Von Geyer, Matthias
Die Tür fällt ins Schloss, ein letztes Räuspern im Publikum, dann ist es still, endlich still. Draußen rauscht, quietscht, dampft Berlin-Mitte, Steinbrück wird gerade Minister für Verkehr oder für Arbeit oder für Finanzen, Schäuble Innenminister oder Fraktionschef oder wieder gar nichts.
"Meine Damen und Herren, wir haben heute ein ernstes Thema", sagt die Moderatorin. Sie steht im Seminarraum 3 der Katholischen Akademie, im Stockwerk darunter gibt es eine Kapelle. Der Ort ist eine gute Wahl für einen Abend, der so etwas wie eine Besinnungspause sein soll. Vielleicht lernt man etwas in den nächsten zwei Stunden.
Der Deutsche Journalisten-Verband hat zu einer Diskussion über die Rolle der Medien im Wahlkampf eingeladen. Vorn am Tisch sitzen ein Professor, ein Verbandsfunktionär und zwei Journalisten, Thomas Roth von der ARD und Christian Bommarius von der "Berliner Zeitung". Wirklich interessant sind natürlich nur die Journalisten. Die Kampagneros, die Ahnungslosen, die Sündigen.
Es geht um Schröders Vorwurf der Medienmanipulation, um Schilys hinterhergebellten Satz: "Der Eindruck ist nicht ganz zu verdrängen, die Medien würden sich an die Stelle des Souveräns setzen, quasi das Wahlvolk ersetzen."
Schily hat keine Zeit, seine Vorwürfe zu begründen. Draußen wird er gerade Außenminister oder Rentner. Außerdem muss er sich mit Abgeordneten rumschlagen, die seine Rolle bei der Razzia von "Cicero" für fragwürdig halten. Er hatte gerade noch die Zeit, diesen Abgeordneten das Wort "Hanseln" hinterherzurufen. Als Medienhansel könnte man jetzt schreiben: "Der Eindruck ist nicht ganz zu verdrängen, Schily würde sich an die Stelle des Parlaments setzen, quasi die Legislative ersetzen." Aber es ist nicht der Abend, um nachzutreten.
Es hat bis jetzt noch keine ernste Debatte zu diesem Thema gegeben. Es gab nur Aufregung in den Medienteilen, Journalisten haben ihre eigenen Schilys, ihre eigenen Muezzins. Die stiegen auf ihre Türme und empörten sich über Kollegen, die, so sagen sie, keinen Journalismus mehr machen, sondern Politik.
Es waren oft solche, die mit Gerhard Schröder und Otto Schily groß geworden sind, die ihre Vorbilder teilten, ihre Gegner, ihre Träume. Willy Brandt, Helmut Kohl, Bildung statt Bomben. Man kann sagen, dass auch die Muezzins Politik gemacht haben, Ostpolitik, Friedenspolitik, Energiepolitik, erst Oppositionspolitik, dann Regierungspolitik.
Wer das alles gehört hatte, konnte den Eindruck bekommen, die Einzigen, die keine Politik gemacht haben, sondern reinen Journalismus, säßen bei der "Süddeutschen Zeitung". Und wer sich dann die Mühe machte, in den Zeitungskeller hinabzusteigen und noch einmal alte "SZ" zu lesen, blieb an einem Leitartikel hängen, geschrieben vom Chefredakteur, gedruckt am Tag vor der Wahl, ein Leitartikel mit der verliebten Überschrift "Maggie Merkel" und dem sündigen Wahlaufruf am Ende: "Die Vorstellung wiederum, die SPD könnte sich - ohne Schröder - als Juniorpartner in eine große Koalition retten, wirkt gruselig. Dann schon lieber Merkel pur und die Regeneration der SPD in der Opposition."
Journalismus? Politik? Schwer zu sagen, jedenfalls fühlte man sich verwirrt, als man aus dem Zeitungskeller wieder hinaufstieg.
Das Publikum in der Katholischen Akademie ist jung und überwiegend von den Medien, wahrscheinlich sind viele darunter, die darüber nachdenken, ob nun zukünftig Kritik an der Großen Koalition als Kampagne für die PDS gelten muss und ob jetzt Breitseiten gegen Angela Merkel als Angriff gegen Frauen in der Politik herüberkommen.
Vorn am Tisch sagt Christian Bommarius von der "Berliner Zeitung" Sätze, die nach blutiger Selbstgeißelung klingen, mea culpa, es sind verblüffend offene Sätze. Wir sind Wichtigtuer. Wir machen Nachrichten, die keine sind. Wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Wir haben Ergebnisse vorweggenommen. Wir sollten das nicht mehr tun.
Bommarius sieht etwas abgekämpft aus, sein Hemdsärmel schlabbert offen aus dem Jackett, er hat heute einen apokalyptischen Leitartikel über die Große Koalition geschrieben, die es noch gar nicht gibt. In einer Überschrift der "Berliner Zeitung" vom Tag stand über Angela Merkel: "Die Kandidatin wird nun Kanzlerin". Und auch die "SZ" hat getitelt: "Angela Merkel wird Kanzlerin".
Darf man das, jetzt schon? Muss Merkel nicht erst noch gewählt werden? Was würde Otto Schily sagen? Wird hier nicht das Parlament entrechtet?
Neben Bommarius sitzt Thomas Roth, er redet vorsichtig und überlegt, angenehm unasthmatisch für einen vom Hauptstadtfernsehen. Er hat in Afrika und Russland gearbeitet, er kennt eine Welt jenseits von Ludwig Stiegler. Er benutzt häufig den Begriff "Stimmungsdemokratie", auch er spricht viel über Umfragen. Man muss vorsichtig sein mit Umfragen. Man darf nicht mehr so kurzatmig hantieren mit Umfragen, sagt er. Man muss daraus lernen, "Entschleunigung vielleicht".
Gestern, ein paar Stunden nur nachdem klar war, dass Angela Merkel Kanzlerin werden könnte, kam in der ARD Jörg Schönenborn mit seinem Laptop hernieder. Schönenborns Laptop ist eine Umfragengebärmaschine. Er bediente die Tasten, und eine neue Zahl plumpste auf die Welt. 53 Prozent sagen, dass Merkel eine gute Kanzlerin werden wird.
Schönenborns Laptop ist der Tod der Entschleunigung. Man müsste ihn zertrümmern, damit die Welt so wird, wie Thomas Roth sie haben will.
Nach zwei Stunden ist die Besinnungspause in der Katholischen Akademie zu Ende. Das Publikum tritt hinaus, reicher, ratloser auch. MATTHIAS GEYER
DER SPIEGEL 42/2005
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