DER SPIEGEL



POLIZEI

Die Treibjagd

Von Goos, Hauke

Es ist der größte Rauschgiftfall in der Nachkriegsgeschichte: Vier Jahre lang ermittelten deutsche Fahnder gegen eine Bande von Drogenschmugglern, die Spuren führten sie bis nach Brasilien. Das sichergestellte Kokain hat einen Wert von 110 Millionen Euro. Von Hauke Goos

Wenn ein Polizist zufällig einem langgesuchten Verbrecher begegnet, ist das eigentlich ein Grund zur Freude. Doch als ein Hauptkommissar aus Nordrhein-Westfalen am Neujahrsabend in São Paulo den von ihm gejagten Drogenboss in einem Straßen- café entdeckte, war er mehr besorgt als begeistert.

Fünf Tage zuvor war Andreas N., Fahnder im Dezernat für Organisierte Kriminalität, in Brasilien gelandet. Das Landeskriminalamt (LKA) verfolgte eine Bande von Rauschgifthändlern, die Kokain nach Europa schmuggelte; gemeinsam mit den brasilianischen Kollegen sollte Andreas N. herausfinden, wo sich die Verdächtigen aufhielten, und alles vorbereiten für den großen Schlag.

Der Mann, der auf der Terrasse am Nachbartisch saß, war Ali Mohammed Diab. Beim LKA besaßen sie ein Foto von ihm, der Hauptkommissar hatte das Gesicht in den letzten vier Jahren immer wieder angestarrt, nun sah er den Mann an wie einen alten Bekannten.

Diab, geboren am 4. Oktober 1973 in Hasirta, einer kleinen Stadt im Libanon, 1,74 Meter, schlank. Ledig. Bevorzugt teure Kleidung, trägt aufwendigen Schmuck, spricht Deutsch mit Schweizer Akzent. Trug, zumindest zeitweise, eine Zahnspange. Im November 1997 zum ersten Mal festgenommen, in der Schweiz, wegen des Besitzes von Kokain und Heroin. Wenig später in Brasilien aufgetaucht. Nennt sich Rafael, Jorge, Toni oder Roberto. Die Fahnder führen ihn unter dem Namen "Hadsch". Er gilt als einer der Köpfe des

transatlantischen Drogenhandels und hat das lässige Auftreten eines Mannes, der sich absolut sicher fühlt.

Eine halbe Stunde lang saßen sich Hadsch und der deutsche Hauptkommissar an diesem Abend in São Paulo gegenüber, wenige Meter voneinander entfernt, und tranken Kaffee.

Es gab zwar einen deutschen Haftbefehl gegen Hadsch, aber das Rechtshilfeersuchen aus Deutschland war noch nicht in Brasilia eingetroffen. Ohne die Zustimmung eines brasilianischen Gerichts war eine Festnahme nicht möglich. Der Hauptkommissar fürchtete, dem Gesuchten aufzufallen und die gesamte Polizeiaktion zu gefährden.

Zu diesem Zeitpunkt ermittelte das LKA bereits seit über drei Jahren gegen Hadsch und seine Komplizen. Spuren führten in die Schweiz, nach Belgien, in die Niederlande, nach Spanien, nach Brasilien, in den Libanon - eine Internationale des Drogenhandels.

Noch nie waren deutsche Polizeibeamte so weit gekommen, bisher erwischten sie meist nur die Kuriere, die Handlanger. Als Hauptkommissar Andreas N. und 20 weitere Beamte sich im September 2001 daranmachten, "die Köpfe wegzunehmen", begriffen sie schnell, dass sie in einem weltumspannenden Netz von Verbrechern herumstocherten.

Sie wussten, dass das Kokain aus den Labors in Kolumbien in große Lager nach Paraguay transportiert wird. Von dort gelangt es über die kaum kontrollierte Grenze entlang dem Fluss Paraná nach Brasilien. Aber noch nie konnten sie herausfinden, wer das Geschäft organisiert.

