Von Bethge, Philip
Das Grab des Wals ist ein kalter, unwirtlicher Ort. Auf die Seite gekippt, liegt der Gigant auf dem Meeresgrund. Sein Bauch ist aufgerissen. Rippen ragen im Lichtkegel des Tauchroboters aus der bleichen Fleischmasse hervor.
Schleimaale bohren sich mit schlängelnden Bewegungen in den Kadaver, der ganz und gar in eine weißliche Bakterienschicht gehüllt ist. Wie Schneegestöber ziehen winzige organische Partikel im Wasser an dem mächtigen Leib vorbei. Dann zoomt die Kamera auf ein Loch an der Flanke des Tieres. "Da hat wahrscheinlich ein Dornhai ein Stück Walspeck herausgerissen", erläutert Thomas Dahlgren und deutet auf den Bildschirm. Das Video, aufgenommen in 125 Meter Wassertiefe vor der schwedischen Westküste, zeigt einen Zwergwal im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung.
Im Oktober vor zwei Jahren haben Dahlgren und seine Kollegen von der schwedischen Tjärnö-Meeresforschungsstation das zuvor gestrandete Tier im Kosterfjord versenkt, einer tiefen Meeresrinne zwischen den Skagerrak-Inseln Tjärnö und Koster. Siebenmal haben die Forscher seither ihr unbemanntes Tauchgefährt vom Typ "Phantom XTL" in das fünf Grad kalte Grab hinabgeschickt.
Was der Roboter zutage fördert, sind Bilder aus einer Welt, in der sich Tod und Verwesung in blühendes Leben verwandeln. "Diese Ökosysteme liegen von jeher vor unserer Haustür; wir haben sie bisher nur einfach übersehen", sagt Dahlgren, Ökologe an der Universität Göteborg: "Jedes Mal, wenn wir hinabtauchen, erleben wir neue, faszinierende Überraschungen."
Dahlgren begeistert sich für die Überreste toter Wale. Knapp 70 000 größere Wale versinken jährlich in den Weiten der Ozeane, schätzen Forscher. Was mit den massigen Körpern geschieht, lag lange unter den Wellen verborgen. Eine illustre Schar von Fachleuten jedoch geht dem Friedhof der Wale nun auf den Grund. Was die Meeresforscher auf dem Ozeanboden entdecken, scheint nicht von dieser Welt -
und könnte am Ende sogar erklären, wie das Leben einst die Tiefsee eroberte.
Hunderte verschiedener Arten von Würmern, Muscheln, Schnecken und Krebstieren tummeln sich selbst noch in 3000 Meter Wassertiefe auf den Gebeinen der Wale. Fast 30 Tierarten haben die Forscher inzwischen gesichtet, die sogar ausschließlich auf Walkadavern leben. Bis zu hundert Jahre lang können die Kreaturen von einem einzigen der grauen Riesen zehren.
"Eine ganze Lebensgemeinschaft hat sich dort unten darauf spezialisiert, tote Wale zu verwerten", schwärmt der Ozeanograf Craig Smith von der University of Hawaii: "Diese Organismen sind die Totengräber der Tiefe; sie recyceln die riesigen Walkadaver und speisen sie wieder ein in den Lebenszyklus der Ozeane."
Smith ist der Begründer der Walkadaver-Forschung. Der Zufall führte sein Team 1987 am Grund des kalifornischen Santa Catalina Basins zu seinem ersten toten Wal. In 1240 Meter Tiefe stieß Tauchboot "Alvin" auf einen 20 Meter langen, mit Bakterien überzogenen Knochenberg, den Smith inzwischen als einen vor mehr als 50 Jahren verblichenen Blauwal identifiziert hat. Seither versucht der Forscher die Leichenshow am Meeresgrund sooft zu besuchen wie nur möglich. "Ein gesunkener Wal ist ein wahrer Festschmaus für die Organismen der Tiefsee", erläutert Smith. Äußerst nährstoffarm seien normalerweise die schier endlosen Ebenen der Ozeane. "Wenn da ein Wal herunterkommt, ist das wie Weihnachten und Ostern zusammen."
Bis zu 130 Tonnen Fleisch, Fett und Knochen am Stück sinken auf den Meeresboden, wenn etwa ein Blauwal sein Leben aushaucht. Was dann geschieht, haben die Forscher inzwischen detailliert nachgezeichnet. Im Pazifik etwa sind Flohkrebse, Schleimaale und bis zu 3,50 Meter lange Pazifische Schlafhaie die ersten Besucher der Kadaver. Die Aasfresser haben einen bemerkenswerten Appetit: Bis zu 60 Kilogramm Walspeck und Fleisch täglich können sie verspeisen. Je nach Größe des Wals und Meerestiefe dauert die Orgie zwischen vier Monaten und fünf Jahren. Dann liegt das Skelett des Meeressäugers blank.
