Eine gezielte Indiskretion signalisierte den Sturz des Geheimdienst-Chefs. Nixons Sicherheitsbeauftragter Henry Kissinger, so meldete die "Washington Star-News" Anfang Dezember, sei nicht länger daran interessiert, Richard Helms an der Spitze der Central Intelligence Agency (CIA) zu belassen.
Die Indiskretion stammte von Kissinger-Gegnern im Weißen Haus und sollte offenbar der Öffentlichkeit suggerieren, daß sich nicht einmal die Freunde des Präsidenten-Beraters auf ihn verlassen könnten. Denn in Washington wußte jeder Informierte, daß Kissinger den CIA-Chef schätzte ("Der beste Geheimdienst-Profi, mit dem ich je zu tun hatte") und ihn lange Zeit gegen Kritiker verteidigt hatte.
Doch Helms paßte nicht mehr in das nach den Präsidentenwahlen noch konservativer gewordene Nixon- Regime. Er offenbarte Distanz zu der Rüstungspolitik des Präsidenten und enttarnte im Vietnam-Krieg als Illusion, was Nixon noch immer für Realpolitik hält. Mehr noch: Der Chef des gefürchteten Geheimdienstes, dessen Agenten in Vietnam zum gnadenlosen Kampf gegen die "Roten" antrieben, beschützte in Washington Kriegsgegner und ließ sie in der CIA-Zentrale gewähren. Mithin bestätigte sich, was schon der Präsidenten-Bruder Robert F. Kennedy vorausgesagt hatte, als er kurz vor seinem Tode linke Kriegsgegner vor einer Verteufelung der CIA warnte. Kennedy: "Offenbar weiß man nicht, welche Rolle die CIA in der Regierung spielt. Sie sieht heute den Krieg realistischer und kritischer als die Ministerien oder die Leute im Weißen Haus."
Richard McGarrah Helms, 59, von Hause aus Journalist, dann Marineoffizier und ab 1943 im Geheimdienst hatte freilich lange Zeit benötigt, die trügerischen Rezepte der Machtpolitik und der Ideologie zu durchschauen. Auch er hing viele Jahre lang den Glaubenssätzen des militanten Antikommunismus an; sein Name ist aus der Geheimgeschichte des Kalten Krieges nicht wegzudenken:
Er ebnete 1945 als Mitarbeiter des Wiesbadener Büros der "Secret Intelligence Branch", einer Vorläuferin der CIA, dem Ex-General Gehlen den Weg ins amerikanische Lager. Er gehörte zu den Vätern des späteren Bundesnachrichtendienstes, er leitete 1955 das geheimdienstliche Unternehmen, das der CIA elf Monate und elf Tage lang ermöglichte, den Telephonverkehr zwischen Moskau und dem sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst abzuhören.
Wo in Asien oder in Lateinamerika linke Regimes stürzten und rechte Regierungen an die Macht kamen -- Helms war dabei. Er saß in der Planungsabteilung der CIA und gab die Orders aus, die CIA-Privatarmeen in Südostasien in Marsch setzten und Fallschirmagenten im Rücken des Gegners landen ließen.
Doch als ihn 1966 ein Befehl des Präsidenten Johnson an die Spitze des Geheimdienstes rief, hatte der Psychokrieger Helms den Geschmack an den schmutzigen Tricks der CIA verloren. Er zweifelte längst daran, daß die geheimdienstlichen Kampfmittel des Kalten Krieges noch tauglich waren. Ihm schwebte ein neuer Geheimdienst vor, der sich auf seine klassische Rolle besann: den Gegner auszuforschen, die Regierung zu informieren.
Der Vietnam-Krieg bot die beste Gelegenheit, das neue Konzept zu erproben. Helms legte mit immer größerem Freimut dem Weißen Haus Feindlage-Analysen vor, die nur den Schluß zuließen, Amerika könne den Krieg in Vietnam nicht gewinnen. Helms erschreckte denn auch Senatoren in Washington mit der Prophezeiung, der Vietnam-Krieg werde 100 Jahre dauern, wenn Washington ihn wie bisher fortführe.
