17.10.2005

LITERATURDeutsch: mangelhaft

Schludrige Autoren, überforderte Lektorate, versagende Kritiker - im derzeitigen Literaturbetrieb werden immer mehr Bücher in immer dürftigerer Qualität produziert. Anlass für einen empörten Protestruf. Von Volker Hage
Es hat gedauert, bis der langerwartete Roman "Neue Leben" von Ingo Schulze endlich erscheinen konnte. "Wir haben bis zuletzt mit dem Manuskript gekämpft", hat der Schriftsteller jetzt in einem Interview verraten, "mit Wortdoppelungen, Unstimmigkeiten, Satzfehlern."
Solche Sorgfalt ist selten geworden. Wer sich in der deutschen Gegenwartsliteratur umsieht, sei es als emsiger Leser, als Juror, als Kritiker, der muss mit Befremden feststellen, dass literarische Bücher heute immer liebloser entstehen und produziert werden. Ein "außerordentlich lebhaftes Verantwortungsgefühl bei der Wahl jedes Wortes, der Prägung jeder Phrase", von dem noch Thomas Mann sprach? Man wäre schon dankbar für die Vermeidung der allergröbsten Schnitzer.
Greifen wir vier Romane aus diesem Jahr heraus, bewusst solche, die mit zum Teil begeisterten Rezensionen aufwarten können, die aus renommierten Verlagen stammen - wobei das Etikett "Roman", wie oft in letzter Zeit, auch hier zwar auf dem Titel steht, es sich in Wirklichkeit aber zumeist um längere Erzählungen handelt.
Von einer "höchst beeindruckenden literarischen Leistung" spricht etwa die "Frankfurter Rundschau" angesichts des Buchs "Das Gefühl am Morgen" (S. Fischer Verlag) von Rainer Merkel - "kunstvoll und behutsam, klug, technisch versiert" sei es erzählt. Ein überraschendes Urteil für einen Roman, bei dem schon die erste Seite nicht frei ist von stilistischen Schnitzern, Ungereimtheiten und falschen Tempusformen.
Eine junge Frau sitzt mit ihrem Freund zusammen im Auto, und sie spricht über den Beginn der gemeinsamen Bekanntschaft: "Sie sagte es so, als sei es ein Geschenk, über das er dankbar sein musste." Dankbar "über" ein Geschenk? (Dankbar ist man "für" etwas, freuen kann man sich "über" etwas).
Dann heißt es zur Verblüffung des Lesers: "Sie lief auf Zehenspitzen." Auf Zehenspitzen im Auto? Gemeint ist etwas anderes, nämlich die Erinnerung an eine frühere Situation im Studentenheim. Und da die Autofahrt im Imperfekt erzählt wird, ist hier die Vorvergangenheit notwendig ("Sie war auf Zehenspitzen gelaufen"). Zeitenfolge: offenbar ein Problem.
Natürlich lässt sich selbst das noch positiv verkaufen. "Geschickt baut Rainer Merkel an der Irritation des Lesers", heißt es dann in der Kritik ("Die Zeit"). Sollte das Diffuse beabsichtigt sein, so würde das auch einen rätselhaften Satz über den Romanhelden erklären, der noch dazu im Klappentext verwendet wird: "Er wusste nicht, ob er in diesem Moment glücklich oder unglücklich war."
Der Autor schreibt so schwammig, wie ein Pianist spielt, der bisweilen haarscharf neben dem richtigen Ton liegt und zu viel Pedal benutzt, um das zu vertuschen: "Ihre Haare, die er unzählige Male berührt, glatt gestrichen, betastet und untersucht hatte, lagen als Erinnerung noch Tage lang zwischen seinen Fingern. In Gedanken stellte er sie wie eine Puppe vor sich hin und versuchte die richtigen Stellen zu finden."
Haare als Erinnerung zwischen den Fingern? (Gemeint ist doch wohl: Er spürt die Haare auch noch zwischen den Fingern, als er sie längst nicht mehr berührt.) Wer ist das Objekt im zweiten Satz? Sie: die Haare? Nein, gemeint ist nun die Freundin, doch was der Held da in Gedanken genau mit ihr anstellt und welche "richtigen Stellen" er zu finden versucht, bleibt unerfindlich.
Als Draufgabe dann der folgende Satz: "Als er am nächsten Tag mit seinem Vater am Flughafen war, tauchte sie für Augenblicke wieder vor ihm auf." Wer nun? Die Puppe in Gedanken? Oder doch die Freundin leibhaftig?
Manches klingt wie die ungeschickte Übersetzung aus einer anderen Sprache. Der Held auf dem Weg zum Flughafen: "Kolonnen von Fahrzeugen" sind für ihn "Anordnungen, komplizierte Verkettungen, die sich wie der Anfang einer großen Erzählung über seine Augen legten". Und als wären nicht genügend Wort-Kolonnen auf den Weg geschickt, staut es sich munter weiter: "Der Straßenverkehr war eine Anordnung von fragmentarischen Bewegungen, ein Sich-Strecken und Dehnen, ruckartige Manöver, in denen jemand kurz aufgewacht und dann aber gleich wieder eingeschlafen war."