Viele der Kontaktleute in Brasilien nennen sich "Toni" oder "Hadsch", meist benutzen sie im Umgang mit Kurieren einen anderen Namen als im Gespräch mit den eigenen Leuten. Fast alle gehören zur selben libanesischen Großfamilie; mit anderen Mitgliedern seines Clans war Diab in den Kokain-Handel nach Europa eingestiegen. Weil sie sich aus ihren Heimatdörfern kennen, reichen ihnen in den Telefonaten Abkürzungen und Andeutungen.

Für Hauptkommissar Andreas N. wird dieser Fall das bisher größte Puzzle seiner Karriere.

Am Anfang seiner Laufbahn - mit 16 Jahren entschied er sich für die Polizei - hat er davon geträumt, eines Tages zur Personenfahndung versetzt zu werden. Ihn reizt das Gefühl, "Jäger zu sein". Während der Ermittlung gegen die Kokain-Mafia kommt der 44-Jährige seinem Traum nahe: Das Verfahren erfordert kriminalistischen Spürsinn, den Blick des Analytikers, den Instinkt eines Fallenstellers.

Und gerade dieser Fall ist die Geschichte einer langen, geduldigen Treibjagd.

Sie beginnt mit einem Verrat. Im Frühjahr 2001 erhält die Kripo in Mönchengladbach von einer "Vertrauensperson" aus der Drogenszene einen Hinweis, wonach Libanesen Kokain "im Kilobereich" aus Brasilien einführen sollen.

Die Polizisten beantragen über die Staatsanwaltschaft eine richterliche Erlaubnis, Telefone abhören zu dürfen. Sie erkennen rasch, dass ein Libanese, der sich "Sharif" nennt, eine zentrale Rolle spielt: 1,72 Meter groß, geboren am 5. August 1979 in Hasirta, Libanon, demselben Städtchen, aus dem auch Hadsch stammt. Offenbar ist er für den Kokain-Markt in Düsseldorf und Mönchengladbach verantwortlich.

Für den 8. Mai 2001 bestellt dieser Sharif in Brasilien eine neue Lieferung. Eine Kurierin soll die Ware nach Mönchengladbach bringen, es ist Anja K., 1972 in Zwickau geboren. Sieben Jahre zuvor hatte sie über ihren libanesischen Ehemann einen "Mohammed" kennen gelernt. So war aus der arbeitslosen Bürokauffrau eine Drogenkurierin geworden.

In São Paulo übernimmt sie das Kokain von einem Mann, der sich "Toni" nennt: ein Bruder von Sharif, ein Cousin von Hadsch, geboren am 4. Dezember 1969 als Abd al-Munim Ahmed in Hasirta, Libanon, wie die anderen. Vor dem Abflug drückt er ihr einen Zettel mit seiner Handy-Nummer in die Hand. Sie soll ihn anrufen, wenn es Probleme gibt. Gibt es keine, erhält Anja K. in Deutschland 15 000 Mark.

Als sie am Internationalen Flughafen von São Paulo problemlos Passkontrolle und Sicherheitsschleuse passiert, trägt sie am Körper knapp viereinhalb Kilogramm Kokain, eingeschweißt in Plastikfolie, befestigt mit Bauch- und Wadenwickeln.

Es ist eine bewährte Methode auf einer bewährten Route; gegen 22 Uhr hebt sich Varig-Flug 8742 in den Abendhimmel, Zielflughafen München, voraussichtliche Ankunft: 16.55 Uhr am nächsten Tag.

Das Kokain hat in Europa einen Marktwert von rund 250 000 Mark, das Vierfache des Einkaufspreises - Anja K. weiß, dass die Kalkulation für die Drogenhändler bereits aufgeht, wenn von zwei Kurieren nur einer durchkommt.

Diesmal allerdings unterläuft Toni, ihrem Auftraggeber, ein Fehler: Wegen des ähnlichen Klanges nimmt er an, München und Mönchengladbach lägen nahe beieinander. Als er seinen Irrtum erkennt, ist es zu spät. Toni beschließt, Anja einen Anschlussflug nach Köln zu buchen.

