30.10.1972

Gregor von Rezzori über die „Bluff-Story“Reicher Hughes und armer Irving

Gregor von Rezzori, 58, ist der Autor der Maghrebinischen Geschichten“ und des „Idiotenführers durch die Deutsche Gesellschaft“.
Ein Drei-Mann-Team der "Sunday Times" hat in geradezu schwelgerischer Detail-Aufstöberei die Geschichte eines literarischen Schwindels zusammengestückt, mit dem der Journalismus seit einem Jahr viel Feuerwerkszauber veranstalten konnte und zeitweilig mehr Reporter beschäftigt hielt als auf dem Vietnam-Kriegsschauplatz.
Fay/Chester/Linklater berichten von einem Schelmenstreich, dessen absurder Plan, abstruser Ablauf und jämmerlicher Ausgang als ein sittengeschichtliches Genrebild die Dimension der klassischen Komödie erreicht -- eine mehrfach gestaffelte Tiefendimension: Betrüger und Betrogene sind ebenbürtig in Lächerlichkeit und Schmählichkeit und sind doch wieder nur die tragikomischen Repräsentanten und, wenn man will, die Opfer eines Milieus, das seinerseits charakteristisch für den Zustand einer Gesellschaft ist -- ich meine die Subkultur, die da entsteht, wo mit geistigen Produkten gehandelt, folglich der Geist genötigt wird, sich dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage unterzuordnen.
Daß es überhaupt zu einer solchen Affäre kommen konnte. setzt eine von Fiktionen bald zur Farce zerdehnte Wirklichkeit voraus. Es gehört dazu eine Menschheit. die im 20. Jahrhundert nach Jesus Christus unverändert ebenso mythengläubig ist wie etwa im 10. vor unseres Heilands Erdenwandel, so daß ihr der jeweils "reichste Mann der Welt" immer noch ein unausstaunbares Spielzeug der Vorstellung ist wie weiland König Midas -- und nicht schlichthin irgendein durch monströsen Reichtum deformierter Mann, für den man bestenfalls ein mitleidiges Achselzucken übrig haben müßte. Eine Menschheit, die andrerseits zur Stillung ihrer Märchensüchtigkeit mit einer Märchenfigur sich nicht zufriedengibt und im Namen ihrer Fortschrittlichkeit und Wissenschaftlichkeit Authentisches, dokumentarisch
Belegtes möglichst unmittelbar von diesem Mann erfahren will und mißtrauisch darüber wacht, daß auch kein Tüpfelchen verfälscht oder gar dazuerfunden werde.
Es gehören ferner dazu die Manipulanten von publizistischen Apparaten, mit deren Hilfe aus solcher kollektiver Neugier ein florierendes Geschäft zu machen ist, indem sie diese Neugier so füttern, daß sie sich steigert -- mit anderen Worten: indem sie eine Aufklärung betreiben, welche die allgemeine Dummheit fördert.
Ich weiß nicht, ob Howard R. Hughes tatsächlich der reichste Mann der Welt ist, wie es heißt. Unbezweifelbar aber ist er der Mann, der den "reichsten Mann der Welt" am besten darstellt. Er übertrifft alle anderen Superreichen an Exzentrizität. schierer Narretei und Skrupellosigkeit und was es an typischen charakterlichen und geistigen Schädigungen durch übergroßen Reichtum sonst noch gibt. Dabei hat er seine letzten Endes immerhin doch menschlichen Züge nicht so gänzlich verwischt, daß man sich nicht mit ihm identifizieren könnte. Er hat allerlei landläufige Ambitionen eingestanden, versuchte sich als Sportler, als Erfinder und scheiterte honorig-nach beinah wirklich nennenswerten Erfolgen. Er schätzt, was ebenfalls auf Verständnis treffen dürfte, weibliches Brustgestrotze. Er ist körperlich zwar über den Durchschnitt groß, aber doch kein Supermann, beinah taub von Kindheit auf. Es liegt eine Art Urqual in seinem Affenblick über der Bruchpilotennase, eine jammervolle Unerlöstheit, um derentwillen man bereit ist, ihm viel zu verzeihen.
Vor allem aber hat Hughes das durchaus Mythenhafte, also eigentlich Unwirkliche, essentiell Literarische seiner Existenz als "reichster Mann" begriffen und sich sozusagen in seine eigene Legende aufgelöst: Man weiß nicht mit Sicherheit. ob er noch lebt -- aber das hat nichts zu bedeuten, er ist nur um so wirklicher, was er als "reichster Mann" eigentlich ist: die schlechthin perfekte Groschenromanfigur.