Zuvor schon: "eine verführerisch frei bleibende Abbiegespur". Da würde man sich mitfreuen, wenn der Held diese Abbiegespur nicht sähe "wie in einem Jahrhunderte alten Traum". Abbiegespuren in jahrhundertealten Träumen?
Größere Schwierigkeiten scheint es auch zu machen, wenn sich zwei Personen in einem einzigen Satz begegnen. Der Einsatz von Pronomen wird zum Glücksspiel. Der Merkel-Held stößt auf einen Fremden: "Er wusste auf einmal mit großer Sicherheit, dass er irgend etwas im Schilde führte und dass er darauf vorbereitet sein musste." Ein Musterbeispiel für ungenaue grammatikalische Zuordnung ("er" ist mal der Held, mal der andere), wie auch die Fortsetzung: "Er dachte, wenn er es wagen würde, ihn zu berühren, würde er ihn sofort schlagen." Wer hier wen attackieren könnte, lässt sich nur ahnen.
Sich aus solchen sprachlichen "Klemmen" zu lösen, also eine elegante Lösung zu finden, sei für einen Schreiber "ein Wohlgefühl ganz eigener Art" - glaubte noch der Sprach- und Literaturkenner W. E. Süskind (Vater des "Parfum"-Autors Patrick Süskind) in seinem 1953 erschienenen, bis heute lesenswerten Ratgeber "Vom ABC zum Sprachkunstwerk", und er setzte hinzu: Dieses Wohlgefühl entstehe besonders dann, "wenn kein Fremder der glatten Fahrt der Sprache anmerkt, über welche Untiefen sie eben hinweggestreift ist".
Viele Autoren heutzutage scheinen die Untiefen überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Der Ich-Erzähler in Gernot Wolframs Roman "Samuels Reise" (Deutsche Verlags-Anstalt) wird als Übersetzer eingeführt, der die englische Sprache liebt, doch er vermag seine Tätigkeit nur höchst verworren darzustellen: "Die Sätze treiben aufeinander zu, als kämen sie aus einer Reihe imaginärer Wasserhähne, die jedoch nicht nur Flüssiges, sondern auch Stockendes und Störendes auswerfen."
Störend wirkt es tatsächlich, wenn gleich darauf in ein und demselben Satz die Sprachen erst "wie Funkwellen" im Kopf des Übersetzers umherschwirren, bevor sie dann als "Suppe" von einem Sprachgefäß ins andere "tropfen". Der arme Mann - kein Wunder, dass es eines Tages ein böses
Erwachen gibt: "Im Spiegel entdeckte ich mein Gesicht, in dem ich beim besten Willen nicht erkennen konnte, was es gerade dachte."
Selbst wenn man derlei Gehirnakrobatik als Witz gelten lässt (nach dem Motto des am Morgen noch alkoholisierten Mannes, der vor dem Spiegel steht und sagt: "Kenn ich nicht, rasier ich nicht!"), so bleibt sie sprachlich mangelhaft: Es, das Gesicht (Subjekt im Nebensatz), kann schlecht denken - allenfalls der Ich-Erzähler selbst kann es oder eben nicht. Im einen wie im anderen Fall wird der Satz sinnlos.
Noch ein Beispiel für hirnlose Formulierungen: "Ich war früh aufgestanden, um mir eine Badewanne einzulassen ..." Man kann sich ein Bad einlassen oder auch Wasser in die Wanne; aber die Badewanne selbst kann man schlecht "einlassen" (es sei denn in den Fußboden, nämlich beim Bau des Hauses).
Das alles wird durchgewinkt. Nicht nur das. Gerade an diesem Autor rühmt die "Frankfurter Allgemeine" ("FAZ") die "Leichtigkeit und Frische des Tons", und "Die Zeit" behauptet, es handle sich hier um einen "ungewöhnlich gut lesbaren deutschsprachigen Roman".
Im Fall von Andreas Maier - sein Roman heißt nach einer Dostojewski-Figur "Kirillow" (Suhrkamp Verlag) - ahnt ein "FAZ"-Kritiker zwar, dass etwas in Konzept und Ton nicht stimmt ("Wer immerzu die Totale im Visier hat, der gibt sich mit kleinlicher Textarbeit nicht ab"), kommt dann aber doch zu dem Ergebnis, Maier lenke die Redeströme im Buch "mit hoher Formkunst".