Hauptkommissar Andreas N. weiß, dass die Polizei ihren Erfolg zwei Zufällen verdankt: Tonis Versehen - und dem Umstand, dass Anjas Tarnung in München auffliegt. Der Zoll bittet sie - es ist eine zufällige Stichprobe - nach der Ankunft zur Kontrolle, und so endet Varig-Flug 8742 für die junge Deutsche in Polizeigewahrsam. Wenn sie helfe, Tatbeteiligte zu überführen, komme sie in den Genuss der "Kronzeugenregelung", erklären ihr die Beamten. Es gelingt, die Kurierin zu "drehen".

Aus München ruft Anja K. Toni auf dem Handy an, die Polizei hört mit: Sie werde nicht, wie vorgesehen, nach Köln weiterfliegen, sagt sie, zu groß sei die Gefahr, entdeckt zu werden. Man möge sie in München abholen. Toni ist einverstanden. Um sicherzugehen, dass die Polizei ihm keine Falle stellt, kontaktiert er zunächst einen befreundeten Albaner, der die Kurierin in München treffen soll. Am nächsten Tag meldet er sich erneut bei seinem Bruder Sharif.

"Der Frau geht es gut. Es ist nichts passiert", sagt er. Normalerweise würde Toni das Kokain durch einen Helfer abholen lassen, um Sharif nicht zu gefährden, aber weil er niemanden in München kennt, dem er vertrauen kann, beschließt er, diesmal seinen Bruder zu schicken.

Toni - die Polizisten hören mit - sagt: "Einer muss hingehen. Geh mit einer

Person hin, du sollst aber weit (weg) bleiben."

Sharif: "Soll ich den Schlüssel nehmen und die Sachen abholen?"

Toni: "Du nimmst 15 000 mit, dort gibst du ihr das, nimmst ihr die Schlüssel weg, dann holt ihr es aus dem 1 ab."

"1" ist das Codewort für "Schließfach". Sharif will mit dem Auto nach München fahren. Um sich zu tarnen, nimmt er eine Bekannte mit.

In der Nacht zum 12. Mai nimmt ihn die Münchner Polizei fest. Er trägt einen gefälschten kolumbianischen Pass bei sich und gibt eine Adresse in Paraguay an.

Für die Polizei ist Sharifs Festnahme ein unerwarteter Erfolg. Nur selten gelingt es ihr, einen jener Männer festzunehmen, für die die Ware bestimmt ist, die das Kokain stückeln und an Großhändler weiterverkaufen. Zum ersten Mal bietet sich die Chance, die Organisation aufzudecken, ihre Struktur.

Nach der Festnahme von Sharif versuchen die Beamten in Mönchengladbach, aus den überwachten Telefonaten herauszuhören, wie die andere Seite reagiert: wie schnell die Lücke geschlossen wird, wer darüber entscheidet, ob jemand Verdacht schöpft.

Die Dealer und ihre Kontaktleute in Brasilien fühlen sich überlegen in ihren Methoden, ihrer Disziplin, ihrer Macht.

Sie benutzen ihre Handys, als sei das Abhören der Gespräche ausgeschlossen. Zwar codieren sie die Informationen, sagen "Tante", wenn sie "Kurierin" meinen, und ab und an wechseln sie die Nummern - aber da sie den anderen ihre neue Erreichbarkeit mitteilen müssen, ist es für die Polizei nicht allzu schwer, ihnen zu folgen.

Bald taucht in den Telefonaten eine neue Stimme auf: ein junger Mann, offenbar gerade aus Brasilien nach Deutschland geschickt, die Beamten geben ihm den Namen "Besuch". Ein anderer Libanese, "der Dicke" genannt, soll ihn einarbeiten. Möglicherweise soll "Besuch" irgendwann den Job von Sharif übernehmen.

Die Polizei nennt diese Männer "Gebietsresidenten". Offenbar sitzen Libanesen in ähnlicher Funktion auch in anderen deutschen Städten: in Berlin, Minden, Bremen, Saarbrücken, Dortmund, Essen und Gelsenkirchen. Das Verfahren ist so umfangreich geworden, dass die Kripo Mönchengladbach die Ermittlungen im September 2001 an das Landeskriminalamt abgibt.

