DER SPIEGEL



Die Zähmung der Tiger

Von Kurbjuweit, Dirk; Hujer, Marc; Knaup, Horand; Nelles, Roland; Neukirch, Ralf; Pfister, René; Schult, Christoph

SPD, CDU und CSU schicken Schwergewichte in die Regierung, die allerdings in verschiedene Richtungen ziehen. Eine Kanzlerin Angela Merkel wird es nicht leicht haben, die großen Egos auf eine gemeinsame Linie zu verpflichten. Die Chancen für einen klaren Reformkurs stehen nicht gut.

Auf dem Besprechungstisch im Büro der künftigen Kanzlerin liegt ein Berg von Akten. Obenauf eine Liste mit den Arbeitsgruppen für die Koalitionsverhandlungen: Arbeitsmarkt, Haushalt, Soziale Sicherung. Daneben ein Schreiben des früheren Kanzleramtsministers Friedrich Bohl an Angela Merkel, Punkt eins: "Arbeitsweise des Kabinetts".

Auf dem Sideboard stehen ein paar Vasen mit Blumensträußen. Sie sind der einzige Hinweis darauf, dass es einen Grund zum Feiern gibt. Merkel sitzt an ihrem Tisch und zeigt sich sachlich. Es müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden. Freuen kann man sich später.

Sie zieht einen Zeitungsausriss aus einem Papierstapel und streicht ihn glatt. Es ist eine Karikatur: Sie zeigt Merkel, die sich durch den Zaun des Kanzleramts gebissen hat. Sie spuckt Eisenspäne aus. Gerhard Schröder und Franz Müntefering beobachten sie. "Die hat sich echt durchgebissen", sagt Schröder anerkennend.

Die Karikatur gefällt Angela Merkel. Sie hat nicht wie Schröder an den Gittern des Kanzleramts gerüttelt und gerufen: Ich will da rein. Sie hat sich zäh und beharrlich vorgearbeitet. Sie fühlt sich gut getroffen.

Sie hat es noch nicht ganz geschafft. Seit Montag dieser Woche laufen die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD. Dann kommen die Parteitage, die das Ergebnis absegnen müssen. Es kann noch einiges schief gehen, aber wahrscheinlich ist das seit der vergangenen Woche nicht mehr.

Es war eine Woche, in der die Bürger ihre Politiker zunächst als Griesgrame kennen lernten. Am Anfang stand eine merkwürdige Unlust zu regieren. Sonntags waren die Ressorts zwischen SPD und Union verteilt worden.

Am Montag motzten Vertreter beider Parteien, dass sie die falschen Ministerien bekommen und lieber die jeweils anderen gehabt hätten. Es war der Kindergartentag

der deutschen Politik. Das Spielzeug der anderen ist immer das bessere.

Ebenfalls am Montag mussten die Bürger erfahren, dass die Aussicht, Bundeskanzlerin werden zu können, Angela Merkel nicht besonders glücklich macht. Auf entsprechende Fragen reagierte sie verdruckst, sie betonte, wie viel Arbeit dieses Amt mache.

Nicht einmal die Politiker, die in der Großen Koalition arbeiten sollen, schienen ihr etwas Erfreuliches abgewinnen zu können. Wie sollte es da der Bürger können?

Mittwoch war der Tag des Abschieds. Gerhard Schröder sagte vor Gewerkschaftern, dass er der neuen Regierung "definitiv" nicht angehören werde. Er weinte ein bisschen dabei, er fand schöne Worte. Es war das bewegende, gelungene Ende eines insgesamt misslungenen Abgangs.

Es war auch eine Befreiung, für Schröder, für die Politik insgesamt. Plötzlich drehte sich die Stimmung der Woche. Die SPD konnte endlich ihre künftigen Minister benennen, und das Kabinett nahm Konturen an. Es wurde klar, dass es kein Kabinett der Schwächlinge sein würde, eher ein Kabinett der Schwergewichte.

Peer Steinbrück, Franz Müntefering, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel für die SPD, Edmund Stoiber, Wolfgang Schäuble und womöglich Horst Seehofer für die Union, dazu als Anführerin Angela

Merkel - das klingt zumindest nach einer spannenden Konstellation.

Merkel und die sieben Riesen, heißt die vorläufige Überschrift für dieses Kabinett. Wahrscheinlich sind ein oder zwei Scheinriesen dabei, aber am Kabinettstisch von Merkel werden voraussichtlich Männer sitzen, die sich Gewaltiges zutrauen, die nur darauf warten, sich in den Medien als "Reservekanzler" oder "heimlicher Regent" wiederzufinden. Nicht einer von ihnen hat Grund, seiner Kanzlerin gegenüber besonders loyal zu sein.

Sollten die Koalitionsverhandlungen gelingen, wird Angela Merkel den Kabinettssaal ab November mit den Aussichten eines Dompteurs betreten. Man kann gefressen werden. Man kann die Kraft der Löwen und Tiger nutzen, um eine gute Aufführung hinzulegen und damit selbst zum Star werden.

Es kommt auf sie an, auf ihre Dompteurkunst. Gelingt ihr die Zähmung, ohne dass ein Tiger wie ein Kätzchen aussieht? Gelingt es ihr, Rivalitäten im Zaum zu halten?

Seit Monaten fragt sich Deutschland, welche Kanzlerin es bekommt. Lange dachte man an eine entschlossene Reformerin. Dann kam der 18. September, der aus Angela Merkel eine andere Kandidatin gemacht hat als erwartet.

Sie ist keine Frau mehr, die sich ihrer Sache sicher ist. Es war immer ungewiss, was sie im Kanzleramt erwartet, als erste Frau, als erste Ostdeutsche, aber sie hatte immerhin ein Programm, das ihre Handschrift trug. Nun fehlt ihr selbst das.

Deutschland hat jetzt eine wahrscheinliche Kanzlerin, die auf der Suche ist: nach einem Programm, nach Rückhalt, nach einer Machttechnik und nach einem neuen Auftreten. Deshalb war es ein seltsamer Moment, als sie am Montag vergangener Woche auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob sie jetzt eine glückliche Frau sei. In der Nacht zuvor hatte sich entschieden, dass sie die einzig verbliebene Kanzlerkandidatin ist. Jetzt stand sie da mit einem Anspruch, sonst aber mit wenig.