Längst haben sich in dieser Zeit auch Borstenwürmer, Muscheln und Schnecken zu den submarinen Totengräbern gesellt. Sie fressen vor allem die Reste organischen Materials, die sich im Sediment um den Kadaver sammeln. 45 000 Tiere auf einem Quadratmeter Meeresboden haben Forscher schon neben Walgerippen ausgemacht. Spezialisten wie die bis zu vier Zentimeter langen "Flokati"-Würmer sind dabei, die zu Tausenden wie Teppichflusen von den gewaltigen Walschädeln herabhängen und den Kadaver umgeben wie "lebendig gewordene Teppiche" (Dahlgren).
Ist der Riese nach einigen Jahren schließlich bis aufs Skelett abgenagt, wird es für die Forscher erst richtig interessant. Dann nämlich hält eine Lebensgemeinschaft
Einzug, die ihre Energie aus einer einzigen Quelle schöpft: aus den Walknochen. Sie bestehen zu 60 Prozent aus Fetten - ein Festschmaus für anaerobe Bakterien, die die fettige Masse abbauen und für Dutzende anderer Lebewesen verwertbar machen. Kein anderer Meeressäugerknochen ist so mit Fett gesättigt wie der der Wale. Nur deshalb kann das Walskelett Grundlage einer derart komplexen Lebensgemeinschaft sein.
Dahlgren berichtet von Muscheln, die symbiontische Schwefelbakterien in ihren Kiemen oder in ihrem Körper hegen. "Snowboarding"-Würmer fressen sich durch die dichten Bakterienmatten auf den Knochen wie durch Tiefschnee.
Andere Wesen sind so seltsam, dass die Forscher lange Mühe hatten, sie überhaupt zu identifizieren. Im Labor der schwedischen Tjärnö-Meeresstation beugt sich Dahlgren über einen Wirbel des im Skagerrak versenkten Zwergwals. Der Tauchroboter hat das Skelett-Teil vor einigen Wochen aus der Tiefe nach oben befördert. Den Organismen auf dem Knochen scheint der Ortswechsel nichts auszumachen. Ein weißer Bakterienrasen bedeckt den schwarzverfärbten Wirbel. Winzige Ruderfußkrebse flitzen umher. Dann fokussiert Dahlgren das Binokular: "Das ist Osedax, der Knochenfresser."
Eine Hand voll rötlicher Körperanhänge wird sichtbar, winzigen Blütenblättern gleich, die im Wasser treiben. Ansonsten hüllt sich das Wesen in Schleim. Doch Osedax, auch "blinder Zombie-Wurm" genannt, ist wohl der bislang spektakulärste Fund der Walkadaver-Forscher. "Dieses Tier ist ein Beispiel extremer evolutionärer Anpassung", sagt Adrian Glover, Dahlgrens Kollege vom Natural History Museum London, der mit dem Schweden Walkadaver erforscht. "Osedax ernährt sich auf eine Weise, die uns bislang vollkommen unbekannt war."
Keinen Mund und keine Verdauungsorgane besitzt das inzwischen als Ringelwurm identifizierte Lebewesen. Stattdessen ist das Tier im wahrsten Sinne tief im Walknochen verwurzelt. Um sich zu ernähren, schickt Osedax grünliche Anhänge, angefüllt mit symbiontischen Bakterien zur Fettverdauung, ins Knochenmark der toten Meeressäuger. Glover: "Er saugt die Knochen quasi aus."
Besonders skurril ist auch die Fortpflanzung: Nur die Weibchen wachsen heran. Den Männchen dagegen ist ein Schicksal als nicht mal ein Millimeter große Zwerge beschieden. Mitunter mehr als hundert Stück von ihnen leben in der Wohnröhre jedes Weibchens, allein dafür da, die zahllosen Eizellen der Auserwählten zu befruchten.
Auf Walkadavern im Atlantik wie im Pazifik haben Forscher inzwischen Osedax-Arten entdeckt. Weit zahlreicher als bislang angenommen sind die Knochenfresser, glaubt der US-Forscher Robert Vrijenhoek, der 2002 als einer der Ersten die neuen Walwürmer beschrieb. Genetische Populationsstudien
beweisen: Bis zu einer Million Osedax-Weibchen pro Art, von denen jedes theoretisch einen ganzen Wal kolonisieren kann, existieren in den Ozeanen. Vrijenhoeks Schlussfolgerung: "Dort draußen muss es eine Menge toter Wale geben."