In Düsseldorf beschließt Roland Wolff, beim LKA zuständig für Organisierte Rauschgiftkriminalität (Abteilung 1, Dezernat 11, "Organisierte Kriminalität und OK Rauschgift"), die "Ermittlungskommission Brasil" einzurichten. Carsten M., wie Andreas N. im Rang eines Hauptkommissars, erhält den Auftrag, ein Team zusammenzustellen. Carsten M. und Andreas N. kennen sich von der Fachhochschule; vor Jahren ermittelten sie schon einmal zusammen gegen libanesische Rauschgifthändler.

Carsten M., drei Jahre jünger als Andreas N., wollte nach der mittleren Reife eigentlich eine Banklehre absolvieren, entschied sich dann aber für die Polizei, weil ihn der Gedanke abschreckte, sein Leben mit Zahlen und Bilanzen zu verbringen. Er bildet eine Gruppe aus elf Leuten; später, in der Hochphase des Verfahrens, wird die EK Brasil 21 Mann stark sein. Ihr Ziel: die Struktur der Organisation in Deutschland erkennen und, wenn möglich, zerschlagen.

Hauptkommissar Andreas N. übernimmt den Job des Aktenführers. Da die EK Brasil gleichzeitig verdeckt und offen ermittelt, müssen die Akten so viele Informationen enthalten wie nötig und so wenig wie möglich, damit beispielsweise Anwälte ihre Mandanten nicht über den Stand des Gesamtverfahrens aufklären können. Es ist eine strategische Aufgabe. Neben dem Kommissionsleiter ist der Aktenführer der wichtigste Mann.

Als im November 2001 zwei spanische Kurierinnen im Anflug sind, schlägt das LKA zu: "Besuch" wird im Abholbereich des Frankfurter Flughafens festgenommen, "der Dicke" kurz darauf in einem Hotel.

Das Gericht verurteilt ihn zu neun Jahren und neun Monaten, "Besuch" kommt nach dem Jugendstrafrecht mit vier Jahren und neun Monaten davon. Er ist ein jüngerer Bruder von Hadsch, gehört also zur Familie - eigentlich, findet der "Dicke", ist "Besuch" damit wichtiger für die Organisation, müsste also härter bestraft werden. So kommt es, dass er sich nach seiner rechtskräftigen Verurteilung an die Staatsanwaltschaft wendet: Er sei jetzt bereit, eine Aussage zu machen.

Seine Hinweise vor allem sind es, die der Polizei den Überblick verschaffen, nach welchem sie bisher gesucht hat: Endlich bekommen die zahlreichen Spitznamen in diesem Verfahren eine Identität. Die Beamten notieren Familiennamen, Geburtsdaten, die Namen der Eltern, Straftaten.

Toni, Hadsch, Sharif, "Besuch" und all die anderen gehören zu einer Gruppe libanesischer Schiiten, die Anfang der neunziger Jahre aus der Bekaa-Ebene in die Schweiz auswanderten.

Sie stiegen in Zürich in den Straßenhandel ein, wurden ein paar Mal festgenommen und verurteilt, aber sie dealten weiter, gänzlich unbeeindruckt, bis es ihnen in der Schweiz zu gefährlich wur- de. Ende der neunziger Jahre setzte sich

einer nach dem anderen nach Brasilien ab.

Die Organisation, die sich dort bildete, bestand aus zwei Ebenen: Es gab eine Reihe von "Lieferanten", die das Kokain an die Kuriere weitergaben und die Schmuggelflüge planten, und es gab drei Männer, die das Geschäft überwachten: Hadsch, Toni, der Anja K. aus Versehen nach München statt nach Mönchengladbach schickte, und Dschihad Ahmed alias Dschihad Kassim, ein Cousin von Hadsch, der sich "Mussa" nannte.

Sie sahen sich als Händler, als Geschäftsleute. Irgendwo da draußen gibt es eine Nachfrage, und sie befriedigen diese Nachfrage, so gut sie können - Lieferanten, die bereithalten, was der Markt verlangt. Sie selbst nehmen das Zeug ohnehin nicht, weil sie wissen, dass man Süchtigen nicht trauen kann.

