04.12.1972

KATHOLIKEN Teufel gestrichen

Weil ein katholischer Theologieprofessor den Teufel als „reine Erfindung“ bezeichnet, spricht ihm der Heilige Stuhl den rechten Glauben ab. Jetzt griff der Papst selbst ein.
Die katholische Nummer eins warnte vor dem "Feind Nummer eins Paul VI., 75, jüngst: "Der Teufel existiert wirklich."
Damit griff der Papst in einen Streit ein, dessen Hauptfigur bislang der katholische Tübinger Theologieprofessor Herbert Haag, 57, ist. Der Schweizer Staatsbürger bringt seit mehreren Jahren jahrtausendealte Kirchenlehren zum Einsturz.
Haags letztes theologisches Abbruch-Unternehmen galt dem Satan, der für den Papst noch immer der "Versucher schlechthin". der "Mörder von Anfang an" und der "Vater der Lüge" ist. In seinem Buch "Abschied vom Teufel" nennt der Tübinger Alttestamentler (Priester seit 1940, Professor seit 1948) hingegen die Höllenfigur eine "reine Erfindung" und beschwichtigt die längst zweifelnde Christen-Herde: "Laßt euch durch keinen Teufelsglauben beunruhigen."
Mit seinem Kampf gegen die Existenz des Teufels, den Haag auch in Vorlesungen vor Studenten und in Vorträgen vor gläubigem katholischem Volk führt, gefährdet der Professor seine eigene Existenz: Vom Papst beauftragte römische Glaubenswächter bezweifeln in einem geheimen Prozeß, daß Haag noch den rechten katholischen Glauben hat und künftige Priester ausbilden darf.
Die Kampagne des Tübinger Gelehrten schockt die Kirchen-Spitzen um so mehr, als Haag Vorsitzender des angesehenen Katholischen Bibelwerks ist und zu den Exegeten ersten Ranges zählt. Vor allem sein "Bibellexikon" verschaffte ihm internationalen Ruf.
Gegen den Schriftgelehrten eröffnete Kardinal Franjo Seper als Chef der "Heiligen Kongregation für die Glaubenslehre" gleich zwei Glaubensverfahren.
Den ersten Prozeß zog sich Dogmen-Kritiker Haag zu, weil er in einem 1966 erschienenen Buch die Lehre von der Erbsünde bestreitet. Haags These: "Es ist also nicht so, daß der Mensch schon als Sünder geboren wird, daß er von seinen Vorfahren oder von Adam eine Sünde "erbt","
Und Mitte vergangenen Jahres begann der Teufels-Prozeß. Der Kurienkardinal Seper verlangte von dem Tübinger Professor "innerhalb eines Monats" Bescheid, "ob und wie Ihrer Ansicht nach Ihre Thesen mit der katholischen Lehre vereinbar sind".
Aber Haag reagierte anders, als in Rom erwartet wurde. Freimütig kritisierte er in seiner Antwort an den Kardinal die Glaubens-Verfahren der Kongregation als "langwierig", "überflüssig" und "zum Teil überholt". Zur Kritik an seiner Leugnung des Teufels verweigerte Haag jede Stellungnahme. "Bevor ich darauf eingehe", schrieb er dem höchsten römischen Glaubenswächter, "scheint es mir geboten, das erste Verfahren gegen mein Buch "Biblische Schöpfungslehre und kirchliche Erbsündenlehre" abzuschließen. Dieses läuft nun schon dreieinhalb Jahre und harrt noch immer seiner Beendigung."
Glaubens-Hüter Seper, empört über "eine solche Forderung", setzte eine letzte Frist: "Binnen dreißig Tagen nach Erhalt dieses Schreibens" habe Haag detailliert zu antworten. Der
* Im Fresko "Das jüngste Gericht" von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.
Teufeisgegner aber parierte wiederum nicht, nahm sich 46 Tage Zeit und gab noch immer nicht die gewünschte Antwort, sondern stellte eine Gegenfrage: "Mit welchem Recht verstößt Ihre Heilige Kongregation permanent gegen die in der ganzen freien Welt gültigen und von der letzten Bischofssynode ausdrücklich bestätigten Gesetze der Gerechtigkeit?"
Und detailliert begründete der empörte Professor, was er für ungerecht hält: "Abgesehen davon, daß ich weder meine Ankläger noch die über meine Schriften bei Ihnen vorliegenden Gutachten noch meinen Verteidiger kenne, möchte ich besonders bemerken, daß der Prozeß über die Erbsünde nun volle vier Jahre läuft."
Es dauerte jetzt nur noch knapp ein halbes Jahr, dann beendete Seper den Erbsünden-Fall: Ohne auf Haags Argumente einzugehen, wurde dem Professor mit Billigung des Papstes verboten, in Zukunft zu lehren, was er in seinem Buch behauptet hatte. Und seit der Papst selbst in die Teufels-Debatte eingegriffen hat, ist kaum noch anzunehmen, daß sie für Haag glimpflicher ausgeht als der Streit um Adam; eher ist das Gegenteil zu vermuten.
Die Folgen seiner ketzerischen Haltung bekam der Tübinger Gelehrte bereits zu spüren: Die Deutsche Bischofskonferenz wählte ihn jüngst nicht wieder zum theologischen Berater.
Das bett-übt, aber erstaunt den Theologen nicht sonderlich. Denn Haag mutmaßt zwar, daß die Mehrheit der Priester heute "weder über den Teufel predigt noch an ihn glaubt". Aber in kirchlichen Liedern, Gebeten und Lehrbüchern wimmelt es weiterhin von Teufeln.
Text-Probe aus der neuen katholischen Dogmatik "Mysterium Salutis" ("Herderkorrespondenz": "Ein Standardwerk der katholischen Theologie"): "Nicht mit Unrecht wurde schon oft darauf hingewiesen, die erste größte List des Teufels bestehe darin, sich selbst zu verleugnen. Wo seine Existenz zweifelhaft sei oder gar verneint werde. gewinne er die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wirksamkeit."
Haag über die dementsprechende Aktualität von Hexenwahn und Teufelsglauben: "Der Reinverdienst eines Hexenbanners, den er als Dank für das Aufspüren der Hexe erhält, kann sich heute in einem Jahr bis auf 75000 Mark belaufen."
Statt sich gehorsam dem päpstlichen Spruch zu beugen und dem Satan die Existenz zu bescheinigen, holt Haag deshalb bereits zu einem neuen Schlag gegen den Papst und den Teufel aus. Im nächsten Jahr schreibt er ein dickleibiges Werk unter dem Arbeitstitel: "Der Teufelsglaube -- ein Irrweg."
Haag: "Das wird Ärger geben. Macht nichts."

DER SPIEGEL 50/1972
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