DER SPIEGEL



STRAFJUSTIZ

Irgendwann bringt er mich um

Von Friedrichsen, Gisela

Stalking betrifft nicht nur Prominente und ist nicht immer harmlos: In Bremen wurde ein Ehemann zu 13 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, der seine Frau nach monatelanger Verfolgung ermordet hatte. Von Gisela Friedrichsen

Corinna Masses* Leben dauerte nur 39 Jahre. Es endete am 7. März dieses Jahres kurz vor zehn Uhr vormittags auf dem Flur der Büroetage eines großen Bremer Hotels. Dort, im stets unverschlossenen Sanitätsraum, hatte Ehemann Michael ihr aufgelauert. Und als sie nichtsahnend mit einer Thermoskanne den Flur entlangkam, um dem Hoteldirektor Tee zu bringen, trat er heraus und stach auf sie ein. Vierzehnmal.

Nach der Rekonstruktion der Rechtsmediziner trafen sie die ersten, tiefen Stiche von hinten. Sie schrie kurz auf und sank dann röchelnd zusammen. Wieder und wieder drang das Messer, zum Teil mit äußerster Gewalt geführt, in sie ein. Ihr Herzbeutel wurde aufgeschlitzt, das Brustbein komplett durchtrennt.

Kollegen liefen herbei - und flüchteten sofort, als sie sahen, was da geschah. Ein junger Hotelangestellter brüllte den ihm unbekannten Mann an, der da über oder auf Corinna kniete, was er denn mache, er solle aufhören. Da erst hielt dieser inne, er-

hob sich und verließ den Tatort. Auf einem Überwachungsvideo ließ sich später beobachten, wie er aus dem Hotel ging. Er rannte nicht, er ging.

Anschließend fuhr er nach Hause, um den neunjährigen Sohn und die fünfjährige Tochter aus Schule und Kindergarten zu holen. Als ihm das nicht gelang, fuhr er zur Bank wegen eines Kredits über 20 000 Euro: Er wolle sich einen Zweisitzer kaufen, er sei ja jetzt Single. Kurz darauf wurde er festgenommen.

Michael Masse*, 41, hat an jenem Vormittag seinen Kindern nicht nur die Mutter für immer genommen - sondern den Vater obendrein. Denn ob sie noch jemals Kontakt zu ihm werden haben wollen, ist höchst ungewiss. Die 6. Strafkammer des Landgerichts Bremen als Schwurgericht mit dem Vorsitzenden Harald Schmacke, einem Mann von bewundernswertem Einfühlungsvermögen im Umgang mit Zeugen und unbestechlichem Gespür für falsche Töne, verurteilte ihn am Mittwoch wegen Mordes, begangen im Zustand erheblich verminderter Steuerungsfähigkeit wegen einer schweren "Anpassungsstörung", zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren. "Eine lebenslange Freiheitsstrafe wäre angebracht, die Tat schreit geradezu danach", hatte der Staatsanwalt zuvor in seinem Plädoyer gesagt und bedauert, dass er sich mangels Kompetenz nicht über die Befunde der Psychiaterin und des Psychologen hinwegsetzen könne, die bei Masse den schuldmindernden Paragrafen 21 Strafgesetzbuch nicht ausgeschlossen hatten. Bei ihnen kann sich Masse bedanken.

Hat es so kommen müssen? Signale - unüberhörbare, beängstigend deutliche - gab es in Fülle. Fehlverhalten, Fehleinschätzungen, Schlamperei und Ignoranz gleichermaßen. Der Mord an Corinna Masse lässt sich nicht mit dem abgegriffenen Argument erklären, man hätte nur das Instrumentarium anwenden müssen, das reichlich zur Verfügung steht. Er offenbart beispielhaft einen Zustand, der dringenden Anlass zur Frage gibt, was denn noch alles passieren muss, ehe etwas geschieht.

"Der Fall hat nicht nur großes Leid über eine Familie gebracht", sagte Richter Schmacke in der Urteilsbegründung, "er hat auch die Bevölkerung erheblich beunruhigt

- und die Kammer deutlich berührt." Richter sind keine Rechtsanwendungsroboter, sondern Menschen. Was ihnen und auch den anderen Prozessbeteiligten hier an professioneller Neutralität und Sachlichkeit abverlangt worden war, überstieg jedes Normalmaß.

