22.01.1973

TV-SPIEGELZwist nach zwölf

Es begann mit Heuchelei. Um zwanzig vor elf, also praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit. zeigten die ARD-Sender (außer Bayern) mit einjähriger Verspätung den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Das Volk, das über die Diffamierung einer Minderheit informiert werden sollte, hatte sich bereits zur Ruhe gelegt.
Aber natürlich saßen die katholischen Moralhüter vom Dienst, die sich in Erwartung mutmaßlicher Sauereien stets die Nacht um die Ohren schlagen, noch vor dem Schirm; ihre Proteste trafen prompt beim Fernsehen ein. Außerdem betrachtete sich eine Minderheit von angenehm liberalen Nachteulen Rosa von Praunheims Film. Er hatte ihn als. "Schwulen-Schocker" gedreht. mit einer dümmlichen Handlung, in der Schwule so albern daherplapperten und sich so geil gab n und nahmen, wie die Gesellschaft sie nach ihren Vorstellungen wohl sieht. In Pissoirs griffen sie sich in die Hosen. in Kneipen würgten sie einander die Zungen in die Mundhöhlen.
Dazu schnarrte ein Sprecher den Begleittext des linken Soziologen Martin Dannecker herunter: lupenreine Klassenkampf-Tiraden mit schwülstigem Pathos. Auf dem Bildschirm wurde gefummelt. aus dem Lautsprecher dröhnte es: "Schwulsein ist nicht abendfüllend." Das war wohl noch der vernünftigste Satz. Aber die nützliche Aufforderung an die Homosexuellen, ihre sexuelle Veranlagung nicht zum alleinigen Lebensinhalt hochzuschaukeln, kam nicht an. Zwei Dutzend Homosexuelle bewiesen es in der anschließenden Diskussion.
Sie wehklagten unentwegt über "unsere beschissene Situation" und überließen es den Zuschauern. sich auszumalen, was das wohl bedeuten möge ein mediengerechtes Spektakel in der Tat: bunt, verwirrend. erheiternd und ohne Langeweile. Die "unterdrückte Minderheit" hatte sich in einem Block zusammengeschart und beutelte, was ihr in die Quere kam -- Zwist bis weit nach zwölf.
Der Reihe nach knöpften sich die Homo-Wortführer die Schuldigen an "unserer beschissenen Situation" vor, Es waren samt und sonders Vertreter "unseres kapitalistischen Systems", und wenn der eine oder andere nicht erwähnt wurde, so wohl nur aus Zufall oder Zeitmangel.
Auch die auf Anpassung bedachten Mit-Homos. "die das ganz verlogene System von Ehe und Familie kopieren". bekamen eins übergerissen. Gemeint waren jene Homosexuellen, die sich ängstlich bemühen. nicht aufzufallen. Die hatten nämlich schon zuvor ihre eingebleute Scheu überwunden und versucht, die Aufführung des Praunheim-Films im Fernsehen zu verhindern. Als das mißlang, waren sie noch tapfer zur Diskussion erschienen, doch dann verließ sie der Mut. Sie hockten mit ersterbenden Blicken da, keines Wortes mächtig -- "arme Arschlöcher". wie ein linker Schwuler eher beiläufig anmerkte.
Aber sie repräsentierten mindestens 98 Prozent der deutschen Homosexuellen.
Nutzte ihnen der Film und diese Diskussion"? Oder war Praunheims These, es genüge, wenn prominente Schwule wie er und Dannecker den Anfang machten, die anderen würden dann schon ungestraft hinterdrein auf die Barrikade klettern, nur naives Ausposaunen der Theorien seines befreundeten Hintermannes"? Denn, was Praunheim wahrscheinlich frommt. macht vermutlich einen Lehrling bei Mannesmann kaputt.
Zwangsläufig schlägt der Rigorismus, mit dem Praunheim und seinesgleichen weltfremde Theorien hinknallen, auf die Masse ihrer Mit-Homosexuellen zurück. Die sogenannten Normalen reagieren, provoziert, meist nicht mehr normal. sondern ängstlich oder zornig. Auch dafür lieferte die Sendung ein Indiz: Hatte sie mit Heuchelei der Sendeleitung begonnen, so endete sie mit einer Heuchelei des Diskussionsleiters Reinhard Münchenhagen.
Der verunsicherte TV-Mann gesellte sich zum Schlußwort demonstrativ zu den Schwulen, nachdem er sich zuvor mit John F. Kennedy verglichen hatte: Der habe sich auch als Berliner ausgegeben, obgleich natürlich jedermann gewußt habe, daß er in Wirklichkeit keiner sei.
Von Jörgen Pötschke

DER SPIEGEL 4/1973
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