26.02.1973

Ein Tango - nicht für den Karfreitag

Wie einst „Das Schweigen“, das sogar den Bundestag beschäftigte, wird jetzt der Film „Letzter Tango in Paris“ zu einem Prüfstein der Zensur: In Italien kam es zum Prozeß, England kürzte, doch deutsche Kinogänger sollen den „Sex-Schocker“ (Verleih) ungekürzt genießen -außer (so die FSK) an den „stillen Feiertagen“.
Kein Film in der Welt", so ließ sich die "Süddeutsche Zeitung" berichten, "zeigte unbeanstandet ein Kompendium von Szenen erotisch-sexuellen Überdrucks wie dieser."
Die Darsteller stiegen nackt ins Bad, masturbierten unter der Bettdecke und simulierten keuchend den Koitus -- öffentlich in einem Café und in der Kirche, privat und (a tergo) in einem Hotel. Titel: "Das Schweigen" (1963).
"Kein anderer Spielfilm", so meldete das US-Nachrichtenmagazin "Time", "erreicht in seinen Intimszenen diese Kühnheit und Brutalität".
Die Hauptdarstellerin steht, Gesicht zur Kamera, nackt in der Badewanne, masturbiert bäuchlings auf einer Matratze und simuliert keuchend mit ihrem Partner mehrmals den Koitus -- stehend, rektal und auch öffentlich (per Handreichung) in einem Tanzsalon. Titel: "Der letzte Tango in Paris" (1972).
Und wie Ingmar Bergmans "Schweigen" vor neun Jahren zu einem "Prüfstein für Zensoren" ("Süddeutsche Zeitung") geworden ist, beschäftigt nunmehr der "Letzte Tango" des Italieners Bernardo Bertolucci, 32, Richter und Dichter, Theologen, Kritiker sowie das gesunde Volksempfinden verstörter Bürger.
"Das schärfste Lichtspiel" ("Newsweek") gilt etwa der italienischen Justiz als "rüde' widerwärtige, naturalistische und sogar unnatürliche Darstellung der fleischlichen Vereinigung". Es wurde beschlagnahmt, angeklagt -- und mittlerweile wieder freigegeben.
In Großbritannien haben viktorianische Bürgerinitiativen einen Sturm auf die libertinöse Leinwand angekündigt, weil der Zensor das Bertolucci-Werk nur um zehn Sekunden verkürzt zur Erstaufführung zugelassen hat. Paris zeigt es seit Wochen unzensiert (SPIEGEL 3/1973).
In den USA und in der Bundesrepublik hält der "Tango"-Verleiher United Artists das Publikum zunächst aus freien Stücken kurz, um jeder Geschäftsschädigung durch übereilte Proteste vorzubeugen:
Nur ein Kino in der Acht-Millionen-Stadt New York hat derzeit das Skandalstück im Programm -- und das zu Überpreisen von fünf Dollar pro Sitz. Nur fünf (vergleichsweise kleine) Lichtspielhäuser werden das zweisprachig (englisch/französisch) gedrehte Erotikon ab 30. März in der Bundesrepublik starten -- und das in einer synchronisierten Version, bei der Claus Biederstaedt als deutsche Stimme des "Tango"-Stars Marlon Brando mitwirkt.
So wird das deutsche Publikum demnächst zwar den sinnlichen Brando in einem goldgelb ausgeleuchteten Pariser Apartment mit heruntergelassenen Jeans erblicken, dazu aber den sanften Biederstaedt zu Brandos Partnerin Maria Schneider sagen hören: "Jetzt möchte ich, daß du mir die Finger beide hinten reinsteckst." Von soviel Synchron-Betulichkeit scheint ein neuer Skandal à la "Schweigen" (er beschäftigte seinerzeit sogar den Bundestag) kaum zu befürchten.
Er wäre auch wahrlich überflüssig. "Den beiden Protagonisten", erkannte der italienische Romancier Alberto Moravia, "macht Sex wenig Vergnügen. Sie nutzen ihn eher als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel." Der Jesuiten-Pater Domenico Grasso sekundierte dem Autor mit dem Hinweis, die "Pornographie" so mancher "Tango"-Szene sei "nicht Selbstzweck". sondern "dem hohen Wert Liebe" untertan.
