15.01.1973

CHILE-KUPFERWie eine Zitrone

Der US-Kupferkonzern Kennecott führt einen Privatkrieg gegen Allende. Aus Rache für die Verstaatlichung seiner chilenischen Kupferminen geht der Konzern gerichtlich gegen jeden vor, der chilenisches Kupfer kauft.
Die Drohung kam per Einschreibebrief. "Sollten Sie die Absicht haben", so teilte der US-Kupferkonzern Kennecott Copper Corporation letzten Herbst seinen Ahnehmern in aller Welt mit, "Kupfer zu kaufen. das aus der chilenischen Mine El Teniente stammt. so werden wir gezwungen sein, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Sie vorzugehen."
Vorletztes Wochenende machte Kennecott seine Drohung gegen den wohl größten Verarbeiter chilenischen Kupfers -- die Norddeutsche Affinerie in Hamburg -- wahr.
Per einstweiliger Verfügung, ausgesprochen vom zuständigen Hamburger Landgericht, untersagte die New Yorker Firma dem westdeutschen Unternehmen, 3000 Tonnen sogenannten Blisterkupfers im Wert von elf Millionen Mark weiterzuverarbeiten. Bis zur Klärung der Rechtslage, so das Gericht, sei das Metall, das nach chilenischer Auffassung der staatlichen chilenischen Kupfergesellschaft Codelco, nach amerikanischer Ansicht aber Kennecott gehört, in einem Lagerschuppen unter Verschluß zu halten.
Mit der Anordnung des Hamburger Gerichts griff der seit geraumer Zeit zwischen Amerika und Chile schwelende "Kupferkrieg" ("Le Monde") auch auf das Gebiet der Bundesrepublik über.
Ausgebrochen waren die Feindseligkeiten im Sommer 1971, als Chiles sozialistischer Staatspräsident Salvador Allende neben anderen amerikanischen Kupfergesellschaften auch die chilenischen Anlagen der New Yorker Firma Kennecott verstaatlichte. In den mehr als 50 Jahren ihrer Tätigkeit in den Anden hätten Amerikas Kupferkonzerne das Land, dessen Exporte zu 70 Prozent aus Kupfer bestehen, "wie eine Zitrone ausgepreßt".
Von 1955 bis 1970 etwa, so rechtfertigte Chiles Präsident die Enteignung. habe sich das von Kennecolt in Chile investierte Kapital jährlich zu 52,87 Prozent verzinst -- gegenüber einer Kapitalrendite der Kennecott-Investitionen in den USA und anderen Ländern von nur 9,9 Prozent. Allende: "So etwas nenne ich exzessive Gewinne." Diese rechnete er gegen die Entschädigungssumme von 365 Millionen Dollar auf.
Anders die Kennecott-Manager: Sie erkennen die Aufrechnung nicht an und betrachten daher die Enteignung als rechtswidrig.
Freilich: Da die Amerikaner unter Allende nicht mit chilenischen Zahlungen rechnen können, beschlossen sie, sich bei den Abnehmern chilenischen Kupfers schadlos zu halten.
Die Gelegenheit schien günstig, als sich im September der deutsche Frachter "Birte Oldendorff" mit 1250 Tonnen Chile-Kupfer an Bord dem französischen Hafen Le Havre näherte. Bei dem Pariser Tribunal de grande instance erwirkten Kennecotts Anwälte eine einstweilige Verfügung: Die Ladung sei sofort nach dem Löschen zu beschlagnahmen.
Dazu kam es jedoch nicht. Denn Frankreichs linke Hafenarbeiter weigerten sich, das Kupfer zu entladen. Die "Birte Oldendorff" nahm Kurs auf Rotterdam. Auch dort das gleiche Spiel: Kennecott erwirkt eine einstweilige Verfügung, die Arbeiter weigern sich, die Ladung zu löschen.
Als daraufhin auch die Schauerleute in Stockholm, wohin die Reederei das Schiff inzwischen umdirigiert hatte, in den Lösch-Boykott traten, schien dem deutschen Kupferfrachter das Schicksal eines fliegenden Holländers gewiß. Der Irrfahrt setzten erst Chiles französische Anwälte ein Ende, als sie bei einem Pariser Gericht einen Vergleich erzielten.
Nach diesem Patt wurde Chile gestattet, die 1250 Tonnen Kupfer an seine französischen Abnehmer zu verkau fen. Den Gegenwert von vier Millionen Mark aber mußte der Andenstaat bis zur endgültigen Klärung der Rechtslage auf ein Sperrkonto überweisen. Chile. das ohnehin durch den weltweiten Verfall der Kupferpreise in den letzten zwei Jahren 500 Millionen Dollar eingebüßt hat, strich Frankreich von seiner Kundenliste.
* Bei der Norddeutschen Affinerie in Hamburg.
Ob Allende nach der Hamburger Verfügung auch über die Bundesrepublik ein Kupfer-Embargo verhängen wird, steht dahin. Denn sollte das Hamburger Landgericht in einer bereits für diese Woche angesetzten Verhandlung die einstweilige Verfügung bestätigen, müßte Chiles Codelco damit rechnen. daß auch künftig jede weitere Lieferung in die Bundesrepublik auf Antrag Kennecotts beschlagnahmt wird.
Das aber hätte sowohl für Chile als auch für die Bundesrepublik fatale Konsequenzen: Westdeutschland ist nicht allein Chiles größter Kunde. sondern Chile auch einer der größten Kupferlieferanten der Bundesrepublik.
Über das völkerrechtlich sehr zweifelhafte Verfahren der amerikanischen Kennecott-Gesellschaft. seinen Rechtsstreit mit Chile auf Kosten deutscher Abnehmer auszutragen. entrüsteten sich Chiles deutsche Anwälte Hermann Leuer und Erich Schumann in Bonn: "Da könnte ja jeder aus Uganda vertriebene Inder kommen und sich von einem deutschen Gericht bestätigen lassen, daß die Beschlagnahme seines Vermögens in Uganda unrechtmäßig war."

DER SPIEGEL 3/1973
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