Er setzte damit freilich nur konsequent fort, was schon seine Vorgänger begonnen hatten. Die CIA-Zentrale hatte nie (im Gegensatz zu den antikommunistischen Eiferern in der CIA-Residentur in Saigon) dem Kriegseinsatz Amerikas in Vietnam das Wort geredet.
Schon CIA-Chef John McCone warnte Johnson dringend davor, amerikanische Bodenkampftruppen in den Dschungeln Vietnams einzusetzen. "Wir werden", ließ er 1965 in einem Bericht formulieren, "im Schlamm eines militärischen Kampfes versacken, den wir nicht gewinnen und aus dem wir uns nur mit äußerster Schwierigkeit wieder herauswinden können." Ein CIA-Dossier nach dem anderen widersprach der offiziellen Vietnam-Politik: Die CIA
* zerstörte die Washingtoner These. der Vietcong werde von Hanoi kontrolliert und ausgehalten,
* bezweifelte die Richtigkeit der amtlichen Domino-Theorie, wonach die nichtkommunistischen Staaten Asiens zusammenbrechen würden, falls Südvietnam unter die Herrschaft Hanois falle,
korrigierte die optimistischen Berichte der US-Militärs, die immer wieder den Krieg gewonnen zu haben glaubten.
Solche CIA-Kritik verlockte manchen der aus Ministerien und Ämtern vertriebenen Kriegsgegner, in den Schutz des Geheimdienstes zu fliehen. "Viele dieser Liberalen", so CIA-Kenner Kennedy, "fanden in der CIA ein Asyl. Einige der besten Leute Washingtons, ja des ganzen Landes sammelten sich dort." Sie drängten nun den neuen Boß Helms, den Geheimdienst für die Sache des Friedens einzusetzen.
Der CIA-Herr war freilich zu vorsichtig, sich derartig festzulegen. Die moralischen Beweggründe der Kriegsgegner blieben ihm oft fremd, aber ihre realpolitische Argumentation ließ er in seine Lageberichte an das Weiße Haus einfließen -- sorgfältig dosiert. Dennoch durchschaute Walt W. Rostow. Johnsons Kissinger, schon bald das Spiel des Geheimdienst-Chefs.
Als gar im Frühjahr 1968 einige ehemalige CIA-Beamte (unter ihnen der Resident in Rom und ein in Kopenhagen eingesetzter Geheimdienstler) führende Positionen in der Friedensbewegung des Senators Eugene McCarthy übernahmen, ließ Rostow in die Presse Meldungen lancieren, die Helms und seine CIA des "Defaltismus" beschuldigten. Rostow spielte auch einen führenden Vietnam-Experten der CIA, George Carver, gegen Helms aus: Carvers Durchhalte-Berichte schmuggelte Rostow unter Umgehung des CIA-Chefs auf den Schreibtisch des Präsidenten, um Johnson gegen Helms aufzubringen.
Helms enttarnte jedoch rasch die Rostow-Intrige und verbat sich die Einmischungen des Präsidenten-Beraters. Die Anti-Helms-Kampagne wurde eingestellt. Direktor Helms konnte triumphieren, zumal sich seine Lagebeurteilungen fast immer als zutreffend erwiesen.
Die geheimdienstlichen Meriten des CIA-Chefs bewogen den Johnson-Nachfolger Nixon, Helms auf dessen Posten zu belassen. Der neue Präsident war auf die Liquidierung des Krieges festgelegt da konnte ihm der Mann nur nutzen, der sich seit Jahren bemühte, Amerikas Regierung der wahren Lage in Vietnam zu konfrontieren.
