27.11.1972

STEWARDESSENVögeln gleich

Die Lufthansa versucht aus ihrer Personalnot eine Tugend zu machen. Da deutsche Damen knapp wurden, wirbt sie: „Für unsere Fluggäste sorgen Mädchen aus aller Welt.“
Warum auch gleich in die Luft gehen: Deutsche Mädel greifen lieber zu Bodenständigem -- zu einem Posten als Sekretärin, Dolmetscherin oder Hausfrau. Auf Stewardessen-Stellen fliegen immer weniger.
"Früher", so klagt Lufthansa-Werberin Edith Lewandowski, "kamen die nettesten Mädchen von allein und hatten alle Abitur. Heute müssen wir in aller Welt suchen, und von Abitur redet keiner mehr."
Von Schönheit auch nicht. Bei der Lufthansa (LH), einst Traumziel von "Pin-up-Bordschönheiten", sind "Pupppengesichter und Idealmaße" (so das Herrenmagazin "Er") rar geworden.
Seit Millionen statt Millionäre bewegt und mitunter bis zu zwölf Flugstunden am Tag (LH-Lehrer Wolfgang Bartsch: "Pensum eines Hochleistungssportlers") umsorgt werden möchten, "sind wir weg von der Stewardeß, die als Gastgeberin an Bord fungiert: Unsere Damen sollen das Vertrauen alter Mütterchen gewinnen" (Bartsch).
Für die Vertrauens-Stellung mangelt es derzeit noch an Personal (Soll-Stärke: 2100 Flugbegleiter: 1980: 4000). In einer Sondernummer ihrer Hauspostille "Der Lufthanseat" konstatierte die Gesellschaft ein Defizit von 450 Damen und schlug Alarm, weil "Flugbegleiter schließlich nicht auf Bäumen" wachsen.
Dieses Manko ist neu: Vor eineinhalb Jahren noch hatte die Hansa mehr Keilnerinnen an Bord, als ihr lieb war. Weil die Kölner Luft-Reeder in Verlust-Turbulenzen geraten waren, ließen sie einen ihrer fünf Jumbo-Jets am Boden und "150 Flugbegleiter teils beurlauben, teils umschulen" (Kabinendienst-Chef Horst Kilian).
Um aber beim Wettrennen über den Wolken nicht allzu sehr ins Hintertreffen zu geraten, wollen Sie jetzt wieder vergrößern: Ab April nächsten Jahres sollen der fünfte Jumbo (361 Sitze) erneut flott, zwei weitere Boeings 727 (103 Sitze) angeschafft und Ende 1973 die erste von vier Großraummaschinen Typ Douglas DC-10 (252 Sitze) in Betrieb sein.
Wie die Lufthansa zugleich in diesem Umfang aufstocken und dennoch "unserem Slogan, im Service führend zu sein" ("Der Lufthanseat")" auch in Zukunft treu bleiben kann, ist nur schwer vorstellbar.
Denn schon bisher gab es gerühmte Service-Leistungen zwar als Slogan, aber weniger in der Praxis. Die braven Lufthansa-Damen galten bei Oftfliegern schon von Anfang an nicht eben als ein in die Luft gegangenes Fräulein-Wunder. In der Economy-Klasse hebt sich die Bordverpflegung kaum vom internationalen Durchschnitt ab.
Freilich sind an den trockenen, in Kunststoff geschweißten Supermarkt-Gedecken und überhöhten Preisen für Drinks wohl auch die nivellierenden Normabsprachen des internationalen Fluglinien-Verbandes Iata nicht ganz schuldlos: Manche Fluggäste, die den orientalisch-üppigen Service etwa auf asiatischen Nicht-Iata-Linien kennen. gen gar nur noch im Notfall mit Iata-Gesellschaften.
Da ja auch Komfort, Sicherheit und Flugzeiten bei allen Firmen gleich sind, sucht die Lufthansa jetzt ihr Image auf anderem Felde aufzubessern.
Während die LH-Werbung ehedem markig den Tugendschatz der Nation herunterschnarrte ("Mit typisch deutscher Pingeligkeit weigern wir uns zu starten, bis nicht sämtliche Teile perfekt funktionieren"), besann sie sich in ihrer Personalnot ausgerechnet auf Glanz und Glamour,
Ihr neues Werbe-Konzept heißt: "Für unsere Fluggäste sorgen Mädchen aus aller Welt." Das Himmelfahrt-Kommando wird (Kilian: "erst aus Not, jetzt aus Tugend") zunehmend im Ausland angeheuert -- etwa in Österreich (LH-Prädikat: "besonders warmherzig"), England ("besonders höflich") und Jugoslawien ("besonders attraktiv").
Zulauf erhoffen sich die Werbestrategen aus den Deutschtums-Enklaven in Südamerika und Südafrika. So reisten zwei LH-Ausbilder nach Brasilien. um Interessierte anzuwerben. Bartsch: "Dort gibt es guterzogene Töchter, die von allein nie auf die Idee kämen."
Dem Ideen-Mangel bundesdeutscher Töchter ist selbst mit lancierten Zeitungsartikeln nicht beizukommen. Bislang verfingen großspurige Versprechungen (Bild: "Mit dem Jumbo rund um die Erde") und runtergeschraubte Forderungen kaum (LH-Annonce: "Sie müssen gesund sein und auf beiden Augen normal sehen -- leichte Korrekturgläser sind erlaubt").
Der Stewardessenberuf verschwand aus den meisten Jungmädchen-Träumen" nicht nur weil sich bereits Porno-Promoter vom Flug-Verkehl- beflügeln ließen -- literarisch ("Möchten Sie Kaffee, Tee oder mich?") oder kinematographisch ("Sie fliegen durch die Lüfte, Vögeln gleich"). Selbst Sexualforscher stürzten sich schon auf die Luft-Flotten. Studien-Ergebnis der Münchner Gesellschaft für Rationelle Psychologie: Neun Prozent haben lesbische Beziehungen, dreimal soviel wie im Bundesdurchschnitt.
Die große Flug-Zeit war bereits für den Stewardessen -Nachwuchs abgelaufen, seit -- Folge des Charter-Tourismus von Kaufhof und Neckermann
die Jets den Hauch von Exklusivität verloren. Bartsch: "Früher wollten die Mädchen um jeden Preis fliegen, jetzt gibt es das ja schon zum Billig-Preis.
Zwar hatten die Hanseaten in ihrer Not "unverdientes Glück" und konnten bei der in Konkurs gegangenen Chartergesellschaft Atlantis "einen großen Schluck aus der Pulle nehmen" (Kilian): Über 100 Damen werden zur Zeit in Frankfurt für die Lufthansa fitgemacht. Doch: für die "Zukunft mußten wir uns noch was einfallen lassen". So preist eine interne "Stoffsammlung für Flugbegleiter" als besonderen Köder die "sozialen Leistungen im Unternehmen": Zum Fast-Nulltarif von nur einem Zehntel des Flugpreises sollen Stewardessen zukünftig ihre Eltern mitnehmen dürfen. Geschwister reisen mit 75 Prozent Ermäßigung.

DER SPIEGEL 49/1972
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