24.10.2005

VERBRECHEN

Die letzte Katastrophe

Von Dahlkamp, Jürgen und Batrak, Andrej

Im Juli 2002 verlor Witalij Kalojew seine Familie beim Flugzeugabsturz am Bodensee; im Februar 2004 tötete er den Fluglotsen Peter Nielsen, der damals Dienst hatte. Nun beginnt in Zürich der Prozess - der Tragödie gerecht werden kann er kaum. Von Andrej Batrak und Jürgen Dahlkamp

Kloten, Schweiz, 24. Februar 2004

Nachmittags, kurz nach fünf. Mette soll noch nicht gehen. Es ist so ein Minutenglück, das man gern strecken möchte, zu Stunden, zu Tagen, zu einem ganzen Leben: Mette auf dem Sofa, die Kinder spielen oben, und der Fluglotse Peter Nielsen hat sich zu seiner Frau gelegt, sie sehen fern. Mette sagt, dass sie noch bügeln muss, Peter sagt, bleib doch noch, es ist so gemütlich. Aber dann steht sie auf, bügelt, tut die Dinge, die man so tut, wenn man denkt, dass das Leben noch lange weitergehen wird. Wenn man nicht ahnt, dass der andere nur noch ein paar Minuten Leben hat und alles, was ist, nur noch dieses letzte Mal so ist.

Draußen an den Garagen steht ein Mann; er raucht eine Marlboro. Vor eineinhalb Jahren ist seine Familie umgekommen, bei dem Flugzeugabsturz über dem Bodensee. Seitdem raucht Witalij Kalojew, Bauingenieur aus Ossetien im Kaukasus, zwei bis drei Schachteln am Tag: Es gibt sonst nichts mehr, woran er sich noch festhalten könnte, nur die Marlboros und dieses braune Kuvert in seiner Tasche.

Vor ihm liegt das Haus, vier Wohnungen, die Nielsens unten links. Kalojew kann von hier aus den Zürcher Flughafen sehen, Maschinen, die übers Vorfeld rollen; man hört das Fauchen der Turbinen. Dort drüben saß in jener Julinacht 2002 auch der Fluglotse Peter Nielsen vor seinen Radargeräten. Beobachtete die Flugspuren, hielt den Funkkontakt, gab seine Anweisungen - darunter die eine, die letzte, nach der dann elf Kilometer über ihm eine Tupolew 154 der Bashkirian Airlines und eine Frachtmaschine der DHL ineinander rasten.

Unter den 71 Toten: Swetlana, 42, Kalojews Frau. Konstantin, 10, sein Sohn. Diana, 4, seine Tochter. Die ganze Familie.

Kalojew hat einen weiten Weg hinter sich, um hierher zu kommen, zum Rebweg 26. Eineinhalb Jahre hat er gebraucht, eineinhalb Jahre, in denen er nur noch Schwarz getragen hat: schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarzer Mantel. In denen er zu Hause in Wladikawkas jeden Morgen die Passbilder seiner Frau und seiner Kinder angestarrt hat - und jeden Abend, vor dem Einschlafen, die Bilder der Leichen, in den Särgen.

Eineinhalb Jahre hat er auf eine Entschuldigung aus der Schweiz gewartet, eine, mit der er hätte weiterleben können. Jetzt kommt es auf ein paar Minuten nicht mehr an. Er raucht die Marlboro zu Ende, er wirft den Stummel weg. Dann geht er nach rechts, zu dem Weg, der neben dem Haus den Hang hinunterführt.

20 Stufen, und Kalojew findet einen schmalen Durchlass zwischen den Bäumen. Er steigt über den kniehohen Maschendrahtzaun, über die Holzbohlen. In seinem Mantel kann er das braune Kuvert fühlen, das mit seinen Fotos, und dann noch etwas Hartes: das Messer, so ein graues von Wenger, Typ Ranger.