Noch am selben Tag zogen Stoiber und Müntefering ihre Richtlinienkompetenz als Kanzlerin in Zweifel. Es sah so aus, als sollten die Demütigungen nie aufhören. Erst das Desaster bei der Wahl, dann ein wild gewordener Schröder, der ihr das Recht absprach, Kanzlerin werden zu können. Und jetzt noch die künftigen Koalitionsfreunde, die ihr schon mal vorab die Macht zerhäckselten.

Glücklich? Ein Konzept aus einer anderen Welt. Das Beste, was Angela Merkel in den vergangenen Wochen erlebt hat, waren ein paar Stunden der Entspannung am Wochenende nach der Wahl. Sie hatte den Schock der 35,2 Prozent halbwegs überwunden, sie wusste ihre Partei hinter sich. Sie hat dann einen Pflaumenkuchen gebacken. Er ist ihr gelungen, sagt sie.

Drei Wochen Überlebenskampf liegen hinter ihr. Sie hat ihn gewonnen, wie gewohnt. Sie ist Deutschlands bester "last man standing", die ewige Überlebende in Duellen und anderen Kämpfen.

Aber Überlebende neigen nicht zur Fröhlichkeit, sondern zur Demut. Als 1998 Rot-Grün gewonnen hatte, gaben Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine und Joschka Fischer am Tag danach Pressekonferenzen, die so fröhlich und launig waren wie viele ihrer späteren Auftritte im Bundestag. Es lag Aufbruch in der Luft,

der dann allerdings erst mal vergeigt wurde.

Merkel bewegte sich durch die vergangenen Wochen wie jemand, der einen dunklen Keller durchquert: wachsam, langsam, sich Schritt für Schritt vorantastend, als könnte überall ein Hindernis auftauchen, hinter jeder Ecke ein Dunkelmann lauern. "Ich bin nicht ängstlich", sagt sie im Gespräch mit dem SPIEGEL (siehe Seite 42). Ein Satz, den man gern in dunklen Kellern sagt, möglichst laut.

Es gab keinen Moment des Triumphs für sie. Es war ein Prozess, sagt sie selbst: die langsame, komplizierte Annäherung an die Möglichkeit, im November zur Kanzlerin

gewählt zu werden. So umständlich muss man es sagen - kein Satz, in dem Glück stecken könnte.

Der schwierige Weg zur Kanzlerschaft hat Folgen. Sie geht anders in das Amt als in den Wahlkampf. Sie hat Kontur verloren in den vergangenen drei Wochen. Sie wirkt unschärfer, milder als in der Zeit vor dem 18. September. Sie legt sich in ihren Sätzen nicht fest, gibt aber auch nicht ihre Vorstellungen auf. Sie wird sich nicht neu erfinden als Kanzlerin einer Großen Koalition, aber die Frage, was Merkel wirklich will, dürfte häufiger auftauchen.

Ihr Konzept der Ehrlichkeit ist im Wahlkampf zerschellt. Nun kehrt sie zur Maskerade zurück. Es dürfte eine Weile dauern, bis die Bürger erkennen können, welche Kanzlerin sie wirklich haben. Sie fängt jetzt an, sich konkrete Gedanken über sich als Kanzlerin zu machen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL grübelt sie über die "Rituale der Macht", die für Frauen in Deutschland nicht eingeübt seien.

In diesem Bereich ist der Bruch zu ihren männlichen Vorgängern am größten. Für eine Kanzlerin Merkel gibt es kein Vorbild. Ein souveräner, lässiger Schröder hatte die Hände tief in den Hosentaschen versenkt. Ein sympathisierender oder herablassender Schröder beklopfte kräftig Schultern. Ein kämpferischer Schröder zog das Sakko aus.

All das kann Merkel nicht tun. Sie wird merken, dass auf dieser Ebene der Macht der nonverbale Ausdruck für eine Frau beschränkt ist. Männer in hohen Staatsfunktionen zeigen sich gern zärtlich miteinander. Es wird hemmungslos geherzt, geküsst oder Händchen gehalten.

Bis jetzt begrüßte Angela Merkel Vertraute wie den thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus mit Küsschen links, Küsschen rechts. Geht das auch als Bundeskanzlerin?

Sie wird nach Gesten suchen müssen. Sie wird sie ausprobieren, die Reaktion darauf bewerten und die Gesten anpassen. All das in dem Wissen, dass die Kameras jede Geste verewigen können.

Sie macht sich nun auch verstärkt Gedanken, wie man eine Regierung organisiert. Sie liest Bohls Bericht über die Techniken des Regierens.

Sie möchte ein "kameradschaftliches" Klima. Das klingt ein bisschen nach Sportverein oder Ferienlager, jedenfalls nach Wärme - aber durch Warmherzigkeit ist

Merkel bislang nicht aufgefallen. Öffentlich wird sie eher als kühl und misstrauisch wahrgenommen.

Sie reagiert belustigt, wenn sie das hört, aber nun wird sie ihre Teamfähigkeit quasi öffentlich beweisen müssen. Am Kabinettstisch sitzen eine Menge großer Egos, die Misstrauen gleich als Zweifel an den eigenen Fähigkeiten deuten.

Einer der künftigen Minister kündigt schon an, dass er mit Misstrauen überhaupt nicht klarkomme. Wer misstrauisch ist, ist verschlossen. Aber die großen Egos wollen alles wissen, weil sie überall mitmischen möchten. Merkel, die ihre Partei mit einem kleinen Zirkel von Vertrauten regiert, wird sich öffnen müssen.

Für die technischen Abläufe braucht sie einen exzellenten Kanzleramtsminister. Der aber war bis Freitagabend nicht in Sicht. Der Favorit auf dieses Amt, Norbert Röttgen, gilt als konzeptioneller Denker und hervorragender Jurist. Er ist Merkel gegenüber loyal, aber nicht unkritisch.

