Der Botschafter in Paris rät von der Reise ab. "Le Monde" sieht eine Verschlechterung der Beziehungen voraus. "La Nation" stellt klar," daß nicht die "geringste offizielle Begrüßung" zu erwarten sei. Aber die alte Dame beharrt auf ihrem vorgesehenen Besuch.
Israel-Premier Golda Meir, 74, will diese Woche zum Treffen der Sozialistischen Internationale nach Paris reisen. Obwohl die eiserne Großmutter nicht die Jerusalemer Regierung, sondern Israels Arbeiterpartei vertritt, obwohl der Besuch als privat gilt und kein Treffen mit französischen Staatsführern beantragt wurde, erregt die anstehende Visite die Grande Nation.
Denn Gastgeber Golda Meïrs ist Präsident Pompidous gefährlichster politischer Gegner, Sozialistenchef François Mitterrand, für dessen Volksfront-Bündnis heute 45 Prozent der Franzosen stimmen würden, gegenüber nur 40 Prozent für die Gaullisten. Und sieben Wochen vor der Wahl zur französischen Nationalversammlung sehen Frankreichs Rechte im Besuch der Israelin eine Einmischung in innere Angelegenheiten zugunsten der Linken, zu Lasten der Gaullisten, die seit 1967 eine pro-arabische Außenpolitik betreiben.
Pompidou-Vorgänger de Gaulle hatte nach dem Sechs-Tage-Krieg ein Waffenembargo gegen den Judenstaat verhängt. Und als die Israelis später fünf von ihnen bestellte und bereits bezahlte Schnellboote aus dem Hafen von Cherbourg entführten, drohten die diplomatischen Beziehungen zu zerbrechen. Die Franzosen stimmten in der Uno stets gegen Israel und lieferten den arabischen Scharfmachern in Libyen Mirage-Jäger. Israelische Kabinettsmitglieder vermieden sogar Zwischenlandungen in Frankreich.
Um so mehr überraschte die Franzosen, daß nun die Regierungschefin selbst an die Seine reisen will. Goldas Erklärung: Sie fühle sich ihrer Funktion als Vizepräsidentin der Sozialistischen Internationale und ihrem Traum vom "Sozialismus in unserer Zeit" verpflichtet.
Freilich bietet das Sozialisten-Treffen auch eine günstige Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit europäischen Staatsführern. So möchte Golda Meir Österreich-Kanzler Kreisky von seiner Absicht abbringen, die Nahost-Krise auf der geplanten Europäischen Sicherheitskonferenz aufzurollen.
Doch Paris sah nur, daß Mitterrands prominente Sozialistengäste und ganz besonders Israels Premier ihre seit dem Herbst ständig sinkenden Wahlchancen gefährden könnten. Denn Frankreichs Juden, größte jüdische Minderheit in Europa. stellen zwar nur rund ein Prozent der wahlberechtigten Bürger. die Wahl von höchstens sechs Abgeordneten könnte von ihnen direkt beeinflußt werden. Doch nach zuverlässigen Schätzungen mißbilligen weit über die Hälfte der Franzosen die allzu proarabische Politik ihrer Regierung.
Im Kreise gemäßigter Genossen wie Schwedens Palme, Dänemarks Jørgensen und Israels Golda Meir, so argwöhnen die Gaullisten, könne sich der mit den Kommunisten verbündete Mitterrand als eigenständiger Reformer profilieren. Ihre scharf antikommunistische Wahlpropaganda, die den Sozialisten als naiven Handlanger des KP-Chefs Marchais hinstellt, würde unglaubwürdig -- zumal Mitterrand sich mit Golda Meïrs Einladung demonstrativ von der anti-israelischen Haltung seiner kommunistischen Wahlverbündeten absetzt.
Golda Meir zur Gaullisten-Kritik an ihrer Reise: "Wir haben keinerlei Anlaß zur Rücksichtnahme." Doch in Paris tadelte auch der linke "Combat": "Golda Meir sollte Willy Brandts Beispiel nachahmen."
Deutschlands sozialistischer November-Wahlsieger, dessen Erscheinen für Frankreichs Sozialisten sicherlich Wahlhilfe wäre, läßt sich auf dem Pariser Sozialistenfest durch den "Paninternational"-geschädigten Funktionär Karl Wienand vertreten.
Kanzler Brandt reist erst gut eine Woche später nach Paris: zum zehnjährigen Jubelfest des deutsch-französischen Vertrages, zu feiern mit dem Wahlkämpfer Pompidou.
DER SPIEGEL 2/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.