26.02.1973

Nahostfriede trotz Flugzeug-Abschuß?

Die Schüsse, mit denen israelische Jäger ein libysches Passagierflugzeug abschossen, schienen die mühsam vorbereiteten Verhandlungen zwischen Ägypten und den Westmächten zu stören. Doch die Araber-Chefs suchten den Prestigeverlust Israels zu nutzen: Amerikaner und Europäer sollen ihnen zu einem Frieden verhelfen.
Die Nahost-Lage schien noch nie so günstig. Jahrelang hatten Arabiens Regierungschefs vergeblich versucht, Sympathie und Hilfe bei den Staaten des Westens zu finden. Nun plötzlich, vergangenen Donnerstag, schickten die Staatsmänner in Europa und Amerika, die sich den arabischen Annäherungsversuchen beharrlich entzogen hatten, Telegramme und bekundeten ihr Mitgefühl.
Zwei israelische Phantom-Piloten hatten die Sympathien der Welt verändert, als sie eine verirrte libysche Passagier-Boeing-727 zur Notlandung in die Sinai-Wüste zwangen. 106 Zivilisten starben, nachdem die von israelischen Kugeln getroffene Maschine zu Bruch gegangen war.
US-Präsident Nixon kabelte freundliche Worte an Ägyptens Präsidenten Sadat und Libyens Hitzkopf Gaddafi. Selbst der Papst schickte Telegramme. Besser denn je konnten Arabiens Staatschefs, geübt im Kriegsgeschrei gegen den in ihrer Sicht aggressiven Judenstaat, ihre Propaganda mit Substanz füllen.
Doch die unberechenbaren Herrscher über Sand- und Steinwüsten reagierten zunächst wieder einmal anders als erwartet -- nämlich überraschend nüchtern. Zwar schrien Zeitungen und Rundfunk Mord und Verbrechen, die Regierungschefs selbst jedoch, sonst die ersten vor den Mikrophonen, schwiegen vorerst. Kein Wort von Sadat, kein Racheschrei von Gaddafi, Schweigen aus Saudi-Arabien und den Golfscheichtümern, keine Drohung mit einem Vergeltungsschlag von der Arabischen Liga. Nur Marokkos König Hassan, eine Randfigur der arabischen Szene, wollte Soldaten an die ihm ferne israelische Front schicken.
Libyer-Chef Oberst Gaddafi, durch den Abschuß des Flugzeugs Hauptgeschädigter, schickte nicht sogleich Bomber nach Israel, sondern lediglich eine Untersuchungskommission zum Flughafen Kairo -- die Katastrophe wurde noch am Freitag fast wie ein Unfall behandelt. Nur ein irrationaler Kurzschluß, so scheint es, könnte die Araber noch zu militärischen Aktionen treiben.
Sadats offiziöses Sprachrohr, "Al-Ahram"-Chefredakteur Heikal, gab in seinem Blatt die arabische Parole aus: Die "Weltgemeinschaft" müsse "gegen Verbrechen, die aus einer Arroganz der Macht entspringen", vorgehen. Als militärische Alternative der Araber wußte er seinen Landsleuten nur zu raten, gegebenenfalls "den palästinensischen Kommandos zu sagen: Schlagt gegen jedes Ziel eurer Wahl los".
Noch deutlicher wurden die in Bonn akkreditierten arabischen Botschafter. Sicher nicht ohne Auftrag ihrer Regierungen forderte ihr Sprecher, der Libyer Dschalal Dagheli, vor Bonns Presse außer einer Verurteilung der israelischen "Terrormethoden", die Bundesregierung solle ihre Hilfe an Israel so lange einstellen, bis eine friedliche Lösung im Nahen Osten gefunden sei.
Frieden, das belegten die ersten Reaktionen auf den Flugzeug-Abschuß, war den arabischen Regierungen offenbar wichtiger als militärische Kraftmeierei, die in der Vergangenheit stets nur zu Niederlagen geführt hat. Und Frieden, das haben die Araber wohl inzwischen erkannt, können sie nur mit Hilfe westlichen, vor allem amerikanischen Drucks auf Israel haben.
An diesem Druck hat es bislang immer gefehlt. Denn Israel, der bedrohte Drei-Millionen-Staat inmitten von 100 Millionen Arabern, schien immer eher hilfsbedürftig. Der Abschuß der Passagiermaschine aber brachte Israel auf die Anklagebank.
Bereits am Donnerstag erkannten die Israelis die Gefahr. Der Leiter der Nahostabteilung im US-Außenministerium, Joseph Sisco, drohte nach Jerusalemer Informationen dem israelischen Botschafter Rabin, der Luftzwischenfall werde große Bedeutung für den auf den 1. März angesetzten Besuch von Premier Golda Meir in Washington haben. Die Regierungschefin will vor allem über Waffenkäufe verhandeln.
