26.02.1973

Edward Heath

wurde im Juni 1970 zum 47. britischen Premierminister gewählt, obgleich die Meinungsforscher seinem sozialistischen Gegner Harold Wilson eine Parlamentsmehrheit von 150 Sitzen prophezeit hatten. Tory Heath aber, Jahrgang 1916, von klassenbewußten Konservativen zunächst als aufgerückter Tischlersohn abqualifiziert und oft als farblos hingestellt, überraschte die Nation ein zweites Mal: mit einem besonders eigenwilligen Regierungsstil. Er scheint das politische Risiko zu lieben und weicht Konflikten nicht aus, sondern provoziert sie geradezu, um seinen Zielen näherzukommen.
Er widersetzte sich den nach seiner Auffassung überhöhten Lohnforderungen der Gewerkschaften und war sogar bereit, notfalls den ersten Generalstreik seit 1926 hinzunehmen. Er ließ das Parlament ein Gesetz verabschieden, das die Streiklust der britischen Arbeitnehmer-Organisationen durch Gerichtsbeschlüsse einzudämmen versucht. Er entsagte dem von der eigenen Partei geheiligten Wirtschaftsliberalismus und zog sich jetzt den Ruch zu, ein Staatsinterventionist zu sein. Er verärgerte die farbigen Staaten, indem er trotz Uno-Verbots Waffen an Südafrika lieferte.
In Nordirland löste er, ehemaliger Weltkrieg-II-Oberstleutnant, der mit einer Artillerie-Einheit über den Rhein setzte, das bei den Katholiken verhaßte reformfeindliche Protestantenregime ab und drohte der katholischen IRA nach einer mißglückten Waffenruhe, nun gebe es keine Kompromisse mehr.
Eigenwilligkeit beweist Heath auch sonst: Er verbietet seinen Ministern, in Kabinettssitzungen zu rauchen, er hockt nicht wie Labourführer Wilson bewußt volksnah beim Fußballklub "Huddersfield Town" auf der Tribüne. Lieber sitzt er, Junggeselle, "knochentrocken" ("Time"), an der Orgel oder seinem Steinway-Flügel und intoniert Bach. Die Oper Fidelio liebt er besonders, weil darin Gut über Böse siegt.
1950 -- damals regierte der Sozialist Attlee -- eroberte Heath mit nur 113 Stimmen Vorsprung einen Unterhaussitz. Zugleich ließ er sich in der Londoner Bank Brown Shipley in die Finanzwelt der City einweisen. Der britische Konservative stimmte mit dem Befund des amerikanischen Konservativen Dean Acheson überein, England habe ein Reich verloren, aber eine neue Rolle noch nicht gefunden. In der Europäischen Gemeinschaft sah Heath diese Rolle für die Insel. Gegen die Mehrheit der Briten, die hohe Preise wie den Verlust britischer Souveränität fürchten, erreichte Heath, was drei britische Regierungen nicht gewagt oder nicht geschafft haben: Englands Eintritt in die EWG.
Auf die ersten Verhandlungen der Briten über einen EWG-Beitritt Englands hatte sich Europa-Minister Heath durch intensives Studium aller Reden und Schriften de Gaulles vorbereitet. Doch obgleich die "Sunday Times" damals lobte, selbst der Erzengel Gabriel habe nicht besser verhandeln können als der Brite, scheiterte Heath am Widerspruch des Franzosen.
1965, nachdem der konservative Premier Douglas-Home die Wahlen gegen Harold Wilson verloren hatte, machten die Konservativen erstmals in ihrer Geschichte einen Arbeitersproß zum Parteiführer: Edward Heath, damals 49 und damit der jüngste Parteichef seit Disraeli. Wilson, so schrieb der "Daily Telegraph", sehe sich nunmehr einem Gegner konfrontiert, der ihm intellektuell zumindest gleichwertig und in "seiner rigorosen Beständigkeit weit überlegen" sei.

DER SPIEGEL 9/1973
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