Es ist 17.51 Uhr, als Peter Nielsen den schwarzen Mann auf seiner Terrasse sieht. "Da ist ein Mann", sagt er zu Mette. Er öffnet die Terrassentür, seine jüngste Tochter will ihm hinterherlaufen. Nielsen zieht die Tür zu, die Kleine stößt sich den Kopf zwischen Tür und Rahmen, sie fängt an zu weinen, Mette holt sie weg, um sie zu trösten.

Jetzt steht Peter Nielsen draußen, er hat die Tür hinter sich bis auf einen Spalt zugezogen. Und Witalij Kalojew denkt, dass dieser Nielsen ihn nicht im Haus haben will. Dass er, der Witwer vom Ende der Welt, schon wieder abgewimmelt wird, hingehalten, rausgedrückt mit seinen Fragen, seinen Bitten, seiner Wahrheit. Der Wahrheit dieses braunen Kuverts, das er nun in der Hand hält.

Eine Minute später hört Mette einen Schrei, sie läuft hinaus. Auf der Terrasse liegt ihr Mann, Blut an seiner Schulter. Daneben steht ein Fremder, starr, mit einem Messer in der linken Hand. Peter Nielsen kann noch sagen: "Ruf einen Krankenwagen." Er weiß nicht, dass es schon zu spät ist, weil der Stich durch eine Arterie und eine Vene gegangen ist. Und Mette muss sich entscheiden: Bleibt sie bei Peter, oder bringt sie ihre Kinder in Sicherheit? Es ist der schrecklichste Moment ihres Lebens. Sie nimmt die Kinder und rennt.

Obergericht Zürich, Oktober 2005

An diesem Dienstag beginnt vor dem Obergericht Zürich der Prozess gegen Witalij Kalojew, 49. Für die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" geht es gegen den "Lotsen-Killer", geht es um den "Lotsen-Mord", obwohl die Anklage gar nicht auf Mord lautet. Und Susanne Probst, die damals neben den Nielsens wohnte, sagt, in den vergangenen Tagen hätten auch die russischen Journalisten wieder angerufen. Für die ist Kalojew ein Rächer, was in ihren Artikeln das Gleiche ist wie ein Gerechter.

Das Obergericht steht am Zürcher Hirschengraben, ein klassizistischer Bau, dreistöckig mit goldener Inschrift, so erhaben wie das Gesetz, dem es seit 1835 dient. In diesem Gebäude, drückt seine Architektur aus, werden Urteile gefällt, keine Vorurteile bestätigt. Und der Staatsanwalt Ulrich Weder sagt so korrekt und spröde, wie eine Schweizer Amtsperson nur korrekt und spröde sein kann, dass allein eine Tat zu beurteilen sei, nichts anderes. "Die Professionalität und der Rechtsstaat erfordern es, dass man sachlich, ruhig, anständig herangeht. Oder?"

Staatsanwalt Weder klagt auf vorsätzliche Tötung. Das liegt nach Schweizer Recht unterhalb der Schwelle zum Mord, die eine besondere Skrupellosigkeit voraussetzt, aber über der des Totschlags, auf den Kalojews Anwalt Markus Hug hinauswill.

Kalojew behauptet, er könne sich nicht daran erinnern, zugestochen zu haben. Aber er sagt auch, die Justiz "kann davon ausgehen, dass ich Peter Nielsen getötet habe" - was Hug und das Gericht als Geständnis werten. Hug muss also die drei Richter überzeugen, dass Kalojew den 36-jährigen Fluglotsen im Affekt, in einer entschuldbaren Gemütswallung umgebracht hat. Darauf stehen höchstens 10 Jahre. Auf vorsätzliche Tötung bis zu 20.

Im Mittelpunkt wird dabei die Frage stehen, ob Kalojew mit dem Plan nach Zürich gereist war, Nielsen zu töten, oder ob er erst im letzten Moment, auf der Terrasse, durchdrehte. Und dann geht es natürlich

auch um die Schuldfähigkeit - der Gerichtsgutachter Martin Kiesewetter, Leiter des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes an der Uni-Klinik Zürich, bescheinigt Kalojew eine "andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung". Die Einsichtsfähigkeit sei herabgesetzt gewesen, die Steuerungsfähigkeit auch.

