bau eingerichtete Freizeit-Zentrum, ein "Renommierstück für richtig verstandene Jugendarbeit" (Sonntagsblatt"), wird von einem Teil seiner Mitarbeiter bestreikt.
Mit Handzetteln und öffentlichen Demonstrationen, in Diskussionsrunden und Protestversammlungen rufen abtrünnige Angestellte zur Revolte gegen die "Fabrik-Besitzer" auf. Von kommunistischen Jugendverbänden unterstützt, fordern sie "Selbstverwaltung der Fabrik durch jugendliche und Mitarbeiter": denn: "Die "Fabrik' ist unser Haus."
Damit werden die Besitzverhältnisse freilich sehr weitherzig ausgelegt. Nicht die Protestanten nämlich, sondern der Maler Horst Dietrich und der Architekt Friedhelm Zeuner. beide 37, haben die um 1840 erbaute Maschinenfabrik für 99 Jahre in Erbpacht genommen. Sie haben den "Zweckbau von großartiger Einfachheit und architektonischer Schönheit" ("Die Zeit") saniert und sich dabei mit rund 450 000 Mark verschuldet, Von ihnen stammt auch das Konzept für das Subkultur-Idyll.
Zu kleinen Preisen offerierten Dietrich und Zeuner in den letzten anderthalb Jahren Chinaküche, Bier und Beat vornehmlich für Lehrlinge, Schüler und Studenten. Sie richteten eine Cafeteria, eine Teestube und einen Plattenladen ein, holten Avantgardetheater, Undergroundfilme sowie Jazz und Zirkus in die "Fabrik". Dieser sogenannte kommerzielle Sektor florierte: Rocker und Akademiker fühlten sich wohl.
Gleichzeitig wurde im "kreativen Bereich" (Hausjargon) täglich Sozialarbeit gemacht. Fachpädagogen betreuten in Spielgruppen und Malkursen Arbeiterkinder aus der Nachbarschaft, Alte und Junge konnten ohne Verzehrzwang diskutieren, töpfern, drucken, zeichnen und spielen. "Kinder, Jugendliche und Erwachsene" sollten "ermuntert werden, ihre Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln" (Dietrich).
Frühzeitig jedoch mußten die Initiatoren erkennen, "daß auch wir gezwungen sind, den Konsum anzuheizen; ohne bezahlte Brötchen geht es nicht" (so eine Wandzeitung von 1971). Durch die Subventionierung des "kreativen Bereichs" wuchs das Defizit.
Die monatlich rund 75 900 Mark Einnahmen aus Abendkasse und Gastronomie, das rechnete Steuerberater Rolf Mensching Ende Dezember seinem Auftraggeber Dietrich vor, werden vollständig von den laufenden Unkosten aufgezehrt. An eine Rückzahlung der Schulden sei, so Mensching, hei dieser Lage auch langfristig nicht zu denken.
Den Rat, die Jugendpflege zugunsten einer ausgeglichenen Bilanz auf der Kommerz-Ebene einzustellen, mochte Dietrich nicht akzeptieren: "Bis wir einmal Zuschüsse von der öffentlichen Hand bekommen, müssen wir durchhalten. Für einen ausschließlich kommerziellen Laden haben wir die bisherige Hundearbeit nicht gemacht:"
Den Zwang zur Rationalisierung sah Dietrich ein. Auf einer Versammlung am 2. Januar legte er deshalb drei Mitarbeitern nahe, vorzeitig aus dem Arbeitsverhältnis auszuscheiden, und bat die "kreative" Mannschaft, nach Kräften auch einmal beim Bierausschank zu helfen. Zudem sollten die Fabrikler den kostenlosen Verzehr einschränken. Dietrich: "Mit all dem hätten wir monatlich an die 10 000 Mark gespart."
Ein Teil der Belegschaft konterte: Entlassungen kommen nicht in Frage, Pädagogen treten keinesfalls an den Zapfhahn, und wenn nicht sofort über ein Mitbestimmungsmodell verhandelt wird, "werden wir Kampfmaßnahmen einleiten. Dietrich fühlte sich "erpreßt": Er sperrte den Protestantensprecher Peter Märker aus, bestätigte die Kündigungen und setzte später auch die anderen Aufrührer vor die Tür.
Die daraufhin zu erwartenden Arbeitsgerichtsprozesse fürchtet Dietrich nicht. Anhand von gefundenen Protokollnotizen glaubt der Fabrikchef nämlich nachweisen zu können, daß eine Verschwörergruppe unter den Mitarbeitern seit langem Pläne zur Enteignung des Jugendzentrums ausgearbeitet hatte. "Es erscheint notwendig", heißt es beispielsweise in einem geheimen "Satzungsentwurf Fabrik", "die Fabrik langfristig in den Besitz der Mitarbeiter zu überführen. In welcher Form das geschehen kann, ist noch unklar,"
Den finanziellen Engpaß, folgert Dietrich (er hält die "Fabrik"-Tore mit Hilfe einer getreuen Stammtruppe auch weiterhin offen), hätten die Verschwörer nur deshalb zur Existenzkrise des Unternehmens aufgebauscht, um die rechtmäßigen Besitzer zu vertreiben: "Es macht ihnen nichts aus, die Fabrik" notfalls auch zu ruinieren."
Das geben die Rebellen sogar zu. Ohne ihren Einspruch, erklärte ein Wortführer. werde "die Kommerzialisierung so lange weitergehen, bis die Idee des Kommunikationszentrums endgültig gestorben" sei. Deshalb versuchen sie, Stammgäste durch Agitation vom Besuch der "Fabrik" abzuhalten: "Ein großer Teil der Besucher ist nicht bereit, die Fabrik-Bosse durch ihr Eintrittsgeld und Konsum zu unterstützen" (Flugblatt-Text).
Mit einem offenen Brief an den Hamburger Senat, in dem Dietrich vorgeworfen wird, er habe Eintrittsgelder "weder abgerechnet noch versteuert", versuchen sie zudem zu verhindern, daß der "einen autoritären Führungsstil gewohnte Fabrikherr" (so die Rebellen) staatliche Zuwendungen bekommt. "Wir dürfen", sagt Märker, "nicht erlauben, daß der Senat einem Privatunternehmer Geld gibt, der die Sozialarbeit ohne uns gar nicht leisten kann."

DER SPIEGEL 6/1973
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