Röttgen ist 40 Jahre alt, er muss das Regieren selbst noch lernen. Merkel braucht Glück, wenn die ersten Monate ihrer Kanzlerschaft nicht zu Chaostagen werden sollen.

Was die Inhalte angeht, spielt sie auf Zeit. Sie weiß, dass die Partei von ihr eine Geste erwartet, die zeigt, dass sie Lehren aus dem Wahlergebnis gezogen hat. Vermutlich wird eine solche Geste im Dezember kommen, wenn die Regierung im Amt ist.

Merkel will deutlich machen, dass sie verstanden hat, dass sie ihre Politik anders verkaufen muss, mit mehr Herz. Aber sie will nicht den Eindruck erwecken, sie gebe ihren Reformkurs auf.

Der erfahrene Volker Rühe hat ihr sogar geraten, sich mit einnehmenden Worten auch an die Wähler und Mitglieder der SPD zu wenden. Alle mitnehmen, integrieren. Sie soll das eher mit Unverständnis aufgenommen haben.

Merkel glaubt, dass die Renaissance der Sozialpolitik nur vorübergehend ist. Sie

will diese Phase aussitzen und ihre Regierung dazu bewegen, auf einen Reformkurs einzuschwenken.

Aber ist das realistisch? Kann sie dafür Rückhalt bei ihren Ministern organisieren? Wie viel Rückhalt hat sie überhaupt?

Edmund Stoiber wird im Kabinett an ihrer Seite sitzen, ihr liebster Feind. Er wird dafür sorgen, dass die Sitzungen nicht zu schnell zu Ende gehen. Er wird reden und reden und die Kollegen mit verschlungenen Sätzen einspinnen, bis sie entweder zustimmen oder einnicken. Er wird sich in alles einmischen und ständig sagen: "Ich, als Vorsitzender der CSU ..." Damit verleiht er seinen Worten den ganzen Ruhm, die ganze Größe, das ganze Gewicht Bayerns.

Er hat viel vor. "Erstmals seit 40 Jahren übernimmt wieder ein Vertreter der Union das Ressort von Ludwig Erhard", sagte Stoiber in der vergangenen Woche in München, als er seinen Wechsel nach Berlin verkündete. Nach dem Satz machte er eine Kunstpause, als wolle er Zeit lassen für jene Zuhörer, denen ein "Donnerwetter" entfahren könnte.

Er hat einiges vorzuweisen. Er ist seit zwölf Jahren Ministerpräsident eines Landes, das sehr gut dasteht. Er will als einziger Landeschef im kommenden Jahr keine neuen Schulden machen.

Andererseits stand er noch nie vor so vielen Problemen. In der Landtagsfraktion wehren sich die Abgeordneten gegen seinen rigiden Sparkurs, die CSU-Landesgruppe ärgert das magere Postenangebot für die nächste Bundesregierung, und in München tobt die Schlacht um die Nachfolge Stoibers.

Gerade die momentane Schwäche der CSU ist es, die Stoiber für Merkel so unberechenbar macht. Eigentlich weiß er, dass er nicht gleichzeitig Minister und erster Kritiker einer Kanzlerin Merkel sein kann. Aber gerade jetzt könnte er die Kräfte gebrauchen, die normalerweise der CSU durch Sticheleien gegen die Schwesterpartei zufließen. So schwankt Stoiber hin und her zwischen Aufmüpfigkeit und Loyalität.

Auch beim Poker um die Kabinettsposten nahm er wenig Rücksicht auf Merkel. Er schlug ihre Bitte ab, Finanzminister zu werden, weil er um den Erfolg der CSU in Bayern fürchtete, wenn er als Kassenwart in Berlin unpopuläre Streichlisten erstellen muss. Die Folge war, dass nicht nur das Gesundheitsministerium, sondern auch das Arbeits- und Sozialressort an die SPD ging.

Die CDU ist zunehmend genervt von der Rücksichtslosigkeit, mit der Stoiber die eigenen Interessen verfolgt. Im Wahlkampf weigerte er sich, in Merkels "Kompetenzteam" einzutreten, um mit der CDU-Vorsitzenden auf gleicher Augenhöhe zu bleiben. Merkel verpflichtete notgedrungen Paul Kirchhof als Finanzexperten, es war wohl ihr größter Fehler.

Viele in der CDU geben Stoiber eine Mitschuld an der Wahlschlappe. Ihn berührt das wenig. In der vergangenen Woche kündigte er an, auch als Fachminister einer Bundesregierung allumfassend zu wirken: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Bereich gibt, wo das Wirtschaftsministerium nicht gefragt werden muss."

Beim Zuschnitt seines Ressorts konnte Stoiber allerdings nur einen halben Erfolg verbuchen. Eigentlich hatte er das Ziel, Minister für Wirtschaft und Infrastruktur zu werden. Er hätte dann die über zehn Milliarden verwalten können, die der Bund jedes Jahr in den Straßen- und Schienenbau steckt.

Schröder und Müntefering wollten aber nicht auf das Verkehrsressort verzichten, und deshalb bediente sich Stoiber am Forschungsministerium. Darüber kann sich zwar die bayerische Luft- und Raumfahrtindustrie freuen, die Geldflüsse werden aber nicht so üppig sein wie in Stoibers Träumen. "Beim Verkehr wäre das günstiger gewesen", moserte der bayerische Landtagspräsident Alois Glück.

Eine Kanzlerin Merkel kann kaum auf die Hilfe Stoibers zählen, wenn sie ihr Reformprogramm gegen die sozialdemokratischen Minister durchsetzen will. Der CSU-Chef wird von seiner eigenen Partei unter Druck gesetzt, harsche Einschnitte in die Sozialsysteme zu verhindern. Er ist der neunte Sozialdemokrat am Kabinettstisch.

In der CDU sehen das viele mit Sorge. "Es kann nicht sein, dass wir vier Jahre lang nichts machen", warnte Wolfgang Schäuble in der Präsidiumssitzung am vergangenen Freitag, und Hessens Ministerpräsident Roland Koch sagte: "Es muss klar sein, dass wir die Führung haben."

