24.10.2005

KARRIEREN„Blut ist dicker als Wasser“

Mit Thomas de Maizière als Kanzleramtschef hat die preußisch-hugenottische Familie nach dem Generalinspekteur und dem DDR-Premier wieder einen Star.
Es waren Überschriften, die sich niemand wünscht. Und für ein Mitglied einer Familie, die sich nach eigenem Bekunden ihrer "preußisch-hugenottischen Herkunft sehr bewusst ist", waren sie besonders hässlich: Geldwäsche, Rücktritt, Russen-Mafia lauteten die Schlagworte.
Sie rückten einen Mann namens de Maizière ins Rampenlicht, diesmal aber nicht gerade zur Freude der Familie. Andreas de Maizière, 55, Vorstand der Commerzbank, hatte sich in eine Affäre um die Privatisierung der russischen Telekommunikation verstrickt. Im Juli zog er sich aus "persönlichen Gründen" aus der Bankenspitze zurück.
Und wie immer, wenn es um einen de Maizière geht, blieb ein Reflex nicht aus. Der Bankvorstand, hieß es in den Medien, sei der Cousin des letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière.
"Diese Art Sippenhaft im Guten wie im Schlechten" sei er gewohnt, sagt de Maizière, 65,
aber das werde sich ja nun ändern. Wenn in Zukunft der Name fiele, würde wohl eher auf ein anderes prominentes Mitglied des Familienclans verwiesen, auf Thomas de Maizière, 51, seinen anderen Cousin. Der ist noch sächsischer Staatsminister des Innern, demnächst aber, als Chef des Bundeskanzleramts, im Zentrum der Macht.
Mit dem Aufstieg des Juristen setzt sich die Tradition einer bürgerlich-protestantischen Großfamilie fort, vergleichbar mit der Familie von Weizsäcker. Die Spuren der de Maizières in der deutschen Geschichte sind vielfach sichtbar.
Urahn Ernst, Jahrgang 1841, war Landgerichtspräsident in Neuruppin und gehörte zu den Verfassern des Bürgerlichen Gesetzbuchs; Ulrich de Maizière, der Miterfinder des Konzepts "Staatsbürger in Uniform", brachte es zum Generalinspekteur der Bundeswehr; Rechtsanwalt Lothar de Maizière zum Premier der DDR. "Geehrt" fühle er sich durch die Berufung ins Kanzleramt, sagt nun Thomas de Maizière ganz im Stil der Familie, "die Freude wird sich hoffentlich noch einstellen".
Bis ins 17. Jahrhundert ist die Familiengeschichte der de Maizières belegt. Damals, auf der Flucht vor religiöser Verfolgung im absolutistischen Frankreich, bot der Große Kurfürst den Hugenotten eine neue Heimat an - nicht ohne Eigennutz. Schließlich waren Teile des Landes nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Kriegs entvölkert. Ein de Maizière mit dem Vornamen Charles soll damals die Sippe gen Brandenburg-Preußen geführt haben - zu seinen Ehren tragen bis heute die Söhne der Familie auch den Vornamen Karl.
Familiensinn, Traditionsbewusstsein, Protestantismus und die Liebe zur Musik haben die de Maizières eng beieinander gehalten, selbst als Mauer und Stacheldraht das Zusammenkommen erschwerten. Getreu dem von Lothar beschworenen Motto "Blut ist dicker als Wasser" fanden Jahr für Jahr gesamtdeutsche Familientreffen statt, im traditionsreichen Ausflugslokal Zenner an der Spree im Ostteil Berlins. Auf einem dieser Feste, erinnert sich Lothar, habe Cousin Thomas aus dem Westen die "Normalität bei allgegenwärtiger Anormalität" beschworen.
Dabei belastete der Ost-West-Konflikt die Familie schwer - vor allem wegen Ulrichs Aufstieg zum Generalinspekteur der Bundeswehr. DDR-Kontakte waren dem überzeugten Antikommunisten nicht erlaubt, nicht mal zu seinem Bruder Clemens - der Rechtsanwalt war der Vater von Lothar - hielt er Kontakt. Während der Ostteil der Familie sich in der DDR einrichtete, war für Ulrichs Sohn Thomas, geboren
in Bonn, der zweite deutsche Staat anfangs "grau, langweilig, praktisch nicht vorhanden".
Erst 1983, lange nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr, fuhr Ulrich de Maizière erstmals zu einem der Familientreffen gen Osten. Sohn Thomas erklärte ihm auf der Fahrt durch die Grenzanlagen, wo der Pass zu zeigen war, "um ihm die Aufregung zu nehmen".
Damals war Thomas, der Rechtswissenschaft und Geschichte studiert hatte, Mitarbeiter bei Berlins Regierendem Bürgermeister Richard von Weizsäcker (CDU). Nachfolger Eberhard Diepgen machte ihn zum Sprecher der West-Berliner CDU. Als die Mauer fiel, war es Thomas de Maizière, der mit Diepgen dessen berühmtesten Satz aufschrieb: "Das ist der Tag, auf den ich 40 Jahre gewartet habe."
