09.10.1972

„Paß auf, hier hat's 'ne Menge Bullen“

Hans-Peter ("Conny") Konieczny, 19, arbeitete von Februar bis Juli 1972 für die Baader-Meinhof-Gruppe. Der gelernte Schriftsetzer fälschte in Tübingen Dokumente und Stempel, traf sich im Untergrund mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader, plante einen Banküberfall -- und lockte dann, einen Tag nach seiner Verhaftung, die Gruppenmitglieder Irmgard Möller und Klaus Jünschke in eine Polizei-Falle. Dem SPIEGEL schildert der inzwischen wieder freigelassene Konieczny, wie er zur BM-Gruppe stieß und warum er sie wieder verließ.
Mit 15, als ich die Obertertia zu Ende gemacht habe, bin ich aus der Schule raus. Ich hatte kein schlechtes Zeugnis, ich wäre versetzt worden. Aber mein Alter war ein -- na ja. Taschengeld gesperrt und so weiter, und ich hatte einfach die Schnauze voll.
Ich suchte einen Job. Schriftsetzer hielt ich damals, 1968, für interessant. Ich bin zu einer Druckerei gelatscht, habe mich da vorgestellt und wurde gleich als Lehrling genommen.
Meinem Alten habe ich das so mehr oder weniger mitgeteilt: Du, hör mal her, ich gehe nach den Sommerferien jobben. Da hat er einen großen Satz gemacht. Dem hat vorgeschwebt, sein Sohn macht Abitur, geht zum Militär, wird Offizier oder so. Aber ich bin raus aus der Schule, ohne daß mein Alter weiter noch viel davon gespannt hat; er ist ein Typ, mit dem man nicht diskutieren kann.
In der Schriftsetzerlehre waren ein paar ganz gute Typen, die mit mir angefangen haben. Im Betrieb war ein dufter Betriebsrat, waren Gewerkschaftsmitglieder, was auch recht selten ist. Unser Lehrlingsmeister, ein guter SPDler und DGB-Mitglied, hat uns ab und zu einen Tip gegeben. Hier müßt ihr ein bißchen Terror machen, sagte er, da müßt ihr aufmucken -- aber ich weiß von nichts.
Das war für meinen "politischen Lebenslauf" ganz günstig insofern, als der Chef ein riesiges Arschloch war. Er hat schon am ersten Tag ein großes Theater gemacht, weil ich Koteletten bis zum Ohrabschluß hatte. Daß der so war, das hat mir eine ganze Menge geholfen. Das war nämlich gerade die Zeit, in der der SDS versucht hat, mit uns Lehrlingen oder Arbeitern in Kontakt zu kommen. Ich habe das dufte gefunden, daß die ab und zu mal einen gesoffen und dabei geredet haben. Man hat beim SDS einfach jemanden gehabt, mit dem man versuchen konnte, eine Lösung seiner Probleme zu suchen.
Als ich so nach und nach die Stufe vom Nichtsahnenden zum radikalen Demokraten erreicht hatte, habe ich mich in meinem Heimatort Tübingen bei den linken Gruppen umgesehen.
Ich bin zur SDAJ, zu einem Grüppchen der Marxisten/Leninisten (ML) und zur DKP gegangen. Als Gewerkschaftsmitglied habe ich mit anfänglichem Erfolg versucht, eine aktive IG- Druck-Jugendgruppe aufzubauen. Aber wir hatten einen Gewerkschaftsvorsitzenden von Druck und Papier in Tübingen, das war so ein rechter SPD-Mann. Der hat immer Schiß gehabt. daß seine Gewerkschaft von Kommunisten unterwandert wird und so was.
In der Tübinger SDAJ und im Club Voltaire hat es mir gestunken. Man mußte da die DDR gutheißen und so was. In der ML war es ähnlich: Proletenkult, ganz genau fixierte Richtlinien und dann halt so Dinger, die ich später als Stalinismus bezeichnete. Ich war gegen die allmächtige Partei. weil ich verhindern wollte, daß die gleiche Scheiße passiert wie in der Sowjet-Union oder in China.
Die Genossen von den Marxisten/ Leninisten haben immer von dem Verräter Trotzki und so was geredet, aber nie rausgelassen, wer das ist. Einfach hohle Phrasen, die sie auch sonst meist gedroschen haben. Da habe ich mir selber mal die "Permanente Revolution", ein Buch von Trotzki, besorgt, hab" das gelesen und hab" das richtig gefunden, weil es meinen Vorstellungen über Demokratie entsprach.
Anfang 1971, nachdem ich von zwei Studenten, die auch so auf der Richtung lagen, Bücher über Trotzki, Ernest Mandel und die Vierte Internationale bekommen hatte, wurde ich Mitbegründer der Gruppe Internationaler Marxisten (GIM) in Tübingen. Ich war bei denen, vor allem später, so eine Art Renommier-Arbeiter.
Wir hatten ein Stehcafé, wo wir Kollegen uns nach Feierabend getroffen haben -- ein paar GIMler und auch andere linke Studenten, die bald ein bißchen den Ton von uns Arbeitern angenommen haben. Sie sagten mal "Arschloch" oder so was, und so sind die Vorurteile abgebaut worden. Schließlich hatten wir außer Politik auch noch andere Probleme.
