Von Bornhöft, Petra; Hammerstein, Konstantin von; Traufetter, Gerald
Auch im Berliner Bundesgesundheitsministerium werden die aktuellen Nachrichten zur Kenntnis genommen. Interessiert zwar, aber unbeteiligt. Über 1800 tote Truthähne im Nordwesten der Türkei, die von der Vogelgrippe dahingerafft wurden? "Ach", sagt die Sprecherin von Ressortchefin Ulla Schmidt gutgelaunt, "der Vogel ist immer noch ein Tier, und wir sind für Menschen zuständig." Und als sich zwei Tage später der Verdacht bestätigt, dass es sich um die besonders gefährliche Variante der Vogelseuche handelt: "Es bleibt dabei - der Vogel ist ein Tier."
Voll heiterer Gelassenheit lässt die erneut auserkorene Gesundheitsministerin in diesen Tagen verbreiten, dass sie sich für alles Mögliche zuständig fühlt, nur nicht für die Vogelgrippe. Ulla Schmidt sieht andere in der Pflicht: Das Agrarministerium, weil es ja um Tiere gehe, die Fachleute des bundeseigenen Robert-Koch-Instituts (RKI), weil sie für die Gefahrenanalyse zuständig seien, und schließlich die Bundesländer, die den Infektionsschutz verantworteten. Nur eine habe mit der ganzen Sache nichts zu tun: sie selbst.
In Asien sind mehr als 60 Menschen an der Krankheit gestorben. Und seit vergangenem Donnerstag ist amtlich, dass sich das gefährliche Virus bis auf 1500 Kilometer an Deutschland herangearbeitet hat. Überall in Europa tagen die Krisenstäbe, in Frankreich lässt die Regierung 600 Millionen Einwegschutzmasken kaufen, die EU-Kommission empfiehlt eine Stallpflicht für freilaufendes Geflügel in Risikozonen - doch in Deutschland verheddern sich die Behörden in einem zähen Bürokratenkrieg zwischen Bund und Ländern um Zuständigkeiten, Geld und Verantwortung.
Dabei wissen alle Beteiligten, dass im Ernstfall die Reaktionszeit nur wenige Tage beträgt. Verändert sich das Virus so, dass es auch von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, ist der Kreis der Infizierten schnell größer, als dass die Seuche allein mit Quarantäne zu beherrschen wäre. In einem Pandemieplan, den Bund und Länder in den letzten Monaten aufgestellt haben, sind dann als nächste Stufe antivirale Medikamente wie das Grippemittel Tamiflu vorgesehen, gegen das allerdings nach neuesten Erkenntnissen ein isolierter Virusstamm bereits resistent war.
"Der Wirkstoff ist so wichtig, weil wir in der ersten Welle einer Pandemie noch keinen Impfstoff haben", sagt Johannes Löwer, Chef des Paul-Ehrlich-Institutes, das in Deutschland Vakzine zulässt. In den Notfallbeständen sollte sich den Experten zufolge Tamiflu für 20 Prozent der Bevölkerung befinden, doch tatsächlich ist es sehr viel weniger. Mit etwa 33 Euro pro Packung ist der Stoff so teuer, dass die Länder seit Monaten schon den Bund drängen, zumindest einen Teil der Kosten zu übernehmen.
Bayerns Gesundheitsminister Werner Schnappauf reiste bereits im Frühjahr im Auftrag der Länder-Gesundheitsminister nach Berlin: Allein für Medikamente brauche man etwa hundert Millionen Euro, schließlich handle es sich um eine "nationale Bedrohung". Doch die stets gutgelaunte Ulla Schmidt blieb hart: "Ja, lieber Herr Schnappauf, was meinen Sie, was mein Finanzminister sagt, wenn ich hundert Millionen für Medikamente haben will, wo ich doch gar nicht zuständig bin?" Frustriert reiste der Gast aus München wieder ab.