Was tatsächlich geschehen ist, darf wohl als bekannt gelten: Ende 1971 kündete das US-Verlagshaus McGraw-Hill die Sensation der bevorstehenden Veröffentlichung der Autobiographie von Howard R. Hughes an, wort- und sinngetreulich aufgezeichnet von einem Schriftsteller namens Clifford Irving. Bald jedoch stellte sich heraus, daß man einem Schwindler aufgesessen war. Irving hatte die angeblich von Hughes diktierten Bekenntnisse aus verschiedenen Aufzeichnungen zweiter Hand zusammengestohlen, doch so geschickt aufbereitet, daß sie sich durchaus glaubwürdig lasen. Damit hatte er den Verlegern eine dreiviertel Million Dollar Vorschuß entlockt.
Clifford Irving, der im vorliegenden Buch als eine Art trümpelhafter Eulenspiegel auftritt, ein Bauernfänger, der am Ende auf sich selbst hereinfällt, ist seinerseits ein Prototyp: der smarte Viertelintellektuelle, zu äußerlich, zu windig für die saure und schlecht bezahlte Arbeit des fiction-writers, zu prätentiös, zu undiszipliniert, um ein tüchtiger Journalist zu sein, aber ein Gschaftlhuber im literarischen Betrieb, ein ewiger goldjungenhafter Verheißer, stets im Begriff. den wirklich knuffigen Bestseller zu verfassen -- somit den Verlegern ein unablässiger schmerzlich-lüsterner Kitzel.
Ein gar nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst ist Irving nicht abzusprechen: Er hat Verlagswesen und Verleger aus einer bislang wenig beachteten Perspektive gezeigt. Es ist höchst aufschlußreich zu lesen, wie alles biederbäuchig hervorgekehrte Berufsethos dieser Kulturträger, alle ihre Qualitäts- und Niveauverpflichtetheit, alle Kritik, ja alle Einflüsterungen eines gelegentlich noch aufbegehrenden Restchens von Vernunft weggefegt werden, wenn der Wirbelwind eines mutmaßlichen großen Geschäfts aufzieht.
Was aber der Geschichte die letzte, geistige Dimension der großen Komödie gibt, ist die Groteske, daß es doch eigentlich Händler in Fiktionen sind. Verkäufer von Phantasieprodukten, die sich betrogen fühlten, als ihnen zum vermeintlich profitablen Zwischenhandel etwas angedreht wurde, was vorgab. nacherzählte Realität zu sein und es nicht war. Ist denn das nicht die Ware, mit der sie gewöhnlich hökern: glaubwürdig vorgetäuschte Wirklichkeiten?
Wie, wenn Irving das erstaunliche strategische Talent, das er für seinen Gaunerstreich aufgebracht hat, ins Literarische hätte übertragen können -- wenn er also nicht ein kleiner Dieb, sondern ein großer Schriftsteller wäre, der die Autobiographie eines zur Dämonie verwunschenen Multimilliardärs wörtlich so erfunden hätte, wie sie da abgeschrieben stand: Hätten sie sich davon nicht ein noch größeres Geschäft versprechen und ihm noch mehr anzahlen müssen?
Zugegeben: Irving hat nichts erfunden, sondern ganz schamlos abgeschrieben. Aber auch da ließe sich die heikle Frage stellen, was in einem solchen Fall noch geistiges Eigentum sei. Vielleicht ist die überraschende Milde des Urteils. das schließlich über Irving gesprochen werden mußte, zum Teil auch darauf zurückzuführen, daß es dem Gericht schwerfiel, die Scheidelinie zu ziehen zwischen dem, was im Literarischen nicht mehr Erfindung und schon Betrug ist.
Sie läßt sich eindeutig ziehen im Journalismus, und so waren es denn auch vor allem die Journalisten, die sich als düpiert empfinden mußten. Sie haben es dem armen Irving weidlich heimgezahlt, am gründlichsten mit diesem Buch, zu dessen Herstellung sie nichts als den lautersten Journalismus angewendet haben -- es ist vor allem Schriftstellern und solchen, die es werden wollen, Journalisten und Belletristen, wärmstens zu empfehlen.
Von Gregor von Rezzori

DER SPIEGEL 45/1972
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