Aber das wurde alles nichts Rechtes. Die GIM-Gruppe wuchs zwar bald auf 20 oder 30 Leute an, doch wer die meisten Zitate wußte, hatte dort automatisch den richtigen Standpunkt. So sind die Arbeiter, außer mir, allmählich wieder abgebröckelt.
Bald waren überhaupt nur noch ein paar da, die sich in den Gruppen so rumgedrückt haben. Wenn man trotzdem ein paar Lehrlinge für eine gemeinsame Veranstaltung gewonnen hatte, kamen die Studentenärsche und hatten alle Ausreden und keine Lust, mal irgend etwas zusammen zu machen. Wenn wir ein Haus mieten wollten für eine Wohngemeinschaft von Studenten und Lehrlingen und die Bereitschaft einiger Lehrlinge und Arbeiter da war, hatte am Schluß jeder doch wieder Einwände und wollte nicht riskieren, daß dabei die große Scheiße rauskommt.
Es kam hinzu, daß die GIM sich spaltete: da gab es Spartakus, da lief ein großer Teil weg, und es folgten Auseinandersetzungen an der Uni, mit der DKP einerseits und mit der ML andererseits. Keiner hatte dann mehr Zeit, weil er irgendeine Stelle beim alten Charly (Marx), beim Lenin oder sonstwo lesen mußte, um jeweils genau Bescheid zu wissen, ob der Arsch aus der ML oder der Arsch aus der DKP recht hat. Das hat in meinem Fall dazu geführt, daß ich von Woche zu Woche immer mehr die Schnauze voll hatte.
Statt mit den paar Leuten, die mitmachen wollten, ein leerstehendes Haus zu besetzen und notfalls so "ne Anklage wegen Nötigung oder Widerstand zu riskieren, hat man zu Hause im stillen Kämmerlein Lenin, Band 27, Abschnitt 4. Seite 43, auswendig gelernt. Das hat mir einfach immer mehr gestunken.
Letztes Jahr im Juli/August passierte dann mal was. Ich habe Urlaub genommen, um in Esslingen bei einer Rote-Punkt-Aktion mitzumachen. Weil ich mich vor einen Bus gehockt und an einer Keilerei mit zwei Bullen teilgenommen hatte, wurde ich wegen Widerstand und Nötigung angeklagt. Im Februar 1972 war mein Prozeß. Rechtsanwalt Jörg Lang aus Tübingen, den mir ein Genosse genannt hatte, holte für mich einen Freispruch heraus*.
Lang war ein Typ, der nicht wie andere mit dem Doktor-Schild an der Tür so bewußt den Intellektuellen rausgekehrt hat, sondern ein Studierter, mit dem man als Arbeiter auch mal Bier trinken gehen und zu dem man ziemlich viel Vertrauen haben konnte.
Eines Abends -- ich war zu jenem Zeitpunkt unheimlich frustriert -- traf ich ihn zufällig in der Tübinger Haaggasse, wo er wohnt. "Jogi" winkte aus dem Auto, sagte: Wie geht's, was machste. Und: Komm, wir gehen irgendwas trinken. Erst sind wir rauf in seine Wohnung, dann in eine Kneipe, in den "Salon der Hundert, gegangen; dort trieben sich damals so exzentrische Spinner herum.
Er trank Bier, ich Cola, und wir haben erst einmal allgemein über die politische Situation geredet. Dabei bin ich darauf zu sprechen gekommen, daß mir die übliche politische Gruppenarbeit stinken würde und ich andere Wege politischer Arbeit finden wolle. Ich sagte so Sprüche wie: Ich druck" mal Geldscheine oder falsche Papiere und schick" sie an BM. Und dann sind wir auf Baader-Meinhof gekommen.
Ich glaube, es war noch im Februar. als wir uns im Eiscafé "Napoli" in Tübingen wieder trafen, Jogi wollte bei diesem Treff wohl herauskriegen, ob meine Erklärung, daß ich positiv zu BM stehe, mehr als nur dahingeredet war. Er fragte, ob ich möglicherweise aus meiner Einstellung Konsequenzen ziehen könnte. Ich sagte: Ja, so kann man das etwa sagen. Ich sähe nur keine Möglichkeit. an solche Leute ranzukommen.
Ein paar Tage später trafen wir uns in Stuttgart im "Mövenpick". Lang hat was gegessen, nichts Feudales, und ein paar Bier getrunken -- ich ein paar Kaffee oder ein paar Cola. Er sagte. daran erinnere ich mich noch, er könne mich mit ein paar Leuten zusammenbringen, die ähnlich denken wie ich, und malte mir auf einem Zettel auf, wo ich noch am gleichen Abend hingehen soll. Er zeichnete mir die Stuttgarter Pfizerstraße auf und markierte, welches Haus, welche Tür genau.
"Ober die Knarren habe ich mich nicht besonders erschrocken."
Um Mitternacht bin ich los, über den Kleinen Schloßplatz zu dem markierten Haus. Ich kam an eine Metalltür, klopfte ein bestimmtes Klopfzeichen, das mir Lang genannt hatte, und die Tür ging auf. Ich stand, zwei Treppenstufen runter, direkt in einem Apartment drin.
