01.01.1973

PROZESSEBis zum letzten

Der über ein Jahrzehnt verschleppte Hamburger NS-Prozeß gegen Ludwig Hahn, einst SD-Chef von Warschau, droht -- acht Monate nach Verhandlungsbeginn -- zu platzen.
Immer dann, wenn es im Verhandlungssaal Nummer 203 geheimnisvoll schnarrte, erhoben sich die drei Berufsrichter und sechs Schöffen des Hamburger Schwurgerichts von ihren Plätzen. Für Sekunden wurde es still im Raum. Herein trat -- violette Halskrause. schwere Metallkette mit Staatswappen auf der Brust -- der polnische Untersuchungsrichter Jan Mikulski. setzte sich und begann mit der Vernehmung von Zeugen.
Die eher preußisch anmutende Szene ereignete sich in der Vorweihnachtswoche im Woiwodschaftsgericht von Warschau, und sie war Teil eines ebenso aufwendigen wie überfälligen Versuchs der Hamburger Justiz, nach drei Jahrzehnten jene blutigen Geschehnisse der Jahre 1941-44 zu bewältigen, die mit Stichworten wie "Warschauer Aufstand" und "Warschauer Getto" nur unzulänglich umschrieben sind.
Seit Anfang Mai 1972 verhandelt das Schwurgericht wegen Mordes gegen den früheren SS-Standartenführer Dr. Ludwig Hahn, 64, und seinen Untergebenen Thomas Wippenbeck, 65. Als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD unterstand Hahn in Warschau das Gestapo-Gefängnis "Pawiak", in dem Wippenbeck als Aufseher tätig war.
Die Staatsanwaltschaft hält für erwiesen, daß Hahn im "Pawiak"
* unter polnischen und jüdischen Gefangenen Selektionen anordnete, in deren Verlauf insgesamt etwa 1000 Häftlinge erschossen wurden,
* mindestens 5000 Gefangene nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager schickte und
* wissentlich geschehen ließ, daß mindestens 170 "Pawiak"-Häftlinge grausam zu Tode gefoltert wurden. Volljurist Hahn freilich fühlt sich unschuldig. Der Angeklagte "mit dem frommen Gesicht eines Oberkirchenrats im Ruhestand" ("Vorwärts") verteidigt sich: "Ich war der Auffassung, daß ich bis zum letzten meine Pflicht zu tun hatte."
Mitangeklagter Wippenbeck soll mindestens zehn Häftlinge grausam mißhandelt und dann eigenhändig aufgehängt, andere zu "Turnübungen" auf glühender Asche gezwungen, wieder andere erschossen haben.
Es ist einer der letzten großen NS-Prozesse in der Bundesrepublik, charakteristisch für die Typologie jener Verbrechen -- mit Schreibtisch- und Exzeßtäter auf der Anklagebank: ohne Chance für einen gerechten Abschluß, denn die Resozialisierung der Angeklagten war längst vollzogen, bevor das Verfahren auch nur in Gang kam, und jede Strafvollstreckung als Sühne scheint ausgeschlossen, weil die Täter immer älter und hinfälliger werden.
Symptomatisch freilich ist das Hahn-Verfahren vor allem für die Versäumnisse der bundesdeutschen. speziell der Hamburger Justiz. Nur über einen Anklage-Torso kann das Schwurgericht verhandeln, nach zwölfjährigen Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft schließlich hervorgebracht, um wenigstens in einem Teilkomplex vielleicht noch eine Verurteilung zu erwirken. Die Summe der möglichen Schuldvorwürfe gegen Ludwig Hahn ist in Wahrheit ungleich größer und umfaßt auch die "Aussiedlungen" von 400 000 Getto-Juden in das KZ Treblinka.
"Für Warschau und für Polen überhaupt" -- so urteilt Professor Czeslaw Pilichowski, Leiter der Hauptkommission für die Verfolgung von NS-Verbrechen im Warschauer Justizministerium -- "ist Ludwig Hahn so etwas wie ein Synonym für alle Schrecken des Naziterrors." Gleichwohl unterbreitete Pilichowski den angereisten deutschen Richtern die Offerte, auch einen Lokaltermin in Warschau abzuhalten und -- bei zugesagtem freiem Geleit -- den Hauptangeklagten dazu mitzubringen. Ein polnischer Prozeßbeobachter: "Dann müssen wir hier in Warschau ein ganzes Stadtviertel absperren."
Tatsächlich wäre für Polen die Wiedereinreise des früheren SS-Führers kaum erträglich, zumal er per Flugzeug und Taxi kommen und wohl im besten Hotel absteigen würde -- denn Ludwig Hahn ist ein freier Mann. Heute lebt er -- Schwager von Johannes Steinhoff, dem deutschen Vier-Sterne-General bei der Nato --- im Eigenheim mit Gärtchen in Bünningstedt bei Hamburg.