Zwei Tage hat das Gericht nun angesetzt, und nicht nur der Prozess, sogar die Beratung der Richter wird öffentlich sein. So hält man es immer vor dem Zürcher Obergericht, so will man alles tun für ein gerechtes Urteil. Und doch: Dem Fall gerecht werden kann das Urteil nicht. Wie sollte es das auch.

Der Tod des Fluglotsen war lediglich die letzte Katastrophe in einer Kette von Katastrophen. Und hätte sich eine verhindern lassen, wäre es zur letzten nicht gekommen.

Es kann schon sein, dass es heute im Rückblick so aussieht, als hätte das Schicksal die Wege zweier Menschen gekreuzt, als hätte es kein Entrinnen für sie gegeben von Anfang an.

Aber Peter Nielsen starb auch wegen der Kluft zwischen zwei Kulturen: hier die ossetische, eine Kultur, die Schuld zu einer persönlichen Sache zwischen zwei Menschen macht. Zwei Menschen, zwischen denen nichts und niemand stehen darf, wenn es darum geht, Sühne zu tun. Und dort die westliche Kultur, in der die Justiz doch gerade die Aufgabe hat, sich zwischen die Menschen zu stellen, sie zu trennen, um die Schuld auszugleichen - "sachlich, ruhig, anständig".

Nielsen gehörte in diese westliche Welt, in der der Tod von 71 Menschen nach dem ersten Schock zu Berichten und Gutachten gerinnt. Zu Strafverfahren, in denen die Schuld, zu Zivilverfahren, in denen die Höhe des Schadensersatzes ermittelt wird. Dazu die außergerichtlichen Kommissionen, in denen kühl kalkulierende Anwälte der Opfer und manchmal eiskalte Anwälte der Firmen ihre Schriftsätze austauschen, bis zu einem Vergleich.

Witalij Kalojew dagegen gehört in eine Welt, in der ein Mann, der Schuld auf sich geladen hat, zum Haus des anderen geht und dort um Verzeihung fleht. Und wenn

seine Schuld schwer ist, sehr schwer, dann tut er dies im Kaukasus die letzten 500 Meter rutschend auf den Knien.

Überlingen, Deutschland, Sommer 2002

Bashkirian Airlines, Flug BTC 2937 von Moskau nach Barcelona: Es gab auch damals schon so viele Momente, in denen diese Tragödie aufzuhalten gewesen wäre und nichts aufgehalten wurde.

Im Juni 2002 wartet der Bauingenieur Witalij Kalojew in Barcelona auf seine Familie. Und auch seine Familie wartet, in Moskau, auf ihr Flugzeug, das aber erst in einigen Tagen gehen soll. Kalojew hat sie seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Die Auftragslage zu Hause war schlecht gewesen, und als ein Freund fragte, ob er

ihm in Spanien ein Haus bauen könnte, was sollte er tun?

Kalojew war gegangen, hatte die Familie zurückgelassen - die Familie, die in Ossetien so viel bedeutet, und für ihn, Witalij, alles. Zu Hause blieben Swetlana, die er 1991 geheiratet hatte, seine erste, seine einzige Liebe. Sein Sohn Konstantin, auf den er so stolz war, weil er schon so gut Englisch sprach und die Vornamen aller Kalojews kannte, elf Generationen zurück. Und seine Diana, sein Engel, der zu ihnen gekommen war, als sie schon nicht mehr darauf hofften, dass Swetlana noch einmal schwanger werden würde.

Jetzt war das Haus für den Freund fertig, aber bevor Witalij zurückflog, wollte er Urlaub machen mit seiner Familie, in Spanien, am Meer. Die Sonne, das warme Wasser, das alles würde ihnen gut tun, vor allem Konstantin, der so stark unter seiner Allergie litt.

Also hatte Swetlana zu Hause in Wladikawkas die Ersparnisse eines Jahres genommen, 2800 Dollar, und sie hatten es auch schon bis nach Moskau geschafft, zu Witalijs Bruder Jurij. Dann aber mussten sie warten, für den Weiterflug war alles ausgebucht. Deshalb hängte sich Swetlana ans Telefon, rief die Reisebüros an. Und in einem hieß es, da gebe es etwas: eine Chartermaschine für eine Gruppe aus Baschkirien. Die hatte ihren Jet verpasst, weil der Bus zum falschen Flughafen in Moskau gefahren war. Für die werde jetzt eine Sondermaschine eingesetzt.