Das deutlichste Zeichen für die sozialdemokratische Gesinnung der CSU ist das mögliche Comeback von Horst Seehofer. Der ehemalige Bundesgesundheitsminister kämpft gegen alles, wofür Merkel steht: die Einführung einer einkommensunabhängigen Prämie im Gesundheitssystem, Privatisierung der Pflegeversicherung, Erhöhung des Renteneintrittsalters.

Zwar wird Seehofer nicht wieder Gesundheitsminister; intern hat er aber schon klar gemacht, dass er die Sozialpolitik der neuen Bundesregierung mitbestimmen will, auch vom denkbaren Posten des Landwirtschaftsministers aus: "Ich lass mich doch nicht auf Kartoffeln und Bananen reduzieren."

Eigentlich will ihn niemand, Merkel nicht, die Fraktion nicht, nicht einmal die CSU-Landesgruppe. Gerade dort murrt es

vernehmlich, weil Seehofers dauernde Profilierung gegen das eigene Lager nun honoriert werden könnte: "Die Botschaft lautet doch: Untreue lohnt sich", sagt einer.

Um Seehofer zu verhindern, hat Merkel der CSU das Verteidigungsministerium angeboten. Stoiber hat es ausgeschlagen, bis Freitag setzte er sich für Seehofer ein. Nicht weil er ihn mag, sondern weil er ihn fürchtet - als Konkurrenten um den Vorsitz der CSU.

Doch egal wen Stoiber schließlich ins Kabinett schickt, einen CSU-Minister wird Merkel nicht zu ihren Getreuen zählen können. Das kann sie nicht einmal bei allen Ressortchefs aus der eigenen Partei.

Nur 5 von 15 Ministern schickt die CDU. Das Forschungsressort bekommt die frühere baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan. Sie gilt als engste Vertraute Merkels in der CDU-Führung. Auch die niedersächsische Familienministerin Ursula von der Leyen, die das gleiche Amt im Bund übernehmen soll, hat ein gutes Verhältnis zu Merkel. Dazu kommt womöglich Kanzleramtschef Röttgen. Nur diesen dreien könnte Merkel wirklich vertrauen. 3 von 15.

Die beiden anderen Minister der CDU gehören eher zu den Schwierigen.

Wolfgang Schäuble hält das Streichholz an seine Pfeife und pafft einige Wölkchen aus. Er muss noch seine Frau anrufen, weil er Karten für die Oper hat. Neulich war er in Salzburg und hat "La Traviata" gesehen - eine großartige Inszenierung. Schäuble wirkt fast vergnügt.

Bald ist er wieder da, wo er immer sein wollte: im operativen Geschäft, wie er es nennt. Er hätte auch Bundestagspräsident werden können, aber er will, wie er einmal im kleinen Kreis gesagt hat, Politik nicht ankündigen, sondern gestalten.

Er war schon Innenminister und Kanzleramtschef. Er hat als Fraktionsvorsitzender für Helmut Kohl die Mehrheiten organisiert und wurde dann sein Nachfolger als Parteichef.

Schäuble hat Merkel zur Generalsekretärin gemacht und ihr damit den Weg nach ganz oben eröffnet. Seit er über die Spenden-Affäre stolperte, ist sein Verhältnis zu Merkel belastet. Als Parteivorsitzende hat sie ihn meist ignoriert, obwohl sie häufig den Rat eines erfahrenen Kollegen hätte brauchen können. Sie fürchtete, es könnte ihr als Schwäche ausgelegt werden, sich Tipps von ihrem Vorgänger zu holen.

In der Großen Koalition ist Schäuble für Merkel nicht in erster Linie als Innenminister wichtig. Sie braucht einen Mann, der alle Tricks und Kniffe kennt, der sich bei Koalitionsgesprächen nicht über den Tisch ziehen lässt und der sich nicht in der Kajüte verkriecht, wenn die See rauer wird. Eigentlich wäre Schäuble der ideale Fraktionschef, aber das Risiko, ihn in diese Machtposition zu bringen, war Merkel zu groß.

Der hessische Fraktionschef Franz Josef Jung, künftig Verteidigungs- oder vielleicht auch Landwirtschaftsminister, zählt wie Schäuble zum Lager der möglichen Gegenspieler Merkels. Er ist ein enger Freund Roland Kochs und hat für diesen schon einiges auf sich genommen: Im September 2000, als die Schwarzgeld-Affäre der hessischen CDU ein weiteres Mal Wiesbaden erschütterte, trat er von seinem Amt als Chef der Staatskanzlei zurück, damit Koch weiter regieren konnte. Er beteuert bis heute seine Unschuld. Selbst in der Union glauben ihm nicht viele.

Jungs Selbstbewusstsein ist groß: Obwohl er Landespolitiker ist, traut er sich fast jedes Amt im Bund zu.

Er hat, was wichtiger ist, in Hessen seine Durchsetzungsstärke bewiesen: Eine Fraktion, die mit nur zwei Stimmen Mehrheit regiert, baute er zur zuverlässigen Stütze der Regierung aus. Er ist ein politischer Straßenkämpfer, für den das Ergebnis zählt, nicht der Weg dahin. Er hat die Härte, sich in einem schwierigen Ministerium durchzusetzen.

Merkel weiß, dass er Kochs Agent in ihrem Kabinett ist. Koch ist damit bestens informiert, aber auch eingebunden. Sie braucht die starken Ministerpräsidenten. Noch lauern sie nur, aber schon die erste Krise könnten sie nutzen, um Merkel zu schwächen.

Koch und Christian Wulff aus Niedersachsen sollen deshalb an den Koalitionsverhandlungen beteiligt werden. So will Merkel verhindern, dass sie später im Bundesrat die Gesetze der rot-schwarzen Regierung blockieren.

Prominentestes Opfer der Großen Koalition ist allerdings ausgerechnet ein Ministerpräsident: Peter Müller aus dem Saarland. Er war im Kompetenzteam der Union Kandidat für das Wirtschaftsressort, das jetzt Stoiber besetzt.