Am zweiten Weihnachtstag 2001 nimmt die Polizei in Frankfurt einen Bruder von Mussa fest, der in Berlin gerade sechs Kilo Kokain verkauft hat und den Erlös nach São Paulo bringen will, im September 2002 erwischt es Händler in Gelsenkirchen und Essen. Im Laufe der Zeit gehen der Polizei so 20, 30 Leute in wichtigen Funktionen ins Netz. Aber nach jeder Festnahme arbeitet die Organisation weiter, als wäre nichts geschehen.

Natürlich ändern sich die Routen. Irgendwann buchen die Lieferanten für ihre Kuriere keine Direktflüge mehr nach Frankfurt. Stattdessen geht die Reise beispielsweise nach Lissabon, mit einem Anschlussflug, den der Kurier verfallen lässt. Er wartet einen halben Tag und kauft dann ein neues Ticket, so sollen die Weg-Zeit-Berechnungen der Polizei überlistet werden.

"Wir haben die nicht wirklich gestört", sagt Hauptkommissar Carsten M. "Wir haben einen Verdrängungseffekt erzielt, aber keine nachhaltige Beeinträchtigung der Geschäfte. Wir haben dann sehr schnell eingesehen, dass es Deutschland allein, Europa allein nicht bringt. Wir mussten in die Organisationsstruktur der Bande hinein. Wir mussten nach Brasilien."

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt. Stundenlang diskutieren sie: Ist es sinnvoll, an diesem Punkt der Ermittlungen überhaupt weiterzumachen? Schaffen wir es, das Netz zuzuziehen, ohne dass die andere Seite etwas merkt?

Sie haben einen Haufen Kokain beschlagnahmt, sie waren erfolgreich, sie könnten das Verfahren hier beenden. Niemand würde ihnen die Entscheidung übel nehmen. Im Gegenteil: Es gibt einige bei der Polizei, die argwöhnen, bei dem geplanten Flug nach Brasilien handle es sich in Wahrheit um eine Urlaubsreise.

Die Fahnder entscheiden sich weiterzumachen. Sie setzen sich ein neues Ziel: Haftbefehlsanträge sollen vorbereitet werden, sie wollen versuchen, sie in Brasilien vollstrecken zu lassen. Danach wollen sie über die zuständige Staatsanwaltschaft die Auslieferung beantragen. Sie sind überzeugt, dass sie "die gesamte Organisation zerschlagen" können.

Hauptkommissar Andreas N. soll hinüberfliegen. Er führt die Akten, niemand überblickt die Ermittlung besser als er. Außerdem sieht er mit seinen schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen aus wie ein Brasilianer. Im September 2002 nimmt er an einer Arbeitstagung in Lyon teil, in der Interpol-Zentrale, kurz darauf reist er zu einer Konferenz nach Brasilia. Er will Kontakte knüpfen, die brasilianische Polizei für eine Zusammenarbeit begeistern. Ohne Erfolg. Die Brasilianer haben zu wenig Leute, außerdem plagen andere Sorgen sie.

Als eine weitere Arbeitstagung in São Paulo ansteht, im November 2003, bittet er erneut um die Reiseerlaubnis.

"Können Sie den Erfolg dieser Arbeitstagung garantieren?", will ein Vorgesetzter von ihm wissen.

Andreas N. weiß, dass dies ihre letzte Chance ist, mit den Brasilianern ins Gespräch zu kommen. Eine weitere Dienstreise wird es nicht geben.

"Ja", antwortet er.

Inzwischen geht die EK Brasil ins dritte Jahr. Die Arbeit ist eine Herausforderung, aber es fällt zunehmend schwer, Frauen, Kinder und Freunde für diese Herausforderung zu begeistern.

Carsten M.s Frau war am Anfang der Ermittlungen neugierig, erkundigte sich nach dem Fortgang des Verfahrens. Eines Tages, nachdem er sechs, sieben, acht Monate lang abends nicht pünktlich nach Hause gekommen war, viele Wochenenden gearbeitet hatte, fragte sie: "Wofür machst du das?"

Er weiß, dass es keine Antwort auf ihre Frage gibt.

