24.10.2005

PROZESSEBlaue Schatten

16 Jahre nach der Wende muss sich der deutsche Sport noch einmal der Verantwortung für das DDR-Dopingsystem stellen. Vor dem Amtsgericht Berlin-Schöneberg wird um Anabolika gestritten, die minderjährigen Schwimmerinnen verabreicht wurden - für das NOK geht es ums finanzielle Überleben.
Ihr Name steht nicht im Telefonbuch, und sie geht nicht in Talkshows, obwohl sie dort einiges erzählen könnte über die Abgründe des Sports. Karen König meidet die Öffentlichkeit, weil sie befürchtet, von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Nicht, dass sie Angst hätte vor der eigenen Courage. Aber es gibt "noch genug Leute, die stolz sind auf das, was sie früher getan haben". Und vor deren Anfeindungen will sie sich und ihre Familie schützen.
Jetzt sitzt sie in einem Café in der Kollwitzstraße in Berlin, und ihr ist anzusehen, dass sie einmal viel Sport getrieben hat: Sie ist groß und schlank und hat ein Kreuz wie ein Möbelpacker. Karen König trägt einen roten Ledermantel, ihr Gesicht wirkt hart, und wenn sie redet, nestelt sie an den Manschetten ihrer Bluse herum.
"Ich will das Dopingsystem der DDR als Ganzes aufdecken", sagt sie. Ihre Stimme klingt wie die eines Kettenrauchers im Endstadium, dabei ist sie erst 36 Jahre alt. "Alle Beteiligten sollen zur Verantwortung gezogen werden. Es sind eben nicht nur Ärzte und Trainer gewesen, sondern auch die Funktionäre."
Karen König war Leistungssportlerin in der DDR. Die Kraulspezialistin schwamm 1984 mit der Staffel Weltrekord, gewann ein Jahr später bei der Europameisterschaft zwei Titel. Als Dank durfte sie teilhaben an den Segnungen des Sozialismus: Sie wurde ausgezeichnet mit dem Vaterländischen Verdienstorden der DDR in Gold und belohnt mit einer Schiffsreise nach Kuba. Aus Sicht der Partei erfüllte sie ihr Soll damals.
Heute allerdings ist Karen König eine kranke Frau. Die Literaturwissenschaftlerin leidet an immer wiederkehrenden Depressionen und einer tiefen, männlichen Stimme. Wenn sie sich am Telefon meldet, wird sie häufig mit "Hallo, Herr König" angesprochen. Sie sagt, die Beschwerden habe sie nur, weil ihre Trainer sie als Minderjährige ohne ihr Wissen mit Oral-Turinabol voll gestopft hätten. Ein Hormonpräparat, das die Muskeln wachsen lässt. Hergestellt in den Chemielabors von Jenapharm, Codenummer M1, in Auftrag gegeben von ganz oben: "Staatsplan 14.25" lautete das Projekt. Und die Steroid-Pillen hießen in den geheimen Papieren der DDR euphemistisch "unterstützende Mittel".
Es ist dieser Zynismus, der Karen König wütend macht. Als erstes Opfer des DDR-Zwangsdopings hat sie Klage erhoben gegen das Nationale Olympische Komitee. Vom NOK fordert sie 10 225 Euro Schmerzensgeld wegen Körperverletzung. Jeder Gütevergleich ist gescheitert, die Beweisaufnahme beginnt Dienstag kommender Woche.
Natürlich gibt es Ost-Sportler, die heimlich gedopt wurden und die es viel schlimmer erwischt hat als König. Deren Folgekrankheiten die Mediziner diagnostiziert haben mit Bulimie und Krebs. König sagt aber, sie wisse nicht, wie sich das Testosteron noch auswirken werde auf ihre Gesundheit. Ihr drohten "Langzeitschäden, die jederzeit auftreten können: Leberschäden, Schäden im Unterleib". Und: "Körperverletzung bleibt Körperverletzung."
