25.12.1972

Er denkt zuviel - die Leute sind gefährlich

SPIEGEL-Reporter Hermann Schreiber über Willy Brandts Ost-Unterhändler Egon Bahr

Vom langen Atem der Geschichte hat Egon Bahr, als er seine Unterschrift unter den Grundvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten setzte, nicht einen Hauch verspürt. Auch hernach, beim Sektgeplauder mit seinem thüringischen Landsmann und Widerpart Michael Kohl, hat er nur noch einmal die reichlich zwei Jahre durchmessen, die Kohl und er nun miteinander verhandelt haben, und beide haben sich ein bißchen bestaunt. War nicht alles viel schneller gegangen, als sie erwartet hatten?

"Wenn einer so drin ist wie ich", sagt Bahr auf dem Heimflug in seiner Luftwaffen-Boeing, "dann sieht man so einen Tag wie diesen 21. Dezember anders als die Beobachter. Dann vergleicht man das mit den letzten zwei Jahren. Und dann war dies heute ausgesprochen relaxed."

"Relaxed", gelockert also, haben die Beobachter den Hergang des historischen Ereignisses in der Tat nicht gefunden.

Drinnen, beim Unterzeichnungsakt, herrschte eigentlich überhaupt keine Stimmung, sicherlich keine gute, schon das Adjektiv "geschäftsmäßig" wäre Schwelgerei gewesen. Alles in allem war das eher ein Exerzitium der Abgrenzung als der Anfang eines geregelten Nebeneinanders. Selbst auf der Speisekarte des gemeinsamen Mittages-

* 1962 bei einer Pressekonferenz in Berlin

sens stand ausdrücklich "Schloßberg" halb trocken, Sekt, DDR".

Und draußen gab es Sperren, die auch nicht schlimmer hätten sein können, wenn Willy Brandt selber gekommen wäre: abgeriegelte Häuserblocks um den Ort der Unterzeichnung. verlegte Bushaltestellen, abgewiesene Reporter, unterbrochene Sendeleitungen. War das alles nicht vielleicht zu schnell gegangen? Kommt dieser Vertrag nicht einfach zu früh für den zweiten deutschen Staat?

Egon Bahr neigt dazu, die Frage zu bejahen. Aber auch das, was er die Schwierigkeiten und den täglichen Ärger nennt, gehört für ihn fast selbstverständlich zum "Wandel durch Annäherung", zu dem Versuch einer Überwindung des Status quo durch dessen Anerkennung. "Niemand weiß, welche Zukunft die deutsche Nation hat. Aber damit sie eine haben kann -- wenn sie eine haben kann -. dazu brauchen wir diesen Grundvertrag."

Nichts von alledem, was der Politiker Bahr sagt oder tut, ist einfach zu erklären. Auch die Formeln, die er ausdrücklich zur Erklärung seiner Politik anbietet, sind so widersprüchlich wie er selber, wirken wenigstens so.

Das liegt, zum ersten, an Egon Bahrs außergewöhnlicher Denkfähigkeit. Sie schafft Distanz zwischen ihm und dem Rest seiner Umwelt. Und in dieser Distanz lebt er -- mit allem Anspruch, der dazu gehört, aber auch mit dem Argwohn, den solcher Abstand zum Durchschnitt beim Publikum allemal hervorruft.

Für den überwiegenden Teil dieses Publikums handelt es sich hier (frei nach Shakespeare) um Egon "Cassius" Bahr, der so einen "hohlen Blick" hat: "Er denkt zuviel: die Leute sind gefährlich." Folgen können ihm die wenigsten. Und die übrigen mißtrauen ihm,

Das liegt, zum zweiten, aber auch an Egon Bahrs außergewöhnlicher Empfindsamkeit. Die nämlich macht aus seiner intellektuellen Einsiedelei (die auch bloß Attitüde sein kann oder Arroganz) eine Schutzhaltung, eine Abwehrhaltung. Wer da durchdringen will, muß erstens "ein anständiger Mensch" und zweitens "nicht dumm" sein, und zwar nach Bahrs Begriffen. Das heißt. Egon Bahr limitiert seinen Umgang bewußt -- denn er kennt nicht nur seine forensischen Grenzen, sondern auch seine Verletzbarkeit: "Ich habe früher alle Menschen bis zum Beweis des Gegenteils für gut gehalten. Das hat sich dann abgeschliffen -- nämlich spätestens als der vormalige Bonner Rias-Kommentator Bahr im Berliner Senat (dessen Pressesprecher er 1960 wurde) erstmals Feindberührung mit der praktischen Politik hatte: "Da habe ich gemerkt, daß das falsch war."