Carsten M. entscheidet sich dafür, seine Ehe zu retten. Und hat von jetzt an das Problem, anderen zumuten zu müssen, was er sich selbst nicht länger zumuten will.

Die Wende kommt, als die brasilianische Bundespolizei im Januar 2004 zum ersten Mal in diesem Fall einen Lieferanten in São Paulo festnimmt. Da sehen die Brasilianer, dass die Hypothesen der Deutschen stimmen, dass der Gesamtplan funktioniert.

Am 27. Dezember 2004 fliegt Hauptkommissar Andreas N. erneut nach São Paulo, Economy - sie wollen Geld sparen.

Im Kopf hat er Namen, Gesichter, Querverbindungen, im Bauch ein komisches Gefühl: Wie soll er die Lieferanten in Brasilien finden, die Hintermänner der Lieferanten, in einer Stadt mit 18 Millionen Einwohnern, in einem Land, das fast so groß ist wie Europa? Und wie wollen sie die Leute festnehmen, wenn sie sie gefunden haben?

"Und was", denkt er, "machen die mit mir, wenn die mich kriegen?"

Andreas N. fliegt allein. Er spricht kein Portugiesisch, abends trifft er sich so oft wie möglich mit den brasilianischen Drogenfahndern auf ein Bier. Er hofft, dass aus Kollegen Partner und aus Partnern irgendwann Freunde werden. Wenn sie ihn mögen, denkt er, sinkt die Gefahr, dass sie ihn und die gemeinsame Sache an die Mafia verraten.

15 Haftbefehle sind inzwischen beantragt. Doch Deutschland und Brasilien haben kein Rechtshilfeabkommen.

Der Weg, auf dem Deutschland um Rechtshilfe ersucht, ist lang, weil so viele so vieles beachten müssen: Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl erlassen hat, schreibt die zuständige Staatsanwaltschaft eine Berichtsvorlage an die Generalstaatsanwaltschaft, von da geht es weiter

über das Landesjustizministerium, das Bundesjustizministerium, das Auswärtige Amt. Jede Stelle prüft, korrigiert, schickt zurück, damit jedes Wort, jeder Vorwurf später vor Gericht besteht. In Brasilien geht es den gleichen Weg durch die Instanzen wieder hinunter. "Das dauert Monate, wenn man Glück hat", sagt Carsten M. "Wenn man Pech hat, dauert es Jahre."

Als Hauptkommissar Andreas N. dem Drogenboss Hadsch zufällig in dem Straßencafé begegnet, am Neujahrstag 2005, stecken die Haftbefehle irgendwo auf dem Dienstweg zwischen Düsseldorf und São Paulo fest. Nach einer halben Stunde steht er auf und bezahlt. Hadsch bleibt sitzen.

Eigentlich soll Andreas N. die brasilianischen Kollegen antreiben. Jetzt muss er bremsen, um Geduld bitten.

Sie hören Telefongespräche ab, observieren Treffpunkte, dokumentieren Straftaten, überwachen Wohnungen. Hadsch residiert in einem teuren Hochhausapartment in einem teuren Viertel, fährt aber einen Peugeot. Die Polizisten in São Paulo nennen ihn "den Unauffälligen".

Einen Großteil ihrer Zeit verbringen die Polizisten mit Papierkram: dem "Verschriften" von Telefonmitschnitten, dem Übersetzen von "Telefonüberwachungsauswertungsberichten", dem Warten auf Dolmetscher, auf Entscheidungen, darauf, dass die Haftbefehle endlich kommen. Sie kämpfen gegen den weltumspannenden Drogenhandel, aber mitunter sieht es so aus, als sei ihr wahrer Gegner die Bürokratie.

Als zwei Lieferanten argwöhnen, dass gegen sie ermittelt wird und daraufhin bei der Polizei Erkundungen einholen, wird es für Andreas N. gefährlich. "Es ist ein Wunder, dass das Verfahren nicht aufgekippt ist", sagt er. Als er Mitte April für ein paar Tage zurück nach Deutschland fliegt, nach vier Monaten Ermittlungsarbeit in Brasilien, ist er "frustriert, mit leeren Händen zurückzukommen".