Es ist ein Musterprozess, und sollte König vor dem Amtsgericht Berlin-Schöneberg
gewinnen, könnte das eine Lawine auslösen. Dann wollen nämlich weitere 137 Geschädigte eine Sammelklage einreichen, und dann stünden 1,37 Millionen Euro auf dem Spiel. Karen König könnte das NOK an den Rand des Ruins treiben.
Dabei geht es ihr gar nicht um Geld. Und auch nicht um Gerechtigkeit. "Gerechtigkeit hört sich so gewaltig an", meint sie. Karen König wägt ihre Worte. "Es geht darum, mündig zu sein. Ich besitze jetzt die Möglichkeit, mich gegen die Großen zu wehren. Das war vor 20 Jahren anders."
Als Schülerin im Osten gehörte Gehorsam zum Register ihrer Gewohnheiten, Protest nicht. In jener Zeit tat sie nur, was der Staat von ihr verlangte. Und so verlief ihre Karriere als Sportlerin beispielhaft.
Karen König war zehn Jahre alt, als sie zu den drei besten Schwimmerinnen des Trainingszentrums in Berlin-Friedrichshain
zählte. Sie wurde zum TSC Berlin delegiert, in die fünfte Klasse der Kinder- und
Jugendsportschule Ernst Grube auf dem Prenzlauer Berg. Zu dem Zeitpunkt für das Mädchen die Erfüllung eines Traums.
In der Kaderschmiede begann der Tag morgens um sechs und endete abends um acht. Dazwischen musste König Mathematik pauken, zwei- oder dreimal durchs Wasser pflügen und ihren Körper beim "Landtraining" im Kraftraum stählen. "Die Kindheit und der Spaß waren schnell vorbei."
Die Trainer kannten keine Gnade: Wer nicht funktionierte, flog raus. Anfangs waren sie noch 14 in Königs Klasse, die letzten drei Jahre hatte sie Einzelunterricht. Dabei genoss sie zwar das enge Verhältnis zu ihrem Lehrer, aber sie fühlte sich auch wie durch eine Mauer abgetrennt vom normalen Leben. "Ich war völlig isoliert."
Schon in der sechsten Klasse begann die Medikamentenausgabe. Ihr Schwimmtrainer versorgte sie nach den Übungseinheiten mit Dynvital, einer Art Brausepulver und angeblich ein Vitamin-Mineral-Gemisch. Der Trainer saß am Beckenrand an einem weißen Tisch, und auf dem Tisch stand ein Becher mit ihrem Namen drauf. König musste das Gebräu unter Aufsicht herunterwürgen. Dann stand da noch eine kleine braune Glasflasche. Darin befanden sich orangefarbene und weiße Tabletten. Zusammen fünf oder sechs Stück. Die musste sie auch noch schlucken.
Wann genau ihr das erste Mal Oral-Turinabol verordnet wurde, weiß Karen König nicht mehr. Sie sagt, sie müsse 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein. Sie erhielt die hellblauen Pillen, Durchmesser fünf Millimeter, meist in dreiwöchigen Zyklen vor internationalen Wettkämpfen. Die Tabletten seien harmlos, erklärte man ihr. Sagte, sie dienten der Regeneration in harten Trainingsphasen. König nahm das hin. Akzeptierte die Pillen wie Schnupfen bei einer Erkältung: lästig zwar, aber nicht zu ändern.
Der Heimtrainer drückte ihr die Tabletten in die Finger. Wenn Königs Hände feucht waren, hinterließen die Pillen einen blauen Schatten auf der Haut.
Die Größe der Ration schwankte. Mal erhielt sie eine Fünf-Milligramm-Tablette pro Tag, oft zwei. Vor einem Jugendwettkampf im Januar 1985 betrug die Dosis 10 bis 15 Milligramm. In den entsprechenden Notizen des leitenden Verbandsarztes Lothar Kipke taucht auch der Name Kristin Otto auf (siehe Ausriss). Die heutige ZDF-Reporterin, die 1988 in Seoul sechs olympische Goldmedaillen gewann, schwamm mit König in der Staffel.