Denn dieser Angeklagte, ein unglücklicher Mensch, nahm nicht für sich ein. Er überzeugte nicht. Seine Weinerlichkeit, die taktischen Versuche, sich über unangenehme Fakten wegzuschwindeln, schreckten ab. Sein Lebenslauf - eine Kette von großenteils selbstverschuldeten Missgeschicken. Sein Egoismus, sein Selbstmitleid, dieses "ich, ich, ich". Er leidet. Aber nicht, weil die Frau tot ist, sondern weil er sich "nicht daran gewöhnen kann, sie getötet zu haben". Er leidet daran, dass er jetzt leiden muss. Die tote Frau - es schien zuweilen, als schiebe er ihr mehr denn je die Schuld zu für seine Missempfindungen. Was hat sie nur aus ihm gemacht.

Nach einem "schlechten" Abitur fing er seinerzeit an, Geografie zu studieren. Dann probierte er es kurzzeitig mit Jura. "Doch ich war nicht sehr erfolgreich, da es an letzter Entschlossenheit fehlte. Denn der Zugang zu der theoretischen Materie blieb mir eher verschlossen." Er vertrödelt viel Zeit, jobbt, statt zu studieren.

Als Nachtportier lernt er Corinna kennen, die bereits erfolgreich als Hotelfachfrau arbeitet. Sie überredet ihn zu einer Ausbildung zum Speditionskaufmann und bestreitet währenddessen beider Lebensunterhalt. 1993 heiraten sie. Er schließt die Ausbildung mit "sehr gut" ab und bekommt eine erste Stelle in den USA. Corinna ist begeistert.

Obwohl sie inzwischen Karriere gemacht hat, hängt sie 1995 ihren Beruf an den Nagel und folgt Michael nach Texas. Sie ist im fünften Monat.

Was damals in den jungen Ehemann gefahren war, als er eine Kollegin am Arbeitsplatz fragte, ob sie "faked tits" habe, falsche Brüste also, weiß der Himmel. Das prüde Amerika schickte den seltsamen Berufsanfänger jedenfalls dankend in die Heimat zurück. "Ich habe mich sehr geschämt, dass unsere Existenz wegen einer leichtfertigen Bemerkung zusammengebrochen war", sagt er vor Gericht. Seitdem war es nie mehr wie zuvor.

Das erste Kind, ein Junge, wird geboren. Masse findet einen Job bei einer kleineren Spedition in Bremen. Er wechselt die Arbeitgeber, das Speditionsgewerbe ist im Umbruch, die Anforderungen wechseln und steigen. Man kündigt ihm betriebsbedingt oder weil man nicht zufrieden ist mit ihm. Eine Tochter wird geboren. Vorübergehend ist er arbeitslos. Die Jobsuche wird schwieriger, die Bewerbungen belasten. Corinna arbeitet wieder im Hotel: Das Risiko, sich auf den Mann zu verlassen, ist ihr zu hoch.

Nur wenige Freunde wissen, was hinter der Fassade vorgeht. Eine Zeugin berichtet vor Gericht von ständigem Geldmangel, von "Existenzängsten" Corinnas einerseits und Michaels ständiger "Unzufriedenheit mit seinem Leben" andererseits. "Er hing an Statussymbolen. Er kaufte ein Fahrrad für 5000 Mark, er spielte Golf, schaffte ein Pferd an", erinnert sich die Freundin. Corinna ließ ihn, um des lieben Friedens willen. Wenn er sich nur mit etwas beschäftigt.

Masse findet eine neue Stelle in Bremerhaven. Das Pendeln, der Chef, die Kollegen, die Verantwortung, das Büro, die Luft, der Stress. Er arbeitet zu langsam, kommt nicht klar: "Ich konnte meinen sportlichen Aktivitäten nicht mehr nachgehen, joggen, die Sauna besuchen. Das führte zu einer Verschärfung. Ich fing an, Geräusche zu hören, Taubheitsgefühle stellten sich ein", sagt er über diese Zeit.

Eine Zeugin: "Ich meine, es war Anfang 2003. Corinna wurde fast wahnsinnig, weil er nächtelang durch die Wohnung lief. Er schaffte den Beruf nicht. Er tat nichts im Haushalt. Sie musste mit den zwei kleinen Kindern alles allein managen. Trotzdem versuchte sie, das Beste daraus zu machen. Er dagegen war nicht mal in der Lage, mit seiner Freizeit etwas anzufangen. Corinna hat das krank gemacht. Ich fragte sie oft, warum sie sich nicht von diesem Mann trenne. 'Ich habe zwei Kinder mit ihm', hat sie geantwortet."

