DER SPIEGEL



EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Unser kleiner Hitler

Von Zeug, Katrin

Wie ein englisches Dorf um den Namen eines Diktators kämpft

Dichter Rasen zieht sich den Hügel hoch, die Fußwege sind sauber mit Kies aufgeschüttet, es gibt Mülleimer und Bänke für die Touristen. Von hier oben hat man den besten Blick über den Hafen und das Dorf. Es ist eine schöne Promenade.

In Mevagissey, einem kleinen Fischerort in Cornwall, im Südwesten Englands, mögen sie ihre Promenade, und sie mögen den Namen dieser Promenade. Er hat etwas Spezielles, er ist vielsagend, auf seine Art, das macht ihn liebenswert für die Leute aus Mevagissey.

"Die Aufregung, die um diesen Namen seit kurzem gemacht wird, ist vollkommen übertrieben", sagt John Olford und versteht nicht, warum das nicht als Erklärung reicht. John Olford ist Gemeindesekretär von Mevagissey. Er kümmert sich um öffentliche Bekanntmachungen, Protokolle und Anträge des Gemeinderats, und er weiß, wie die Leute im Dorf denken. Die grauen Haare trägt er nach hinten gekämmt, an der linken Brustseite steckt sein altes Armeeabzeichen. Der Name der Promenade sei derselbe, den dieser Deutsche habe, aber das sei nicht mehr als ein Zufall, sagt Olford.

Vor über 70 Jahren, also Mitte der dreißiger Jahre, war ein Abgeordneter des Gemeinderats Tag für Tag steif und mit geschwellter Brust an der Promenade entlangmarschiert. Die Augenbrauen nach oben gezogen, die Nase zum Himmel gestreckt, so kontrollierte er die Boote. Man lachte über ihn im Dorf, man nannte ihn Hitler und die Promenade, auf der er auf und ab stolzierte, nach ihm.

Wenn John Olford die Geschichte vom "kleinen Hitler" erzählt, hört sich der Name an wie ein Kosewort. Das sei noch alles vor dem Krieg gewesen; "wer hätte damals geahnt, was aus dem Deutschen noch wird". Ein Zufall, wiederholt er, es hätte genauso gut der Name eines anderen Politikers sein können.

Den steifen Abgeordneten gibt es nicht mehr und die, die ihn Hitler nannten, auch nicht. Nur die Promenade blieb - und ihr Name. Er wurde von Generation zu Generation weitergegeben, bis sich niemand mehr daran erinnerte, dass das Stück Rasen über dem Hafen eigentlich "Cliff Park" heißt. So wurde es genannt, als es 1925 aus Privatbesitz an die Bürger von Mevagissey gegeben wurde, so steht es in den Akten, und so heißt es auf dem Stadtplan.

Im Ort wusste das niemand mehr, die Leute hatten ihren eigenen Namen für die Promenade.

Vor drei Wochen wurde der Spitzname plötzlich offiziell. Wie das geschah, will im Nachhinein niemand mehr so genau wissen. Es heißt, Olford habe mit dem Kreisamt über die Promenade gesprochen, über ihren Namen auch, und über Schilder. Aber, sagt Olford, er habe keinen offiziellen Antrag gestellt, das könne er gar nicht, bevor der Gemeinderat nicht abgestimmt habe. Das Kreisamt verstand das anders und ließ zwei Schilder aufstellen; kniehoch, auf kräftigen Holzpfählen, wie bei einem Wanderweg. In grüner Schrift stand dort, orthografisch nicht ganz korrekt, "Hitlers Walk". Keiner rechnete mit Problemen.

Dass es trotzdem welche gab, da ist sich Olford sicher, hat das Dorf den Neuen zu verdanken, Mrs und Mr Turner. Sie sind anders als die anderen im Dorf, das sieht man sofort. Die Kleider moderner, die Gesichtszüge feiner und der Ausdruck gewählter. Vor einem Jahr kamen sie nach Mevagissey, weil sie die frische Seeluft mochten und die bunten Boote im Hafen. Es wird noch gegrüßt, auf der Straße, und abends trifft man sich im Pub, das gefiel den Turners.

Als sie die neuen Schilder an der Promenade entdeckten, waren sie geschockt. Was sollten Touristen denken? Mr Turner rief bei den beiden lokalen Zeitungen und beim Kreisamt an. Er wünsche sich einen etwas positiveren Namen, sagte er höflich. Das lokale Wochenblatt schrieb eine kleine Nachricht über die Schilder, andere Zeitungen druckten sie nach, die Agenturen machten den Fischerort weltberühmt - das Dorf mit der Hitler-Promenade.

Journalisten kommen nach Mevagissey und überprüfen die Gesinnung der Bewohner, fragen nach der Achtung gegenüber Kriegsveteranen und den Juden. Die BBC filmte Einheimische, wie sie laut "Hitlers Walk" sagten.

John Olford musste plötzlich erklären, worüber sich nie jemand Gedanken gemacht hatte. "Dieser Name hat absolut nichts mit Deutschland oder Hitler zu tun", sagte er immer wieder, es gehe um ureigenes Volksgut aus Mevagissey.

Trotzdem wurden die Schilder sicherheitshalber wieder abgebaut.

In der Gemeinderatsversammlung, oben auf dem Schulberg, soll an einem Septemberabend entschieden werden, wie es nun weitergeht. Die Zuschauerplätze sind so voll wie selten.

Im Rat sitzen die alten Damen und Herren des Ortes. Rauhe Personen, die ihr Leben in dem Küstenort verbrachten und stolz darauf sind. Wenn sie in ihrem starken Akzent etwas sagen, dann denken sie nicht zweimal darüber nach. "Schon Männer, deren Namen auf unserem Kriegsmahnmal stehen, nannten die Promenade Hitler. Was für sie gut war, soll auch für uns gut sein", sagt ein Mann, während er seine Hand feierlich auf die Brust hält; die Ratsmitglieder nicken anerkennend. "Sollen wir uns unsere Tradition zerstören lassen? Unsere Geschichtsbücher umschreiben? Wegen Zugezogener, die uns nicht kennen?", fragt ein anderer rhetorisch in die Runde.

Als der Rat über "Hitlers Walk" abstimmt, ist das Ergebnis eindeutig. Die Schilder, so der Antrag an das Kreisamt, sollen hängen dürfen, mit einer kleinen Erklärung unter dem Namen. KATRIN ZEUG


DER SPIEGEL 42/2005
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