Sollen wir die nehmen?, fragt Swetlana. Und Diana, die Kleine, sagt: Ja, ich will zum Papa.

Am Abend des 1. Juli startet die Maschine in Moskau, sie steigt auf 36 000 Fuß, um 23.30 Uhr wird sie von der Luftsicherung Zürich übernommen, die auch Teile Süddeutschlands überwacht. Am Bildschirm sitzt Peter Nielsen.

Der Däne, seit 1995 bei der staatlichen Schweizer Luftkontrolle Skyguide, hat seit 23.24 Uhr noch eine andere Maschine auf dem Radar, eine Boeing 757 des Paketdienstes DHL aus Bergamo mit Ziel Brüssel. Flughöhe: ebenfalls 36 000 Fuß, rund 11 000 Meter.

Nielsen sitzt allein, weil der zweite Mann in den Pausenraum gegangen ist, zum Schlafen. Er muss die beiden Maschinen auf verschiedene Flughöhen dirigieren. Er muss gleichzeitig aber auch noch in Friedrichshafen einen Ferienflieger der Aero Lloyd herunterbringen, der von Kreta kommt.

Und es gibt Probleme: Ein Blinklicht am Radargerät, das bei Kollisionsgefahr aufflackern soll, ist abgeschaltet; die Anlage wird in dieser Nacht gewartet. Aus dem

gleichen Grund fällt auch die Haupttelefonleitung aus. Verzweifelt versucht die Flugsicherung Karlsruhe, Zürich zu erreichen. Die deutschen Fluglotsen sehen, dass es eng wird, verdammt eng. Aber in Zürich nimmt niemand ab.

Erst 44 Sekunden vor dem Crash erkennt Nielsen, wie nah sich die beiden Maschinen kommen. Und als er es erkennt, gibt er der Tupolew den Befehl, runterzugehen auf 35 000 Fuß. Es ist ein verhängnisvoller Fehler. Denn bei der Boeing hat schon das automatische Anti-Kollisions-System einen Not-Sinkflug eingeleitet. Um 23.35 Uhr und 31 Sekunden schlitzt die Heckflosse der Boeing die Tupolew auf. 15 Sekunden später verschwinden beide vom Radarschirm, 35 000 Fuß über Überlingen am Bodensee. Es ist die größte Luftfahrtkatastrophe auf deutschem Boden.

Witalij Kalojew nimmt die erste Maschine von Barcelona nach Zürich. Walter Meier, der Flughafenpfarrer, fährt mit ihm nach Überlingen, ins Unglücksgebiet. Es wird eine Reise ins Herz der Finsternis, von der Meier heute sagt: "Es war ein Fehler. Witalij wollte unbedingt da hin, aber man hätte ihn aufhalten müssen, irgendwie." Über 35 Quadratkilometer verstreut liegen Wrackteile und weiße Tücher, darunter Tote, die nicht mehr wie Menschen aussehen, nach ihrem Sturz aus elf Kilometer Höhe. Kalojew ist zwei Tage vor allen anderen Angehörigen an der Absturzstelle. "Was er gesehen hat, hat ihn schwerstens traumatisiert", sagt Meier.

In Überlingen kümmert sich Michael Oßwald um ihn. Man weiß hier nicht so recht, was man mit dem Mann aus Ossetien anfangen soll. Kalojew will mitsuchen, man versteht das, aber man will auch nicht, dass er diese Toten sieht. Seine Toten. Oßwald, Notfall-Seelsorger, im Zivilberuf Klempner, geht mit ihm vor den Suchketten her, über die Waldwege eines Forsts in Brachenreuthe - er weiß: Die Wege sind alle schon abgelaufen.