Auch der Vorstoß der damaligen SPD-Gesundheitsministerin Birgit Fischer aus Düsseldorf ("Ulla, wir machen halbe-halbe") scheiterte. Nach monatelangem Tauziehen beschlossen die 16 Länderminister Ende Juni, jeweils Einzelverträge mit Pharmaunternehmen abzuschließen. Doch das Geld- und Kompetenzgerangel führt dazu, dass bis heute nicht klar ist, wie viel Medikamente in Deutschland eingelagert sind. Nach groben Schätzungen reichen die Vorräte für neun Prozent der Bevölkerung. Niemand, nicht einmal das Robert-Koch-Institut, weiß, wie groß die Bestände sind - die Bundesländer mauern.
Und so drohen im Seuchenfall Verteilungskämpfe. Wer gibt wem was ab, in welchem Bundesland steht das Lager? Würde etwa Schleswig-Holstein Thüringen helfen, wenn die Seuche in Jena ausbräche? Bayern und Nordrhein-Westfalen haben derzeit die größten Bestände. Aber "welcher Ministerpräsident würde einem Kollegen etwas abgeben?", kritisiert RKI-Chef Reinhard Kurth die Kleinstaaterei im Seuchenkampf.
Längst decken sich viele Bürger privat mit Tamiflu ein. Sie befürchten das
Schlimmste, nachdem Virologen, Epidemiologen und Veterinäre seit Monaten schon für ein Wechselbad zwischen Angst und Beschwichtigung sorgen. Einerseits betonen sie, dass es immer noch um eine Tierseuche gehe. Andererseits malen sie das Horrorgemälde einer Pandemie pestartigen Ausmaßes an die Wand.
Bislang handelt es sich tatsächlich nur um ein Wenn-dann-Szenario - wobei das "Wenn" nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft viel wahrscheinlicher geworden ist. Der Geflügelpest-Erreger, der in türkischen Truthähnen diagnostiziert wurde, ist vom Subtyp H5N1. Puten und Hühner reißt der Keim binnen weniger Tage in den Tod.
Im Gegensatz zu anderen Vogelgrippe-Typen springt dieser Erreger aber auch auf andere Arten über, und das ist es, was die Virologen bekümmert. Tiger und andere Katzenarten sind an dem Virus in Asien krepiert. Auch Schweine haben sich bereits angesteckt. Von den etwa 120 Menschen, die sich nachweislich infizierten, ist gut die Hälfte gestorben - eine verstörend hohe Letalität.
Alle von der Vogelgrippe heimgesuchten Menschen haben sich bisher direkt an krankem Geflügel angesteckt. Sie müssen also hohen Mengen des Erregers ausgesetzt gewesen sein - das lässt den Schluss zu, dass sich das Virus noch nicht ausreichend gut an den Menschen angepasst haben kann.
Bislang glaubten die Forscher, eine solche tödliche Anpassung könne sich vor allem ereignen, wenn sich ein Vogelgrippe-Erreger mit einem menschlichen Grippevirus vereint, wie es 1957/58 und 1968/69 geschah, als zusammengenommen mindestens zwei Millionen Menschen starben.
Doch seit wenigen Wochen wissen die Forscher, dass es noch einen zweiten Weg gibt, auf dem eine Supergrippe entstehen kann. Es reichen auch einige Mutationen im Erbgut des Vogelgrippe-Erregers für dessen Durchmarsch durch die Weltbevölkerung. Das ergab die Rekonstruktion des Erregers der Spanischen Grippe von 1918/19, die über 20 Millionen Menschen tötete. "Wir brauchen die bestmögliche Überwachung bei Mensch und Tier", fordert deshalb der amerikanische Virologe Jeffrey Taubenberger.
Die Botschaft hat mittlerweile auch die Deutschen erreicht, doch wiederum behindern Geld- und Kompetenzgerangel eine wirksame Kontrolle. Am vergangenen Mittwoch bat der grüne Staatssekretär Alexander Müller vom Berliner Verbraucherschutzministerium die zuständigen Kollegen aus den Ländern zum Krisengipfel nach Bonn. Schnell war sich die Runde einig, dass die größte Gefahr von illegaler Fleischeinfuhr ausgehe. Deshalb seien "Maßnahmen zum Unterbinden illegaler Importe dringend erforderlich", heißt es in der neunseitigen Vorlage der Experten des bundeseigenen Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit.