Für den karrierebewussten Juristen bot die Wiedervereinigung eine einmalige Chance - vor allem durch den Aufstieg seines Cousins Lothar im Osten. "Wir machten", amüsiert sich der Ex-Ministerpräsident noch heute, "echte Vetternwirtschaft." Er bat Diepgen um die Freigabe des Cousins, der - weiter von der CDU West-Berlins bezahlt - sein engster Regierungsberater wurde.
"Ich habe für ihn", sagt Thomas, "Organisationspläne entwickelt, geeignetes Führungspersonal gesucht, jede Kabinettsvorlage gelesen." Auf ihn, lobt Lothar, "war blind Verlass". Während der Sitzungen der DDR-Regierung saß der alerte Mann aus dem Westen im Hintergrund neben einer unscheinbaren Frau aus dem Osten, der stellvertretenden Regierungssprecherin Angela Merkel.
Als auf dem Gebiet der DDR die Bundesländer entstanden, wurde Thomas de Maizière im CDU-geführten Mecklenburg-Vorpommern Staatssekretär - bei Kultusminister Oswald Wutzke, der schon zur Regierung von Cousin Lothar gehört hatte. Später wechselte Thomas in die Staats-
kanzlei. Doch stets plagte ihn, so heißt es in der Familie ironisch, dass er schlauer war als seine Vorgesetzten. Und die Fähigkeit, dies nicht auch andere spüren zu lassen, ist bei ihm nicht sonderlich ausgeprägt.
Erst in Sachsens Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU), dem er von 1999 bis 2001 als Chef der Staatskanzlei und dann als Finanzminister diente, fand er einen adäquaten Vorgesetzten. "Der konnte", so schwärmte er über seinen Dienstherrn, "aus dem Stand brillant Gedanken entwickeln." Und der Übervater traute seinem besten Mann viel zu: Er machte ihn zum Koordinator der Solidarpakt-II-Verhandlungen der ostdeutschen Länder mit dem Bund. Am Kabinettstisch verlieh ihm die Aura von "König Kurt" mehr Macht, als ihm pro forma zustand, unter den Landeskindern galt er schon bald als potentieller Nachfolger. Doch der Stratege, der als sein Lebensmotto einmal den Satz "nichts allzu sehr" angab, erklärte die Erwartungen ironisch mit einer Verwechslung: Die Leute dächten wohl an Cousin Lothar.
Thomas de Maizière blieb das Glück treu, als es Biedenkopf verließ. Er wehrte jeden Versuch ab, sich gegen den künftigen Ministerpräsidenten Georg Milbradt in Stellung bringen zu lassen, und diente dem neuen Chef, den er bereits aus seiner Zeit als Mitglied beim Ring Christlich-Demokratischer Studenten kannte - erst als Justiz- und bis heute als Innenminister. Und wieder arbeitete er so effizient, dass ihm schnell eigene Ambitionen auf das Ministerpräsidentenamt nachgesagt wurden.
Doch öffentliche Auftritte und Stammtischreden, die er in Reihe eins der Politik zu absolvieren hätte, liegen ihm so wenig wie seinem Cousin Lothar. So engagiert sich der kühle Denker auf den Job in Berlin vorbereitet - er beugt sich nun zum vierten Mal in seinem Leben über das Organisationsschema einer Regierung -, so bemüht wirkt er, wenn er öffentlich über Emotionen sprechen soll. Dann redet er weniger über sich, sondern verweist gern auf seine Familie, am liebsten auf die de Maizières im Allgemeinen. Und erst wenn er das Image eines Technokraten widerlegen will, redet er auch über die eigene, die eine Jugendstilvilla in Dresden-Blasewitz bewohnt und dort auch erst einmal wohnen bleiben soll.
Die Geburtsjahre seiner drei Kinder, 1987, 1990 und 1993, sind für ihn auch Symbol seiner gesamtdeutschen Karriere: eines im Westen geboren, eines zur Wendezeit, eines im Osten. "Richtige Wessis sind wir nicht mehr", sagt er über sich und seine Familie, "und richtige Ossis werden wir auch nicht mehr." STEFAN BERG,
ANDREAS WASSERMANN, STEFFEN WINTER
* Der damalige Inspekteur des Heeres Ulrich de Maizière mit Bundespräsident Heinrich Lübke bei einer Parade am 26. Juli 1966.
* DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière mit Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Vereinigungsparteitag der CDU im Oktober 1990.
Von Stefan Berg, Andreas Wassermann und Steffen Winter

DER SPIEGEL 43/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
„Blut ist dicker als Wasser“

  • Postkarten-Aktion gegen den Brexit: Und täglich grüßt "Ihr Martin Cobb"
  • Filmstarts: "Krieg der Städte"
  • Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Advents-Auftritt: Michelle Obama tanzt mit dem Weihnachtsmann