30.10.1972

STRUMPFINDUSTRIE

Kampf um Damenbeine

Die deutschen Feinstrumpffabrikanten sind erneut in Schwierigkeiten geraten. Massenimporte und Überkapazitäten drucken die Preise und zwangen zu Kurzarbeit und Werksschließungen.

"Hallo Nachbarn! Willkommen im Strumpfmarkt. Ihr werdet es nicht leicht haben", inserierte vor mehr als drei Jahren Feinmaschenkönig Fritz-Karl Schulte in einschlägigen Fachblättern. Die kollegiale Begrüßung galt Günther Spiesshofer und Dr. Herbert Braun, den Bossen des Miederwarenkonzerns "Triumph International" ("Triumph krönt die Figur").

Aus Ärger darüber, daß Strumpfhosen ihre Miederwaren zum Teil überflüssig machten, entschlossen sich damals die Triumph-Herren. ebenfalls unter die Maschenstricker zu gehen. Von Schulte pachteten sie das hessische Werk Allendorf und begannen, Strumpfhosen der Marke "Driana" zu produzieren.

Um der Konkurrent möglichst viele Kunden abzujagen, offerierte der Branchenneuling seine Beinbekleidung im Fachhandel zum Kampfpreis von 1,98 Mark pro Paar -- rund eine Mark billiger als die Produkte anderer Hersteller. Der neue Geschäftszweig erschien den Münchner Miedermachern so zukunftsträchtig. daß sie ein Jahr später den Pachtvertrag lösten und die Saarländische Strumpffabrik Steinberg in St. Wendel kauften. Sehr bald stellte sich jedoch heraus, daß die Figurenformer mit ihrer neuen Masche wenig Erfolg hatten. Zwar ließ die Konzernverwaltung noch 1969 verlauten, das Geschäft mit Strumpfhosen mache "viel Freude". tatsächlich aber kamen sie aus den roten Zahlen nicht heraus.

In den beiden letzten Jahren konnte Triumph beim Strumpfsortiment nicht einmal den Umsatz halten: Der Verkaufserlös ging von 54 Millionen Mark im Jahre 1970 auf 30 Millionen Mark 1971 zurück. Als sich die Umsatzmisere auch in diesem Jahr fortsetzte. war dem Management die Lust am Damenbein vollends vergangen: Die Strumpffabrik in St. Wendel wird zum Jahresende geschlossen.

Die Kapitulation von Triumph signalisiert die Schwierigkeiten der Branche: Umsatzstagnation. Preiseinbrüche, zu geringe Kapazitätsauslastungen. Laut Statistik ging der Absatz von Damenstrümpfen und Feinstrumpfhosen von 542 Millionen Paar (1970) auf 527 Millionen (1971) zurück. Gleichzeitig sanken die Preise. Während 1970 für eine Strumpfhose im Laden noch 3,14 Mark erlöst werden konnten, waren es im letzten Jahr nur noch 2,87 Mark. Im ersten Quartal dieses Jahres rutschte der Durchschnittspreis nochmals um 22 Pfennig.

Branchenexperten halten eine Umsatzsteigerung auch in nächster Zeit für ausgeschlossen. Begründung: Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 28 Paar Strümpfen und Strumpfhosen liegt die Bundesrepublik weit vor anderen Ländern mit vergleichbarem Lebensstandard. Auch die neue Hosenmode erweist sich als Verkaufsbremse. Denn unter den wärmenden Beinkleidern tragen Deutschlands Frauen oft Söckchen, Kniestrümpfe oder auch alte und löchrige Strumpfhosen.

Sorgen bereitet den deutschen Herstellern zudem "eine Importschwemme bisher unbekannten Ausmaßes" (Fachzeitschrift "Textilwirtschaft"). So stieg der Anteil ausländischer Feinstrumpfhosen im vergangenen Jahr von 14 auf 30 Prozent und erreichte ein Volumen von rund 110 Millionen Mark.

Als besonders gefährliche Konkurrenten erwiesen sich die Italiener. die allein einen Importanteil von 54 Prozent ergattern konnten. Unterstützt mit hohen Subventionsgeschenken ihrer Regierung, unterliefen sie die Preise deutscher Fabrikanten. Ergebnis: Importstrumpfhosen kosteten im ersten Quartal dieses Jahres im Handel durchschnittlich 79 Pfennig.

Leidtragende dieser Entwicklung waren in erster Linie die Arbeitnehmer in den Strumpffabriken. So drosselte Schulte & Dieckhoff (Marktanteil: 35 Prozent) seine Tagesproduktion allein im ersten Halbjahr 1972 um über 20 Prozent und verordnete 5000 Strumpfwirkern wochenlange Kurzarbeit.

Zwangspausen mußte auch ein Feil der 3000 Arbeiter der Hudson-Arwa-Gruppe (Marktanteil: 10,5 Prozent) einlegen. Und die Ergee-Feinstrumpfwerke (Marktanteil: zwei Prozent) ersetzten abwandernde Arbeiter nicht mehr und verminderten ihre Belegschaft um 400 Mitarbeiter.

Branchenriese Schulte sieht für deutsche Fabrikanten jetzt nur noch eine Überlebenschance durch einen Gegenangriff mit billiger Markenware. Der Strumpfwirker aus Horstmar kreierte deshalb die neue Strumpfhosenmarke "Lady Star", die er in Lebensmittelläden zum Preis von 99 Pfennig anbietet.

Ein anderes Rezept zur Belebung des Geschäfts ließ sich der Schongauer Strumpfunternehmer Fred Vatter (Marke: "Bellinda") einfallen. Nachdem seine Marktforscher in der Bundesrepublik acht Millionen "dicke Frauen" geortet hatten, denen die bis jetzt handelsübliche Ware nicht paßte, erfand er die sogenannte 3 D-Strumpfhose.

In der Werbung wird die "Welt-Neuheit" jetzt allen Damen empfohlen, die eine "starke Figur, kräftige Oberschenkel, starke Hüften oder einen vollen Po" haben.


DER SPIEGEL 45/1972
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