Zuerst wird Diana identifiziert. Sie ist in einen Baum gestürzt, bei der Ortschaft Owingen, dann von Ast zu Ast heruntergerutscht. Eine Polizistin entdeckt sie, und die Kleine sieht aus, als würde sie schlafen. Äußerlich nur ein paar Hautabschürfungen - Engel hätten sie heruntergetragen, wird Kalojew später immer wieder sagen. Dann Konstantin: Man musste ihn nicht suchen, er war auf den Asphalt vor einer Bushaltestelle aufgeschlagen, ein fürchterliches Bild. Tage später Swetlana, die in einem Maisfeld lag: der schlimmste Anblick von allen.

Kalojew findet die Perlenkette seiner Tochter. Er liest sie auf, Perle für Perle. Er weint am Sarg von Diana, er bricht zusammen am Sarg von Konstantin. Den Sarg seiner Frau zeigt ihm der Bestatter Markus Allweier dann nicht mehr, und Kalojew fügt sich. Er fasst sich, klammert sich an eine Aufgabe: seine Familie würdig nach

Hause zu holen, sie zu beerdigen, mit allen Ritualen, mit denen man in Ossetien Abschied nimmt.

Er kauft ein Kleidchen für Diana, einen grauen Anzug für Konstantin, er gibt einen Gedenkstein in Auftrag für die Stelle, an der Diana lag. Und er kämpft in Überlingen gegen die Russen. Ein Diplomat, kalter Apparatschik, hat angeordnet, dass erst mal alle Leichen nach Baschkirien sollen, in die Hauptstadt Ufa. Das ist 2500 Kilometer von Kalojews Heimat Wladikawkas entfernt. Kalojew, hart, unnachgiebig, setzt sich durch.

Von Schuld, erinnert sich Maja Heidenreich, die in diesen Tagen für ihn übersetzt, habe er nicht einmal gesprochen. Die Frage, wer Schuld hat an diesem Unglück, beschäftigt schon die Medien. Aber in Kalojew wirkt ihr Gift noch nicht.

Er fühlt sich erst mal selbst schuldig - dass er überlebt hat. Kalojew sagt Sätze wie: "Ich lebe nicht mehr, ich existiere nur noch." Und wenn er lebt, dann nur für die Erinnerung an seine Familie. 5000 Menschen kommen in Ossetien zur Beerdigung - so viele, sagt sein Bruder Jurij heute, waren in Wladikawkas das letzte Mal auf der Straße, als Stalin gestorben war.

Witalij Kalojew baut auf dem Friedhof ein Monument seiner Klagen, seiner Verzweiflung, seiner Liebe. Witalij verkauft dafür ein Grundstück, er nimmt sein ganzes Geld. "Wofür brauche ich Geld - um einen Strick zu kaufen?", fragt er einmal.

Er rasiert sich nicht mehr, lässt sich einen Bart wachsen, als Zeichen der Trauer. Er arbeitet nicht mehr, kauft sich fast nichts mehr, isst keine Süßigkeiten mehr, weil auch seine Kinder keine Süßigkeiten mehr essen können. Nur mit Mühe gelingt es Jurij und seinen Geschwistern, Witalij davon abzuhalten, mit einem Campingwagen auf den Friedhof zu ziehen.

Zu Hause richtet Kalojew die Betten von Swetlana, Konstantin und Diana zu Altären her, breitet darauf die Dinge aus, die sie so mochten. Das Parfüm "Du Monde" für Swetlana, die Nuss-Schokolade für Diana, das Schachspiel für Konstantin. Das Letzte, was er sich ansieht, wenn er abends das Licht ausschaltet, sind die Bilder mit den offenen Särgen. Die Bilder, die immer bei ihm sein sollen, die ihn verfolgen sollen, bis in seine Alpträume.

In dieser Zeit beginnt sich etwas zu verändern. Seine Erinnerungen verschieben sich, seine Wahrnehmung verfälscht sich. Hatte er nicht selbst Diana gefunden, nach dem Unglück? Und Konstantin? Und seine Frau? Irgendwann ist er überzeugt, dass er sie selbst entdeckt hat, unter dem Baum, an der Bushaltestelle, in dem Maisfeld.