Dann kommt sie dahinter, dass es eine andere Frau gibt. "Das brachte das Fass zum Überlaufen", berichtet die Zeugin. Masse habe sich trennen wollen von seiner Frau. "Sie erbat sich noch Bedenkzeit. Er wollte sich trennen - aber nicht ausziehen. Er bekam es nicht auf die Reihe, sich eine eigene Wohnung zu nehmen." An seinem 40. Geburtstag im Juli 2004 verkündet er der Familie den Trennungsentschluss.

Die Freundin springt ab, er ging ihr mit seinem bedrängenden Verhalten auf die Nerven. Von da an spitzt sich die Situation zu. Es beginnt, was in der Kriminologie Stalking (englisch: anpirschen, auflauern) genannt wird. Opfer sind Corinna, die Kinder, die Freunde, die Familienangehörigen. Masse weist dies noch heute von sich. Corinna sei schließlich seine Frau gewesen. Es klingt, als sei er noch immer davon überzeugt, dass man mit der "eigenen Frau" machen könne, was man will. Sein Trennungsentschluss sei überdies nicht ernst gemeint gewesen.

Es folgen nächtelange Diskussionen, Telefonate über Stunden. Er lässt Corinna nicht aus den Augen, verfolgt sie bis auf die Toilette.

Er durchsucht ihre Taschen, überwacht jeden ihrer Schritte. Seine Unzufriedenheit mit sich wandelt sich in Eifersucht auf die Frau, die mit dem Leben besser zurechtkommt als er, obwohl er es ihr so schwer wie möglich macht. Dann Wut und Hass. Denn nun hat sie genug von ihm.

Ende Oktober sagt er zu Verwandten: "Am besten wäre Corinna tot." Mitte November verlässt er die eheliche Wohnung. Von da an geht es Schlag auf Schlag.

Telefonterror Tag und Nacht. Drohungen per Kurzmitteilung: "Ich will, dass du Angst hast." Er schleicht sich in die Wohnung, lauert ihr auf, geht auf sie los, redet wirr vom Umbringen. Neunmal muss die Polizei einschreiten, er wird mehrfach angezeigt (Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, Sachbeschädigung). Sie weiß nicht mehr aus noch ein. Wo ist er? Was hat er vor? Was tut er uns als Nächstes an? Er steigt durchs Dachfenster ein. Er überfällt sie am Auto und zerrt sie mit Gewalt in einen nahen Park: "Ich will, dass du mich liebst."

Zweimal versucht sie, durch eine geheime Telefonnummer etwas Ruhe vor ihm zu bekommen - umsonst. Sie will mit den Kindern an die Ostsee - er kommt dahinter und verfolgt sie. Sie wagt nicht mehr, die Vorhänge zu öffnen. Immer wieder Drohungen. Er verbirgt sich unter dem Küchenfenster und hört mit, mit wem und was sie spricht. Sie ist fortwährend in Panik, auf dem Sprung. Freunde versuchen, sie und die Kinder zu schützen. Es nützt nichts. Sie zieht um. Vergebens: Er muss ja nur seinen Sohn auf dem Weg von der Schule nach Hause beobachten, um zu erfahren, wo sie wohnt.

Von November 2004 an ist er in ärztlicher Behandlung. Zwei Tage stationär, dann entlassen, hin und her überwiesen. Sein Bruder bringt ihn zu einem Psychiater, wieder Krankenhaus, diesmal für vier Wochen. Das Therapieprogramm dort lehnt er ab. Bastelstunden hülfen ihm nicht, und die Sporttherapie sei für ihn als Leistungssportler schon gar nichts. Sein Leiden sei schließlich "das schlimmste". Ausgänge nutzt er zu "Besuchen" bei Corinna. Am 31. Dezember verlässt er die Klinik auf eigene Faust. Es wird nach ihm gefahndet, er soll eingewiesen werden - was scheitert, heilige Bürokratie, weil er das anordnende Bundesland verlassen hatte. Mehrfach gelingt es ihm, Ärzte und Richter zu überzeugen, dass er niemandem etwas antun wolle. Er könne nicht verstehen, warum sich Corinna bedroht fühle, versichert er. Eine Zeugin: "Er war besessen, es zu tun. Er hatte einen eindeutigen Vernichtungswillen ihr gegenüber."

