11.12.1972

BAUGESCHÄFTEMiese an den Hacken

Der rheinische Baulöwe Josef Kun, durch den Vorwurf der Korruption im Düsseldorfer Landtag bundesweit bekannt geworden, wird jetzt von den Banken an die Kette gelegt.
Die Affäre begann, als der Untersuchungsausschuß des Düsseldorfer Landtages sich anschickte, ihr ein Ende zu bereiten.
Seit Herbst vergangenen Jahres forschen die Regional-Parlamentarier, so der CDU-Antrag, ob SPD-Mitglied Josef Kun, 41, mit 300 Millionen Umsatz Nordrhein-Westfalens größter Bauunternehmer, vielleicht durch Verquickung von Politik und Geschäft an das große Geld gekommen sei.
Eines ist inzwischen allerdings klargeworden: Mercedes-600-Fahrer Josef Kun, dessen 40 Turnierpferde vom Olympia-Springreiter Gerd Wiltfang bewegt werden, den Kuns Firma als Chauffeur führt, hat kein großes Geld, sondern ein großes Loch in der Kasse. Deshalb faßt jetzt die Düsseldorfer Bau-Kredit-Bank AG die Unternehmensgruppe Kun, ein Sammelsurium von 22 Firmen, darunter Betonfertigteil-, Möbel- und Kunststoffwerke, Kraftfahrzeughandlungen und eine Campingfirma, in eine Kun-Auffang. GmbH zusammen.
Kun-Gesellschafter werden die feine Privatbank Trinkaus in Düsseldorf, die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank. die BHF-Bank und die Deutsche Pfandbriefanstalt, die alle -- neben renommierten Versicherungskonzernen -- hinter der Bau-Kredit-Bank stehen. Sie bringen in die neue GmbH zwei Drittel des Stammkapitals von zunächst 15 Millionen Mark ein.
Das Bankenkapital ist sehr vonnöten, denn die Kun-Gruppe, 1970 von einem Verlust von 8,7 Millionen Mark geschüttelt. bilanziert mit roten Zahlen. Eine Überschuldung von 17 Millionen Mark verunziert Kuns Hauptbuch.
"Für uns ist das Engagement zu groß", erkannte die Bau-Kredit-Bank schon im vergangenen Jahr -- spät genug. Bei ihr stand Kun mit Zwischenkrediten und kurzfristigen Bankschulden von über 78 Millionen Mark in der Kreide -- dem mehr als Zweieinhalbfachen des haftenden Eigenkapitals der Bau-Kredit-Bank.
Dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen war das zuviel. Als es erkannte, daß die -- gesetzwidrig -- happenweise auf die vielen Kun-Firmen aufgeteilten Einzelkredite in Wahrheit ein einziger dicker Brocken waren, mußte Ende August 1971 der Bankvorstand den Chefsessel räumen.
Mit Hilfe der nachsichtigen Bankfreunde hatte Kun sein niederrheinisches Baureich auf das mörderische Finanzierungssystem "aus kurz mach lang" gegründet. Kurzfristig auf drei bis sechs Monate und gegen teuren Zins gepumpte Gelder steckte er in seine langfristigen Anlagen. Für die notwendige Umfinanzierung mußte Kun inzwischen eine Landesbürgschaft von 50 Millionen Mark beantragen.
Das gesamte Vermögen der Kun-Gruppe -- Maschinen, Gebäude und Baugelände -- in der Größenordnung von fast 500 Millionen Mark wurde mangels Eigenkapital im vollen Umfang mit Fremdmitteln finanziert -- bei einer Verzinsung von "durchschnittlich neun Prozent" (Kun), für die Banken ein ungetrübtes Zinsvergnügen.
Noch aus einem anderen Grund wurde der "großsprecherische Maurermeister" (so der SPD-"Vorwärts" über den Genossen) von den Banken mit Kredit verwöhnt. Kun nämlich nahm ihnen immer wieder weitgehend notleidende Firmen ab. deren rote Zahlen dann in seiner Bilanz aufleuchteten.
Seinen ersten Aufbruch ins Unternehmertum, 1952 und mit zwei Hilfsarbeitern begonnen, hatte Kun schon 1953 wieder abgebrochen, weil er unversehens "Miese an den Hacken", nämlich Schulden, hatte. Dann mauerte er in Kompanie mit einem Bauingenieur bis 1965 in den zwölf Jahren der "kleinen Kun-Zeit" (Kun über Kun) insgesamt 769 Wohnungen hoch.
Im Rezessionsherbst 1966 glückte dem jetzt unter Bank-Kuratel gestellten Kun das erste kapitale Schnäppchen. Mit 31 Millionen Mark von der Frankfurter Hypothekenbank kaufte er im heimatlichen Homberg bei Duisburg der von Stillegung bedrohten Zeche Rheinpreußen eine Werkssiedlung ab, riß die 447 Hütten nieder und verfügte plötzlich inmitten der Homberger City über ein Gelände für 7200 Wohnungen.
Seitdem baute Kun. inzwischen Herr über rund 4500 Mitarbeiter, überall am Niederrhein so vehement, daß ihm bald der Ruch schnöder Korruption anhing. Auch verdiente Josef Kun nicht schlecht -- allerdings nicht nur bei Kun.
In der Immobilien-, Verwaltungs- und Finanzierungsvermittlungs-KG seines Freundes, des Reitstallbesitzers Wolfgang Jendrossek, gab es auf zwei Millionen Mark Kapital, in das sich das gesamte Kun-Management teilte, regelmäßig 30 Prozent Gewinn. Davon entfielen auf Kun, mit 1,25 Millionen Kommanditeinlage dabei, jährlich 375 000 Mark.
Seit der "kleinen Kun-Zeit" errichtete der Homberger Pferdehalter mehr als 9000 Wohnungen, aber in wachsendem Umfange mußte Kun die zum Verkauf gedachten Eigentumswohnungen vermieten, und im selben Takt blieben immer mehr seiner teuren Zwischenkredite langfristig gebunden. "Das ist nicht unser Bier", so machte Kun sich Mut, als sich die Bankenaufsicht regte, "wir unterstehen nicht dem Bundesaufsichtsamt."
Doch die Banken hatten die niederrheinische Frohnatur, die "das Baugeschehen der achtziger und neunziger Jahre in den Griff bekommen" wollte, bereits selbst fest in den Griff genommen. Josef Kun, von der Zinslawine überrollt. steht da wie einst im Jahre 1953: mit "Miesen an den Hacken".

DER SPIEGEL 51/1972
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BAUGESCHÄFTE:
Miese an den Hacken

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