Nun führt Müller die Liste der Enttäuschten an, und die ist ziemlich lang. Vie-

le Karrierepläne in der Fraktion sind durch die magere Zahl der Ministerämter blockiert. Dazu gesellen sich jene, die sich von einer schwarz-gelben Regierung eine radikale Reformpolitik versprochen hatten. Prominentester Störfaktor ist Finanzexperte Friedrich Merz, der sich wieder in den Bundestag wählen ließ. Aber auch die jungen Abgeordneten hatten Merkels Pläne für grundlegende Sozialreformen gegen manchen Widerstand in den eigenen Reihen unterstützt. Jetzt steht Merkels "solidarische Gesundheitsprämie" vor dem Aus.

"Das Frustrationspotential ist groß", berichtet der 25-jährige CDU-Abgeordnete Jens Spahn. "Ich bin sehr skeptisch, ob eine Große Koalition den Umbau der sozialen Sicherungssysteme angeht." Die Jungen wollen ungemütlich werden, wenn Merkel sich mit der SPD auf faule Kompromisse einlässt. "Koalitionsvereinbarungen ersetzen nicht Parteitagsbeschlüsse", warnt Spahn. "Daran werden wir die Kanzlerin erinnern."

Volker Kauder muss nun dafür sorgen, dass der Frust nicht allzu laut artikuliert wird. Er wird Fraktionsvorsitzender der Union und besetzt damit eine Schlüsselstelle. Merkel erwartet, dass er die Frustrierten bei Laune hält und Zuspruch organisiert.

Am vergangenen Freitag sitzt Kauder in seinem Eckbüro im 5. Stock des Konrad-Adenauer-Hauses und trinkt ein Glas Tomatensaft. Als Generalsekretär der CDU war er im Wahlkampf fürs Grobe zuständig. "Trümmertruppe" nannte er Schröders Kabinett. "Die können es nicht", rief er über die Marktplätze der Republik.

Vergangene Woche musste Kauder den Schalter umlegen. Er spricht jetzt von einer "respektablen Mannschaft" und meint die Minister der SPD.

Jeden Tag telefoniert er nun mit dem Willy-Brandt-Haus. An diesem Montag wird er es zum ersten Mal betreten. Er muss sich erst daran gewöhnen, dass die Union mit den Sozialdemokraten verbündet ist. "Die Sozis ...", hebt er an und hält inne. "Ach, Sozis darf man ja jetzt nicht mehr sagen."

Volker Kauder wird das Parlament nicht mit großen Reden begeistern. Aber darauf kommt es Merkel als Kanzlerin nicht an. Sie braucht jemanden, der die Fraktion bei schmerzhaften Entscheidungen auf Linie bringt. Der gläubige Protestant, der die Homoehe ebenso ablehnt wie die Forschung an embryonalen Stammzellen, soll Merkel außerdem den konservativen Flügel der Partei gewogen halten.

Kauder hat das, was Merkel nicht hat: Er ist wertkonservativ und in der Partei fest verwurzelt. Und ihm fehlt, was Merkel auszeichnet: der hundertprozentige Wille zur Macht. Er wird Merkel keine Konkurrenz machen. Damit hält sich das Risiko, dass sich die Fraktion zu einem Hort des Widerstands entwickelt, in Grenzen.

Deshalb ist sie noch keine starke Kanzlerin. Sie muss mit einer skeptischen Union regieren und mit einer mutmaßlich widerspenstigen SPD.

Als deren Vorsitzender Franz Müntefering am Donnerstag in der Bundespressekonferenz sitzt, ist der Anblick ungewohnt. Etwas ist anders. Etwas fehlt. Es fehlt der Mann an seiner Seite. Wo Müntefering früher neben Oskar Lafontaine oder Gerhard Schröder Platz genommen hat, sitzt er nun allein. Er wirkt schmal, die Arme sind eng an den Körper gelegt, das Kreuz ist gebeugt. Den Kopf hat er eingezogen, als ob er sich schützen müsste vor der Wand von Fotografen und Journalisten, die sich vor ihm aufbaut.

Im Wahlkampf hat Schröder alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Jetzt aber ist Müntefering auf sich allein gestellt. Ohne politischen Übervater, ohne Leitwolf, ohne Widerpart. Jetzt muss er beweisen, was er allein wert ist. Kann er den dreifachen Anforderungen Rechnung tragen?

Ist er ein kraftvoller Vizekanzler, der auf Augenhöhe mit Angela Merkel verhandelt und die Schwergewichte der SPD im Kabinett maximal zur Geltung bringt?

Schafft er es, sein Arbeits- und Sozialministerium neu aufzustellen, das Haus, das

vom Wirtschaftsministerium abgetrennt wurde, mit neuer Identität auszustatten und die Altlasten von Wolfgang Clement bei Hartz IV abzuarbeiten?

Und wohin führt er als Parteivorsitzender die SPD? Wie kann sie sich behaupten gegen die Grünen und die Linkspartei?

"Müntefering steht vor den schwierigsten vier Wochen seiner politischen Laufbahn", sagt ein Berater der SPD. Es könnte auch sein, dass der Härtetest sehr viel länger dauert. Sein neues Arbeitsgebiet gilt als eines der schwierigsten in der neuen Bundesregierung. Er muss zuallererst das Erbe von Wolfgang Clement schultern - die dramatische Kostenexplosion durch die Hartz-IV-Gesetze. Zudem wird Müntefering künftig jeden Monat aufs Neue mit den Arbeitslosenzahlen in Verbindung gebracht werden. Beides sind keine Aufgaben, die ihm als Parteichef zusätzlichen Glanz verleihen dürften.

Auch in der Parteispitze gibt es Zweifel an Münteferings exekutiven Fähigkeiten. "Er hat doch schon als Verkehrsminister bewiesen, dass er's nicht unbedingt kann", sagt einer seiner Stellvertreter und erinnert an das Jahr 1999. Müntefering hat in diesen elf Monaten keine großen Fehler begangen, aber auch keine Spuren hinterlassen. Die "soziale Stadt" ist eine der wenigen positiven Erinnerungen, die ihm selbst geblieben sind.