Doch an den Kontrollen mangelt es. Der Bund verweist auf die Zuständigkeit der Länder, die aber beklagen, dass ihnen das Geld für das nötige Personal fehle. Allein auf dem Frankfurter Flughafen treffen jeden Tag etwa 10 000 Reisende aus den asiatischen Ländern ein, in denen das Vogelgrippe-Virus bereits verbreitet ist. Aber nur die wenigsten Menschen werden in Frankfurt tatsächlich kontrolliert.
"Wir überprüfen mit Stichproben fünf bis zehn Maschinen pro Woche", sagt eine Sprecherin des Hauptzollamtes am Flughafen. Seit Freitag vergangener Woche wird zusätzlich täglich eine Maschine aus den sensiblen Regionen einem "Voll-Check" unterzogen: "In Anwesenheit eines Tierarztes wird jeder Koffer geöffnet."
Dabei werden die Kontrolleure stets fündig. In den 19 Maschinen, die zwischen dem 6. September und dem 6. Oktober in Frankfurt inspiziert wurden, konfiszierten Zöllner und Tierärzte 826 Kilo illegale Importware. Ein Fluggast aus Hongkong hatte rohe Eier im Handgepäck, Chinesen aus Shanghai Entenfüße, Zungen und Pekingenten verstaut.
Bei einem Flug aus dem kasachischen Almaty entdeckten die Kontrolleure neben einem Hundewelpen auch 65 Kilogramm Speck, Wurst, Pasteten und eingekochtes Schweinefleisch.
Drei halbe Enten und ein halbes Spanferkel konfiszierten die Beamten bei Passagieren aus Hanoi und Bangkok.
Alarmiert forderte das Berliner Verbraucherschutzministerium die Bundesländer auf, an den Flughäfen verschärfte Kontrollen vorzunehmen. Doch die fühlen sich überfordert. In Frankfurt, Deutschlands größtem Luftkreuz, gibt es gerade einmal 250 Zöllner und 16 Tierärzte, die an sieben Tagen 24 Stunden lang Reisegepäck, Frachtgut und Luftpost vor allem auf illegale Fleischimporte überprüfen sollen. Die Zustände dort seien "besonders besorgniserregend", heißt es in dem internen Entwurf eines Prüfberichts der Europäischen Kommission. "Noch haben wir ja keine Krise", tröstet sich Hubertus Brunn, als Direktor des Hessischen Landeslabors verantwortlich für die tierärztlichen Grenzkontrollen.
Doch in Teilen der Bevölkerung ist die Sorge längst in Hysterie umgeschlagen. In Hennigsdorf bei Berlin wurde aus Angst vor Killerviren die Polizei gerufen, nachdem sich eine Taube im Hausflur verirrt hatte. Gleichzeitig sind die Behörden nicht in der Lage, die einfache Frage zu beantworten, ob man auf den Wochenmärkten zwischen Flensburg und Passau unbedenklich ein Suppenhuhn kaufen könne. Denn "für die Lebensmittelkontrolle sind die Länder zuständig", heißt es im Haus des grünen Interims-Verbraucherschutzministers Jürgen Trittin.
Dieses föderale Durcheinander sei "aus Verbrauchersicht nicht länger hinnehmbar" klagt Edda Müller, Chefin des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Angesichts des globalisierten Handels und internationaler Seuchengefahren müsse der Bund mehr Kompetenzen bei Vorsorge und Kontrolle bekommen.
Daran arbeiten die Bayern. Die Münchner Staatsregierung bereitet eine Initiative im Bundesrat vor. "Pandemie-Vorsorge gehört in die Verantwortung des Bundes", sagt Minister Schnappauf. Der Furcht seiner Berliner Amtskollegin Ulla Schmidt vor zusätzlichen Ausgaben setzt Schnappauf als Vorschlag entgegen: "Die gesetzlichen Kassen und privaten Versicherungen sollen die Bevorratungskosten für Medikamente tragen." Und der CSU-Mann ist optimistisch, dass er sich damit in Berlin durchsetzen kann. "Wann, wenn nicht jetzt? Wir sind doch neuerdings politische Partner." PETRA BORNHÖFT,
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,
GERALD TRAUFETTER
DER SPIEGEL 42/2005
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