Egon Bahrs spezielle Beziehung zu Willy Brandt hat hier, und nicht im Politischen, ihren Ursprung. Denn Brandt ist eben anders: "Erstens ist das ein hochanständiger Mensch". und dumm ist er. zweitens, auch nicht. Aber vor allem ist Brandt für Bahr "ein Beispiel dafür, daß Politik nicht den Charakter verderben muß" -- und im milden Licht dieser Beispielhaftigkeit fühlt er sich aufgehoben und fast immun gegen die Tricks der anderen wie gegen die Verurteilung dessen, was diese anderen für seine Tricks halten,

Die politische Lebensgemeinschaft jedenfalls, in der Bahr denkt und Brandt lenkt, basiert auf einer ausgewachsenen Männerfreundschaft -- mit einem relativ spät erst vereinbarten (und nur privat angewandten) Du und mit beiderseits bedingungsloser Loyalilid. Ideologie spielt dabei so gut wie gar keine Rolle und Biographie auch nur eine relativ geringe. Hier bewältigen nicht zwei Sozialisten, die beide unter den Nazis zu leiden gehabt haben, gemeinsam ihre Vergangenheit. Sondern dies ist ein Vertrauensverhältnis zwischen zwei Mißtrauischen, sicher eine Seltenheit -- wobei der Kryptiker Bahr den zuweilen doch eher bekennerischen Brandt bezeichnenderweise für noch "einsamer und verschlossener" hält als sich selber.

Bezeichnend auch, was der reisende Unterhändler Bahr am Rande der Protokolle notiert, ohne den sonst obligatorischen Geheimstempel. Aus dem winterkalten Moskau zum Beispiel: "Blumen. Erst wenn sie fehlen, wird ihr Wert wieder ganz bewußt ... Zur zweiten Gesprächsrunde bringe ich Forsythienzweige mit, besonders gut in Zeitungen verpackt und unter größter Beschleunigung vom Flugzeug in den Wagen gepackt." Oder aus Stockholm, wo er zusammen mit dem Nobelpreisträger Willy Brandt "von dem obersten Pfarrer zum Essen eingeladen" war: "Das Haus in seiner Einfachheit, die spröde Freundlichkeit -- man wurde an Fontane erinnert, an Ostpreußen, Pommern, Schlesien. Es war ein Erlebnis."

Ostpreußen, Schlesien, überhaupt der Osten Deutschlands. das ist für diesen in Treffurt an der Werra geborenen Sohn eines schlesischen Studienrats auch heute noch schlicht "Heimat". Und die Nation ist für Egon Bahr ganz unverhohlen ein "Gefühlswert", ist schlechthin "unverzichtbar", wird "auf lange Sicht auch stärker sein als die Ideologie"; denn: "Die Nation ist für den einzelnen die Möglichkeit, sich zu identifizieren" -- ein Ort der Geborgenheit gewissermaßen.

So redet ein Mann, der Teilungsverträge aushandelt? So redet doch eher ein verkappter Nationalist, ein später deutscher Gaullist zumindest, vielleicht auch einer, der verdrängten Patriotismus zu kompensieren hat. Egon Bahr bestreitet das natürlich. Wohl leugnet er nicht, de Gaulle für einen Realisten gehalten zu haben, "im stillen" sogar für ein Glück, weil der General ebensowenig wie Bahr selber an einen europäischen Bundesstaat glauben mochte, in dem sich die Identität der Nationen eines Tages auflösen könnte. Aber ein Nationalist -- also einer, "der die eigene Nation über alle anderen stellt"

will er "um Gottes willen" nicht sein.

Und was seinen Patriotismus angeht, so ist dieser zwar "verletzt" worden, als der Fahnenjunker-Unteroffizier Bahr 1944 wegen "Einschleichens in die Wehrmacht" von der Luftkriegsschule Kitzingen flog, unehrenhaft aus der Armee entlassen und als "nichtarischer" Rüstungsarbeiter zu Rheinmetall-Borsig rückversetzt wurde -- denn er hatte (vergebens) seine jüdische Großmutter verheimlicht.

Aber die Qualität eines Schlüsselerlebnisses will Bahr dieser Geschichte. an der er sogar nach Meinung seines Freundes Brandt "schwer trägt", heute nicht zubilligen. Die so roh unterbrochene Offizierslaufbahn war jedenfalls nicht sein ursprünglicher Berufswunsch. Lieber wäre er "preußischer Landrat" geworden, "ein kleiner König in einem überschaubaren Bereich"; und noch lieber Musiker, genaugenommen "Kompositeur"; aber auch das Musikstudium scheiterte an der jüdischen Großmutter.