In den Kliniken, sagt er vor Gericht, habe er sich nicht wohl gefühlt. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich in meinen Bedürfnissen verstanden werde. Ich befand mich im Zustand absoluter Hilflosigkeit und unerträglicher Spannungen." In Hamburg, an seiner neuen Arbeitsstelle, wollte er nicht leben: "Ich war nicht mehr in der Lage, mich selbst zu versorgen. Ich fühlte mich existentiell bedroht. Der Wunsch wurde immer stärker, mit meiner Frau zu sprechen. Ich wollte unbedingt wieder in diesen Zustand der Geborgenheit zurück."

Corinna Masse versichert im Januar und Februar 2005 viermal eidesstattlich, was ihr und den Kindern unablässig zugefügt wird. Den Dokumenten ist die ganze Ausweglosigkeit der Situation zu entnehmen. Sie erwirkt beim Amtsgericht Verden den Beschluss, dass der Mann sich ihr und den Kindern bis auf höchstens 50 Meter nähern und die Wohnung nicht betreten darf. Sie tut das Menschenmögliche, um seinen Nachstellungen zu entgehen. Doch er ignoriert jede Auflage. Das Entsetzen packt Corinna und ihre Familie, als ihm ein Familienrichter erlaubt, die Kinder alle 14 Tage zu sehen. Es gab keine Hilfe. "Irgendwann bringt er mich um", sagt sie immer wieder.

Im Prozess vor dem Bremer Landgericht stand der Hamburger Anwalt Wolf Römmig der Familie aufs Nobelste bei. Zum bedrückenden Höhepunkt gerät der Zeugenauftritt von Corinnas Bruder. Was er über die Todesahnungen und Todesängste seiner Schwester in jener Zeit berichtete und die qualvollen Angstzustände der Kinder, wie er die Hoffnungslosigkeit der Familie beschrieb, trieb Tränen in die Augen. Der Vorsitzende unterbrach die Sitzung.

Im Februar fragt Masse einen Türken in einem Bremer Café nach einer Schusswaffe, möglichst mit Schalldämpfer, er wolle seine Frau umbringen. Der Türke hält ihn hin. Masse drängt und droht, fragt, ob er einen Killer wisse, 10 000 Euro wäre ihm die

Sache wert. Der Türke wendet sich eine Woche vor der Tat an die Polizei. Seine Angaben mit Namen und Telefonnummer Masses wurden sofort in einem Vermerk "Hinweis über geplantes Tötungsdelikt" an die Bremer Mordkommission gefaxt. Und dort abgelegt. Ausgerechnet Bremen, Spitze des Fortschritts, wo es seit 2001 Stalking-Beauftragte gibt.

Es lässt sich gewiss darüber räsonieren, dass die besten Gesetze nichts nützen, wenn solche Pannen geschehen. Dennoch: Stalking, die fortgesetzte Belästigung und Bedrohung einer Person gegen deren Willen, ist nicht harmlos und in der mobilen Kommunikationsgesellschaft ein unkontrollierbares Betätigungsfeld für Fans von Schauspielern ebenso wie für hasserfüllte oder von krankhaftem Wahn, von Rachsucht, verletzter Eitelkeit oder erotischen Manien besessene Verfolger nichtprominenter Personen. Der Tötung von Frauen etwa geht laut Statistik häufig Stalking durch den langjährigen Partner voraus.

Das Phänomen ist inzwischen politischer Debattierstoff. Es gibt einen Gesetzentwurf, der vom Bundesrat als "völlig unzureichend" verworfen wurde. Geld- oder Freiheitsstrafen, die Monate später gegen Täter verhängt werden - Pappschwerter im Kampf gegen Besessenheit. Rasche Intervention ist nötig. Wer sich im Gerichtssaal hartnäckig danebenbenimmt, bekommt Ordnungshaft aufgebrummt und wird sofort abgeführt. So etwas wirkt durchaus.

Noch einmal zum Vorsitzenden Schmacke. Er spürte die Unruhe der Angehörigen nach dem Urteilsspruch und wie mancher zu rechnen begann, wann Masse wieder in Freiheit kommen werde. Ist er wirklich nicht mehr gefährlich, wie die Sachverständigen sagen? Sind die Kinder später sicher vor ihm? Nach der Urteilsbegründung gingen die Richter auf die Ratlosen zu und setzten sich mit ihnen zusammen. Manchmal, viel zu selten, wird die Justiz doch den Menschen gerecht.

* Name von der Redaktion geändert.* Anna Kurnikowa, Brad Pitt, Jeanette Biedermann.

DER SPIEGEL 42/2005
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