06.11.1972

USADer große Knall

McGovern oder Nixon? Am Dienstag fällt die Entscheidung nach einem Wahlkampf, der kein Kampf war: Richard Nixon verschanzte sich hinter dem Schild der Präsidentschaft, McGovern kämpfte allein.
Dies ist die klarste Alternative in diesem Jahrhundert". wußte Amerikas Präsident Richard Nixon - und sein Herausforderer George McGovern stimmte gern zu.
Bewahrung der Traditionen oder Reform der Gesellschaft: Träume vom amerikanischen Traum oder schmerzliches Erkennen der amerikanischen Wirklichkeit; Geheimpolitik hinter verschlossenen Türen oder offenes Bekenntnis; Stillstand oder Fortschritt: Für Amerika nahte, so mußte es noch im Sommer scheinen, am 7. November eine Jahrhundert-Entscheidung. eine historische Wende, ähnlich jener Zäsur vor 40 Jahren. als der Reformer Franklin D. Roosevelt den Konservativen Herbert C. Hoover aus dem Weißen Haus vertrieb.
Doch kaum hatte Richard Nixon den großen schicksalhaften Zweikampf angekündigt, da zog er sich, siegesgewiß, schon wieder aus der Arena zurück. Der Zweikampf geriet zum Solo George McGoverns, der fortan gegen Windmühlen kämpfen mußte.
Unermüdlich zog der Senator seit seiner Nominierung im Juli durch das Land, von Ost nach West, von Nord zuweilen auch nach Süd, nur den Gegner, der bereit gewesen wäre, die Herausforderung anzunehmen, den fand er nicht.
Denn Richard Nixon, seit dem 20. Januar 1969 Bewohner des Weißen Hauses, wollte sich seinen Landsleuten lieber als Staatsmann zeigen, erhaben über den schmutzigen politischen Alltag, und er konnte es sich dank seiner -- vor allem außenpolitischen -- Erfolge leisten. Statt selbst zu kämpfen. ließ er kämpfen. Minister, Staatssekretäre, Töchter, Schwiegersöhne und Geistliche verkündeten die Botschaft des 37. US-Präsidenten.
Nur ganz selten zeigte sich Nixon selbst den Amerikanern. Und auch dann trat er nur vor handverlesenen Getreuen auf, die ihn weder durch Zwischenrufe noch durch lange Haare irritierten.
Sogar die Presse, sonst von amerikanischen Präsidentschaftskandidaten hofiert. mußte draußen bleiben. Reporter. die den Präsidenten auf seinen Ausflügen in die Menschheit begleiteten, sahen ihn meist nur aus ein paar hundert Meter Entfernung oder, wenn er in einem Saal sprach, im Vorraum via TV.
So scharten sich, da es über den Wahlkämpfer Nixon nichts zu berichten gab, immer mehr Reporter um den Herausforderer McGovern -- und erwiesen ihm damit, häufig ungewollt, einen schlechten Dienst,
Der Senator aus South Dakota erlangte zwar Publicity. zugleich aber wurde auch jeder Fehler, den er beging, jeder Lapsus. der ihm unterlief, vor den Augen des Wahlvolks ausgebreitet
nicht, wie sonst, relativiert durch die Schnitzer des Rivalen, denn der Rivale blieb unsichtbar.
Und Fehler bot McGovern genug. Wohl war der Demokrat im Juli, nach seiner überraschenden Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten. noch durchaus chancenreich gestartet. Nixon, so ermittelten die Demoskopen. lag nur um neun Punkte vor seinem Herausforderer -- nicht gerade viel für einen amtierenden Präsidenten, der vier Jahre lang die Vorteile des Amtes für sich hatte nutzen können und der. Höhepunkt seiner Amtszeit, gerade die Annäherung an Peking und den Ausgleich mit Moskau eingeleitet hatte.
Doch dann, als McGoverns Wahlfeldzug gerade auf Touren kam, erfuhr die Nation -- möglicherweise aus republikanischen Quellen von der Jahre zurückliegenden psychiatrischen Behandlung des McGovern-Vize Thomas Eagleton. McGovern, der bis dahin als "Honest George", als aufrichtiger Georg, gegolten hatte, geriet nun selbst in Verruf, unglaubwürdig zu sein: Er ließ seinen Vize fallen, nachdem er ihn zunächst seiner "tausendprozentigen" Unterstützung versichert hatte.
Sechs prominente Demokraten lehnten McGoverns Bitte ab, nunmehr Eagletons Platz einzunehmen; erst sein siebter Kandidat, Kennedy-Schwager Sargent Shriver, sagte schließlich ja -- aber da wiesen die Meinungsumfragen bereits einen Nixon-Vorsprung von 23 Punkten aus.
Und McGovern fiel noch tiefer. Denn beunruhigt durch die Abwanderung einst treuer demokratischer Wähler -- Katholiken, ethnische Minderheiten, Gewerkschafter und sogar die Jungwähler waren nach Demoskopen-Aussage zu Nixon übergelaufen -, begann der Senator, seine angeblich radikalen und häufig unausgegorenen Programme zu verändern, zu verwässern oder ganz fallenzulassen. Kaum noch jemand vermochte zu sagen. was McGovern tatsächlich vorschlug.
Der Prediger aus der Prärie. so schien es bald, war eben doch nicht der Erlöser, der Amerika in eine neue, bessere Zukunft führen konnte, sondern ein Politiker wie alle anderen auch
wankelmütig, gelegentlich verschlagen. stets vor allem auf den eigenen Nutzen bedacht.