Tatsächlich ist Bahrs Begriff von der Nation viel zu kompliziert, um als gewöhnliche Kompensation herhalten zu können. Denn diesseits des "Gefühlswerts" und der Identifikation. also im Bereich abstrakter Definitionen, ist die Nation für Egon Bahr "eine Gruppe von Menschen, die durch ihren Willen zusammengehören" möchte. Daß dies auf die Menschen in der Bundesrepublik und in der DDR noch immer zutrifft, ist für ihn zweifelsfrei. Aber ob in eine solche Definition zwingend auch die staatliche Einheit hineingehört, das "weiß ich nicht so genau".

Was bleibt, ist: die Nation als Wille und Vorstellung -- ein Abstraktum und als solches auch nur durch menschliche Begegnung am Leben zu erhalten; durch eine Art humanitäre Unterwanderung des ideologisch und politisch Unvereinbaren: durch diesen scheinbar widersprüchlichen Versuch. "trotz der Realitäten mit den Realitäten fertigzuwerden.

Und das ist, was Bahr betrifft, nichts anderes als Pragmatismus, ein Verhandlungsauftrag, die Kunst des Möglichen. ein schönes Stück Geheimdiplomatie. Als ideologisches Konzept hat der Erfinder den "Wandel durch Annäherung" nie verstanden. Dieser Bahr.

* Nach der Unterzeichnung des Grundvertrages am 21 12. 1972 in Ost-Berlin.

der sich privat für einen guten evangelischen Christen hält, will als Politiker von Weltanschauung nichts hören. Ihm genügt "ein inneres Geländer", das er am liebsten überhaupt nicht definiert, und wenn man ihn drängt, dann definiert er es auch wieder nur als "Anstand".

Dies alles bedeutet freilich auch: Die Einsicht in die Notwendigkeit einer Abgrenzung gegenüber dem Kommunismus war ihm immer so selbstverständlich, so über jeden Verdacht erhaben, daß er keinerlei Mühe darauf verwendet hat, diese Einsicht sozusagen transparent zu machen. Das will er, zum Beispiel als Redner im Bundestag. ein bißchen korrigieren. Gegen die (nicht nur in Oppositionskreisen verbreitete) Meinung hingegen, er habe in Moskau, mindestens aber in Ost-Berlin, schlecht verhandelt und mehr als nötig weggegeben, gedenkt er überhaupt nichts zu tun -- "weil", sagt er mit charakteristischem Spaß am Herrschaftswissen,

"weil ich weiß, wie es wirklich war, und weil ich weiß, daß ich das nicht sagen kann".

Wohl möglich also, daß Breschnew und Honecker und auch Michael Kohl einen ganz anderen Bahr erlebt haben als den hier geschilderten -- nicht die wortfaule, mausgraue Eminenz, sondern einen eloquenten Weichmacher, nicht den als "Tricky Egon" angezweifelten Presse- Informanten, der die Wahrheit zumindest verschweigt, wenn er glaubt, daß sie eine "Operation" gefährden könnte, sondern einen rückhaltlosen Bekenner, der mit Offenheit zu entwaffnen weiß.

So wie die gemeinsame Pressekonferenz nach der Vertragsunterzeichnung, die streckenweise eher wie ein Streitgespräch vor unerwünschten Zeugen aussah, darf man sich die Verhandlungen aber nicht vorstellen. Für Bahr war das "Florett, auch ein bißchen Spaß' fürs Publikum. In Klausur sagt man "ganz deutlich und ohne diplomatische Umwege", was man sich zu sagen hat, einschließlich der Motive. Bahrs wichtigste Erfahrung dabei ist jedenfalls, "daß es ohne persönliches Vertrauen, das man nicht enttäuschen darf, nicht geht". Soll heißen: "Jeder kann den anderen aufs Kreuz legen -- aber nur einmal."

"Tricky Egon" beharrt darauf, das ihm dies bei all seinen Ost-Verhandlungen nicht ein einziges Mal passiert sei. Der Mann, der Krimis mag, "weil sie so völlig unernst sind, das haben sie übrigens mit der Sportschau gemeinsam", ist ergo mit sich zufrieden. "Man hat so ein Gefühl wie ein Schriftsteller, der ein Buch abgeschlossen hat: erleichtert und ein bißchen leer." Aber ob das Buch ein Bestseller wird -- "das weiß man nicht".


DER SPIEGEL 53/1972
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