DER SPIEGEL



Klüger werden mit:

Markus Breitscheidel

Der 36-jährige Autor über seine Undercover-Recherche als Altenpfleger

SPIEGEL: Ein Jahr lang haben Sie als Pfleger in verschiedenen deutschen Altenheimen undercover recherchiert - gerade kam Ihr Buch "Abgezockt und totgepflegt" heraus. Wie sieht es aus in den Heimen?

Breitscheidel: Furchtbar. Die Patienten werden gewaschen und gefüttert, für mehr bleibt keine Zeit. Ich habe Bewohner gesehen, die auf den Fluren um Hilfe schrien und sich auf den Boden warfen. Aber an Stelle von Aufmerksamkeit bekamen sie eine Dosis Valium. 10 000 Menschen sterben pro Jahr in deutschen Heimen, weil sie nicht ausreichend gepflegt werden.

SPIEGEL: Wer ist schuld an diesen Verhältnissen?

Breitscheidel: Ein verkrustetes Pflegesystem kombiniert mit skrupellosen Heimleitern, die das System auf Kosten der Patienten und Pfleger ausnutzen. Ein Beispiel ist das Stufenmodell, bei dem die Patienten je nach Pflegebedürftigkeit eingeteilt werden: Je kränker sie sind, desto mehr Geld erhält das Heim; dies führt absurderweise dazu, dass die Hei- me mit verwahrlosten Bewohnern am meisten verdienen.

SPIEGEL: Werden die Heime nicht kontrolliert?

Breitscheidel: Viel zu wenig. Ich habe Kontrollen erlebt, die im Voraus angekündigt worden sind. Wir hatten dann eine Woche lang noch weniger Zeit für die Patienten, weil wir die Station putzen und Patientenakten umschreiben mussten. Es wurde sogar extra für den einen Tag der Visite Personal eingestellt. Danach war alles wieder wie zuvor.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihren eigenen Lebensabend geplant?

Breitscheidel: Ich habe mir mit Freunden ein großes Haus gekauft, in dem wir als Altenwohngemeinschaft mit ambulanten Pflegekräften leben werden, wenn es so weit ist. Das kommt nicht teurer als ein Platz im Heim.


DER SPIEGEL 42/2005
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