Ich sah als erstes einen Typ, der "ne schwarze Hose anhatte und ein Hemd in Ocker. Mit dem Hinterteil lehnte er an einem Schränkchen, und er sah irre bleich aus -- wie ein Theaterspieler, der geschminkt ist. Eine Frau machte die Tür zu, Sie hatte einen rotbraunen Wildledermantel, Midi, an. Man hätte sie vom ersten Blick her für so "ne Tante halten können, die ein bißchen Geld hat. Er sah wie ein typischer Zuhälter aus.
Ich setzte mich in einen Korbsessel, der unheimlich ungemütlich war, und sagte: Ich bin Conny. Dabei sah ich, daß die Frau in der rechten Hand eine Pistole hatte, eine P 38 Spezial. Der Typ hatte eine automatische Knarre im Gürtel stecken und sagte: Nun schieß mal los.
Über die Knarren habe ich mich nicht besonders erschrocken. Aber ich war zunächst baff und konnte auch nicht sagen: Was fummelt ihr da mit den Knarren rum oder so ähnlich. Da
* Lang wurde am 13. Juli 1972 unter dem Verdacht verhaftet, die BM-Gruppe unterstützt und ihr unter anderem bei der Wohnungsbeschaffung geholfen zu haben
ist mir erst bewußt geworden, wie beschissen die Situation war: Ein Linker, der mal auf 'ner Demonstration war, sieht ein paar Typen vor sich, die "ne Waffe tragen, und dann soll er auch noch was reden.
"Wir interessieren uns für Maschinenpistolen."
Die Frau, die rechts von mir stand. hat das sofort gespannt und die Situation unheimlich gut überbrückt, indem sie sagte: Was machste denn so? Erst allmählich, als ich sie genauer ansehen konnte, da kam mir's: Mensch, Gesicht so von der Seite, die Zähne mit den Lücken. das entsprach genau dem SPIEGEL-Photo vom Kaufhausbrandprozeß.
Da hat es so richtig klick gemacht: Mensch, das ist die Ensslin. Ich habe mir dann denken können, daß der andere Typ der Baader ist. Aber endgültig habe ich das erst später gewußt, als ich zu Hause war und da so Photos rausgekramt habe.
In dem Apartment war das Bett frisch gemacht, und es sah alles nach Aufbruchstimmung aus. Als ich mal schiffen mußte, habe ich die Toilette und das Bad gesehen, da war dann wohl noch "ne Küche oder Kochnische dabei. Im Bad habe ich keinen Rasierapparat, kein Haarspray. in der ganzen Wohnung überhaupt kein Gepäckstück gesehen.
Als die angespannte Atmosphäre etwas weg war, hat der Baader angefangen: Wir interessieren uns für Maschinenpistolen und Handgranaten. Er redete von ein paar Entführungen, um Geld zu kriegen und Gefangene freizubekommen -- dann wieder von Waffen. Ich sagte: Da muß ich erst mal sehen; habe also keine Zusage gemacht, daß ich was besorgen könnte.
Gudrun Ensslin war gelassen, ruhig. beherrscht, ungemein cool. Baader unheimlich nervös: Sobald draußen ein Auto in die Straße rein fuhr, ist Baader aufgesprungen, ans Fenster geschossen. die Birne raus und dann geschaut, was läuft. Er hat wie verrückt "Gitanes" geraucht und Kekse gefressen, und zwar nicht weil er Kohldampf hatte, sondern einfach aus Nervosität.
Gudruns Waffe hatte eine silbrige Färbung. Weil ich so etwas noch nicht gesehen hatte, sagte ich: Du, was ist das für eine, und sie sagte: 'ne 38. Ich sagte: Das gibt's doch nich, in Silber. Da sagte Baader: Ja, die Votzen haben alle etwas Silbriges oder etwas Glänziges.
Wörter wie Votze, beschissen, finster. checken, aufreißen, cool oder Tante waren so stehende Ausdrücke bei BM. Das Wort BM oder RAF ("Rote Armee Fraktion") wurde nicht benutzt, sie sagten immer nur "wir". Jemandem, der bei der Polizei auspackt, wollten sie eine Ladung Salz in den Arsch jagen.
Ich habe schließlich gesagt, daß ich als gelernter Drucker von Papieren her alles machen kann, ganz egal, ob Führerschein, Paß, Kfz-Schein. Ich brauchte nur das Original-Papier dazu; die anderen technischen Mittel würde ich besitzen.
Die Ensslin sagte dann, nächste Woche ruft dich jemand an unter dem Namen Gerda. Ich habe die Telephonnummer von meinem neuen Arbeitgeber angegeben und gesagt, daß das Telephon nicht wie in manchen anderen Firmen abgehört wird. Die Ensslin hat mir noch einen Treffpunkt in Tübingen genannt: die Bushaltestelle hinter dem Audimax. Ehe ich nach knapp einer Stunde gegangen bin, haben wir noch ein wenig über BM geredet. Baader permanent von seinen Entführungen. Sonst hat Baader kaum was vom Stapel gelassen.
An einem Donnerstag Anfang März -- ich war gerade beim Drucken in meiner neuen Firma -- hat mich mein Chef gerufen: Hier ist ein Gespräch für dich. Ich hörte am Telephon: Hier ist Gerda, aber ich wußte nicht, ob das die Ensslin oder sonst jemand anderes war. Es hieß, wir treffen uns heute abend an der verabredeten Stelle. Ich sagte: alles klar, ich komme, und dann hat sie aufgelegt, das war alles.
