17.10.2005

HOCHSCHULENKarriere im Kriechgang

Deutsche Studenten brauchen immer noch zu lange bis zum Abschluss. Eine neue Studie des Wissenschaftsrats zeigt dabei große Unterschiede zwischen den Universitäten: Während das Studium im Norden besonders viel Zeit kostet, kommen Jungakademiker im Süden vergleichsweise schnell voran.
Wie sehr es dem Image schadet, wenn man zu lange studiert, hat Niels Annen im Sommer schmerzlich erfahren. Der 32-jährige Sozialdemokrat, Bundestagskandidat im Hamburger Wahlkreis Eimsbüttel, musste sich tagelang von der "Bild"-Zeitung fragen lassen, ob er als "Dauerstudent" überhaupt für das Parlament qualifiziert sei.
Schon 24 Semester hat der angehende Historiker angehäuft, und ein Abschluss ist noch immer nicht in Sicht. Er widme sich eben seit Jugendtagen der zeitraubenden Parteiarbeit und müsse nebenher auch noch arbeiten, entgegnete der Jungpolitiker.
Trotz der "Bild"-Kampagne errang der Linke Annen das Direktmandat. Unter seinen Kommilitonen ist der Langzeitstudent ohnehin keine Ausnahmeerscheinung: Seit Jahren wird deutschen Hochschülern bescheinigt, dass sie trödeln.
Allen Reformbemühungen zum Trotz scheint der Trend zum Schneckenstudium nicht zu stoppen. In einer Untersuchung über die "Entwicklung der Fachstudiendauer an Universitäten von 1999 bis 2003", die der Wissenschaftsrat an diesem Montag vorstellt, kommen Deutschlands Universitäten wieder einmal schlecht weg.
Vor allem aber zeigt sich: Die Kluft zwischen Turbo-Hochschulen und Schleich-Unis vergrößert sich. Am deutlichsten sind die Unterschiede in Germanistik: An den langsamen Universitäten brauchen die Studierenden satte neun Semester länger als an den schnellen.
Die Regelstudienzeit von neun bis zehn Semestern hat sich zu einer unverbindlichen Empfehlung entwickelt, die vielerorts kaum ein Student einhält oder einhalten kann. Im Durchschnitt verbrachten die Nachwuchsakademiker in den Diplomstudiengängen 11,2 Semester in Seminaren und Hörsälen; Magisterkandidaten benötigten 11,6 Halbjahre bis zum Abschluss.
Wenn sie denn überhaupt einen Abschluss machen: In den Sprach- und Kulturwissenschaften und in der Politikwissenschaft sei die Quote der Absolventen "äußerst gering", monieren die Gutachter des Wissenschaftsrats. Der Grund sei ein hoher Anteil von Studienabbrechern und Fachwechslern. Die Verfasser der Studie zählen vor allem drei Ursachen auf, warum so viele Studenten nur im Kriechgang vorankommen:
* Die Studiengänge sind schlecht organisiert;
* es gibt zu wenig Betreuung und Beratung;
* viele Studenten sind gezwungen, nebenher zu arbeiten.
Besonders desaströs ist die Lage in Bremen. Wer etwa dort Germanistik studiert, bleibt in der Regel neun Jahre an
der Uni. Soziologen verlassen die Hochschule nach 19,3 Semestern, angehende Historiker brauchen 15,4 Semester. Uwe Spörl, Dozent für Neuere deutsche Literaturwissenschaft, schiebt das akademische Dauertief im Norden vor allem auf die alte und "völlig undurchsichtige" Prüfungsordnung aus den siebziger Jahren, die eine "extrem freie" Gestaltung des Studiums zugelassen habe.
Und anders als in vielen anderen Bundesländern gibt es in Bremen bis heute noch nicht einmal Studiengebühren für Langzeitstudenten; auch wer 30 Semester auf dem Buckel hat, darf in Ruhe weitermachen.
Aber es gibt auch positive Beispiele: Schneller geworden ist etwa die Universität Bonn. Dort studieren die künftigen Sprachwissenschaftler im Schnitt 9,4 Semester; nur in Marburg und Bamberg geht es noch zügiger. Historiker sind in der Regel nach 9,6 Semestern fertig, Juristen an der in Ranglisten häufig gut bewerteten rechtswissenschaftlichen Fakultät nach 8,7 Semestern.
Den regen Austausch mit ihren Dozenten hält die Bonner Geschichtsstudentin Mareike Glöss für den Schlüssel zu einem flotten Studium. "Das motiviert", sagt die 22-Jährige. Glöss studiert seit einem Jahr und will noch in diesem Semester ihre Magister-Zwischenprüfung in Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ablegen. "Das ging viel schneller, als ich gedacht habe", sagt sie. An der Uni herrsche eine sehr ehrgeizige Atmosphäre. Außerdem seien die Kurse sehr praxisorientiert: "Man hat immer vor Augen, wohin das alles führen soll, das macht Lust aufs Fertigwerden."