Vier Jahre lang hat er so gut wie kein Privatleben gehabt, wochenlang hat er kaum einen freien Tag genommen; während der Jahre häuft er mehr als tausend Überstunden an. Er hat für dieses Verfahren seine Ehe gefährdet, Freunde vernachlässigt, unzählige Abende allein in seinem Hotelzimmer verbracht. Er will, dass sich die Schinderei lohnt.

Anfang Mai stimmt das brasilianische Oberste Gericht endlich dem Rechtshilfeersuchen zu, am 6. Juni fliegt Hauptkommissar Carsten M. nach São Paulo, zum "Festnahmeeinsatz".

Vier Jahre lang haben die deutschen Fahnder auf diesen Tag gewartet. Die Reise geht über Köln, Amsterdam, Paris nach São Paulo, 17 Stunden ist er unterwegs. Es ist der billigste Flug, den das LKA kriegen konnte.

Der Zugriff erfolgt am 17. Juni. Am Vorabend hat die brasilianische Polizei "alle Personen unter Kontrolle gehalten und ins Bett gebracht". Sie weiß, wo die Gesuchten die Nacht verbringen, alle Ausgänge sind bewacht.

Leider sind auch ein paar Beamte der Bundespolizei dabei, die Schichten wechseln in der Nacht, was offenbar zu Verwirrungen führt. Als Hadsch, "der Unauffällige", irgendwann in den frühen Morgenstunden das Haus verlässt, bemerkt keiner seiner Bewacher etwas.

Die Polizei verhaftet an diesem Vormittag neun Lieferanten, beschlagnahmt 65 Kilogramm Kokain, stellt rund 400 000 Dollar sicher. Toni, der München und Mönchengladbach verwechselte und damit die Festnahme von Sharif auslöste, wird um sechs Uhr morgens im Bett überrumpelt.

Sie sind so weit gekommen wie noch kein deutsches Team vor ihnen: In den zurückliegenden vier Jahren haben sie über 220 Dealer, Kuriere, Abholer und Lieferanten festgenommen, 50 Umzugskartons mit Aktenordnern gefüllt, rund 100 000 Seiten, und 1,1 Tonnen reines Kokain im Marktwert von 110 Millionen Euro beschlagnahmt - es ist die größte Rauschgiftermittlung der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Sie haben ihren Job so gut gemacht, wie es ging, einerseits.

Andererseits konnte Kolumbien allein im vergangenen Jahr 390 Tonnen Kokain produzieren, weshalb sich die Beamten einmal mehr mit dem Gedanken der "Generalprävention" trösten - ihr Erfolg ist ein Sieg der Ausdauer. Er zeigt, was möglich wäre.

Er zeigt auch, wie wenig sich ändern würde, selbst wenn alles immer optimal liefe.

Am Nachmittag wissen sie, dass Hadsch entkommen ist. Da die Polizei die Telefone weiter überwacht, hören die Beamten, wie Hadsch sich erkundigt, was passiert sei. Er ist nervös, will nicht zurück in seine Wohnung, stundenlang läuft er in São Paulo umher.

Um 17 Uhr gibt die Polizei eine Pressekonferenz, kurz darauf erscheinen sein Bild und sein Name in den Fernsehnachrichten. Auf dem Foto trägt er einen dunklen Anzug, ein hellblaues Hemd und eine akkurat gebundene Krawatte, er sieht aus wie jemand, der gerade erfolgreich eine Lehre als Einzelhandelskaufmann abgeschlossen hat.

Inzwischen wird Hadsch mit internationalem Haftbefehl gesucht. "Ich brauche einen Pass und Geld", hatte er seinen Leuten gesagt, nachdem seine Organisation von der Polizei zerschlagen worden war. Es war das letzte Mal, dass sie von ihm hörten.

Knapp sechs Monate nachdem Hauptkommissar Andreas N. ihm am Neujahrsabend so nahe kam, dass er ihn hätte greifen können, verliert sich seine Spur in Paraguay.

* Banknoten, Schmuggelversteck Wadenwickel, eingeschweißte Kokain-Blöcke, Kokain.

DER SPIEGEL 42/2005
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