02.10.1972

GERICHTSMEDIZINWie ausgestopft

Neue Erkenntnisse der Gerichtsmedizin über die Totenstarre stützen das Wiederaufnahmegesuch von Vera Brühne. Ein zweiter Prozeß scheint unumgänglich.
Die weiße Ratte stand, den Kopf nach oben gereckt, auf den Hinterbeinen. Aber sie war seit etwa einer Minute tot.
Das Tierbild flimmerte am Samstag letzter Woche auf einer Leinwand im Ballsaal des Wiener Hotels Intercontinental, und der Vortragsredner, Professor Balduin Forster, erläuterte die sonderbare Szene: "Die Tiere können fast sofort nach dem letzten Atemzug wie ausgestopft auf die Beine gestellt werden."
Der Freiburger Wissenschaftler präsentierte dem internationalen Kongreß-Auditorium der Gerichtsmediziner Revolutionäres zum Thema Totenstarre. 109 weiße Ratten waren für Forster gestorben -- teils durch Gift, teils per Nackenschlag. Und an ihren Beinmuskeln hatten die Forscher insgesamt 6519 Einzelmessungen vorgenommen. Was dabei herauskam, ist von erheblicher Bedeutung für Gerichtsmediziner, Kriminalisten und Strafrechtler, denn:
Bekannt waren bislang Meßwerte lediglich über den Beginn der Totenstarre; die jüngsten Erkenntnisse hingegen zeigen einen Weg auf, erstmals auch aus den. verschiedenen Stadien, in denen sich die Totenstarre wieder löst, präzise Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt zu ziehen. Forster: "Es spricht nichts dafür, daß sich das Prinzip nicht auch auf den Menschen anwenden läßt."
Und was sich ausnimmt wie gelehrte Spielerei, hat schon jetzt erkennbare Auswirkungen auf einen Kriminalfall, der als das größte Justizspektakel der deutschen Nachkriegszeit noch immer Gerichte und Gemüter bewegt: der Mordprozeß Vera Brühne.
Möglicherweise noch im Oktober wird die 1. Große Strafkammer beim Landgericht München 11 über den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens entscheiden. Das Gesuch zielt darauf ab, die Feststellung des Schwurgerichtsurteils von 1962 über den Todeszeitpunkt zu erschüttern. Die Erfolgschancen des Wiederaufnahmeverfahrens sind nach den neuen Forschungsergebnissen der Gerichtsmediziner größer denn je.
Vera Brühne und ihr inzwischen verstorbener Freund Johann Ferbach waren 1962 wegen Doppelmordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden. Das Münchner Schwurgericht hatte die Angeklagte für schuldig befunden, gemeinsam mit Ferbach am 14. April 1960 den mit ihr befreundeten Arzt Dr. Otto Praun und dessen Haushälterin Elfriede Kloo in einer Villa am Starnberger See mit Pistolenschüssen ermordet zu haben.
Die Richter stützten damals ihr Urteil über den Tatzeitpunkt auch auf Leichenstarre-Befunde, die Kriminalobermeister Rodatus am Tatort bei Elfriede Kloo gesichert hatte: Am 20. April 1960 um 5.45 Uhr morgens -- mithin 130 bis 132 Stunden nach jener Zeit, die vom Gericht als die Sterbestunde der Haushälterin ausgewiesen wurde.
Rodatus-Befund: "Die Leichenstarre ist in den unteren Partien noch stark ausgeprägt (Oberkörper, Arme), oben beginnt sie sich zu lösen." Dazu später das Urteil des Schwurgerichts: Hinsichtlich der Leichenstarre stellte der Kriminalobermeister Rodatus fest, daß diese bei Dr. Praun schon weitgehend gelöst und nur noch in den untersten Teilen bis zum Knie leicht vorhanden war; bei der Kloo war die Leichenstarre in den unteren Partien noch stark ausgeprägt und begann sich oben zu losen. Der Zeuge Rodatus führte dies auf die Temperaturunterschiede in den beiden Räumen zurück. Während es im Flur warm und deshalb die Verwesungserscheinungen bei Dr. Praun stark fortgeschritten waren, war es im Keller verhältnismäßig kühl.
Und an anderer Stelle schrieben die bayrischen Richter in ihren Spruch: Die Todeszeit (Gründonnerstagabend> steht auch nicht im Widerspruch zu den Feststellungen des Kriminalobermeisters Rodatus hinsichtlich der Leichenstarre bei den beiden Ermordeten. Dies ergibt sich aus den Gutachten des Sachverständigen Professor Dr. Laves, der erklärt hat, daß sich insoweit die Feststellungen des Zeugen Rodatus nach medizinischen Erkenntnissen mit dem vom Gericht angenommenen Todeszeitpunkt vertragen. Heute, zehn Jahre später, ist die Gerichtsmedizin zu neuen Kenntnissen gekommen. So untersuchte Professor Hans Joachim Mallach, Direktor des Instituts für gerichtliche Medizin in Tübingen. Starre-Befunde an 271 Toten, ermittelte Indizes für Starregrade und kam dann in einem Gutachten zum Fall Brühne -- Grundlage für das anhängige Wiederaufnahmegesuch -- zu dem Ergebnis, daß nach dem Rodatus-Befund die Haushälterin erst etwa 48 Stunden später erschossen worden sein könne -- zu einem Zeitpunkt mithin, als Vera Brühne nach den Urteilsfeststellungen längst wieder in Bonn war und ein einwandfreies Alibi hatte.
Mallach hatte die Expertise auch an den Kollegen Forster geschickt -- zur Stellungnahme und Überprüfung. Und es scheint, daß Forster nach Abschluß seiner Untersuchung die Mallach-Resultate nicht nur bestätigen, sondern an Präzision deutlich übertreffen kann.
Bislang differierten die von Sachverständigen ermittelten Zeiten für die Lösung der Totenstarre oft deshalb erheblich, weil die Temperaturen an den Leichen nicht bekannt oder nicht gemessen worden waren. Angeregt auch durch die Problematik im Brühne-Fall hat Forster nun in seiner Ratten-Reihenuntersuchung zur Todesstarre die Beinmuskeln der Tiere freipräpariert, mit unterschiedlichen Gewichten belastet und bei Temperaturen von 5 bis 30 Grad an ein Meßgerät angeschlossen.
Die komplizierte Apparatur, die jede Muskelveränderung graphisch festhält, hatte der Freiburger Gelehrte -- seit Jahren mit der Erforschung postmortaler Muskelphysiologie beschäftigt -- schon in seiner 1963 veröffentlichten Habilitationsschrift vorgestellt.
Bei dem Ratten-Versuch notierte Forsters Graphitschreiber nun zeitlich so exakte Werte über die jeweiligen Veränderungen am starren Muskel, daß künftig von jeder bestimmten Starrephase ein zuverlässiger Rückschluß auf den Todeszeitpunkt möglich sein wird.
Untersuchungen Forsters an Menschen-Muskeln sollen letzte Gewißheit bringen, ob sich -- wie vermutet -- bei Mensch und Tier die Totenstarre auf gleiche Weise löst. Und inzwischen wurde dem westdeutschen Wissenschaftler auch jenseits der Grenze Beistand zuteil: In Ost-Berlin startete der international renommierte Gerichtsmediziner Professor Otto Prokop eine ähnliche Versuchsreihe -- an 100 Menschenleichen.

DER SPIEGEL 41/1972
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