Gerhard Richter schwebt mit seinem Weltruhm und den höchsten Marktpreisen eines heute lebenden Malers eigentlich über dem Geschehen. Dennoch stieg er im August in einem SPIEGEL-Interview in die Niederungen der Kunstbetrachtung. Er beklagte, dass in der Kunst alles hingenommen würde, niemand mehr Kriterien und Maßstäbe zur Hand habe. Als Beispiel nannte er Rainer Fettings Willy-Brandt-Skulptur in der Berliner SPD-Zentrale, die er drastisch, wenn auch nicht ganz unzutreffend, mit einem "Zombie" verglich. "Aber die Genossen stellen sich blind und glauben, es sei moderne Kunst." Mit einiger Verspätung schoss der Geschmähte nun zurück. "Ich weiß, was ich von seinen Arbeiten zu halten habe. Seine Technik, diese Alla-prima-Malerei kann man doch in jedem Malbuch lernen", sagte Fetting gegenüber der Boulevardzeitung "B.Z". "Gerhard Richters Bilder sind langweilig." Man mag den Streit wie die "B.Z." als "Zicken-Krieg" abtun, doch geschieht hier viel mehr. Zwei renommierte Maler machen endlich vor, wie sie sich die Kunstkritik eigentlich wünschen: Polemik statt wohlabgewogenen Urteils, Emotion statt Theorie, lieber ein Hauch von Stammtisch als die alten akademischen Winde. Dahin die vielen staubtrockenen Texte, die nach dem Willen von Künstlern in Katalogen und Zeitschriften geschrieben wurden. Vorbei die vornehme Zurückhaltung. Jetzt wird Tacheles geredet.
DER SPIEGEL 42/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.