Wie schon Ingmar Bergman sich in seinem Schwedenfilm sexueller Extreme bedient hatte, um Halt- und Kontaktlosigkeit in einer totalitären Phantomstadt ("Timuku") zu symbolisieren (deutsche Rezensenten dachten gleich an Gott und die Hölle), so setzte auch der "Tango"-Regisseur Bertolucci die "geschlechtliche Sprache" zur Klärung moderner Kommunikations- und Identitätsprobleme ein.
Der ernüchterte Marxist und Politfilmer ("Vor der Revolution", 1964), nach psychoanalytischer Behandlung neuerdings mehr auf arme Seelen fixiert, hat mit seinem als "Markstein der Kinogeschichte" ("The New Yorker") überschätzten Intimspiel eine Art Labor-Test inszeniert: Die Elemente Jugend und Alter reagieren darin negativ -ohne Aussicht auf dauerhafte Verbindung oder Veränderung.
Der von Brando gespielte Paul -- er ist ein gescheiterter Hotelbesitzer aus den USA und hat sich "48 in Kuba 'n Syph" geholt (Dialog) -- will nicht altern. Seine unerfahrene Zufallspartnerin, schon ahnend, daß es unvermeidlich ist, will nicht erwachsen werden.
Sie akzeptiert Paul als Spielgefährten, der immer Neues ersinnt: Anonym ("Keine Namen bitte") fesselt er das Mädchen mit seiner Vulgärsprache ("Ich werde ein Schwein besorgen, und ich werde dich von dem Schwein ficken lassen"), mit herausfordernder Brutalität und sexueller Erfahrung.
Doch seinen Versuch, den amour fou zur bürgerlichen Liaison abzubiegen. beendet Jeanne instinktsicher mit einem tödlichen Pistolenschuß auf Paul.
Der letale Geschlechts-Kontakt, von Brando allzu manieriert, von Bertolucci fast zu suggestiv vermittelt, dominiert leicht über andere Qualitäten und auch Schwächen des Films: Nicht die Satire des Regisseurs auf seine eigene Jungfilmer-Vergangenheit mit vielen cineastischen Anspielungen und nicht die simple Dramaturgie (auf jede Sex-Sequenz folgen Szenen, die Jeanne und Paul in ihrem Bürgermilieu zeigen) haben den "Letzten Tango" zum Kino-Hit gemacht, "der Millionen schockiert" ("Bild") und "auch die letzten Schranken niederreißt" (Verleih-Reklame).
Sein besonderer Hautgout besteht, wie schon beim "Schweigen", in der Vermengung von Kunst und Laszivität, im Zusammentreffen von souveräner Regie, brisantem Sujet und einem delikaten Altersunterschied in der Star-Besetzung.
Brando (er kann wohl demnächst für seinen "Paten" den Oscar kassieren) ist 48; die neue, nur "viel perversere" (Bertolucci) Film-Lolita Maria Schneider 20 Jahre alt. So wird gern registriert, daß die Schneider, illegitime Tochter des Alt-Stars Daniel Gelin, den "Tango" -- Partner für private Kontakte "zu alt" befunden hat, mit bislang 70 Bettgenossen ("50 männlich, 20 weiblich") Erfahrungen gemacht und auch harte Drogen probiert haben will.
Doch auch derlei Konfessionen reichen kaum für einen "Tango"-Skandal -- zumindest in der Bundesrepublik. Schon hat der Film (freigegeben ab 18; keine Aufführung an "stillen" Feiertagen wie Karfreitag und Totensonntag) die FSK-Instanzen mühsam zwar, doch wie auch seinerzeit das "Schweigen", ohne Schnittauflagen passiert.
Allerdings: Wie der Präzedenzfall "Schweigen" dem immer wachen Filmkommerz einst den willkommenen Vorwand bot, auch äußerst kunstlose Voyeurs-Pornos á la "Schulmädchen"-, "Lehrmädchen"-, "Hausfrauen" und "Krankenschwestern-Report" unbeanstandet in die Kinos zu schaffen, so dürfte die profitorientierte Branche auch Wege finden, die Bertolucci-Freigabe auszubeuten. Was kommmt nach dem "Letzten Tango in Paris"? Der "Letzte Veitstanz in Bückeburg"?

DER SPIEGEL 9/1973
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