09.10.1972

OLYMPIA

Gurke voll Geld

Dem Schicksal einer Olympia-Ruine scheint der Monumentalbau des Segelzentrums Kiel-Schilksee zu entgehen. Doch für die Eigentumswohnungen werden noch "gehobene Käufer" gesucht.

Als es galt, einen Pächter für die "Schilksee-Terrassen" im olympischen Segelzentrum zu finden, ängstigte sich Kiels Oberbürgermeister Günther Bantzer vor einer "Olympiade der Bockwürste".

Kein Gastronom war bereit, sich für das Zehn-Tage-Festival in dem abseitigen Förde-Ort zu etablieren und gepflegte Menüs zu offerieren. Schließlich sprang, gleichsam gnadenhalber, die Karstadt AG ein.

Als die olympischen Flammen verloschen, Bockwürste und Besseres verzehrt waren, mußten Kleis Stadtverwalter unter konkurrierenden Gastwirten auswählen: Den Zuschlag bekam Kurt Hentsch, 44, einst "Wienerwald"-Direktor -- der die "Schilksee-Terrassen" nun gleich auf 20 Jahre pachtete und "einem breiten Publikum" öffnen will.

Denn an Wochenenden und auch in Abendstunden drängt sich Kiels Publikum, mit Freizeitstätten nicht verwöhnt, vor dem Lokal, und die Kellner trösten: "Gleich werden wieder Plätze frei."

Wie dem "Terrassen"-Wirt aber geht es auch anderen Unternehmern an dem betongrauen Monumentalbau -- die Geschäfte laufen besser als erwartet. Und obschon ein Teil der Wohnungen wie der Bungalows, in denen jüngst Athleten und Funktionäre siedelten, noch nicht abgesetzt ist, scheint sich für Schilksee die düstere Vision von der verlassenen, verödeten Olympia-Ruine nicht zu bewahrheiten.

Dabei hatte anfangs alles nach einer Denkmais-Zukunft der kostspieligen Sportstätte ausgesehen. Der renommierte Photo-Händler Hans Detlev Prien, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, hatte beispielsweise den angebotenen "langfristigen Mietvertrag für eine Filiale in Schilksee entschieden abgelehnt. Und erst als die "Neue Heimat Nord" -- Bauträger des terrassenförmigen Haupttrakts ("Fliegender Holländer) sowie Vermieter der Läden und Promenaden-Restaurants -- die Kaufleute und Wirte mit milden Quadratmeter-Preisen umwarb, fanden sich nach und nach Interessenten wie beispielsweise der Hamburger Photo-Händler Gerd W. Scheel, der "skeptisch an die Sache rangegangen" war, dann aber "unwahrscheinliche Umsätze" verbuchte und sich nun wundert, daß nach den Regatten "keineswegs schlagartig alles tot" ist.

Scheel fliegt Nachschub mit einer firmeneigenen Piper-Aztec ein und karrt abends die Ladenkasse mit einem 2 CV zum benachbarten Flugplatz Holtenau, wo er "mit der alten Gurke voll Geld" beim Wachpersonal zunächst Mißtrauen weckte.

Regen Verkehr hat auch die "Seglerstube", die entgegen ersten Plänen "den Winter über offenhalten" will, weil an den Billardtischen bereits "abendliche Stammgäste" spielen. Mit Blick auf die Schwimmhalle sinniert Seglerstuben-Geschäftsführer Claus-Dieter Hansen, 40, "ob denn die schöne Halle auch nur Kindern und rüstigen Rentnern vorbehalten wird und abends geschlossen ist". Und Kiels rühriger Stadtpressechef Werner Istel verstand den Wink: "Dem Wunsch nach abendlichen Schwimmzeiten wird man sich kaum verschließen können."

Belebungsmaßnahmen solcher Art kommen indessen nicht nur Händlern und Wirten zugute, sondern lassen auch die Apartment-Verkäufer auf bessere Zeiten hoffen. Denn aus Furcht, in einem öden Zweitwohnungs-Torso leben zu müssen, haben zahlreiche Interessenten gewartet, bis Schilksee ein Alltags-Bild bot.