"Müntefering wird kritisch beäugt", bekennt auch ein Vorständler aus dem deutschen Südwesten. Er lasse "zu viele Genossen im Unklaren und erweckt damit den Eindruck, als ob er keinem Menschen traue". Kaum ein Sozialdemokrat kann schlüssig beantworten, was Müntefering wirklich will, wofür er politisch steht. Verbürgt ist allenfalls seine Loyalität, und tatsächlich vollzog er während Schröders Regierungszeit alle Wendungen getreulich mit. Vor der Wahl 1998 hatte er als Vertrauter Lafontaines gegolten.

Er greift Themen beliebig auf - und lässt sie genauso schnell wieder fallen. Ausbildungsplatzabgabe, Mindestlohn, Heuschrecken-Debatte, das Demografie-Problem - alles thematisiert, alles angerissen, aber kaum eines politisch umgesetzt.

Stets war die Macht, die er für sich reklamierte, abgeleitete Macht. Als Bundesgeschäftsführer von Rudolf Scharping 1995 nach Bonn gelotst, von Oskar Lafontaine weiterbeschäftigt, von Gerhard Schröder 1999 zum Generalsekretär befördert und 2004 zum Parteichef gekürt. Er war zehn Jahre lang die Autorität an der Seite eines Größeren, dem er den Rücken freizuhalten und die Mehrheiten zu garantieren hatte.

Ein persönliches inhaltliches Profil entwickelte er dabei nicht. Müntefering widersprach Schröder selten. Und wenn er widersprach, drang es nicht nach außen.

Bis auf eine Ausnahme in den Tagen nach der Bundestagswahl. Schröder fiel der Abschied aus dem Kanzleramt schwer, aus seinem Kanzleramt, wie er fand. Schröder hoffte, Schröder klammerte - und wusste insgeheim doch: Die Wähler hatten eine neue Kanzlerin gekürt. Trotzdem Widerstand leisten? Auf die israelische Lösung drängen? Abschied und gleichzeitig Angela Merkel mit von der Bühne ziehen?

Müntefering spürte, dass Schröders Zaudern die SPD Sympathien kostete. Und getreu einer seiner liebsten Maximen ("Opposition ist Mist") wollte er die Option einer Großen Koalition nicht belasten.

Er ging dezenter vor als Herbert Wehner, der 1973 das Ende von Willy Brandt mit seiner Bemerkung in Moskau einleitete: "Der Herr badet gern lau." Aber auch Müntefering wurde aktiv. "Er hat am Ende aufs Gas getreten", sagt ein Spitzengenosse. Plötzlich und ohne Ankündigung war Ende September in drei auflagenstarken Zeitungen von einem möglichen "Vizekanzler Müntefering" die Rede.

Der Parteisoldat ins Kabinett? Schröder war überrascht, Steinmeier auch, ein Dementi aus dem Willy-Brandt-Haus blieb aus. Es war ein erster deutlicher Hinweis auf ein mögliches Ende der Kanzlerschaft von Schröder.

Der reagierte pikiert. Es sei ihm "nicht zumutbar, Verhandlungsmasse" zu sein, gab er zornig im Parteivorstand zu Protokoll, und "ich lass mich nicht zum Kasper machen".

Nun hat sich Müntefering zum Job in der Regierung entschlossen - ein bisschen aus Eitelkeit, denn Vizekanzler auf Augenhöhe mit Angela Merkel schien ihm am Ende doch zu verlockend. Nicht zuletzt trieb ihn aber auch eine besondere Charaktereigenschaft ins Kabinett - sein Misstrauen.

Denn nun rücken gleich mehrere Genossen in die Regierung ein, die einer anderen Tradition entstammen und ein anderes Politikverständnis mitbringen als Müntefering selbst: Peer Steinbrück als Nachfolger von Finanzminister Hans Eichel konnte er nicht verhindern, genauso wenig die amtierende Justizministerin Brigitte Zypries. Auf Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, der Außenminister werden soll, verpflichtete ihn Schröder (siehe Seite 26).

Insbesondere Steinbrück und Steinmeier sind Müntefering suspekt. Es sind Politiker mit reformerischem Ehrgeiz, es sind effiziente Verwalter, versierte Organisatoren, aber - aus Münteferings Sicht - ohne Empathie für die Partei. So viel verdächtige politische Wucht glaubt er aus der Nähe überwachen zu müssen.

Beim Frühstück am vergangenen Freitag im Berliner Grand Hotel Esplanade hat Steinbrück gute Laune, obwohl er den schwierigsten Ministerjob übernehmen wird. Finanzminister sind in Zeiten des Sparzwangs vielgehasste Männer. Steinbrück lacht oft, ein großes, häufig selbstironisches Lachen.

Wie kein anderer braucht er den Rückhalt der Kanzlerin. Hans Eichel hatte Schröder am Ende nicht mehr hinter sich und endete als hilfloser Ritter gegen die Windmühlen. Steinbrück hat das sehr genau beobachtet, dem Finanzressort galt immer sein Interesse. Er ist Experte, war Finanzminister in Nordrhein-Westfalen, bevor er Ministerpräsident wurde.

Er macht deutlich, dass er sich eine längere Amtszeit nur mit dem Rückhalt von Merkel vorstellen kann. Die Voraussetzungen dafür sind gar nicht so schlecht. Steinbrück hat Schröder bei der Agenda 2010 unterstützt, er hätte sich auch härtere Reformen vorstellen können.

Vergangene Woche umgaben ihn schon Gerüchte, er habe hinter geschlossener

Tür über harte Einschnitte räsoniert, darunter eine deutlich höhere Mehrwertsteuer. Die Linken in der SPD hören das gar nicht gern. Mit ihm könnte sich die Zahl von Merkels Verbündeten im Kabinett erhöhen: 4 von 15.