Und irgendwann glaubt er auch, dass es nicht die Russen waren, die ihn daran hindern wollten, seine Familie nach Hause zu holen, jene Russen, denen er selbst doch die Leichen seiner Frau und seiner Kinder abgerungen hatte. Nein, die Schweizer waren

es. Die Schweizer, immer wieder die Schweizer. Und während er mit sich allein ist, mit den Bildern seiner toten, seiner geraubten Familie, wird das Verlangen immer stärker, mit den Schuldigen zu sprechen über diesen "Mord", wie er es jetzt nennt.

Zürich, Skyguide, Juli 2003

Zwölf Monate sind vergangen seit der Katastrophe, und der Fall schiebt sich ganz langsam durch diesen dunklen Tunnel, der sich Ermittlungsverfahren nennt. Niemand von außen kann hineinsehen, niemand kann wissen, wann der Fall am Ausgang des Tunnels das Licht der Gerechtigkeit erblicken wird.

In Braunschweig arbeitet das Luftfahrt-Bundesamt noch am Unfallbericht. Anwälte wie der Berliner Michael Witti kämpfen um Mandate der Hinterbliebenen und schon gegen die Anwälte von Skyguide. Sie lauern, warten auf Fehler, die beim Poker um Schadensersatz Geld bringen könnten. Peter Nielsen, nach dem Unglück in psychologischer Betreuung, wird von Skyguide abgeschottet.

Es ist der Jahrestag des Unglücks, Witalij Kalojew kommt nach Deutschland, er will Antworten, er will eine Entschuldigung, er sieht nur das Dunkel.

Maja Heidenreich, die wieder für ihn übersetzt, hilft ihm, seine Pflicht zu erfüllen, seine Rituale: Sie geht mit ihm und seinem Bruder Jurij zum Gedenkstein, sie gießen Cognac auf den Boden, verstreuen Erde aus Ossetien, nehmen deutsche Erde mit. Und bei der Gedenkfeier am Jahrestag in Überlingen steht Heidenreich dabei, als Witalij versucht, den Vertretern von Skyguide die verbotene Frage zu stellen: die nach der Schuld.

"Die waren eiskalt", erinnert sie sich. Alain Rossier, der Skyguide-Chef, habe bedeutet: nicht hier, nicht jetzt. Andere sagen, Kalojew habe Rossier angegiftet, sei laut geworden: "Warum hast du meine Familie getötet? Kannst du dir vorstellen, wie jemand deine Familie tötet?" Er hält die Fotos hin, die mit den Leichen.

Immerhin, Rossier bietet an: am nächsten Tag, in Zürich, bei Skyguide. Witalij sagt zu. Sie treffen sich am Flughafen, und die Skyguide-Manager haben eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, wie es zum Unglück gekommen ist.

Kalojew fragt Rossier, ob Skyguide schuldig sei, wenn ja, dann soll sich Rossier entschuldigen. Hier. Jetzt.

Rossier antwortet, die Untersuchungen liefen. Ihm tue der Tod von Kalojews Familie unendlich leid, aber zur Schuldfrage könne er nichts sagen. Genau so ist es bei Skyguide abgesprochen: eine Entschuldigung, darin steckt das Wort Schuld, und daraus wird in der westlichen Justizkultur ein Schuldeingeständnis. Das könne dann

gegen einen verwendet werden, sagt Skyguide-Sprecher Patrick Herr heute. Auch Rossier ist nur ein Gefangener in seiner Welt, der Welt der Anwälte.

Witalij Kalojew versteht das nicht: Er will doch kein Geld. Er will doch keine prozessualen Vorteile. Er will eine Entschuldigung. Er will den Lotsen sehen. Sofort. Es wird telefoniert, "ein Schauspiel", sagt sein Verteidiger Hug, denn der Lotse ist im Urlaub. Hat man ihn sogar, wie Hug glaubt, extra in den Urlaub geschickt? Musste Skyguide nicht geradezu verhindern, dass sich die beiden treffen, wegen juristischer Folgen, die das hätte haben können?