Abends zum Audimax, Postbushaltestelle. Mir fiel ein, daß noch etwas verabredet war: Die Person, die kommt. hält "ne "Jasmin" in der Hand. Ich bin so wartend hin und her, habe zufällig mal zum Audimax rübergeblickt, und da ist Gudrun gekommen: einfach stinknormal durchs Audimax durchgelatscht wie die Studentin X oder sonst irgendwer. Sie hatte eine dunkle Hose an, wieder den Wildledermantel und so eine Umhängetasche um.
Wir sind ein paar Straßen weiter, wo ich mein Auto geparkt hatte, und ein paarmal durch Tübingen gefahren. Ich war ziemlich vorsichtig und ein bißchen fickrig wegen der Bullen, und sie hatte natürlich auch noch nicht volles Vertrauen beim ersten Treff: Ich hätte ja Gelegenheit gehabt, die Bullen zu holen,
Auch Gudrun Ensslin hat immer wieder nach hinten gecheckt, aber an sich unheimlich ruhig. Der Ausdruck cool paßte eigentlich sehr gut auf sie.
Bei der Fahrt durch die Stadt fragte sie: Wo wirst du die Sachen unterbringen, wenn du sie gedruckt hast? Wie ist es im Betrieb, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß du da mal erwischt wirst? Aber ich konnte sie beruhigen: Ich war oft alleine in der Druckerei, konnte da nach Feierabend weiterjobben, dann ist der Laden dicht, dann ist keiner mehr drin. Schließlich hat mein Chef mir unheimlich vertraut. "Ich wunderte mich,
wie leichtsinnig Gudrun war."
Es waren eigentlich nur Sicherheitsfragen, die wir an dem Tag besprochen haben. Sie hat mir erklärt, daß das kein Mißtrauen ist, wenn sie mir nicht sagt, wo sie wohnt, und daß es am besten ist, wenn jeder vom anderen möglichst wenig weiß -- dann erfahren auch die Bullen wenig, wenn mal einer geschnappt wird und vielleicht auspackt.
Als die Gudrun bei mir im Wagen saß und auch später, ist mir der Gedanke "Die sieht gut aus" oder "Das ist 'ne Ziege" überhaupt nicht gekommen. Auch daß sie die prominente Ensslin war, hat keine Rolle gespielt. Das war einfach so: Ich war ein Genosse, sie war "ne Genossin, und da hat man halt was untereinander gemacht.
Beim nächsten Treff, knapp eine Woche später, sind wir wieder im Auto rumgefahren, und sie hat mir in einem braunen Geschäftsumschlag zwei Negative von Kfz-Scheinen, und zwar Repros in Originalgröße, gegeben. Außerdem holte sie aus ihrer Handtasche zwei Originalbriefbögen: vom Stuttgarter Otto-Graf-Institut und von der Universität Stuttgart. Sie sagte, ich solle so 20, 40 Kopien davon drucken. Auf den Briefbögen könnte man "ne Menge Zeugs und so bestellen -- vor allem in großen Mengen, die man sonst nicht bekommen würde. Wahrscheinlich waren das Chemikalien, das war auch so "ne Abteilung des Instituts.
Die Sache war einfach: Weil die Bögen ordentliche Vorlagen waren. brauchte ich statt des Films nur eine Verilithplatte in die Kamera reinzuhängen, die Platte durch ein Gerät jagen, das entwickelt und fixiert, und dann konnte ich direkt drucken wie mit 'ner Offsetplatte, nur eben einfarbig und 'ne relativ kleine Auflage. Das habe ich gemacht in der Mittagspause, 40 Stück, da brauchste fünf Minuten dazu.
Bei dem dritten Treff mit der Ensslin war ich baff über ihre irren Nerven: Sie kam, als wenn sie "ne Freundin von mir wäre, mit dem Bus aus Stuttgart. Ich hab ihr die fertigen Briefbögen gegeben, und sie fand die Dinger unheimlich dufte.
Vorher hatte sie mich schon mal gefragt, ob es denn in Tübingen Munitionsdepots gäbe. Diesmal, an einem Sonntag, um halb drei, wollte sie Genaueres wissen. Wir fuhren auf den Galgenberg zu einem Munitionsdepot von den Franzosen, das unheimlich scharf bewacht wird.
Wir sind ziemlich nah ran, spazierengegangen wie so viele Bürger im Wald, und sie holte ein kleines Fernglas aus der Tasche, um die Schilder an den einzelnen Hütten des Depots zu entziffern. Sie wollte erfahren, was im einzelnen in den Dingern drin ist. Aber da stand nur "Rauchen verboten" auf französisch drauf, und das hat sie dann unheimlich geschabt.
Sie hatte danach einen ziemlichen Hunger, und deshalb sind wir in eine Kneipe auf ein Kaff rausgefahren -- nach Wurmlingen, acht Kilometer von Tübingen weg. Ich habe einen Wurstsalat bestellt, sie irgendwas mit Gemüse. und ihr Mantel lag über der Lehne des leeren Stuhls.
Gudrun Ensslin bat mich, mich nach einer zweiten Bude umzusehen, wo ab und zu auch mal jemand anderes drin pennen könnte. Für eine eventuelle Mietvorauszahlung sollte ich 2000 Mark von der Gruppe kriegen. Beim nächsten Treff, weihte mich Gudrun ein, würde ich einem Typ begegnen, der "Lester" heißt und als Erkennungszeichen die Zeitschrift "Capital" trägt.
