29.01.1973

PÄPSTE/JUDENFrohes Schweigen

Ein offenes Papst-Wort gegen die Judenverfolgungen Hitlers, von Pius XI. in Auftrag gegeben, wurde nicht veröffentlicht und erst jetzt entdeckt.
Der "Kampf für die Reinheit der Rasse" und der "Kampf gegen die Juden" werden in einem Dokument des Vatikans aus dem Jahre 1938 verurteilt. Einer der Haupt-Sätze: "Bis hin zur systematischen Grausamkeit ist dieser Kampf in seinen wahren Motiven und Methoden nicht verschieden von den Verfolgungen, die von der Antike an überall gegen die Juden veranstaltet wurden."
Dies schrieb im Auftrage des Papstes Pius XI. der amerikanische Jesuitenpater John LaFarge wenige Monate vor der Kristallnacht (9110. November 1938), dem ersten großen Juden-Pogrom in Hitlerdeutschland. Der Papst hatte den Pater am 22. Juni 1938 gebeten. ihm den Entwurf für eine Enzyklika gegen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus zu verfassen.
Doch aus dem Entwurf wurde keine Enzyklika, und länger als drei Jahrzehnte blieb das Dokument unbekannt. Erst jetzt entdeckte der Ex-Jesuit Thomas Breslin, 28. den Entwurf in einem amerikanischen Jesuitenseminar und informierte das US-Magazin "National Catholic Reporter".
Wäre das 85-Seiten-Papier (englische Fassung) damals als Papstbotschaft veröffentlicht worden, so hätte es wahrscheinlich dem Papsttum einen der schwersten Vorwürfe erspart. Der jetzt veröffentlichte Text des Enzyklika-Entwurfs zeigt, daß schon Pius XI. im Jahre 1938 über die Anfänge jener Verfolgung der Juden orientiert war, über die Pacelli, damals sein höchster Beamter, später sein Nachfolger und Hauptfigur in Hochhuths "Stellvertreter", bis Kriegsende schwieg.
Pius XI. selbst hatte LaFarge, wie dieser in einer Aktennotiz festhielt, in einer Privataudienz "das Thema, die Art, es zu behandeln, und die zugrunde liegenden Prinzipien" erläutert. Und im Sinne des Papstes glaubte der Jesuit zu handeln, als er anklagende Sätze wie diese schrieb:
"Millionen Personen werden ihrer ganz elementaren Rechte und Privilegien als Bürger ihres Heimatlandes beraubt. Der Rechtsschutz gegen Gewalt und Raub wird ihnen versagt. Sie sind jeder Art von Beschimpfung und öffentlicher Erniedrigung ausgesetzt. Unschuldige Personen werden als Kriminelle behandelt, obwohl sie peinlich genau die Gesetze ihres Geburtslandes befolgt haben."
Ende September 1938 lieferte LaFarge den Text, den er zusammen mit zwei anderen Jesuiten, dem Deutschen Gustav Gundlach und dem Franzosen Gustave Desbuqois, in Paris schrieb, bei seinem Ordens-Chef, dem polnischen Adligen und Jesuitengeneral Wladimir Ledochówski, in Rom ab.
Jesuit Gundlach hegte zeitlebens den Verdacht, der ranghöchste Jesuit habe dem Papst die Enzyklika niemals ausgehändigt. Gundlach glaubte auch den Grund zu kennen: Für Ledochówski seien nicht die Nazis, sondern die Kommunisten "der einzige Feind" gewesen.
Noch am 3. Januar 1939, nachdem er drei Monate Zeit zur Lektüre gehabt hatte, mußte der Jesuiten-General auf LaFarges Anfrage eingestehen, der Papst sei noch nicht im Besitz des Entwurfs, und überhaupt sei das Ganze "im Moment noch in der Schwebe" --
Fünf Wochen später, am 10. Februar 1939, starb Pius XI. Wiederum acht Wochen später, am 10. April 1939, erfuhr LaFarge, daß keine Enzyklika veröffentlicht werde. Der amerikanische Assistent des Jesuitengenerals, Zaccheus Maher, teilte es ihm mit.
Wer im Vatikan die Entscheidung fällte, wird vermutlich ungeklärt bleiben. Wie der polnische General Ledochówski kann es auch Pius-XI.-Nachfolger Pius XII. gewesen sein. Auf ihn deutet sogar ein Zwischenbescheid hin. den Autor LaFarge am 16. März 1939, zwei Wochen nach dem Amtsantritt des neuen Papstes, erhielt. Maher teilte ihm mit, Pius XI. habe die Enzyklika noch erhalten, und jetzt sei sie Pius XII. mit dem übrigen Nachlaß des verstorbenen Papstes übergeben worden; nur habe der neue Papst noch keine Zeit zur Lektüre gefunden.
Im Vatikan wurde damals Vorsorge getroffen, daß nicht einmal die Existenz eines Entwurfs für eine Anti-NS-Enzyklika publik werden sollte. Dem Autor LaFarge wurde es zwar freigestellt, den Text als private Arbeit zu veröffentlichen (was er nicht tat).
Aber die strikte Bedingung des Generals: Die Publikation dürfe "nicht die geringste Andeutung enthalten, daß das Werk in irgendeiner Beziehung zu irgendeinem Auftrag Seiner verstorbenen Heiligkeit stehe".

DER SPIEGEL 5/1973
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