15.01.1973

FORSCHUNGAn die Nieren

Leben die Menschen schon zu dicht aufeinander? Tierversuche beweisen die katastrophalen Folgen von Lebensraumnot.
Friedlich lebten die posierlichen Tiere in dem großen Käfig beisammen. Stets gab es ein freudiges Begrüßungslecken, wenn die Eltern den Jungtieren begegneten. Und regelmäßig sorgte die Familienmutter für Nachkommen: Alle sechs Wochen wuchs die Familie um durchschnittlich zwei Tiere, die fürsorglich aufgezogen wurden.
Jäh änderte sich die Idylle, als das erste weibliche Jungtier der Familie geschlechtsreif wurde. Wohl bekam die Mutter. wie vorher, regelmäßig Nachwuchs. Doch dem war ein nur kurzes Leben beschieden. Wenige Stunden nach der Geburt holte die Mutter die Neugeborenen aus dem Nest und fraß sie auf.
Von solchem Frühselbstschutz bei drohender Übervölkerung, den südostasiatische Baumspitzhornchen -- Tupajas -- betreiben, berichtete nun der Zoologe Dr. Dietrich von Holst in der "Umschau in Wissenschaft und Technik". Titel der Studie: "Sozialverhalten und sozialer Stress bei Tupajas".
Wann und "auf welche Weise Artgenossen zu einer (gegenseitigen) Belastung" (von Holst) werden können, wollten der Münchner Sozialphysiologe und seine Mitarbeiter vom Zoologischen Institut der Universität München herausfinden. Die Tupajas, dem europäischen Eichhörnchen ähnlich, waren für die Untersuchung aus zwei Gründen besonders geeignet:
>Sie sind besonders anfällig für Stress.
* Beobachter können am Äußeren der Tiere jeweils ablesen, ob die
Baumspitzhörnchen unter Stress stehen -- und so die Dauer der Stressphasen messen.
So ist es für die sonst "ausgesprochen
* Links: in Ruhe, rechts: unter Stress.
ungeselligen" (von Holst), allenfalls paarweise zusammenlebenden Tiere schon eine Belastung, wenn sie fremden Artgenossen begegnen. Aber sie empfinden jede Störung ihrer Umwelt -- etwa plötzlichen Lärm oder fremden Geruch -- als Stress.
Jedesmal wird dieser psychische Belastungszustand bei den Tieren äußerlich sichtbar: Die Schwanzhaare sträuben sich, der sonst schlanke Tupaja-Schwanz wird buschig. Da diese Veränderung verläßlich bei jedem Stress eintritt, konnten die Münchner Forscher das "Sichtbare Schwanz-Sträuben" (Forscherkürzel: SST) der Versuchstiere geradezu als Maßstab für die Erregungsdauer nehmen.
Alsbald zeigten sich dabei je nach Stressbelastung unterschiedliche, aber durchweg schwerwiegende Folgen. Bei Tupaja-Weibchen beispielsweise, die während mehr als 50 Prozent der Beobachtungszeit mit buschigem Schwanz, also unter Stressbelastung, umherkletterten, reiften in den Eierstöcken keine befruchtungsfähigen Eier mehr. Und zeugungsunfähig wurden auch Tupaja-Männchen, wenn sie zu mehr als 70 Prozent der Zeit unter Stress standen.
Und wenn gar die tägliche SST-Zeit mehr als zehn Stunden betrug, führte solche Langzeit-Erregung zum Desaster: Die Tiere nahmen schnell an Gewicht ab, bekamen nach einigen Tagen Muskelkrämpfe und Lähmungen, verfielen ins Koma und starben.
Als Auslöser solcher Erregung machten die Münchner Zoologen zunächst einen "unspezifischen Dichteeffekt" aus, der stets eintrat, wenn die Tupaja-Familien zu groß wurden. Männchen oder Weibchen verloren unter diesem Streß an Fertilität, und die Muttertiere begannen ihren Wurf zu fressen.
Zum anderen aber sprechen die Münchner Forscher von einem sogenannten "soziopsychischen Effekt": Tupajas geraten unter Dauerstress, sobald sie wider Willen in Sichtweite eines Artgenossen leben müssen, dem sie nicht gewogen sind.
Ein besonders drastisches Beispiel dafür lieferte den Forschern ein Experiment mit zwei ausgewachsenen Tupaja-Männchen, die in einen 60 Zentimeter hohen, einen Quadratmeter großen Käfig gesetzt worden waren. Sogleich kam es zwischen den beiden erregten Artgenossen zu einem heftigen Rangordnungskampf, der innerhalb von drei Minuten entschieden war. Bereits zehn Minuten danach hatte sich der Sieger wieder beruhigt -- seine Schwanzhaare waren wieder angelegt.
Der Unterlegene jedoch lag mit dauernd gesträubtem Schwanz in einem Versteck und beobachtete jede Bewegung des Siegers. Besänftigen ließ sich der Unterlegene nur, wenn die Forscher zwischen ihn und seinen verhaßten Artgenossen eine undurchsichtige Trennwand schoben; in diesem Fall reagierte sich der Besiegte nach dem Rangkampf ebenso schnell ab wie der Sieger.
Aus diesem Zusatzexperiment schlossen die Zoologen, daß es der Anblick (und nicht etwa der Ruch) des verhaßten Siegers ist, was den Verlierer unter Stress setzt -- und buchstäblich zu Tode grämt. Bei allen Experimenten dieser Art starben die unter Belastung stehenden Versuchstiere schon nach wenigen Tagen an Nierenversagen.
Daß solche "persönlichen Dominanzbeziehungen zwischen den Individuen". aber auch allzu gedrängtes Beieinanderleben, nicht nur den von ihm untersuchten Tupajas an die Nieren gehe, hält Stress- Forscher von Holst für ausgemacht. Seiner Meinung nach finden sich solche Stress-Symptome "generell bei Säugetieren einschließlich des Menschen".

DER SPIEGEL 3/1973
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