Bis Ende 1986, präziser lässt sich das nicht sagen, wurde König mit der Droge gefüttert, ohne zu ahnen, was sie sich in den Mund steckte. Sie mutierte zum Anabolika-Monster. Verbesserte ihre Zeit über 100 Meter innerhalb eines Jahres um mehr als zwei Sekunden. Sie machte sich keine Gedanken, dass sie Pickel bekam, wenn sie die Pillen nahm, wunderte sich nicht, dass sie extrem schnell ein paar Kilogramm zulegte und dass sie immer wieder grundlos anfing zu weinen.
"Ich hatte gar kein Verhältnis mehr zu meinem Körper", sagt König. Nie kam sie auf die Idee, gedopt zu werden. "Uns wurde von den Funktionären eingeredet, dass es Doping nur im kapitalistischen Westen gibt, und das haben wir geglaubt."
Ihr Erweckungserlebnis hatte sie 1990, drei Jahre nach dem Ende ihrer Laufbahn. Sie traf sich mit ein paar Mitgliedern der alten Schwimmgruppe im Nikolaiviertel zum Kaffee bei Klaus Klemenz, ihrem ehemaligen Trainer. Es war eine fröhliche Runde. Irgendwann sprachen sie zufällig über Doping und alberten, König könne doch wieder anfangen zu trainieren. Klemenz sagte: "Dann kommst du zu mir, und wir zeigen es allen noch einmal." Er habe auch noch "ein paar von den Blauen im Schrank".
In diesem Moment brach für König eine Welt zusammen. Schlagartig verstand sie, dass man sie jahrelang belogen hatte. Sie war "entsetzt, wie naiv ich gewesen bin". In ihr Tagebuch schrieb sie: "Diese Schweine haben uns das Zeug gegeben." König
fühlte sich ohnmächtig. Ihre Medaillen hatten keinen Wert mehr für sie. Stattdessen fragt sie sich bis heute: "Wie wäre mein Leben ohne Doping verlaufen?"
Eine Antwort suchte sie im Mai 2000 beim Strafverfahren gegen die Drahtzieher des systematischen DDR-Kinderdopings: Manfred Ewald, von 1961 bis 1988 Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes, und Manfred Höppner, von 1975 bis 1990 Leiter der "Arbeitsgruppe Unterstützende Mittel".
Karen König saß als Nebenklägerin im Saal. Ewald kannte sie als ideologischen Einpeitscher, Höppner hatte sie nie zuvor gesehen. Beide kamen mit milden Urteilen davon. König sagt: "Es war wie bei den Mauerschützen, die unten werden gehängt, die oben lassen sie laufen."
Sie wollte sich nicht abfinden damit. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Jens Steinigen, den sie bei dem Prozess kennen gelernt hatte, beschloss sie, das NOK zur Rechenschaft zu ziehen.
Gerade hat Steinigen Sitzungssaal E.06 im Oberlandesgericht München verlassen, nun verschlingt er ein Stück Sachertorte. Steinigen, 39, ein rastloser Mann mit randloser Brille, ist ein Experte in Sachen Ost-Sport: Der ehemalige Biathlet, bis 1988 im A-Kader der DDR, promovierte über "Zivilrechtliche Aspekte des Dopings aus Sicht des Spitzensportlers". Nach der Wende führte er einen Feldzug gegen ehemalige DDR-Trainer, die vom Deutschen Skiverband übernommen wurden und ihre Dopingvergangenheit leugneten.
Es ist ihm schwer gefallen, das NOK zu verklagen, weil er selbst 1992 und 1994 bei Olympischen Spielen dabei war. "Aber der deutsche Sport darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Er muss sich auch um die Schattenseiten kümmern", sagt er und klopft energisch mit der Kuchengabel auf den Tisch. Wenn das NOK an dem Prozess Bankrott geht, "kann ich das auch nicht ändern. Es hatte ja mal genug Geld".