Wir redeten über Taktik und so. aber über politische Aspekte und Ziele der Gruppe ist eigentlich nie gesprochen worden. Ich wunderte mich, wie leichtsinnig Gudrun war. Mindestens 15 Minuten lang, bis das Essen kam, schaute in der vollbesetzten Kneipe die P 38 aus der Manteltasche heraus. Erst, als ich es merkte, hat sie den Revolver ganz sachte und cool verschwinden lassen.
Das war der letzte richtige Treff mit der Ensslin. Ein paar Tage später rief sie an und sagte, daß ich den "Lester" treffen würde, alte Stelle, alte Zeit. Der kam dann hinter einer Hecke vor, da hatte er auf einer Bank gesessen und die Lage gepeilt. Er trug so einen Lenin-Bart. Brille, Haare ordentlich, war gut gekleidet mit Krawatte, so ein Werbe-Typ vielleicht. Ich hab ihn etwas später gefragt: Du bist doch der Raspe. Das hat er bejaht, aber gesagt, das interessiert doch nicht. Jan-Carl Raspe machte einen nervösen Eindruck, schon wie er rauchte, klopfte immer auf die Kippe, und wie er sich permanent umschaute.
Wir sind mit meinem Auto etwa einen Kilometer weitergefahren. Er ist ausgestiegen, ich habe in der nächsten Seitenstraße geparkt, und er hat mir dann das Kfz-Papier gegeben, so etwa hundert A3-Bogen, in braunes Packpapier eingewickelt. Wir haben noch über Drucken und über Stempelherstellung geredet, der Raspe hat unheimlich durchgeblickt, der schien so der technische Fachmann zu sein. Daten für Kfz-Scheine aus dem Polizeifunk.
BM-Stempel waren meist besser als die verkorksten von den Ämtern. Die Beschaffung der Daten für unsere Kfz-Scheine lief an sich über "ne ganz einfache Masche. Die hörten irgendwo im Auto oder 'ner Wohnung mit 'nem getrimmten Radio UKW, Frequenz unter 80, Polizeifunk ab, vor allem wenn Kontrollen waren, und schrieben mit. wenn ein Verdächtiger von den Bullen überprüft wurde. Wenn dann von der Zentrale zurückkam, der Mann ist o. k., der ist gemeldet, dann haben wir dessen Angaben übernommen, den gleichen Autotyp geklaut und danach die jeweils gleichen Papiere gemacht, von dem gab"s dann halt zwei.
Im übrigen war die Alfa- und BMW-Story nur zeitweilig richtig. Zum Schluß sind auch andere Wagentypen gefahren worden: Porsche, Opel Diplomat und Commodore. Dann waren sie scharf auf den Audi, den Ro 80, Volvo, "ne Zeitlang fuhr man VW, Transporter sogar, und NSU TT.
Dann gibt es da noch die Geschichte mit den falschen Spuren. Da stellte man beispielsweise einen Wagen ab, die Nummernschilder ohne amtliche Dinger von den Landratsämtern, möglichst mit einem auf Polizeifunk getrimmten Radio, vielleicht noch 'nen Fingerabdruck, so daß die Bullen dies als BM-Auto identifizieren mußten. Oder man ließ eine Wohnung hochgehen, die man nicht mehr brauchte oder für unsicher hielt. Die Bullen sind dann unheimlich scharf geworden und haben in dem ganzen Kaff gefahndet. So hat sich BM andere Städte, wo wirklich was lief, cool gemacht.
Das hab' ich alles im Laufe der Zeit so am Rande mitgekriegt, aber wer was wann wo, das habe ich eigentlich nie erfahren. Ich hatte dann noch ein zweites Treffen mit Raspe in Tübingen, wo er mir sagte, daß in Zukunft eine Tante mit dem Decknamen Gabi kommen würde.
Wir haben uns wie üblich an der Bushaltestelle getroffen. Gabi kam auch zum Audimax raus, "ne "Jasmin" unterm Arm und ein weinrotes Kopftuch auf, das war verabredet, kurze Haare, mittelblond mit rötlichem Schimmer. einen blauen Hosenanzug an. Die sah aus wie ne stinknormale Sekretärin.
Als ich dann spannte, daß das die Irmgard Möller ist, wir haben auch darüber geredet, da wurde mir klar, wie irre gut die getarnt war. Und sie hat auch gleich was getan, was ich heute als unheimlich typisch für sie bezeichnen würde: Sie hat die "Jasmin" in einen Papierkorb gefeuert und gesagt, so ein beschissenes Blatt. Den meisten anderen war dieses bürgerliche Zeugs so in Fleisch und Blut übergegangen, daß die sich gar nicht mehr darüber aufregen konnten.
"Wo die Dynamit aus dem Tresor geholt haben".
Mit der Möller habe ich mich dann am meisten von allen BM-Leuten getroffen. Vielleicht die Hälfte von den Treffs war geschäftlich, sie gab mir meistens neue Negative und ich ihr die gedruckten Sachen.
Die anderen Treffs waren einfach so. Sie war ein unheimlich dufter Kumpel.