Rossier habe bei dem Treffen den Namen des Lotsen nicht genannt, sagt sein Sprecher, sagt auch Jurij, Kalojews Bruder. Rossier habe nur den Ablauf des Unglücks geschildert, die Ereignisse im Kontrollzentrum, das Verhalten des Lotsen, aber ohne von Fehlern zu reden. Doch schon am Tag danach erzählt Witalij Kalojew, der Lotse sei schuldig, Rossier habe es zugegeben. Und später, nach der Tat, wird er sogar behaupten, Rossier habe es "hinausgewürgt": Ohne den Fluglotsen hätten die Maschinen aneinander vorbeifliegen können.

Hamburg/Berlin, November 2003

Den Namen Peter Nielsen, woher hatte Kalojew ihn? Die Ermittler haben ihn das später immer wieder gefragt, aber es brachte nichts: Der Name stand abgekürzt in den Zeitungen - aber dann ausgeschrieben in den Akten, die Kalojew bei der russischen Generalstaatsanwaltschaft durchforstete. Er stand sogar im Telefonverzeichnis von Kloten: "Nielsen Peter, Flugverkehrsleiter".

Und Kalojew hätte ihn lesen können in den Akten der Opferanwälte, dort also auch noch - den Vorwurf, Nielsen ans Messer geliefert zu haben, muss man dem Berliner Michael Witti als Rudelführer der Opferanwälte nicht machen. Und doch hätten die Anwälte, sagt Flughafenpfarrer Meier, eine "verhängnisvolle Rolle" gespielt; auch die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft weist darauf hin.

Da ist nämlich dieser Brief an alle Angehörigen, abgeschickt am 4. November 2003 von der Kanzlei Vehlow & Wilmans in Hamburg, die mit Witti den Großteil der Hinterbliebenen vertritt. Es geht um ein Angebot von Skyguide: 60 000 Franken bieten die Schweizer für einen toten Ehepartner an, 50 000 für jedes Kind. Skyguide will sich im Gegenzug alle Ansprüche abtreten lassen - und könnte dann, so das Szenario in dem Brief, selbst gegen Dritte auf Schadensersatz klagen. Gerrit Wilmans spricht von amerikanischen Firmen. Eine amerikanische Firma ist der Hersteller des Anti-Kollisions-Systems an Bord der Boeing. "Dies", warnt Wilmans, "könnte dazu führen, dass im extremen

Fall Skyguide an diesem Vorschlag verdienen würde."

Im westlichen Schadensersatzrecht ist das Abtreten von Ansprüchen eine Normalität. Für Witalij Kalojew ist es eine Ungeheuerlichkeit. Er denkt, Skyguide wolle mit dem Blut und den Knochen seiner Kinder auch noch Geld machen. Witalij starrt den Brief an. Er nimmt eine Vase, schlägt sie kaputt, er nimmt einen Stuhl, schlägt ihn kaputt. "Als ich dieses Dokument gelesen habe, da ist etwas in meinem Kopf passiert", sagt er später, "ich habe verstanden, dass es keine Gerichtsverhandlung gibt. Ebenso ist keine Entschuldigung zu erwarten."

Niemand sagt ihm offenbar, dass er den Brief falsch verstanden hat, dieses Juristenschach um Gerechtigkeit nach westlichen Maßstäben. Und Witalij beschließt genau in diesem Moment, in die Schweiz zu fahren. Wenn schon dieses Land die Schuldigen immer noch nicht angeklagt hat, wenn schon die Firma Skyguide ihr Versagen nicht zugibt, dann fährt er eben zu ihm. Zu Peter Nielsen. Damit wenigstens der sich entschuldigt.

Kloten, Schweiz, 24. Februar 2004

Vor zwei Tagen, am 22. Februar, war Witalij Kalojew schon mal am Haus des Lotsen. Er zögerte, er ging dann, ohne zu klingeln. Gestern fuhr er zum Flughafen, wollte Walter Meier sprechen, den Pfarrer, ihm zwei Flaschen Wodka schenken, für den Tag, an dem Meiers zwei Söhne einmal heiraten würden. Aber Meier war in Graubünden, beim Skilaufen, und niemand rief ihn an. Wieder eine Chance verpasst, die letzte Katastrophe abzuwenden. "Das geht mir bis zu meinem Lebensende nach; ich hätte es verhindert", wird sich Meier nach der Tat Vorwürfe machen.