Der wohl mit Abstand schillerndste SPD-Vertreter in Merkels Kabinett ist Sigmar Gabriel. Er hat sich im Haus der Parlamentarischen Gesellschaft entspannt in einen Sessel gedrückt. Er ist so hübsch gebräunt wie nach einem großen Urlaub. Er kann gleichzeitig reden und SMS schreiben. Und er hat eine Krawatte umgelegt, deren feuriges Orange ganz laut "Hergucken!" schreit.

Die Mailbox seines Handys sei schon voll, seufzt er. So viele Anrufe, so viele Gratulationen und Bewerbungen. Es ist so schön, Minister zu werden. Für Sigmar Gabriel ist es aber auch gefährlich.

Der frühere Ministerpräsident von Niedersachsen ist ein Mann, der im Ruf steht, sich nicht allzu gut im Zaum halten zu können. Doch jetzt gibt er erst einmal den Geläuterten, der betont, dass sein Karriereknick zum großen Teil selbstverschuldet war, der sich ermahnt, Augen und Gedanken ausschließlich und mit großem Ernst auf die Aufgaben als Minister zu richten. Siggi der Brave, so will er ins Kabinett einziehen, wirklich, ganz ehrlich, unbedingt.

Der 46-Jährige gilt als eines der größten rhetorischen Talente in der SPD. Zugleich hängt ihm jedoch der Ruf an, ein "Themenhopper" zu sein, der sich in alle möglichen politischen Fragen einmischt - auch

wenn er davon nichts versteht. Noch im Wahlkampf lästerte Bundeskanzler Gerhard Schröder im kleinen Kreis über seinen einstigen Zögling aus Hannover: "Der läuft Gefahr, beliebig zu werden."

Müntefering schätzt Gabriels Talent, Menschen für Politik zu begeistern, weiß allerdings auch um seine Schwächen. Dennoch hat er sich entschieden, Gabriel eine Chance im Kabinett zu geben - schließlich gibt es nur wenige starke Nachwuchs-Genossen.

Gabriel will das Umweltressort zu einem Hightech-Ressort ausbauen, in dem gemeinsam mit der Wirtschaft über neue, ressourcensparende Technologien nachgedacht werde, sagt er.

Wenn er redet, klingt er immer ein bisschen nach Schröder, weniger inhaltlich als in der Wortwahl. Denn die ist deftig, der Sound der Straße schwingt mit. So hat sich der ganze Schröder ins neue Kabinett geschmuggelt, aufgeteilt auf drei Personen: Inhaltlich lebt er durch Steinbrück und Steinmeier fort, charakterlich durch Gabriel.

Trotz der Schröderisierung wird das Projekt Große Koalition von vielen Genossen mit Misstrauen beäugt. Kaum ein Sozialdemokrat kann sich bislang für das Bündnis mit der Union erwärmen. Zu groß sind die Verwundungen aus vergangenen Schlachten, zu tief sitzt die Furcht, von den langjährigen politischen Gegnern über den Tisch gezogen zu werden. "Der Wähler hat uns diese Zwangsheirat verordnet", klagt Fraktionsvize Ludwig Stiegler. "Was sollen wir denn sonst machen, wir armen Säue?"

In der Bundestagsfraktion denken viele Genossen ähnlich. Die Bereitschaft, sozialdemokratische Grundpositionen aufzugeben, ist dort nur sehr gering ausgeprägt. Die Abgeordneten sind es nach den Querelen um die Agenda 2010 leid, schon wieder an der Basis unangenehme Reformen und Einschnitte vermitteln zu müssen. Man sehnt sich nach einer Phase der inneren Konsolidierung. Weder der Linkspartei noch den Grünen soll die Möglichkeit gegeben werden, im Wählerrevier der SPD zu wildern.

Druck verspüren die Abgeordneten schon jetzt von den alten Freunden aus den Gewerkschaften. Die haben in den vergangenen Tagen bei vielen Abgeordneten lange Forderungskataloge für die Koalitionsverhandlungen hinterlegt.

So wird Merkels Spielraum von allen Seiten eingeengt. Noch ist nicht sicher, ob sie in der Fraktion der SPD mit breiter Unterstützung rechnen kann. Auch dort gibt es eine Menge Frustrierter.

Allen voran die Bildungs- und Forschungspolitiker sind enttäuscht, dass der Parteichef ihr Ministerium den Schwarzen überlassen hat. Der Sprecher der Bildungsexperten in der Fraktion, Jörg Tauss, ist gar so empört, dass er offen damit droht, dem SPD-Chef die Gefolgschaft zu verweigern. Wenn sich nach den Koalitionsverhandlungen keine sozialdemokratischen Positionen in der Bildungspolitik wiederfinden, werde er im Parlament "nicht für eine Regierung Merkel stimmen".

Unmut herrscht auch bei vielen Parteilinken. Sie fühlen sich in dem neuen Kabinett nicht ausreichend vertreten und verlangen zum Ausgleich mehr Posten in Fraktion und Partei. "Es muss dort Leute geben, die gegenüber dem Kabinett das eigenständige Profil der SPD vertreten", sagt Juso-Chef Björn Böhning. "In der Regierung Schröder hat man gesehen, was passiert, wenn sich ein Kabinett völlig von der Partei absetzt."

Das Gemurre dringt natürlich auch zu Müntefering. Er will deshalb versuchen, in den kommenden Monaten auch all jene besser einzubinden, die jetzt noch unzufrieden

sind. Ein wichtiger Verbündeter ist dabei für ihn der designierte Fraktionschef Peter Struck. Der verfügt durch seine langjährige Arbeit als Parlamentarischer Geschäftsführer und Fraktionsvorsitzender wohl über ausreichend Geschick und Erfahrung, um auch widerborstige Genossen einzubinden.

Außerdem ist der bisherige Verteidigungsminister bei den Genossen in allen Flügeln beliebt. Allerdings kann der 62-Jährige nach einem Schlaganfall nicht mehr lange reden. Ähnlich wie Kauder muss er vor allem nach innen Gefolgschaft organisieren. Und es kommt darauf an, dass die beiden gut harmonieren. Sie sind eines der wichtigen Paare der Großen Koalition.