* Oben: Am 15. Mai 1972 auf den Wagen des Bundesrichters Buddenberg; unten: an, 12. Mai 1972 auf das Landeskriminalamt.
hatte wohl auch keine Lust, da ständig irgendwo rumzuhängen. Wir haben uns dann in 'ne Kneipe gesetzt und gequatscht oder auch richtig rumgealbert. Mit den anderen wär' das nicht gegangen, aber die Irmgard konnte albern sein wie ein Kind,
So konkrete Sachen, was BM macht, haben wir eigentlich nie besprochen. Ich habe wohl mal von Steinbrüchen gehört, wo die Dynamit aus dem Tresor geholt haben, und daß Genossen in der Schweiz, in Zürich, aufgeflogen sind. Aber wenn ich für die Bullen gearbeitet hätte, dann hätte ich nie sagen können: morgen, München, Sparkasse, Überfall. Ich hatte auch kein Interesse. da was zu erfahren, und sie hatte kein Bedürfnis, mir das zu erzählen.
Einmal habe ich sie nach den Bomben gefragt. Ich habe so gesagt, das mit dem Landeskriminalamt (LKA) München und Buddenbergs Schleudersitz geht ja noch, aber das mit den Amis in Heidelberg und mit Springer finde ich große Scheiße. Da ist die Irmgard ausgewichen: Du, das mußt du verstehen, aber ich weiß da auch nicht viel. "Jeden Dienstag um halb sieben am Busdepot".
Als Mitte Mai die Durchsuchung beim Jörg Lang war, haben wir die Treffs von Tübingen nach Stuttgart verlegt, und zwar jeden Dienstag entweder um halb sieben am Busdepot oben in Degerloch oder halb acht an so 'm Parkplatz in der Jahnstraße oder halb neun, halb zehn auf einer kleinen Grünanlage in der Gänsheidestraße, meistens da. Treffs außer der Reihe wurden telephonisch vereinbart. Unter uns haben wir für Gabi den Decknamen Sonja ausgemacht, weil ich in Tübingen eine Tante mit diesem Namen kannte und es für meinen Chef dann so aussah, als würde ich mit der telephonieren.
Am 1. Juni hatte ich mit der Irmgard morgens um halb acht einen Treff. da haben wir eigentlich nur verabredet, daß wir uns abends wiedersehen. Ich sollte dann eine Ladung übernehmen und nach Frankfurt in eine Garage bringen. Wahrscheinlich waren das Waffen. Das war die Zeit nach den Bomben mit irren Straßenkontrollen, und weil ich echte Papiere hatte, wäre das wohl ganz gut gelaufen.
Mittags habe ich dann mitgekriegt. daß die Bullen den Baader und die anderen in der Frankfurter Garage gehustet haben. Ich bin abends trotzdem zu dem Treff mit der Möller nach Stuttgart. Da war natürlich gedrückte Stimmung. Wir fanden alles ziemlich beschissen. Die Irmgard sagte noch: Mensch, hast du ein Schwein gehabt. daß du da nicht hingefahren bist. Ich hab" sie gefragt, warum die denn ausgerechnet zu dritt in die Garage gegangen sind. Sie meinte: Die waren schon ziemlich lange nicht mehr da, vielleicht hatten sie gespannt, daß das nicht mehr ganz so sicher war und daß sie dann mit drei Mann stärker sind, wenn geballert wird.
"Ich hab" dann die Sparkasse gecheckt, war alles prima."
Als dann auch noch die Ensslin und die Meinhof -- die hat bei dem, was ich mitgekriegt habe, nie "ne Rolle gespielt -- verhaftet waren, ist die Möller zweimal nicht zum regelmäßigen Treff gekommen. Sie rief dann aber an und sagte, daß ich an der Bushaltestelle in Tübingen-Lustnau eine Tante mit dem Decknamen Elsa treffen würde, die würde alles weitere mit mir bequatschen. Wer die Elsa ist, weiß ich nicht, die ist auch nicht auf der Fahndungsliste, nach ihrer Sprache kommt die aus der Gegend so zwischen Heidelberg und Frankfurt. Elsa gab mir einen Stadtplan von Frankfurt-Offenbach und zeigte mir einen Treffpunkt in Offenbach, wo ich am Sonntag hinkommen sollte.
Ich bin also nach Offenbach kutschiert und habe mich an dem Kiosk beim Kreiskrankenhaus hingestellt. Die Möller kam aus einem kleinen Park gegenüber, wir sind zur Bushaltestelle gelatscht, und dann kam der Klaus Jünschke aus dem Park, blieb aber zuerst zehn Meter weg, als ob er nicht zu uns gehörte**.
Den Jünschke habe ich gleich erkannt, der hatte sich im Vergleich zum Fahndungsphoto nur minimal verändert, hatte seine Brille auf, trug seinen Schnauzbart, nur alles blond gefärbt, hatte einen braungemusterten modischen Anzug an, wie so 'n höherer Angestellter. Der hat auf mich einen unheimlich arroganten Eindruck gemacht, beschissen autoritär, auch die Möller hat sich da irgendwie gescheut, "ne Widerrede zu machen.
Wir sind zu einem großen Park in der Nähe gefahren, da rumgelaufen und haben über die Scheißsituation gesprochen. Zu der Zeit hat es nicht mal mehr im, sagen wir, inneren Kreis funktioniert. Jünschke sagte: Die haben sich alle in ihre Löcher verkrochen, und keiner meldet sich.
