11.12.1972

DDR

Eng und herzlich

Die DDR-Reichsbahn reduzierte den Zugverkehr mit Polen. Seit die östlichen Nachbarn in der DDR nicht mehr unbeschränkt einkaufen dürfen, ist ihre Reiselust abgeebbt.

Janusz Dobrylko, 48, fand "neues Gesetz nix gut", denn es "macht Freundschaft kaputt". Der polnische Dreher aus einem kleinen Dorf bei Szczecin (Stettin) machte, Ende vorletzter Woche, in Ost-Berlin einen Einkaufsbummel.

Konstanty Adamski, 41, zur gleichen Zeit in der DDR-Hauptstadt auf der Suche nach preiswerten Elektroöfen, sah weniger die Völkerfreundschaft in Gefahr. "Handel ist so gut wie tot", grämte sich der technische Zeichner aus der Woiwodschaft Wroclaw (Breslau). Und: "Diesen schlechten Erlaß haben die Deutschen gemacht."

Der so kritisierte Erlaß stammt aus dem Warschauer Finanzministerium -- aber er kam, in der Tat, auf Drängen Ost-Berlins zustande. Er beschränkt das Reisegeld polnischer DDR-Touristen, für das bis zum 26. November keinerlei Limit galt, auf 200 DDR-Mark. Von Januar 1973 an sollen Grenzgänger gar mit Valuta-Büchern ausgerüstet werden, in die jeder Umtausch einzutragen ist -- maximal 7000 Zloty (über 1000 Mark) pro Person und Jahr.

Offensichtlicher Grund für diese Restriktion ist die enorme Kauflust der polnischen DDR-Gäste, die seit Einführung des visafreien Reiseverkehrs zu Jahresbeginn in Massen einfallen. Fast neuneinhalb Millionen Dobrylkos und Adamskis starteten Hamsterreisen über Oder und Neiße, während nur 6,3 Millionen DDR-Bürger ostwärts zogen. Allein bis Mitte dieses Jahres wendeten die Polen dafür eine Milliarde Zloty auf (rund 170 Millionen Mark); die Ostdeutschen hingegen kamen mit 71 Millionen Mark aus.

Die Furcht der Ost-Berliner Führung, vom weichen Polengeld überschwemmt zu werden und gleichzeitig die längst noch nicht stabilisierte Versorgung der eigenen Bevölkerung zu gefährden, hatte SED-Chef Erich Honecker bereits im Juni dieses Jahres, bei einem Treffen mit dem polnischen Parteiführer Edward Gierek, von "Problemen" orakeln lassen, die mit dem ungehemmten Reiseverkehr "in Verbindung" stünden. Damals hatte Gierek für "eine Reihe von Schwierigkeiten" Abhilfe versprochen: "Wir werden unser altes polnisches Sprichwort vollauf verwirklichen: "Alles, was unsere Hütte bietet. gehört auf den Tisch der Gäste."

Gastfreundschaft war dann freilich weniger in polnischen Hütten als in ostdeutschen Kaufhäusern nötig. Hatten DDR-Bürger zunächst mit mildem Spott auf die Kunden-Kohorten aus dem Nachbarland reagiert, so wurden die Witze rasch in dem Maße bissiger. in dem "unsere sozialistischen Kampfgefährten" ("Neues Deutschland") in den Warenhäusern friedliche Eroberungsschlachten schlugen und -- so in Cottbus -- ganze Oberhemden-Stapel aus dem "Konsument"-Kaufhaus trugen.

Bald höhnten denn auch Sachsen, demnächst werde wohl in den Geschäften zu jeder vollen Stunde die polnische Nationalhymne gespielt werden müssen, damit die Zugereisten zu ehrfürchtigem Stillstehen gezwungen würden und so den Einheimischen wenigstens minutenlang Gelegenheit geboten wäre, auch mal einzukaufen.

Für die ebensowenig ernst gemeinte Frage, warum auf dem Alexanderplatz der DDR-Hauptstadt kein Gras wüchse, lautete die korrekte Erklärung: "Weil die Polen sonst auch noch ihre Kühe mitbringen würden." Und makaber geriet ein historischer Vergleich. was denn der Unterschied zwischen 1939 und 1972 sei. Antwort: "1939 haben wir die Polen überfallen ..."

Allerdings konzentrierten die Polen ihre Konsum-Angriffe erst auf die DDR, nachdem ihr südlicher Nachbar (SSR im Frühjahr dieses Jahres ein gleichartiges Experiment abgebrochen, fast alle Produkte -- Kraftwagen wie Konserven, Butter wie Bier -- mit Ausfuhrverboten belegt und den Gästen kaum mehr als einen Mundvorrat zugestanden hatte. Schon kurz darauf traten in der DDR die ersten Engpässe auf.

So geriet in grenznahen DDR-Kreisstädten die Bierproduktion ins Stocken, weil die polnischen Käufer leere Flaschen nicht retournieren mochten. Zahlreiche Kaufhäuser gaben an ausländische Kundschaft nur noch ein Paar Schuhe und ein Oberhemd pro Kopf ab, nachdem ruchbar geworden war, daß solche DDR-Produkte mit einem stattlichen Zugewinn in Polen -- selbst, inoffiziell, über die Ladentische -- gehandelt wurden.

Aber auch die Verteilungsschwierigkeiten des Gastlandes machten sich polnische Hobby-Handelsleute zunutze. So boten sie etwa an den Haustüren der Harzgemeinde Thale Kunstfaser-Pullover, Made in DDR, für 140 Mark feil. die sie zuvor in DDR-Metropolen für 80 Mark ergattert hatten. Und auch in den Dörfern des Bezirks Frankfurt (Oder) offerierten Polen-Frauen neben Selbstgestricktem auch Begehrtes aus der DDR-Produktion, das der örtliche Konsum nicht oder nur selten her einbekommt.

Dabei fehlte es nicht an Versuchen, die Wucht des polnischen Käufer-Ansturms zu mindern oder ihn wenigstens in geordnete Bahnen zu lenken. So wurden in Warschau Spezial-Geschäfte für besonders begehrte DDR-Waren errichtet -- eines für Uhren, ein anderes für Kosmetika. Die Polen revanchierten sich mit einem Blumenstand in Ost-Berlin, der täglich mit frischem Nachschub versorgt wird, und mit einer deutschen Ausgabe der Tageszeitung "Zycie Warszawy".

Die Ost-"Berliner Zeitung" unternahm ihrerseits den Versuch, die Gäste aus dem Osten für die gesellschaftlichen und ökonomischen Probleme des Gastlandes zu interessieren -- mit einer Ausgabe "W Jezyku Polskim", in polnischer Sprache. Nun mußten beide Publikationen ihren Lesern erklären, warum -- so das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" ("ND") -- wieder "ordnend eingegriffen" wurde.

Allerdings: Worte wie die von den "engen und herzlichen Beziehungen" ("ND") reichten nun nicht mehr aus, um die verärgerten Polen zu besänftigen, die sich wieder scharfen DDR-Zollkontrollen, zum Teil sogar Leibesvisitationen. unterziehen mußten und die bereits vor dem 27. November eingetauschtes DDR-Geld, soweit es die 200-Mark-Grenze übersteigt, zurückzutauschen haben.

Die abschreckende Wirkung blieb nicht aus. Die DDR-Reichsbahn konnte bereits bislang erforderliche Verstärkungszüge im Polen-Verkehr ausfallen lassen.


DER SPIEGEL 51/1972
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