29.01.1973

JUGOSLAWIENUnser Lazo

„Ein Held des Volkes“ wurde schwer bestraft, weil er „den größten Raub“ seit 1945 organisiert haben soll.
Der Generaldirektor der Zagreber Firma "Metalium", Lazo Vracaric, 55, soll -- so entschied vorigen Donnerstag das Gericht am Ort -- für 20 Jahre ins Zuchthaus. Dann wäre das gesühnt, was die Zeitung "Vecernje novosti" den "größten Raub gesellschaftlicher Mittel in unserem Land nach der Befreiung" nannte (Schaden laut Urteil: etwa 48 Millionen Mark). Die Zagreber Staatsanwaltschaft stufte die Tat als "eine der größten finanziellen Nachkriegsaffären der Weit" ein. Aber der Verurteilte ist flüchtig.
Der Bürgermeister von Zagreb, Josip Kolar, und der Generaldirektor der jugoslawischen Export- und Kreditbank, Petar Basarda, traten wegen des Millionen-Dings von ihren Ämtern zurück. Denn Metall-Manager Vracaric hatte -laut Staatsanwaltschaft -- großzügige Kredite nicht zurückgezahlt und einen Teil der Gelder über von ihm gegründete Auslandsfirmen in den Westen transferiert -- auf Nimmerwiedersehen.
Eine der Vracaric-Firmen ist die "Gesellschaft für Metallverarbeitung, Industrievertretungen und Handel" (GEMIH) in München, Lierstraße 27, im Handelsregister des Münchner Amtsgerichts seit dem 9. Februar 1971 unter der Registriernummer HRB 43 107 eingetragen.
In München kannte Vracaric sich aus. In einem Münchner Hotelzimmer war der Jugoslawe -- damals noch Direktor der Firma "Metalium-Galanterie" ("Me-Ga") -- am 2. November 1961 um 6.30 Uhr morgens überraschend von zwei Polizisten festgenommen und ins Polizeipräsidium geführt worden. Grund: ein Haftbefehl aus dem Jahre 1941, auf den sich der Konstanzer Oberstaatsanwalt Dr. Gulden stützte.
Denn Vracaric stand unter Verdacht, im September 1941 vor dem Zagreber Kino "Zvonimir" auf drei Spaziergänger geschossen zu haben -- deutsche Fliegersoldaten. Zwei wurden getötet. einer tödlich verletzt. Die Fahndung gegen den entkommenen Attentäter Vracanic veröffentlichte damals das Reichskriminalpolizeiblatt.
Vracaric schlug sich zu Titos Partisanen, wurde unter dem Pseudonym Kuglic Kommissar in Zagorje und blieb für die deutsche Justiz ungreifbar, bis er 20 Jahre später in München auftauchte.
Während Vracaric im Gefängnis Stadelheim abwartete, intervenierte die Belgrader Regierung in einer Note an alle Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Mit geschwungenen Fäusten demonstrierten Kroaten vor dem Konsulat der Bundesrepublik in Belgrad und verlangten: "Gebt uns unseren Lazo zurück!"
Moskau, Prag und Warschau verlangten in eigenen Noten "entschiedene Maßnahmen zur Bändigung des westdeutschen Militarismus". Ost-Berlin sah "das alte, fluchbeladene System des deutschen Imperialismus und Militarismus, lediglich mit einer neuen Fassade versehen", wieder errichtet.
Nach vier Tagen Haft wurde Vracaric auf freien Fuß gesetzt und mit 40 000 Mark entschädigt, seine Ermittlungsakte GS 28 1/61 (Amtsgericht Konstanz) in Gegenwart eines jugoslawischen Diplomaten vernichtet.
Zagreb empfing seinen Lazo als doppeltes Opfer des deutschen Faschismus. Obgleich schon damals der Verdacht "nicht alltäglicher Geschäfte" des Generaldirektors bestand, wurde der "Held des Volkes" Sportfunktionär und Vorsitzender der Zagreber Schachsektion. Doch die "Me-Ga"-Arbeiter wählten bald den Partisanenhauptmann a. D. von seinem Chefposten ab. Vracaric ging in der Blüte seines Lebens mit einer hohen Pension in den Ruhestand.
Untätig blieb er deshalb nicht. Er gründete eigene Firmen, darunter einen technisch-wissenschaftlichen Dienstleistungsbetrieb, ein Maklerbüro für Grundstücke und schließlich "Metalium".
Laut Zagreber Staatsanwaltschaft importierte die Firma zu überhöhten Preisen Metallspäne von den Vracaric Firmen im Ausland. "veredelte" sie oberflächlich zu Filter, exportierte sie dann wieder, ließ sie von seinen Auslandsfirmen zermahlen und wiederum nach Jugoslawien importieren, dann wieder veredeln -- und so weiter.
Für jeden Geschäftsgang gab es neue Kredite, für jede Ausfuhr steuerbegünstigte Prämien -- insgesamt 129,2 Millionen Neue Dinar (21,5 Millionen Mark), nach denen die Staatsanwaltschaft vergebens fahndete. Ohne Erfolg fahndet sie auch nach dem Millionen-Empfänger Lazo.
Von "irgendwo aus dem Ausland" beteuerte Vracaric in einem 30 Seiten langen, handgeschriebenen Brief an Untersuchungsrichter Andjelko Busic und an "Metalium" seine Unschuld.
Kroatiens Vize-Innenminister Vlado Perk will einen Auslieferungsantrag stellen, sobald bekannt wird, wo der Volksheld steckt. Zunächst, so ermittelte der SPIEGEL, hielt er sich an einem Ort auf, wo die Polizei ihn schon kennt: in München. Dort erschien er noch nach Bekanntwerden der Affäre als Vertreter der Vaduzer Firma "Finerag", bis vor kurzem (heute: "Eximtrade", Vaduz) alleinige Gesellschafterin -- Stammkapital: 400 000 Mark -- der GEMIH war.
Jugoslawische Journalisten orteten inzwischen ihren Helden in den USA, wo er auch geboren sein soll: Er bemüht sich angeblich um die US-Staatsbürgerschaft.

DER SPIEGEL 5/1973
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