Vor allem schien überhaupt kein Geld mehr aufzutreiben zu sein. Jünschke sagte mir, daß ich "ne Bank checken müßte. Wir haben dann ziemlich lange über Banküberfälle geredet, wie man das am besten macht: daß die Bullen mindestens zwei Minuten brauchen müssen, wenn gleich am Anfang der Alarm losgeht, daß das Sicherheitsglas am Schalter nur halbhoch sein darf wegen Rüberspringen, daß mindestens hunderttausend Hebel greifbar sein müssen und daß wir auf jeden Fall "ne Bude in der Nähe haben müssen, wo die mit dem Zaster hinkönnen.
Mir fiel dann ein, daß ja in der Nähe von meiner Bude in der Theurerstraße die Lustnauer Filiale von der Tübinger Kreissparkasse ist. Jünschke fand das dufte, die sollte ich checken. Er sagte auch noch, daß wir uns nicht leisten können, "ne Bank in einer Stadt zu checken, wo wir permanent sind. Ich schließe daraus, daß mit dem Wort "Faß" im Ensslin-Kassiber Frankfurt beziehungsweise Offenbach gemeint ist.
Ich hab" dann die Sparkasse gecheckt, war alles prima, die Bullen hätten vier Minuten gebraucht. Nur der Weg zu meiner Bude war etwas ungünstig. Wir haben das auf einem zweiten Treff in Offenbach besprochen, das Ding sollte in der Woche nach dem 16. Juli über die Bühne gehen. Ich sollte Urlaub nehmen und dann voll einsteigen, also mit in den Untergrund gehen.
Am 7. Juli, an einem Freitag, standen plötzlich die Bullen in der Druckerei und nahmen mich fest. Sie hatten wohl einen Tip bekommen, daß ich ein Paket mit an die hundert gefälschten Kfz-Scheinen und Führerscheinen, Negativen und Druckplatten bei einem Freund deponiert hatte. Ich bin ohne Widerstand mitgegangen, die Bullen zeigten durch Zurückschlagen ihrer Jacketts, daß sie ihre Knarren offen tragen. Im Tübinger Polizeipräsidium begannen die Vernehmungen. Ich merkte sehr bald, daß die Leute von der Soko (Sonderkommission) schon eine ganze Menge von mir wußten.
* In dem Kassiber, den Gudrun Ensalin nach ihrer Verhaftung aus dem Gefängnis schmuggelte. figuriert Konieczny als "Ga-s Kleiner" (Gabi, kurz Ga. war der Deckname für Irmgard Möller)
** BM-Mitglied Jünschke wird beschuldigt, bei dem Banküberfall am 22. Dezember 1971 in Kaiserslautern mitgewirkt zu haben, bei dem ein Polizist erschossen wurde.
Man brachte mich abends ins Polizeigefängnis nach Stuttgart. Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem hellblauen Mercedes 230 zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe, wo mir der Haftbefehl eröffnet wurde.
In einem Strafgesetzbuch, das mir der Stuttgarter Soko-Chef Textor in einer Vernehmungspause zu lesen gab, beschäftigte ich mich mit dem Paragraphen 129, Absatz 6. Da steht, wenn ein Beschuldigter dazu beiträgt, eine kriminelle Vereinigung auffliegen zu lassen und damit weitere Straftaten verhindert, wird seine eigene Strafe gemildert. Ich redete so mit Textor und Oberstaatsanwalt Bruns und sagte: Vielleicht weiß ich was, wenn was drin ist für mich.
Bruns von der Bundesanwaltschaft stellte mir einiges in Aussicht, denn es ging ihm darum, nach der Verhaftung von Baader, Meins, Raspe, Ensslin und Meinhof die anderen Gruppenmitglieder ins Loch zu bringen. Ich teilte ihm mit, daß ich am gleichen Tag noch in Offenbach einen Treff haben könnte: um halb zwei, halb drei, halb vier oder halb fünf am Kiosk am Kreiskrankenhaus, und daß ich dort Klaus Jünschke und Irmgard Möller, vielleicht auch noch andere treffen würde.
"Sie packten Jünschke von hinten, zogen ihm die Beine weg."
Noch von Karlsruhe aus leiteten Textor und ein Mensch namens Müller von der Sicherungsgruppe alles in die Wege. Wir fuhren ins Polizeipräsidium nach Frankfurt, wo schon die Vorbereitungen für den Einsatz liefen.
In Offenbach habe ich mit Textor in einer Kneipe noch einmal kurz alles durchgesprochen. Textor wollte mir eine kugelsichere Weste verpassen, aber ich wollte nicht, weil ich das für idiotisch hielt. Ein Typ vom LKA Stuttgart war auf mich angesetzt und sollte aufpassen, daß ich nicht versuchen würde abzuzischen. Fünf vor halb zwei bin ich dann von der Kneipe die 300 Meter zum Kiosk gebummelt.
Dabei fielen mir etwa 30 Bullen auf, die sich auf Parkbänken an einer Bushaltestelle rumdrückten. an einem Sandkasten mit Kindern rumgealbert oder an dem Kiosk mit einer Pulle Bier einfach Säufer gemimt haben.
Klaus Jünschke stieg fünf nach halb zwei mit einer schwarzen Kollegmappe aus einem Bus aus. Er sah mich sofort und kam über die Straße. Obwohl sich die Bullen für meine Begriffe sehr gut getarnt hatten, hat Jünschke gleich was gespannt: Was ist denn hier los, da drüben hocken zwei im Auto. Ich hatte irre Schiß. weil die Bullen in dem Moment unheimlich gepennt haben. Ich schlug vor: Du, wir latschen mal hin und gucken uns die Typen an.
