24.10.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer Krieger

Wie eine Software-Firma gegen Raubkopierer vorgeht
Im Jahr 2160 ist die Erde zerstört, die Menschen siedeln auf dem Mars. Sie patrouillieren durch bizarre Felslandschaften, tragen schwere Waffen und verbringen viel Zeit damit, sich gegenseitig umzubringen. Auch in der Zukunft führen die Menschen Krieg gegeneinander, verbissen und unversöhnlich. Wer die Guten sind und wer die Bösen, lässt sich längst schon nicht mehr sagen.
"Earth 2160" ist ein Computerspiel der Firma Zuxxez, ein harmloser Spaß. Der Mann, der das Spiel produziert hat, heißt Dirk Hassinger, er ist 38 Jahre alt und residiert in der firmeneigenen Villa in Karlsruhe. Earth 2160 ist kein Ballerspiel, wer hier gewinnen will, muss vor allem langfristig strategisch planen können. Man schmiedet Online-Allianzen und muss am Ende die richtigen Waffen einsetzen.
Der Kampf, den Hassinger in der Wirklichkeit führt, ist vom Prinzip her nicht anders. Nur dass Hassinger seinen Kampf nicht als Spaß versteht - und dass er nicht schießt, sondern Strafanzeigen schreibt.
Ein 45-köpfiges Entwicklerteam hatte im polnischen Krakau vier Jahre lang an Earth 2160 gearbeitet, die neueste 3-D-Technik eingebaut, Internet-Server programmiert und die Hauptfigur von der deutschen Synchronstimme von Bruce Willis sprechen lassen. Fünf Millionen Euro kostete die Entwicklung, sagt Hassinger, am 2. Juni kam das Spiel auf den Markt, zwischen 40 und 50 Euro teuer.
Zwei Tage später fand Hassinger es zum ersten Mal in einer Internet-Tauschbörse. Jeder, der wollte, konnte es nun umsonst herunterladen.
Hassinger verstand das als Kriegserklärung.
Natürlich wusste er, dass Software im Netz geklaut wird, wo es nur geht. Beim Vorgänger von Earth 2160 fand Hassinger mehr Spieler auf dem Spiele-Server angemeldet, als es überhaupt registrierte Käufer gab. Jeder Kopierschutz wird geknackt, Seriennummern lassen sich mit einem Miniprogramm selbst generieren. Gegen die Raubkopierer kommt man nicht an, es sei denn, man würde jede Tauschbörse minutiös überwachen. Und genau das hatte Hassinger diesmal vor.
Kurz vor dem Erscheinungstermin von Earth 2160 hatte die Schweizer Firma Logistep ihm eine neue Software vorgestellt. Damit lässt sich nachweisen, von welchem Rechner aus wann welche Software in Tauschbörsen angeboten wird.
Logistep bot ein Servicepaket an: Daten protokollieren, gerichtsfest machen und Klagen vorbereiten. Das würde ein Massenverfahren werden, so viel war klar.
Ein paar Wochen später, Ende Juni, überreichten Hassingers Anwälte vier große Pappkartons an die Staatsanwaltschaft. Der Inhalt: eine Daten-CD mit insgesamt 13 700 Anzeigen gegen unbekannt, außerdem alle Anzeigen einmal säuberlich ausgedruckt und geordnet. Die Papierausdrucke wären von Rechts wegen nicht notwendig gewesen, sie dienten als kleine Nettigkeit für den Staatsanwalt, damit das Anlegen der Akten schneller geht.
Drei Polizeibeamte sind seitdem damit beschäftigt herauszufinden, wem die Computer gehören, die Logistep als Anbieter von Earth 2160 in den Tauschbörsen erwischt hat. Dabei stellt sich heraus, dass viele der Unbekannten offenbar Dauergäste in den Tauschbörsen sind und deshalb mehrfach erwischt wurden - die Zahl der tatsächlich Verdächtigen ist deshalb weit kleiner. Bisher konnte die Staatsanwaltschaft weniger als tausend Ermittlungsverfahren einleiten - was längst nicht so abschreckend klingt wie die 13 700 Anzeigen gegen unbekannt.
Jeder Verdächtige bekam einen Anhörungsbogen zugeschickt - und gleichzeitig das Angebot, 50 Euro zu zahlen und die Einstellung des Verfahrens zu bewirken. Die meisten zahlten sofort, sie wissen, wer hier im Recht ist.
Auch Hassinger hatte schon Ärger mit Urheberrecht und Staatsanwaltschaft, aber das war in einem früheren Krieg: In den Neunzigern gehörte Hassinger zum Vorstand der Firma Topware, damals scannten sie Telefonbücher der Telekom ein und pressten die Daten auf CD. Die Telekom klagte, gewann, und in der nächsten Runde ließ Topware die Telefonnummern nicht mehr scannen, sondern von rund 600 Chinesen abtippen - was der Firma neue Klagen einbrachte. Später hatte Hassinger noch ein Steuerverfahren am Hals und wurde verurteilt. "Daraus habe ich gelernt", sagt er. Heute sind die anderen die Bösen.
Und die sollen doppelt zahlen. Nach der Staatsanwaltschaft verschicken auch Hassingers Anwälte Post an die Raubkopierer - sie verlangen eine Unterlassungserklärung. Die Ertappten sollen versichern, dass sie nie wieder Daten tauschen werden, außerdem Schadensersatz und Anwaltsgebühren zahlen, zwischen 200 und 500 Euro kostet das.
Er könnte problemlos mehr verlangen, sagt Hassinger, vierstellige Summen etwa, aber das wolle er gar nicht. Er hat zwar die große Kanone für sein Spiel ausgewählt, aber es soll nur eine Schreckschusskanone sein. "Die Leute sollen endlich aufhören, uns im Internet zu beklauen", sagt er.
Earth 2160 wurde 100 000-mal gekauft, aber etwa geschätzte 600 000-mal heruntergeladen. "Wenn die Staatsanwaltschaft Nachschub an Daten braucht, können wir problemlos liefern", sagt er.
In den Tauschbörsen ist Earth 2160 mittlerweile kaum noch erhältlich, Hassinger hat gewonnen. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 43/2005
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