06.11.1972

ZEUGEN JEHOVASDunkle Zeit

Weil sie den Symbolen der neuen Staaten den Respekt verweigern, verfolgen afrikanische Regierungen die Zeugen Jehovas.
Vorgestern kamen sie hier an, holten einen Angestellten heraus und schlugen ihn wie einen tollen Hund tot", berichtet ein entsetzter europäischer Entwicklungshelfer aus dem ostafrikanischen Malawi.
Die Mörder waren Mitglieder der Staatspartei MCP (Malawi Congress Party) und ihrer Jugendorganisation Junge Pioniere. Das Opfer war ein schwarzer Zeuge Jehovas. Die 23 000 Mitglieder der Sekte in Malawi sind vogelfrei. Denn Präsident Hastings Banda nannte sie "Zeugen des Teufels". Minister ermunterten das Volk zu -Denunziation und Gewalttaten.
Im neuen Makokola Clubhotel zerrten MCP-Fanatiker den Chefkoch aus der Küche und erstachen ihn. Anderswo wurden Frauen vergewaltigt oder mit Benzin übergossen und angezündet. Der Polizeichef von Dedza wollte das staatlich geduldete Brennen und Morden stoppen -- er verlor seinen Posten. In ganz Malawi sollen 60 Zeugen Jehovas umgebracht worden sein.
Nach den Verfolgungen in Nazi-Deutschland und in den kommunistischen Staaten Osteuropas erlebt die Sekte heute in Afrika eine dunkle Zeit -- nicht nur in Maiawi.
Sie hatte sich dort besonders schnell verbreitet. Denn gerade eine wenig gebildete, überwiegend noch an Magie glaubende Bevölkerung mußte die wörtliche Bibelauslegung der Sekte attraktiv finden, die alle wissenschaftlichen Erkenntnisse von der Entstehung der Welt und des Menschen ignoriert. 1940 zählte die Glaubensgemeinschaft in Afrika 6600 Anhänger, 1970 waren 250 000 der insgesamt anderthalb Millionen Zeugen Jehovas Afrikaner. Die meisten (87 000) leben in Nigeria.
Die afrikanischen Zeugen werden von ihrer Sekte angehalten, gewissenhaft ihre Steuern zu zahlen, und sie waren, wie ihr Weltorgan "Der Wachtturm" versichert. "nie an einem Regierungsumsturz beteiligt". Andererseits aber weigern sich die schwarzen Glaubensbrüder, die Flagge ihrer Länder zu grüßen, die Nationalhymne zu singen und den Staatsparteien beizutreten
was gerade in den jungen, ihre Identität suchenden Nationen als Provokation aufgefaßt wird.
Die Sektenmitglieder verkünden zudem den Weltuntergang im Jahre 1975 und unterstützen damit -- wie ihre Gegner behaupten -- die ohnehin zu passive Lebenshaltung vieler Afrikaner. Hinter den "Wachtturm"-Werbezügen von Haus zu Haus vermuten schwarze und braune Herrscher Anti-Regierungs-Kampagnen.
So verbot Madagaskar die Sekte wegen "staatsfeindlicher Tätigkeit". In Ägypten und Sambia mußten Zeugen Jehovas ins Gefängnis. Malawis Banda mobilisierte schon 1967/68 neben der Staatsgewalt, die die Vereinigung für illegal erklärte, den Mob: 1095 Hütten von Glaubensbrüdern und 115 Gebetshäuser gingen in Flammen auf.
Weil die Zeugen Jehovas im Untergrund weiterarbeiteten, schlug Banda nun noch brutaler zu. in panischer Angst flüchteten die schwarzen Gläubigen über die Grenze: nach Sambia. wo die Regierung mit 130 000 Mark Uno-Unterstützung Lager für 10 000 Malawi-Flüchtlinge errichtete -- aber selbst in die Portugal-Kolonie Moçambique und ins rassistische Südafrika.

DER SPIEGEL 46/1972
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ZEUGEN JEHOVAS:
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