Jetzt, um 17.51 Uhr, steht Kalojew auf der Terrasse, neben Nielsen. Er hält ihm das braune Kuvert mit den Fotos hin - Diana, Konstantin, Swetlana. Er sagt: "Ich bin Russland."

Mehr kann er auf Deutsch nicht sagen, viel mehr nicht verstehen. Er versucht es mit Spanisch: "Mira!" - "Schau!" Dann begreift er, dass Nielsen den Umschlag nicht haben will. Nielsen lässt ihn nicht ins Haus, er wehrt die Hand mit den Fotos ab, einmal, zweimal, er sagt ein paar Worte. Dem Tonfall nach, glaubt Kalojew, habe Nielsen so etwas gesagt wie "Verschwinde".

Und dann fallen die Fotos in den Schnee, die Fotos von Witalijs toter Familie - alles, was ihm von ihr geblieben ist.

Und dann sticht er zu. Einmal in die Schulter, später, nach einem Moment der Erstarrung, noch mal und noch mal. Er zerschneidet Nielsen die Mundwinkel, stößt ihm das Messer ins Herz, schlitzt das Fußgelenk auf.

Obergericht Zürich, Oktober 2005

War es so? Dass Nielsen ihn wegdrückte, dass die Fotos wirklich in den Schnee fielen, wie Kalojew behauptet? Oder hatte er einen Plan, mit einem Ende, das längst beschlossen war? Nicht Rache habe Witalij getrieben, sagt sein Bruder Jurij, schon gar nicht Blutrache. Seit 400 Jahren habe es in ihrer Sippe keinen einzigen Fall von Blutrache gegeben.

Auch Witalij Kalojew beteuert, er habe einfach nur diese Entschuldigung hören wollen, für sich, für die Ehre seiner toten Familie, gegen das Vergessen, das die Schweiz über den Fall ausbreiten wolle. "Wenn der Lotse ihn hineingebeten hätte, wäre wahrscheinlich gar nichts passiert", sagt sein Bruder Jurij.

Staatsanwalt Weder aber glaubt nicht an einen entschuldbaren Affekt, an einen Totschlag. Kalojew hat nämlich im September einen Detektiv in Russland beauftragt, Bilder von Nielsen zu besorgen - "nur, um sie den Medien zu geben", kontert Kalojews Anwalt Hug.

Und das Messer? Das habe er schon länger. Ein Mitbringsel aus Zürich, gekauft damals, nach dem Besuch bei Skyguide. Oder hat er es doch erst bei der Ankunft am Flughafen drei Tage vorher besorgt? - ein Verdacht, dem die Ermittler auch schon mal nachgingen. Ein solches Messer, Schweizer Fabrikat, wurde an dem Tag in einem Flughafen-Shop verkauft.

Was gegen die Theorie des Staatsanwalts spricht: Warum sollte Witalij Kalojew so eine Tat dann nicht einfach zugeben? Was hätte er noch zu verlieren? Eine Zukunft? "Wahrscheinlich habe ich keine Zukunft, weil ich auch keine Gegenwart habe. Ich habe nur die Vergangenheit, die Bilder, die ich immer vor Augen habe."

Und was hilft ihm denn Nielsens Tod? Kalojew hat sich nicht entschuldigt bei der Witwe, aber Erleichterung - nein, so etwas spüre er nicht, sagt er. Es gibt nichts Leichtes mehr. Nicht für Kalojew, der seine Familie verloren hat. Auch nicht für Mette Nielsen und ihre beiden Kinder. Es gibt nur Opfer: 71 im Juli 2002 und 5 danach.

* Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am 8. Juli 2002.* Bei der Gedenkfeier zum Jahrestag des Unglücks in Überlingen am 2. Juli 2003.

DER SPIEGEL 43/2005
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