Doch die Redeströme dieses Romans bestehen hauptsächlich aus Platituden, besonders wenn es um Politisches geht. "Die Katastrophe war elementar", heißt es dann etwa, "sie steckte ... in jedem Auto, in jeder Jacke, in jedem Gramm Mehl, das man kaufte im HL. Das man kaufte im Penny. Auf dem Markt. In jedem Russen, der kam. In jedem Deutschen, der ging. In jedem Flug, der flog. In jeder zivilisatorischen Bewegung, die ausgeführt wurde."
Ungeachtet dieses syntaktischen Verkehrsstaus machen sich Julian und Michaela auf, die Liebe zu entdecken: "Sie fuhren zu ihr", heißt es, dort gerät wieder alles ins Stocken: "Julian hing eine ganze Weile irgendwelchen Gedanken nach." "Irgendwelche" scheint eine Lieblingsvokabel von Maier zu sein. An anderer Stelle geht eine junge Frau in "irgendwelche" Geschäftsstraßen, "wo sie irgendwelche Dinge anschauen konnte (Handtaschen, Sonnenbrillen, Kleider)". Immerhin scheint der Autor die eigenen Unzulänglichkeiten zu ahnen: "Alles hier war ein Klischee und
zugleich das genaue Gegenteil davon." Auch eine Art der Bankrotterklärung.
Manchmal wird auch als Roman verkauft, was tatsächlich nichts anderes ist als das verunglückte Reisefeuilleton von einem Teneriffa-Urlaub. Der Autor Hans Pleschinski ersinnt sich eine Frau von 42 Jahren, um die Ärmste mit kabarettreifer Abgeschmacktheit zu traktieren: "Doch ab vierzig, sann sie, kam es ohnehin nicht mehr auf den dauernden Vollzug an."
Sie denkt hier nicht etwa an den Strafvollzug, sondern an die ausbleibende Gelegenheit zu sexuellen Ferienabenteuern. Über ihre Erschöpfung ist zu lesen: "Spürbar träufelte sie noch immer aus den Fingerspitzen heraus." Alt fühlt sie sich "zwischen strahlendem Jungfleisch", dem "lieben, duftenden Youngstergemüse", und traurig erinnert sie sich an den Abend, "an dem sich erstmals angedeutet hatte, dass sie unversehens zum Möbel einer vergangenen Zeit wurde".
Da hilft dann am Ende auch der schöne Titel nicht mehr: "Leichtes Licht" (Verlag C. H. Beck). Oder doch? Er mag den Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" bewogen haben, dieses Buch als "reizvoll und überaus komisch" zu loben.
Zu selten erlebt man, dass einem Kritikerkollegen wie Rolf Michaelis ("Die Zeit") doch einmal der Kragen platzt, wie im Fall eines anderen oft gelobten Autors, Ulrich Woelk. Zu dessen Erzählung "Einstein on the lake" merkt er an: "Kein Lektor hat geholfen. Vermeidbare, handwerkliche Fehler, falsche Bilder, fehlerhafte grammatikalische Formen, sinnlose Verdoppelungen des Ausdrucks, langweilende Wiederholungen: Der ganze Schrott ist da."
Da ein Autor zum Schreiben eines Romans angeblich nicht mehr braucht als die Sprache, die er ohnehin spricht (anders als der Komponist oder der Maler), scheint alles so leicht zu sein. "Wir sprechen und schreiben für Tagesbedürfnisse mit denselben Worten, mit denen wir zum Kunstwerk gelangen sollen", warnte der Schriftsteller Alfred Döblin. Gerade deswegen sei die "Geburt einer Kunst aus dem Rohmaterial Wort" schwerer als die aus dem Ton und der Farbe.
Erste Voraussetzung dafür ist und bleibt die Beherrschung des Handwerks. Es kann nicht schaden, bei Karl Kraus noch einmal in die Lehre zu gehen, dem es ein Vergnügen war, regelmäßig "die ärgsten sprachlichen Mißbildungen" vorzuführen, oder aus den Briefen Fontanes das Fazit eines Autorenlebens zur Kenntnis zu nehmen: "Dreiviertel meiner ganzen literarischen Tätigkeit ist überhaupt Korrigieren und Feilen gewesen."
Literarisches Schreiben - das ist Knochenarbeit im Steinbruch. Manche Autoren und ihre Lektoren haben das entweder nie gewusst oder vergessen.
Krise der Literatur? Ach was. Pure Schlamperei. Nachsitzen!
DIE GRÖßTE BÜCHERSCHAU
der Welt wächst immer weiter: Noch größer als im Vorjahr präsentiert sich in dieser Woche - von Mittwoch bis Sonntag - die 57. Frankfurter Buchmesse mit Korea als Gastland. Mehr als 7200 Verlage aus 102 Ländern machen mit über 370 000 ausgestellten Büchern (davon gut 100 000 Neuerscheinungen) deutlich, dass der Markt für Sachbücher und Belletristik, für Ratgeber und Kinderbücher auch in Zukunft attraktiv bleibt.
Von Hage, Volker

DER SPIEGEL 42/2005
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