Nur bis 1949 hatte er es für nötig gehalten, als Landarbeiter unterzutauchen. dann war er. wieder als Ludwig Kahn. bis 1951 kaufmännisch tätig, wechselte über ins Versicherungsgeschäft. avancierte 1954 zum stellvertretenden Organisationsdirektor bei der Karlsruher Lebensversicherung AG und warb nach 1967 auch für die Pleitefirma IOS.
Zweimal nur saß Hahn während der sechziger Jahre zwischenzeitlich in Untersuchungshaft, dann ließ ihn das Hanseatische Oberlandesgericht frei, weil die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen versandet war. Polens Pilichowski: "Daß so ein Mann frei herumlaufen kann, ist für uns einfach unbegreiflich" (siehe interview Seite 40).
Ungewöhnlich freilich ist die Vorgeschichte des Hahn-Prozesses selbst nach den bei NS-Verfahren ohnehin verfahrenen Maßstäben der bundesdeutschen Justiz. Bis 1959 geschah in der Sache Hahn überhaupt nichts. Dann begann ein einziger Staatsanwalt mit den Ermittlungen. legte 125 Aktenbände an und brach 1966 zusammen. Seine Nachfolger mußten sich von vorn einarbeiten und konzentrierten sich schließlich auf den "Pawiak"-Komplex 1971 war die Teil-Anklage fertig. Heute stehen die Richter vor einer praktisch unlösbaren Aufgabe. Mit Paragraphen. die nicht geschaffen sind für organisierten Massenmord" mit Zeugen, deren Erinnerungsvermögen nach drei Jahrzehnten verblaßt ist, und mit Angeklagten, gegen die ein Urteil kaum noch vollstreckbar sein wird, müssen sie auch nur jede Annäherung an die Gerechtigkeit als Zielvorstellung nahezu zwangsläufig verfehlen.
Auch ob die eindringlichen Schilderungen selbsterlittener Folterungen jener drei polnischen "Pawiak"-Zeugen, zu deren Vernehmung das Hamburger Schwurgericht jetzt nach Warschau gereist war, die persönliche Verantwortung der beiden Angeklagten für konkrete Tötungshandlungen beweiskräftig haben belegen können, steht dahin.
Zu dem, was vor 30 Jahren als die Tragödie der Opfer begann, liefert die bundesdeutsche Justiz heute unfreiwillig noch das Satyrspiel nach. Aufwand und mutmaßliches Ergebnis ihrer Suche nach der Wahrheit geraten zwangsläufig außer Verhältnis. Schon steht für Januar eine zweite Polen-Reise an, im Februar geht es nach Israel, und mittlerweile macht die hämische Vokabel vom "Justiz-Tourismus" die Runde -zu Unrecht: Den Richtern bleibt keine andere Wahl. als reiseunfähigen oder -unwilligen Zeugen hinterherzufliegen.
Schon gibt es Ausfallerscheinungen auch unter den bejahrten Laienrichtern -- so etwa in Krakau, wo eine Schöffin die gerichtsbekannte Warschauer Gestapofalle "Hotel Polski" ausgemacht zu haben glaubt, oder gleich bei der Ankunft in Warschau, wo eine Schöffin die Funktion des zur Begrüßung erschienenen polnischen Staatsanwalts Walewski offensichtlich verkannte und ihm fürs Koffertragen zollfreie West-Zigaretten zustecken wollte.
Immer ungünstiger stehen die Chancen des Hamburger Schwurgerichts, im Endspurt bis zum Urteil mit dem Gesundheitsverfall des Hauptangeklagten auch nur Schritt zu halten. Dreimal schon tagte das Gericht im Dezember in einem Krankenhaus: Ludwig Hahn wurde an der Prostata operiert. Derzeit wird der Angeklagte jeweils im Pkw zu Gericht chauffiert und kann der Verhandlung -- im Beisein eines Arztes -- nur maximal zwei Stunden folgen. Letzten Donnerstag gab er noch ein Attest über Thrombose zu Protokoll. Diese Woche beginnen für ihn langwierige Kobalt-Bestrahlungen -- und es bleibt nur noch die Frage, wann das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt werden muß,
Kein geräuschloser Ausweg in Sicht: Ein vorfühlender Versuch des Schwurgerichtsvorsitzenden, für den Fall einer notwendig werdenden ärztlichen Überprüfung der Verhandlungsfähigkeit Hahns auch polnische Gutachter zu Rate zu ziehen, wurde in Warschau abgeblockt.

DER SPIEGEL 1/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROZESSE:
Bis zum letzten