15.01.1973

Sonderwünsche in der Altbauwohnung

Für das jüngste Werk des italienischen Filmregisseurs Bernardo Bertolucci, „Der letzte Tango in Paris“, fehlen den Kritikern „die Adjektive“. Brutale Sex-Sequenzen mit Marion Brando und der Debütantin Maria Schneider -- Ausdruck psychischer „Befreiung“ -- machen den Film zur Kino-Sensation. Deutsche Erstaufführung: Ende März.
Der letzte Tango in Paris" begann mit einem Stolper-Schritt: In Rom, wo der Regisseur Bernardo Bertolucci. 32. zu Hause ist, wurde das Lichtspiel vier Tage nach der Uraufführung verboten.
In Paris darf es laufen, doch Schilder an den Kinokassen warnen das Publikum vor "einer gewissen Anzahl heikler Lind delikater Sequenzen".
Wohl auch deswegen stehen die Pariser allabendlich vor den neun Filmtheatern Schlange. die in insgesamt 39. oft ausverkauften Vorstellungen täglich zum "Tango" bitten zum ungestümsten Gesellschafts-Tanz der Saison.
Als ungleiche Partner im sexuellen Kampfspiel entblößen US-Star Marion Brando, 48, und die französische Debütantin Maria Schneider, 20, eine Tochter des Schauspielers Daniel Gélin, vor der Kamera Leib und Seele. Sie kopulieren während zweier Kinostunden stehend und auch mal rektal. masturbieren, äußern Sonderwünsche in der Muttersprache (Brando: "I want you to put your finger up my ass") und buchstabieren, kalauernd, das Wort für Glück als "hap-penis". Ein zweites "Schweigen"'?
Weder Ruf noch Werk des Italieners Bertolucci hatten solche Erwartungen geweckt. Der Lyriker. Drehbuchautor (er verfaßte auch einen Entwurf für "Spiel mir das Lied vom Tod"), TV-Dokumentarist und Pasolini-Assistent ist als Regisseur zunächst wacker für den Sozialismus eingetreten ("Vor der Revolution", 1964. "Partner", 1968) und hat sich auch um die Entmythologisierung des bürgerlichen Antifaschismus daheim verdient gemacht.
Seine "Strategie der Spinne" (1970) etwa entlarvte einen Helden des Widerstandes posthum als Verräter, in seinem jüngst vom Deutschen Fernsehen vorgeführten "Großen Irrtum" (1970) packt einen opportunistischen Intellektuellen nach Mussolinis Scheitern das große Klassen-Elend.
Doch bei allem kritischen Engagement hat Bertolucci nie darauf verzichten wollen. Gegenwart und Vergangenheit in betont schönen Bildern und lyrischen Symbolen zu bewältigen. Und seine durchweg italienischen Helden stellte er stets als gebrochene. suchende Exzentriker mit interessanten Lebensläufen hin.
Im "Letzten Tango". den Bertolucci von Februar bis April 1972 in Paris gedreht hat, macht sich nun erstmals ein Ausländer aus den USA (von Brando gespielt) mit einem spontanen Fluchtversuch aus der Leistungsgesellschaft wichtig. Der privat gescheiterte Besitzer eines schmuddligen Pariser Hotels -- seine französische Ehefrau, die ihm schon lange untreu gewesen war, hat sich gerade die Pulsadern aufgeschnitten -- sucht, zugleich mit einer Wohnung. Befreiung.
In der Rue Jules Verne trifft er auf das Mädchen Jeanne (Maria Schneider). das ebenfalls auf die frei gewordene Altbauwohnung im Haus Nummer 17 reflektiert. Es ist mit der Karikatur eines Jungfilmers (Jean-Pierre Léaud) verlobt und dabei so unbefriedigt, daß es nur allzu schnell geneigt ist, "aus Zufall Schicksal werden zu lassen" (Dialog).
Widerstandslos läßt Jeanne sich darum im leergeräumten Apartment vom Hotelier zwischen die Schenkel greifen und zum ersten ruppigen Koitus in eine Ecke tragen. Danach senken beide ihre Lider ohne Worte und gehen fürs erste auseinander.
Daß Jeannes Partner Paul heißt, das erfährt auch bei den unausbleiblichen weiteren Begegnungen des Paares in der Leerwohnung nur das Publikum
neben allen gewaltsam von ihr geforderten Abarten der Sexualität akzeptiert Jeanne sogar Pauls oberste Spielregel ("Keine Namen") und äußert zum Zeichen totaler Unterwerfung: "Es ist schön, nichts zu wissen."
Das Glück auf der anonymen Liebesinsel ist, auch nach Bertolucci, schlechthin vollkommen: "Der geschlechtliche Kontakt", sagt er, "ist eine neue Form der Sprache, die sie erfinden, um miteinander zu kommunizieren." Die "geschlechtliche Sprache" bedeute "Befreiung von den Rückhalten des Unbewußten'.
Und anders, auch das zeigt der Regisseur. der erstmals den "politischen Faktor als Ausdruck des guten Gewissens" (Bertolucci) außer acht gelassen hat, können sich die Partner gar nicht verständigen:
Als Paul seiner Jeanne, das Apartment ist inzwischen aufgegeben, zum Ersatz für den "amour fou" eine gutbürgerliche Liaison offeriert, welkt der Liebeszauber, Die Frau erkennt im Partner den alternden Schürzenjäger. den ausgebrannten Fall.
Bei einem Tango-Tanzturnier, das dem Film zu seinem Titel verhalf, läuft Jeanne davon ("Es ist aus") und wird von Paul bis ins Elternhaus verfolgt. Sie greift zum Armee-Revolver ihres Vaters und drückt ab. Paul klebt sein letztes Kaugummi ans Balkongitter und bricht zusammen. Sieger nach Punkten: Bertolucci.
Dessen -- unleugbare -- Brillanz wird mittlerweile mit den Eckwerten der Moderne, mit Strawinskis "Sacre du Printemps" ("The New Yorker") und Becketts Drama "Warten auf Godot" ("Newsweck") verglichen; dem Pariser "Express" fehlten einfach "die Adjektive".
Doch nicht Marlon Brandos trickreich vorgeführter Seelen-Exhibitionismus, nicht sexuelle Libertinage und die manierierte Kameraführung sind das Außerordentliche an diesem mit einer schwerfälligen Dramaturgie belasteten Kinostück.
Sehenswert ist "Der letzte Tango in Paris", der Ende März auch in Deutschlands Lichtspielhäuser kommen soll, vor allem dank Bertoluccis oft bewährter Kunst, noch die brutalsten seiner "heiklen und delikaten Sequenzen" kurz vor dem Kitsch satirisch zu entschärfen.

DER SPIEGEL 3/1973
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