Steinigen hält das NOK für einen "greifbaren Schuldner", weil es sich 1990 bedenkenlos das Vermögen des Ost-Komitees einverleibt hat. Und mit den 5,6 Millionen Mark, die inzwischen verbraucht sind, habe es auch die Altlasten übernommen. Das NOK der DDR, sagt der Anwalt, war "maßgeblich beteiligt an der Einrichtung, Erhaltung und Vertuschung des Dopingsystems".
Bereits 2003 hat das Landgericht Frankfurt entschieden, dass der Fall König nicht verjährt ist. Darum muss Steinigen in dem Prozess vor allem beweisen, dass seine Mandantin tatsächlich Oral-Turinabol erhalten hat. Als Zeugin ist Dorit Rösler vorgeladen, die frühere TSC-Vereinsärztin reichte die Pillen an die Trainer weiter. Über Nebenwirkungen der Tabletten hat sie sich seinerzeit "keine Gedanken" gemacht.
Rösler arbeitet heute als Hausärztin im Ostteil der Stadt. Sie will zugunsten Königs aussagen. "In der DDR wurde gedopt, das war aus medizinischer Sicht nicht vertretbar. Falls Frau König mit Folgen zu kämpfen hat, wünsche ich, dass sie entschädigt wird."
Dass Anabolika-Doping depressiv machen, dass es zu Akne führen kann, zu einer tiefen Stimme und übermäßiger Gewichtszunahme - das hat Hellmut Mahler, Rechtsmediziner an der Uni Düsseldorf, in seinem 60-seitigen Gutachten im Verfahren gegen Ewald und Höppner festgestellt. Trotzdem bleibt Günter Paul, der Anwalt des NOK, unnachgiebig wie Beton.
Der Jurist, der schon Josef Neckermann beraten hat, sagt: "Zara Leander hatte auch eine tiefe Stimme, aber sie hat bestimmt nicht gedopt." Karen König sei zudem nie Mitglied einer Olympiamannschaft gewesen und das NOK darum auch nie für sie zuständig.
Das sieht die Gegenseite anders. Denn die "Sportfreundin Karen König" erhielt am 26. November 1986 eine Urkunde, mit der sie "als Kandidat für die Spiele der XXIV. Olympiade 1988 berufen" wird.
Die Fronten sind verhärtet. Paul sagt, es fehle jeder Nachweis, dass das NOK der DDR in Sachen Doping "auch nur einen Finger krumm gemacht hat". Er meint auch: "Niemand war gezwungen, Dopingmittel zu nehmen. Die erwachsenen Athleten wussten Bescheid aus den Gesprächen, die zu Beginn und zum Abschluss ihrer Karriere geführt wurden." Bei den Kindern seien die Eltern informiert worden.
Bei all den vorliegenden Geständnissen, Verurteilungen und Entschädigungen ist das etwa so, als würde man die Existenz der Stasi bestreiten.
Steinigen reagiert fassungslos. "Was soll ich dazu sagen?", fragt er. "Ich warte nur darauf, dass ich dem NOK beweisen muss, dass es die DDR gegeben hat. Kaum zu glauben, dass jemand so etwas ernst meint."
Und Karen König kann nicht glauben, dass es einen sauberen Sport gibt. Sie sitzt im Café und erzählt, dass sie die Meldungen über Thomas Springstein schockieren. Der Magdeburger Leichtathletik-Trainer wird angeklagt, minderjährige Athletinnen mit Dopingmitteln versorgt zu haben. Springstein hatte 1992 der Sprinterin Katrin Krabbe das Präparat Clenbuterol verpasst, das eigentlich Mastkälbern gespritzt wird.
"Es hat kein Umdenken stattgefunden", sagt König. "Sie werden bis zum Jüngsten Tag mit neuen Kindern weitermachen."
MAIK GROßEKATHÖFER
* Mit Heike Friedrich, Birgit Meineke und Kristin Otto im August 1984 in Moskau.
Von Großekathöfer, Maik

DER SPIEGEL 43/2005
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