Doch bald klafften die CIA-Berichte und die Auffassungen des Weißen Hauses wieder auseinander. Erneut hofften die Illusionisten in Regierung und Armee, den Gegner mit militärischen Mitteln bezwingen zu können, abermals ernüchterten die Lageberichte des Geheimdienstes die Washingtoner Optimisten.
Helms blieb bei seiner Auffassung, der Krieg lasse sich nicht auf dem Schlachtfeld gewinnen, doch die Liberalen in der CIA-Zentrale fanden, ihr Chef taktiere allzu schwach gegenüber Nixon. Im Oktober 1969 kam es zu einer kleinen Palastrevolte in dem siebenstöckigen Betonklotz von Langley, der das Hauptquartier der CIA beherbergt: Junge CIA-Referenten demonstrierten mit schwarzen Armbinden gegen den Vietnam-Krieg.
Da offenbarte ein Ereignis auf einem anderen Schauplatz, wie wenig Geheimdienst-Chef und Präsident miteinander harmonierten. Nixon hatte beschlossen, dem unwilligen Kongreß Gelder für den Bau eines Raketenabwehrsystems abzuverlangen, mit dem er das amerikanische Vergeltungspotential vor den neuen sowjetischen Fernraketen des Typs SS-9 schützen wollte.
Im März 1969 schickte er Verteidigungsminister Laird vor den Außenpolitischen Senatsausschuß mit der Schreckenskunde, die SS-9 bedrohten das gesamte Arsenal der US-Vergeltungswaffen. Laird berief sich auf Geheimdienstberichte -- und provozierte damit Helms zu einem Gegenschlag. Helms widerlegte den Minister vor dem Ausschuß: "Die Sowjet-Union konzentriert sich nur auf defensive Raketen."
Unter Druck gesetzt, seine Aussage zurückzuziehen, beharrte Helms auf seiner Meinung. Laird mußte sich Monate später korrigieren und erklärte, nur ein Teil der US-Raketen sei bedroht. Nixon vergaß das seinem Geheimdienst-Chef nie: Die Kluft zwischen den beiden Männern wurde unüberbrückbar.
In der Öffentlichkeit jedoch bekundete Nixon seinem Geheimdienst-Chef weiterhin angebliche Sympathie und betraute ihn mit immer wichtigeren Aufgaben, die ihn freilich zusehends von der eigentlichen CIA-Arbeit fernhielten. Ab November 1971 sollte Helms die Arbeit aller US-Geheimdienste koordinieren und reorganisieren -- ein Mammutauftrag, den kein Manager lösen kann, wenn er nicht die Vollmacht besitzt, die Macht der rivalisierenden Spionageapparate zu bändigen.
Schon 1969 aber hatte Nixon einen seiner bewährtesten V-Männer, den Generalleutnant Robert E. Cushman, als Helms-Stellvertreter in die CIA-Zentrale versetzt, um die Nixon-Kritiker im Geheimdienst unter Kontrolle zu bringen. Und je mehr sich der Reorganisator Helms im Kompetenzgestrüpp der Geheimdienste verhedderte, desto sicherer gängelte Aufpasser Cushman die CIA.
Richard Helms wußte, daß er in der CIA keine Zukunft mehr hatte. Schon stand mit dem Manager und Wirtschafts- Professor James Schlesinger der Mann bereit, der als siebenter CIA-Direktor den Geheimdienst endgültig auf Nixon-Kurs bringen soll. Im November reichte Helms sein Rücktrittsgesuch ein, der Präsident akzeptierte.
Er ließ freilich den Super-Spion nicht ziehen, ohne dessen geheimdienstliche Karriere mit einem ironischen Schlußpunkt zu beenden. Helms wurde zum Botschafter am Hofe des Pahlewi-Schahs ernannt. Er ist für Helms eine vertraute Figur: Der Schah verdankt seine Macht nicht zuletzt einem von der CIA inszenierten Staatsstreich.
DER SPIEGEL 2/1973
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