24.10.2005

WEINBAUGuntersblum am Kap

Ein Winzer aus Rheinhessen füllte billigen Discounter-Wein aus aller Welt in eigene Flaschen - er wollte die Absurdität der deutschen Qualitätskontrollen beweisen.
Edgar Schätzler, Winzer im rheinhessischen Guntersblum, könnte rundum zufrieden sein. Der sonnenreiche Oktober treibt das Mostgewicht seiner Riesling- und Rivanertrauben nach dem verregneten Sommer in unverhoffte Höhen. "Ich habe weniger geerntet, aber dafür stimmt die Qualität", sagt er.
In den sanft geschwungenen Hängen des Rheintals in der Nähe von Mainz streift der gemietete Vollernter, ein 250 000 Euro teures Ungetüm, die Trauben von den Rebstöcken ab. Auf Schätzlers Hof drehen sich pausenlos die Pressen. Aus dem Keller steigt der pelzige Hefegeruch, der beim Gären des frischen Mostes freigesetzt wird.
Doch der ehemalige Weinhändler macht sich Sorgen. "Die Qualität des deutschen Weins ist in Gefahr", sagt Schätzler. Verantwortlich ist aus seiner Sicht die bestehende Weinverordnung, wie sie durch das deutsche Weingesetz und zahlreiche EU-Verordnungen definiert wird. Schon viele Weinexperten haben geklagt, dass deutsche Winzer zu sehr auf Quantität setzten. Selbst Weine, die als Spät- oder Auslesen klassifiziert werden, sind bei Discountern wie Aldi, Lidl und Co. für wenig mehr als einen Euro pro Flasche zu haben.
Um die Absurdität deutscher Qualitätskontrollen zu beweisen, schritt Schätzler zur Tat. Der Weinbauer aus Rheinhessen schnappte sich einen 2004er Pinot Grigio aus Ungarn, wie ihn Aldi im Juni 2005 für 1,59 Euro je 0,75-Liter-Flasche im Angebot hatte. Dieses von der Sonne der Puszta eher zu sehr verwöhnte Tröpfchen füllte er in eigene Flaschen und beantragte bei der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz eine amtliche Prüfnummer als Rheinhessen-Wein.
Wundersames Resultat: ein "2004 Guntersblumer Steig-Terrassen Rheinhessen Chardonnay Kabinett trocken Gutsabfüllung". Am 22. Juni teilten die Prüfer des Weinbauamtes Alzey Schätzler mit, dass der von ihm eingereichte Wein "die amtliche Prüfungsnummer 4 360 363 022/05 für die genannte Bezeichnung und Menge" zugeteilt bekam.
Auch ein Sauvignon Blanc aus Südafrika, den Schätzler bei der Metro gekauft hatte, ließen die Prüfer unbeanstandet als Grauburgunder aus Guntersblum passieren. Auf dem Metro-Etikett wurde "von den typischen tropischen Fruchtaromen" des Weins geschwärmt, den "uns die Natur am Kap" geschenkt habe.
"Die ganze Welt ein Guntersblumer", spottet Schätzler. Insgesamt 15 umetikettierte Weine von Kalifornien bis Neuseeland ließ er prüfen, brachte sie aber nie in den Handel. Er will mit der Aktion nur beweisen, dass die Prüfer der Landwirtschaftskammern, meist selbst Winzer, bei der Verkostung überfordert sind. "Eine Überprüfung, ob ein Wein für das Anbaugebiet und die Rebsorte typisch ist, kann offenbar nicht stattfinden", sagt der Pansch-Provokateur.
Aber das genau sei die Vorgabe des Bundesverwaltungsgerichts, bei dem Schätzler schon einmal mit einem Einspruch gegen einen seiner Weine gescheitert ist. Das Gericht hatte sinngemäß geurteilt, dass die Prüfkommissionen immer recht haben.
Nun will er wieder vor Gericht ziehen. Mehrere Prüfungskommissionen haben einen seiner Weine als "biologisch unrein", "grau" und "muffig" abgelehnt. Nachdem Schätzler, so seine Angaben, denselben Wein mit Zitronensäure und Schwefel versetzt hatte, bekam er die Zulassung. Eine kleine Zugabe der Lebensmittelfarbstoffe E 124, E 131 und Tannin reichte aus, um für denselben angeblich fehlerhaften Wein die amtliche Prüfnummer als "Spätburgunder Saint Laurent Rotwein" zu bekommen.
Die Landwirtschaftskammer will keinen Zusammenhang zwischen Schätzlers Wein und seiner Versuchsreihe mit ausländischen Weinen sehen, mit denen er die Prüfer täuschte. "Die Ausländer imitieren deutsche Weine", erklärt Kammerpräsident Günther Schartz die wenig schmeichelhaften Testergebnisse und droht Schätzler mit Ausschluss aus der Qualitätsweinprüfung.
Als "Katastrophe für den deutschen Wein" bezeichnet Michael Prinz zu Salm-Salm die Vorgänge in Rheinhessen. Auch wenn der Präsident des Verbandes der Prädikatsweingüter die Methoden Schätzlers nicht gut findet, teilt er dessen Kritik an den Qualitätskontrollen in Deutschland.
Salm hält es "für vermessen, Geschmack und Qualität amtlich zu bestimmen". Insbesondere ungewöhnliche Weine mit Charakter hätten es manchmal schwer, von den Prüfkommissionen akzeptiert zu werden. Gleichzeitig würden oft unterdurchschnittliche Weine durchgewinkt.
Immer mehr Betriebe verabschieden sich deshalb von der gesetzlich vorgegebenen Einteilung wie Kabinett, Spätlese oder Auslese, die eindimensional auf den Zuckergehalt in den Trauben und die zweifelhaften Geschmackstests der Prüfungskammern abstellt. Stattdessen ist ein Wildwuchs neuer Begriffe wie "Erstes Gewächs", "Großes Gewächs" oder "Erste Lage" entstanden, bei denen die Weine viel strengere Kriterien erfüllen müssen.
Schätzler muss sich derweil mit der Weinpolizei herumschlagen. Als er in seinem Rechtsstreit mit der Landwirtschaftskammer die eigene Panscherei als Beweis anführte, standen zwei Tage später die Weinkommissare in seinem Keller.
"Sie haben nichts Anrüchiges gefunden", sagt der Winzer. Die Prüfungsnummern für seine Aldi- und Metro-Weine aus aller Welt hat er wieder zurückgegeben. CHRISTOPH PAULY
Von Christoph Pauly

DER SPIEGEL 43/2005
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