Jünschke war unheimlich mißtrauisch und hat sich immer wieder umgeschaut. Nach etwa einer Minute, die mir vorkam wie zehn Minuten. sind die Bullen plötzlich von allen Seiten auf uns zugerannt. Sie sprangen den Jünschke an. packten ihn von hinten. und zwei zogen ihm die Beine weg, einer schlug ihm seine Tasche aus der Hand. Dann kam Textor und hielt ihm eine Knarre an den Hals. Auch ich war inzwischen gepackt worden und wurde zum Schein mit der Knarre bedroht und in Handschellen abgeführt.
Auf der Polizeiwache wurden mir die Handschellen abgemacht, und es hieß. jetzt latschen wir wieder hin. Am Kiosk wiederholte sich das gleiche Spiel. Um halb drei kam niemand, auch um halb vier nicht. Da gab mir Textor ein Zeichen, daß ich zur Wache gehen soll.
* Im Stuttgarter Park Gänsheidestraße, einem der Treffpunkte, wo er mit BM-Genossen zusammengekommen war.
Nach etwa zehn Schritten, als ich an der Rückseite von dem Kiosk war, kam plötzlich die Irmgard Möller auf mich zu. Sie hatte ihr Aussehen, so auf Sekretärin mit kurzen Haaren gemacht. so gut verändert, daß sie durch ein ganzes Spalier von Bullen laufen konnte und keiner sie erkannt hatte.
Sie hatte ihr Portemonnaie in der Hand, machte es auf und stierte darin herum. Ich tat so. als ob ich sie nicht kennen würde. Als sie mich ansprechen wollte, schüttelte ich den Kopf und sagte: Paß auf, hier hat"s "ne Menge Bullen. Ich wollte dann weggehen.
Da lief sie ein, zwei Schritte mit, und das war das Verhängnis. Wenn sie stehengeblieben oder langsam zu dem Kiosk gegangen wäre, hätte es so ausgesehen, als ob sie mich nach einem Markstück fragen wollte.
Textor, der etwa zehn Schritte von uns entfernt war, lief mit fünf anderen Bullen auf sie los. Dem ersten, der sie packte, trat sie vors Knie. Sie wurde nach unten gerissen, und ein paar Mann sind wie irre auf sie drauf. So kam sie wohl nicht mehr dazu, ihre Knarre aus der Handtasche zu holen. das war "ne Neun-Millimeter-EN. ein Riesenkoffer mit 13 Schuß. Es war eine ziemliche Schlägerei. Irmgard schrie immer "Ihr Schweine" und biß und kratzte nach allen Seiten. Zwei Bullen hatten mich inzwischen mit der Pistole in der Hand gegen den Kiosk gestellt.
"Ich muß wie ein zweiter Ruhland gegen BM aussagen."
Danach wurde ich nach Stuttgart-Stammheim in den Knast gebracht -- sieben Wochen U-Haft in der Einzelzelle 757. Von montags bis freitags wurde ich permanent vernommen, fünf Wochen von einem Sicherungsgruppenarsch im LKA Stuttgart, dann in Karlsruhe von einem Typ namens Knoblich.
In Stuttgart haben wir etwa 120 Seiten Protokolle gemacht, in Karlsruhe noch einmal 40 Seiten. Inzwischen liefen Hausdurchsuchungen bei meinen Eltern, in meiner Bude in der Tübinger Burgsteige, in der Druckerei und in einer anderen Wohnung von mir.
Anfang September, als die Vernehmungen vorbei waren, erwirkte Staatsanwalt Müllenbach, wie es ausgemacht war, meine Freilassung. Seither muß ich mich dem LKA Stuttgart zur Verfügung halten, und sie wollen immer mal wieder mit mir "plaudern". Eine "befreundete Dienststelle", sagten die mir, sei interessiert an Informationen über andere Linke.
Aber mir stinkt das alles. Ich sehe voraus, daß ich wie ein zweiter Ruhland in Prozessen gegen BM aussagen muß und bin deswegen in ziemlichen Konflikten. Ich habe zwar Irmgard Möller und Klaus Jünschke verraten. aber ich glaube. daß ich damit noch schlimmere Dinge verhindert habe.
Mir ging es auch darum, mit meinen Aussagen eine klare Trennung zu ziehen zwischen der RAF, die am Schluß nur noch den rechten Reaktionären und der CDU gedient hat, und den übrigen Linken, die sich trotz allem Mist, den sie manchmal bauen, um eine ernsthafte politische Arbeit bemühen.
Ich bin da mehr und mehr in eine Scheiße reingeraten, aus der ich jetzt irgendwie wieder raus will -- vielleicht im Ausland, vielleicht bei einem stinknormalen bürgerlichen Job.
Am 27. September habe ich in den "Stuttgarter Nachrichten" ein Inserat aufgegeben: "Junger Schriftsetzer, gute Kenntnisse im Kleinoffsetdruck, Montage u. Repro, sucht neue Tätigkeit. Angeb. unter STN L 1328 an den Verlag."

DER SPIEGEL 42/1972
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„Paß auf, hier hat's 'ne Menge Bullen“

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