Tatsächlich ist den Forschern bei aller Liebe zum Detail der Blick auf das große Ganze bislang verwehrt. Denn eine der größten Herausforderungen besteht darin, die Kolosse überhaupt zu finden. Nur zehn natürlich gesunkene Wale haben Wissen-
schaftler bislang untersuchen können. Purer Zufall führt die Experten meist zu den grauen Riesen. So entdeckte Anfang der neunziger Jahre die U. S. Navy acht Walskelette bei dem Versuch, eine verloren gegangene Rakete zu bergen. Ausgestattet mit den ungefähren Positionsdaten, machte sich Zoologe Smith zwar sofort auf die Suche. Am Ende jedoch konnte er nur einen der Wale wiederentdecken.
Seither zieht es Smith vor, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: Wird ihm ein gestrandeter Wal gemeldet, macht er sich zusammen mit Kollegen direkt auf den Weg. "Es ist keineswegs trivial, einen 45-Tonnen-Wal ins Wasser zu schleppen und zu versenken", sagt der Forscher. "Ein verwesender, gestrandeter Wal ist ein großer, stinkender Schlamassel." Nur nach stundenlanger Plackerei und mit Hilfe starker Boote, die den Kadaver zurück ins Meer ziehen, gelingt der Coup. Bis zu 3000 Kilogramm Metall müssen die Forscher anschließend an den oftmals bereits durch Faulgase aufgeblähten Körper binden, um ihn tatsächlich zum Sinken zu bringen.
Sechs Wale hat Smith auf diese Weise bereits versenkt. Anfang kommenden Jahres will er auch vor Neuseeland sein Glück versuchen. Kühlwagen stehen bereit, um jetzt schon gestrandete Meeressäuger bis dahin frisch zu halten. Smith weiß: Der Aufwand lohnt sich. Denn nicht nur die Art und Weise, wie Wale verwesen, glaubt der Ozeanforscher aus den Kadavern lesen zu können. Die Fleischberge sollen auch einige der drängendsten Rätsel der Tiefseebiologie lösen helfen.
Wie etwa ist es möglich, dass an einigen Stellen des Tiefseebodens gleichsam aus
dem Nichts Oasen des Lebens entstehen? Welche wundersamen Kräfte haben Lebensformen beispielsweise zu den heißen Quellen der mittelozeanischen Rücken geführt oder zu den kalten Quellen in allen Weltmeeren, an denen Methan und Schwefelverbindungen aus dem Meeresboden treten?
Riesenmuscheln, farbenprächtige Bartwürmer und Krebstiere drängen sich an diesen Extremstandorten, die im Ozean rar sind und weit auseinander liegen. Für Smith steht fest: Nur über die toten Wale als "Trittsteine" konnten diese Lebensräume einst besiedelt werden. Von den flachen Küstengewässern aus, so die Theorie des Forschers, hätten sich die Tiere zunächst an das Leben auf den Walkadavern angepasst. Später dann seien sie schließlich noch weiter in die Tiefsee vorgedrungen.
Tatsächlich ähneln sich die Lebensgemeinschaften bis heute auf verblüffende Weise. In beiden Fällen sind Schwefelbakterien die Basis des Ökosystems. Einige Arten, die tote Wale besiedeln, sind auch an heißen Quellen zu finden. Die Vorfahren der Extremorganismen, so haben die Forscher nachgewiesen, lebten vor langer Zeit im flachen Wasser. Bei einer Muschelfamilie etwa trennten sich die Entwicklungslinien vor 30 Millionen Jahren - just zu dem Zeitpunkt, als die ersten, heutigen Pott- oder Blauwalen ähnelnden Walarten entstanden.
Viele Fragen sind noch offen: Welche Auswirkungen hat und hatte der Walfang auf die faszinierende Lebenswelt? Wie gelingt es den frei schwimmenden Larven der Spezialfauna, die Kadaver in der Weite der Ozeane zu finden? Auf welche Wassertiefe müssen die Tiere sinken, um auf diese charakteristische Weise zu vergammeln?
Den Forschern bleibt nur eine Wahl: Immer wieder kehren sie zu ihren fetten Versuchsobjekten zurück, um neue Proben zu nehmen. Während die Amerikaner Smith und Vrijenhoek dafür teure Forschungsschiffe mieten müssen, haben es der Schwede Dahlgren und der Brite Glover leichter. An Bord von Forschungsboot "Doris" (Länge: 8,50 Meter) tuckern sie regelmäßig nur zwei Seemeilen vor den Hafen der Tjärnö-Forschungsstation. Dort liegt nicht nur der Zwergwal auf dem Meeresgrund, sondern seit Anfang des Jahres auch ein etwa fünf Meter langer Grindwal. Mit normaler Tauchausrüstung können die Wissenschaftler den noch frischen Kadaver in nur 30 Meter Tiefe erreichen.
Und Dahlgren denkt bereits an die Erweiterung des laboreigenen Walfriedhofs. "Etwa einmal im Jahr strandet hier in der Gegend ein Wal", sagt der Schwede. "Ich würde furchtbar gern noch ein weiteres Tier versenken." PHILIP BETHGE
DER SPIEGEL 42/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.