So hat die "Neue Heimat" von 400 Wohnungen erst ein Viertel verkauft -- an "mittlere gehobene und gehobene Käufer, ein Drittel davon aus Gebieten südlich der Mainlinie". Den großen Rest will Geschäftsführer Kurt Jaenecke. 43, an Leute absetzen. die zur Zahlung eines "Schönheitszuschlags" bereit sind. Jubel-Preise bis zu 2900 Mark pro Quadratmeter sind, so Jaenecke, durch die "terrassenweise Zurücknahme der Stockwerke" entstanden -- der Käufer bezahlt die Luft mit, die bei senkrecht aufsteigendem Außenmauerwerk zum umbauten Raum geraten wäre.

Senkrecht-Bauer wie beispielsweise die "Wohnungsbau-Gesellschaft Schleswig-Holstein" (90 Appartements) haben hingegen ihr Hochhaus bereits zur Hälfte abgesetzt. Zu Quadratmeterpreisen zwischen 1660 und 1800 Mark erstanden etwa Berliner Pensionäre Ruhesitze -- "bei solcher Lage wirklich preiswert", wie das Unternehmen versichert. Die kommunale "Kieler Wohnungsbaugesellschaft" hat in ihrem 13geschossigen Hochhaus gar nur noch sieben Wohnungen frei. Freilich wurde die Hälfte der 78 Wohnungen im Zusammenwirken mit dem städtischen Wohnungsamt vergeben -- teilweise zu einem Quadratmeter- Mietpreis von 4,58 Mark.

Sollten sich in nächster Zeit nicht ausreichend Käufer finden, will auch die "Wobau" Mieter akzeptieren, während die "Neue Heimat" für diesen Fall an Saison-Vermietung während des Sommers denkt.

Die teuersten Objekte unter den Olympia-Bauten, 32 Bungalows der landeseigenen Baugesellschaft "Nordmark" (239 300 Mark), fanden erst zu einem Drittel Abnehmer, doch hoffen die Bauherren auf besseren Absatz durch "individuelle Finanzierung auch bei verhältnismäßig geringen Eigenmitteln".

Alle Bauträger beteuern, sie wären zu weit besserem Verkaufserfolg gekommen, wenn ernsthafte Interessenten die Etablissements hätten besichtigen können. Doch auch nach Abschluß der Regatten bleiben die Räumlichkeiten noch versperrt: Zunächst sollen Schäden beseitigt werden, die das gemeinhin als nobel gerühmte Seglervolk hinterlassen hat.

So ließen Iren ein Glücksschwein so großzügig in ihrem Appartement hausen, daß die Putzfrauen anschließend "den Gestank kaum aushielten". Und Karl-Heinz Ramm, 52. Prokurist der "Kieler Wohnungsbaugesellschaft", argwöhnt, "daß der innere Schweinehund in der Anonymität groß wird" und etliche Athleten nach der Devise "was mir nicht gehört, brauche ich nicht pflegen" sich in ihren Herbergen allzu ungeniert bewegt haben.

Unterhalb der Promenade, in den beiden Stockwerken mit Büros, Bootshallen, Küchen und Funktionsräumen" blieb hingegen alles unter Aufsicht und daher heil. Dort werden das Hochschulinstitut für Leibesübungen der Kieler Universität und das Leistungszentrum des Deutschen Segler-Verbandes einziehen.

"Vom Segler-Verband", so wundert sich der nun mit Abwicklungsarbeiten beschäftigte Leiter der Außenstelle Schilksee des Organisationskomitees" Horst-Dieter Marheineke. "rührt sich freilich noch gar nichts." Grund der Zurückhaltung: erhebliche Betriebs- und Folgekosten, derentwegen die schleswig-holsteinische "Landesregierung erwartet, daß sich der Bund ... beteiligt".

Wo Ministerpräsident und Christdemokrat Gerhard Stoltenberg leichtes Geld für Schilksee lockermachen könnte, ziert sich der Pastorensohn: Seit Mai dieses Jahres wartet die Kieler Stadtverwaltung, daß sich der Landeschef zu dem Vorschlag aus dem Rathaus äußert, im "Fliegenden Holländer" ein Spielkasino einzurichten.


DER SPIEGEL 42/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 42/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OLYMPIA:
Gurke voll Geld