Das andere bilden Merkel und Müntefering. Persönlich sind sie sich fremd geblieben. Müntefering verkörpert in Merkels Augen das westdeutsche Eckkneipenmilieu, wo man beim Pils von den alten Zeiten schwärmt und darüber die Zukunft vergisst. Er wiederum hält Merkel für eine Vertreterin der McKinsey-Generation, die das Land allein nach Effizienzgesichtspunkten organisieren will.

Auf der Arbeitsebene scheint ein ordentliches Verhältnis möglich. Merkel glaubt, dass Müntefering Vereinbarungen einhält und auch schweigen kann, wenn Dinge mal nicht öffentlich werden sollen. Müntefering respektiert Merkels Durchsetzungsfähigkeit. Sie kann seiner Einschätzung nach liefern, was sie verspricht. Das ist ihm wichtig.

Wesentlich besser versteht sich der SPD-Vorsitzende mit Edmund Stoiber. Die beiden saßen gemeinsam der Föderalismuskommission vor und haben sich dort als Pragmatiker schätzen gelernt. Sie eint die Abneigung gegen radikale Reformen. Sie haben die gleichen politischen Schlachten geschlagen, wenn auch meist gegeneinander. Merkel kommt dagegen aus einer anderen Welt.

Diese Achse könnte ihr das Leben schwer machen. Müntefering wird versuchen, mit Stoiber Dinge durchzusetzen. Der wird sich dafür nur zu gern einspannen lassen. Schon während der Sondierungsgespräche wurde in seinem Umfeld der Eindruck erweckt, die eigentlichen Verhandlungen führten Müntefering und Stoiber abseits der offiziellen Runden. Wenn es darum geht, sich selbst in Szene zu setzen, war ihm meist jedes Mittel recht. Wenn es auf Kosten Merkels geht, umso besser.

Das sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kanzlerschaft. Merkel wird viel Geschick brauchen, um ihre Vorstellungen zu verwirklichen. Vom Programm, das sie zur Reformkanzlerin machen sollte, ist ohnehin wenig geblieben.

Schon bevor die ersten Sondierungsgespräche begannen, gaben ihre Parteifreunde die wichtigsten Positionen des Wahlkampfs auf.

Niemand setzte sich jetzt mehr für Steuersenkungen ein, die Kopfpauschale wurde kurzerhand für unnötig erklärt, und die geplanten Eingriffe in die Tarifautonomie sollte es plötzlich nicht mehr geben.

Selbst beim Kündigungsschutz sollen jetzt allenfalls kleinere Korrekturen denkbar sein. Fraktionsvize Wolfgang Bosbach klagt: "Wir müssen aufpassen, dass wir am Ende nicht eine sozialdemokratische Regierung unter einer Kanzlerin Merkel bekommen."

Was vorher war, ist vergessen. Die Reformen liegen nun in den Händen der Unterhändler, die ausloten, was noch möglich ist. Auf der Suche nach dem Gemeinsamen steht die Sanierung Deutschlands nicht mehr an erster Stelle. Es geht darum, zunächst Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Das wird schwer genug.

Ob dann eines Tages die Reformerin Merkel wieder in den Vordergrund tritt und mit ihrem Kabinett umsetzt, was sie sich vorgenommen hat, ist ungewiss und nicht einmal besonders wahrscheinlich.

Doch was Beharrungskräfte angeht, hat sie immerhin ein Vorbild in der eigenen Familie. Vergangene Woche las Merkel ein Porträt ihres Mannes in der "Süddeutschen Zeitung". Ein Reporter hatte versucht, mit dem notorisch scheuen Joachim Sauer ein Gespräch zu führen. Das war ihm, wie allen anderen, nicht gelungen. So wurde Sauer aus der Distanz beschrieben. Merkel hat das Stück gefallen, vor allem, dass Sauer als Mann mit Prinzipien dargestellt wird, sagt sie.

Dass er unbeirrt seinen Weg geht, sich an seine Prinzipien hält, stur und beharrlich ist, das mag sie an ihrem Mann.

DIRK KURBJUWEIT; MARC HUJER,

HORAND KNAUP, ROLAND NELLES, RALF NEUKIRCH, RENÉ PFISTER, CHRISTOPH SCHULT

Angela Merkel am 13. Juli:

"Eine Große Koalition wird es nicht geben."

Am 10. Oktober:

"Ich freue mich darauf."

Franz Müntefering am 18. September:

"Dieses Land will Frau Merkel nicht als Kanzlerin."

Am 10. Oktober:

"Wir wollen uns bemühen, und wir wollen dazu beitragen, dass es eine Große Koalition gibt, eine stabile Regierung - eine Regierung, die angelegt ist auf vier Jahre, eine Regierung, die sich den Herausforderungen dieses Landes stellt."

Gerhard Schröder am 18. September über Merkel:

"Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner Sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Machen Sie sich gar nichts vor."

Am 12. Oktober über eine Große Koalition unter Merkel:

"Ich will sie wirklich unterstützen, mit allen Kräften, die ich habe. Und das ist jetzt nicht als Drohung gemeint."

Edmund Stoiber am 26. August:

"Eine Große Koalition in der jetzigen Lage wäre schlecht fürs Land."

Am 10. Oktober:

"Eine große Chance zur Erneuerung des Landes."

NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) am 23. August über eine Große Koalition:

"Es ist keine kluge Entscheidung, weil das eine Stillstandskoalition wäre."

Am 12. Oktober:

"Wir haben uns verabredet auf vier Jahre. Ich vertraue darauf, dass das so kommt."

Ludwig Stiegler am 28. September:

"Diese Frau wird nicht mit den Stimmen der SPD gewählt werden. Sie steht gegen alles, was die SPD seit 1893 anstrebt."

Am 11. Oktober:

"Wenn wir denn einen Koalitionsvertrag aushandeln können, werde ich vertragstreu sein."

* Mit dem Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe in Berlin, Michael Glos.* Mit dem CDU-Abgeordneten und designierten Bundestagspräsidenten Norbert Lammert.* Mit dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein.

DER SPIEGEL 42/2005
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