Golda Meirs Graue Eminenz, Minister Israel Galili, beklagte den Abschuß als "eine Art Erfolg für die Terroristen". Und Verteidigungsminister Dajan versuchte, den ganzen Fall herunterzuspielen: "Das hat keinerlei politische Bedeutung. Es war eben ein Absturz, eine Tragödie." Israel war in der Defensive.
In der Nacht vor dem Abschuß war Israel noch in der Offensive gewesen. Mit Schnellbooten und Hubschraubern hatten sich israelische Elitetruppen in Palästinenserlager im Norden des Libanon geschlichen, 180 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, und dort sieben Ausbildungsstätten der Guerillas überrascht. Am nächsten Morgen, zurUck in Israel, konnten sie der Welt beweisen, daß in diesen Lagern arabische Terroristen geschult werden. Damit, so glaubten die Israelis, hätten sie ihre Position in jenen Geheimgesprächen gestärkt, die seit Monaten geführt werden.
Ägyptens Sadat hatte diese Gespräche im Vorjahr unter Opfern eingefädelt, um aus dem Schachmatt zwischen Krieg und Frieden herauszukommen. Mit der Ausweisung seiner sowjetischen Berater hatte er sich bei den Amerikanern zwar als unabhängiger Politiker profiliert, aber in Washington vor der Wiederwahl Nixons und dem Vietnam-Waffenstillstand kein Gehör gefunden.
Doch in den vergangenen Wochen, als die USA ihren asiatischen Krieg losgeworden waren und sich mehr um ihre arabischen Erdöllieferanten kümmern konnten, kam das Gespräch in Gang. US-Außenminister Rogers empfing den jordanischen König Hussein und äußerte kurz danach, er würde auch gern einen prominenten Ägypter sprechen. Präsidentenberater Hafis Ismail, von Sadat gern "mein Kissinger" genannt, vernahm die Botschaft und machte sich reisefertig.
Erst flog er nach Moskau. verhandelte dort fünf Stunden lang mit Parteichef Breschnew, der noch in diesem Jahr Nixon besuchen will. Dann traf er sich mit den Botschaftern Frankreichs und Chinas in Kairo. Schließlich holte Sadat selbst bei seinen obersten Offizieren das Plazet des Militärs für Verhandlungen mit den USA ein. Daraufhin machte Ismail Termine mit Nixon und Rogers und flog zu Beginn vergangener Woche zunächst nach London. Zweck der Reise, laut der offiziellen ägyptischen Nachrichtenagentur: "Die fünf Großmächte (USA. UdSSR. China, England, Frankreich) mit ihrer Verantwortung für Frieden und Sicherheit zu konfrontieren."
Doch am Mittwoch um 13.50 Uhr tauchte der von der Air France an die Libyan Arab Airlines ausgeliehene Flugkapitän Jacques Bourges mit seiner Boeing-727, wohl von einem Sandsturm verweht, über der israelisch besetzten Sinai-Wüste auf, über einem Streifen, der nach Aussage des israelischen Luftwaffenchefs Mordechai Hod "das empfindlichste militärische Areal Israels" verbirgt.
Auf Funksprüche vom Boden. er solle zur Befragung auf einem nahen Militärflugplatz landen, reagierte Bourges nicht. Zwei israelischen Piloten in amerikanischen Phantom-Jägern, die sich im Flug bis auf drei Meter seinem Cockpit näherten und ihm mit Handzeichen bedeuteten, er solle landen, antwortete der Franzose -- ebenfalls mit Handzeichen -, er werde weiter nach Westen fliegen, Richtung Suezkanal, Richtung Kairo.
Obwohl die Phantoms dem Boeing-Piloten mit allen vorgeschriebenen internationalen Zeichen ihre Forderung klargemacht haben wollen, flog Bourges unbeirrt weiter. Ägyptens Flugbehörden bieten eine Erklärung: Der Kapitän habe geglaubt, noch über Ägypten zu sein, und die Phantoms für ägyptische Migs gehalten. Jedenfalls machte Bourges es den israelischen Militärs leicht, später die Schuld auf ihn zu schieben.
Die beiden israelischen Flieger. der Presse nur als "S" und "J" vorgestellt, folgten ihren "im normalen militärischen Verfahren' (Dajan) erteilten Befehlen -- sie zwangen die Passagiermaschine "weniger als eine Minute vom Kanal entfernt (Pilot "J") zur Landung, indem sie die Boeing "in die Wurzel der Tragfläche schossen, dorthin. wo Rumpf und Tragfläche zusammenstoßen". Das bereits in der Luft brennende Flugzeug landete in der Wüste und explodierte beim Aufsetzen.
Sadats Reise-Botschafter Ismail erfuhr in London von dem Abschuß -- und verzichtete auf jede militante Demonstration. Seinem Gastgeber Rogers versicherte er am Telephon, er werde selbstverständlich nach Washington kommen. Am Donnerstag traf er dort ein.

DER SPIEGEL 9/1973
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