Dass es nicht nur an einzelnen Universitäten, sondern auch im ganzen Land
schnell gehen kann, zeigen Bayern und Baden-Württemberg. Die Absolventen im Süden verbringen in fast allen Studiengängen weniger Jahre an der Hochschule als anderswo. Hamburg und Bremen dagegen gehören zu den Ländern, die am häufigsten Studiengänge mit den längsten oder zweitlängsten Fachstudiendauern aufwiesen.
Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) will sich mit dem Ehrentitel "Der Schnellste unter den Lahmen" aber nicht zufrieden geben. "Wir werden weiter mit Nachdruck daran arbeiten, die Studienzeiten zu verkürzen", erklärt der Minister - und setzt dabei auf bessere Betreuung und Kontrolle.
In den Massenfächern sollen sich Tutoren um die Nachwuchsakademiker kümmern; jährlich knapp drei Millionen Euro lässt sich der Freistaat das Betreuungsprogramm kosten. Bis zum Ende des vierten Semesters müssen bayerische Hochschüler eine Zwischenprüfung ablegen. Und wer schon im Grundstudium bummelt, wird zum Beratungsgespräch einbestellt.
Zum Abkürzen des Studiums haben die europäischen Bildungsminister die Einführung von gestuften Studiengängen beschlossen, die mit Bachelor- und Masterabschlüssen enden. In diesem Wintersemester stellen hierzulande viele große Universitäten ihre Fachbereiche auf die neuen Formen um.
Erste Ergebnisse der Bemühungen werden allerdings erst in einigen Jahren sichtbar, zumal derzeit nur ein kleiner Teil der Hochschüler nach dem neuen Modell studiert: 2003 etwa waren rund 8,1 Prozent der Studenten in Bachelor-Programmen eingeschrieben.
Doch neue Abschlüsse allein sind kein Allheilmittel. "Wenn sich nicht gleichzeitig die Studienbedingungen ändern, erreicht man auch durch Bachelor und Master nicht viel", sagt der Leipziger Bildungssoziologe Ulrich Heublein. Der Forscher untersuchte die Studiendauer in Kanada, England, den Niederlanden, Österreich und Dänemark - Ländern, in denen die gestuften Studiengänge eine lange Tradition haben oder die in den vergangenen Jahren auf Bachelor und Master umgestellt haben.
Das Ergebnis: Das zweigeteilte Studium führt nicht automatisch zu flinken Akademikern. Vielmehr sind die klaren Strukturen vieler Bachelor-Studiengänge entscheidend für einen schnellen Abschluss. "In Kanada werden die vorgegebenen Studienzeiten fast immer eingehalten", hat Heublein beobachtet, "aber dort ist auch sehr klar festgelegt, welche Veranstaltung wann besucht werden muss, wann geprüft wird und wann die Durchgefallenen zur Nachprüfung antreten müssen." Wenn jemand die Leistungen nicht bringt, muss er sich ganz schnell rechtfertigen - bekommt aber auch Hilfsangebote.
Die deutschen Studenten immerhin haben das Problem erkannt. "Die meisten wollen inzwischen schnell zum Abschluss kommen", sagt der Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel, der regelmäßig in einer Großbefragung die Gefühlslage der deutschen Studenten ermittelt.
Doch viele der Befragten stecken in einem Dilemma, fand der Uni-Experte heraus: Einerseits wissen sie, dass ein kurzes Studium von ihnen erwartet wird, andererseits steigen die Anforderungen. Der ideale Absolvent soll möglichst ein bis zwei Semester im Ausland studiert, verschiedene Praktika absolviert und sich sozial engagiert haben. Wer dann noch sein Studium selbst finanzieren soll, stößt an seine Grenzen.
Von ihren Universitäten wünschen sich die Studenten mehr Unterstützung für einen raschen Abschluss. "Zu Beginn haben eigentlich alle das Ziel, nach neun oder zehn Semestern fertig zu sein", berichtet Bargel, "wenn sie dann merken, dass das nicht klappt, fühlen sie sich häufig von der Hochschule allein gelassen." In Bargels jüngster Befragung etwa klagten 34 Prozent der Studenten über die schlechte Betreuung an ihrer Uni.
Auch Heublein sieht die Hochschulen in der Pflicht. "In Deutschland kann es noch immer passieren, dass Studenten eine vorgeschriebene Veranstaltung nicht besuchen können, weil sie überfüllt ist oder nicht jedes Semester angeboten wird", kritisiert der Wissenschaftler. "Wir müssen mit der Lebenszeit der Studenten sorgfältiger umgehen." KATRIN ELGER, PER HINRICHS,
JULIA KOCH
Von Katrin Elger, Per Hinrichs und Julia Koch

DER SPIEGEL 42/2005
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