Mochte McGovern die undurchsichtige Persönlichkeit des Mannes im Weißen Haus, der einst "Finsterer Gustav" und "Tricky Dick" genannt worden war, noch so hart angreifen, nicht Nixon, sondern McGovern selbst wurde zum Wahlkampfthema.
Denn je erregter sich McGovern über die "korrupteste Regierung der Geschichte" ereiferte, desto ruhiger. unterkühlter reagierte Nixon. Gegenüber dem zunehmend ungestümen, oft unkontrollierten Wahlkämpfer gab er sich als ruhiger, gelassener Staatsmann. der wie einst Frankreichs Charles de Gaulle über Funk und Fernsehen Reden an sein Volk hielt -- ohne seinen Herausforderer auch nur ein einziges Mal mit Namen zu erwähnen.
Wurde er persönlich angegriffen, so ließ er seine Mitarbeiter zurückschlagen; und als die Presse aufdeckte. wie tief sogar Nixons engste Berater in eine Fülle von Skandalen verwickelt sind (SPIEGEL 45/1972), ließ er seinen Presse-Beschwichtiger Ronald Ziegler den "schäbigen Journalismus" und "schreienden Rufmord" verurteilen.
Dennoch wuchs die Empörung über die skrupellosen Wahlhelfer des Präsidenten, und George McGovern durfte hoffen, endlich ein erfolgversprechendes Wahlkampfthema gefunden zu haben. Doch da war Richard Nixon bereits wieder bestens präpariert.
Denn planvoller als jeder andere Präsident der jüngeren amerikanischen Geschichte hat er die politischen Maßnahmen seiner Regierung genau dem Tempo seines Wahlkampfes angepaßt: Peking und Moskau, die spürbare Verbesserung der Wirtschaftslage, der Truppenabzug aus Vietnam -- das waren, in schneller Abfolge, die Salutschüsse des Jahres 1972 für den Präsidenten. Jetzt vollendete Nixon das Feuerwerk mit dem großen, alles übertönenden Knall, dem bevorstehenden Ende des US-Krieges in Vietnam.
Aus Paris hatte sein Marco Polo. Chefberater Henry Kissinger, die frohe Kunde der Einigung mitgebracht. Nicht mehr die Skandale der Nixon-Regierung, nicht mehr die Angriffe McGoverns beschäftigten jetzt die Wähler, Amerika wartete auf die Heimkehr seiner in Nordvietnam gefangenen Söhne -- und Richard Nixon war der Friedenspräsident.
"Ein Haufen Dinge kommen zu diesem Zeitpunkt zusammen", freute sich Nixon-Intimus John Ehrlichman. "ein Zeitpunkt, den wir aus wohlverstandenem Eigeninteresse gewählt haben."
Die Demoskopen gaben Nixon und seinen Planern recht. Der letzten Wahlkampfthemen beraubt, fand McGovern gerade noch die Unterstützung von 32 Prozent der Wähler, für Nixon aber sprachen sich 60 Prozent aus; in den sechs größten, wahlentscheidenden Staaten der Union betrug der Vorsprung des Präsidenten zwischen 16 und 29 Prozent.
"Erdrutsch in Sicht", prophezeite denn auch "Newsweek" Anfang voriger Woche -- obwohl wahre Erdrutsche in der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaftswahlen die Ausnahme sind.
Nur drei Präsidenten gelang es zum Beispiel, mehr als 60 Prozent der Wählerstimmen zu erringen: Warren G. Harding (60,3 Prozent im Jahre 1920). Franklin D. Roosevelt (60,8 Prozent im Jahre 1936) und Lyndon B. Johnson (61,1 Prozent im Jahre 1964).
Meist schafften es die Herausforderer in der letzten Woche vor der Wahl doch noch, den Vorsprung zu verringern. Hubert Humphrey etwa kam 1968 bis auf 0,7 Prozent an Nixon heran, und auch McGovern glaubte vorige Woche noch an seine Chance.
Der Grund für seinen Optimismus war die Selbstgefälligkeit des Präsidenten, war -- paradoxerweise -- aber auch der Rückstand in den Meinungsumfragen.
Denn Nixons groß angekündigter Vietnamfriede rückte Ende voriger Woche in die Ferne, viele Wähler fühlten sich getäuscht, argwöhnten, Kissingers Friedens-Schalmeien hätten nur einen Sinn gehabt -- sie ins Präsidenten-Lager zu locken.
Nixons Riesenvorsprung andererseits, so spekulierte McGovern, werde viele Wähler, die Nixon eigentlich nur widerwillig den Vorzug geben wollten, davon abhalten, überhaupt zur Wahl zu gehen. Auf die totale Wahlbeteiligung seiner Anhänger aber glaubte sich McGovern verlassen zu können.
So wird das Ergebnis der Wahlen am Dienstag vermutlich an jenem Triumph gemessen werden, den 1956 Nixons einstiger Chef Dwight D. Eisenhower er rang, der einzige US-Präsident, der sich nach dem Kriege um eine Wiederwahl bemühte: Der General, der Politiker wurde, erhielt damals 57,4 Prozent der Wählerstimmen.
Eisenhower freilich war nur dem Etikett nach Republikaner. Der letzte wahrlich republikanische Präsident. der ins Weiße Haus zurückkehren wollte. hieß Herbert C. Hoover. Er wurde 1932 von Franklin D. Roosevelt besiegt -- einem Reformkandidaten.
An eine solche Wiederholung der Geschichte allerdings mochten vorige Woche nur noch McGoverns allertreueste Freunde glauben.

DER SPIEGEL 46/1972
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