24.10.2005

HEIMATAuferstanden aus Ruinen

Die Weihe der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche am 30. Oktober ist viel mehr als ein Lokalereignis: Bürgerlicher Eigensinn entreißt dem Vergessen ein Stück glanzvoller Geschichte und setzt ein Zeichen für zivilisierten deutschen Patriotismus.
Keine Affären, keine Skandale, keine drohenden Krisen, sondern eine tolle Geschichte mit einem in diesen jammernden Zeiten glücklichen Ausgang: Es besteht ausnahmsweise mal Anlass zur Freude.
In der Sprache der Religion klingt das hochenthusiastisch. "Lobe den Herrn" wird gesungen werden, wenn am kommenden Sonntag die Dresdner Frauenkirche geweiht wird. Jener Kirchenliedhit von Joachim Neander (1650 bis 1680) über die göttliche Allmacht, über die "Adelers Fittiche", die Bach, der eigenhändig in dem Gotteshaus georgelt hat, in eine herrliche Kantate verwandelte.
Die festliche Adlerperspektive passt zum Anlass. Der Wiederaufbau der Frauenkirche ragt hoch hinaus. Das Argusauge entdeckt, was in den täglichen Niederungen der politischen Alltagsgeschäfte leicht übersehen wird: eine Demonstration ostdeutscher Tüchtigkeit, sächsischer Heimatliebe und ein Stück gelingender Trauerarbeit im Angesicht der historischen Katastrophen Deutschlands.
Über die schreckliche Rückseite der strahlenden Dresdner Feier an diesem 30. Oktober ist viel geschrieben worden. Es geschah mitten in den Feuerstürmen der alliierten Bombenangriffe vom 13. und 14. Februar 1945, dass sich der jüdische Romanist Victor Klemperer den gelben Stern vom Mantel reißen konnte; er überlebte mit seinen Tagebüchern, zornigen Zeugnissen der Entrechtung und Erniedrigung mitten in der Metropole kunstsinniger Zivilisation.
Um den Schrecken des Bombardements zu begreifen, das der englische Airforce-Terminator Arthur Harris anrichtete, indem er Tod und Verderben über eine der schönsten Städte der Welt brachte, mag es reichen, ein Jahrhundert-Foto zu studieren, eine Aufnahme von Richard Peter sen. vom Dresdner Rathaus herab.
Man sieht die allegorische Figur der "Güte" (ausgerechnet), deren Segenshand so hilflos wirkt wie ihr seraphisch entspannter Gesichtsausdruck. Wen klagt das Bild an? Die amerikanisch-britischen Bomber? Die deutsche Hitler-Gläubigkeit? Oder ein Denken in den Kategorien von Schuld und Sühne?
So trostlos dieses Foto wirkt - und nachfolgende Aufnahmen aus der gleichen Perspektive zeigen, wie die Wüsten unter der Rathausfigur wuchsen -, so belegt Peters Bild zugleich ein untrügliches Gefühl für Ästhetik, für Schönheit selbst im Sterben der Steine und für die verletzte Liebe zu einer Stadt.
Der 13. und 14. Februar 1945 waren gewiss eine Tragödie,
aber es hatte auch andere Bombenangriffe auf deutsche Städte gegeben. Allein in Hamburg starben bei der Operation Gomorrha 40 000 Menschen, wahrscheinlich mehr, als es Tote in Dresden gab, deren Zahl heute auf 35 000 geschätzt wird. Aber nirgends ist die Erinnerung an den Tod, der vom Himmel kam, so lebendig geblieben wie in Dresden.
Bis heute läuten die Dresdner ihre Glocken, wenn im Februar an die Todesstunden erinnert wird. Dann geht ein Gefühl in der Stadt um, das eine zugereiste und inzwischen leidenschaftlich bekennende Neu-Dresdnerin wie die Buchautorin Martina Miesler als einen geheimnisvollen Moment öffentlicher Intimität erlebt. Eine Stadt will für einen Moment mit ihrer Trauer allein sein, sie nimmt sich Zeit für eine Vergangenheit, die nur ihr gehört. So begegnen einander sonst nur Sehnsüchtige, die mal etwas miteinander hatten, was unwiederbringlich vorbei ist.
Auch Erich Kästner, dieser nüchterne Dichter und Ironiker, wurde immer ein wenig sentimental, redete er von seiner Heimatstadt. "Wenn es zutreffen sollte", schrieb der 1899 geborene Sohn einer Friseuse in "Als ich ein kleiner Junge war", seinen Kindheitserinnerungen, "dass ich nicht nur weiß, was schlimm und hässlich ist, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein. Ich musste, was schön sei, nicht erst aus Büchern lernen ... Ich durfte die Schönheit einatmen wie Försterkinder die Waldluft."
Wer lernen will, wie man in der ortsvergessenen Globalisierung so etwas wie Heimattreue schaffen kann, der sollte auf Dresden achten. Kein noch so schlaues Buch über Standortqualität kann das blaue Wunder der Dresdner Begeisterung von sich selbst vollständig erklären.
Die Gene oder der Genius Loci - bei einem Dichter wie Durs Grünbein, 1962 in der Elbstadt geboren, hat es wohl die Zeitmaschine der Poesie möglich gemacht, dass er in seinem jetzt bei Suhrkamp erschienenen Gedichtband "Porzellan" die Traumata und Verlustschmerzen seiner Eltern beschwört, als hätte er den Untergang "meiner Stadt", der "Schönheitstrunkenen", selbst erlebt*.
Wenn Grünbein in Berlin, wo er inzwischen lebt, in einer Kneipe sitzt und auf Dresden angesprochen wird, kann er gar nicht aufhören zu schwärmen von der Stadt, die ihm zu DDR-Zeiten ihre Bildungsschätze offenbarte. Seine Kindheit und Jugend, so erzählt Grünbein, habe er in der Sächsischen Landesbibliothek und vor den Alten Meistern der Gemäldegalerie verbracht.
Dresden als Kunststadt, die die Sinne schult, die ihren Bewohnern ein Gefühl für Proportionen, für Stimmigkeit, für die Gesetze der Schönheit vermittelt - so oder
ähnlich äußern sich viele Künstler. Der Maler-Weltstar Gerhard Richter, 1932 in Dresden geboren, beteuert, er sei von den "dahingestreuten" Gebäude-Ensembles am natürlichen Flusslauf der Elbe inspiriert worden; der Architekt Günter Behnisch, der Erfinder des Münchner Olympiastadions, nennt die Städtelandschaft am Barockufer als prägenden Einfluss auf seine Ästhetik.
Und die neue Frauenkirche? Sie sei mehr Ausdruck von Optimismus als von rückwärtsgewandter Trauer, meint Martin Roth, Generaldirektor der Dresdner Kunstsammlungen: "Sie ist eben nicht nur ein Mahnmal und erhobener Zeigefinger. Sie ist ein Denkmal für die Zukunft."
Man könne schon eine Wut auf die Generation der eigenen Väter und Großväter bekommen, wenn man daran denke, "was die in jenen Jahren alles angerichtet haben", so Roth, der selbst aus dem Westen Deutschlands stammt. Doch nun sei Dresden wiederauferstanden - "als ein Symbol für die Sehnsucht nach einer wiederhergestellten Stadtsilhouette und als Zeugnis der internationalen Zuneigung für Dresden".
Aber was genau treibt einen aus Dresden stammenden Juden wie den seit 1942 in den USA ansässigen Henry Arnhold (siehe Kasten Seite 146), für seine Heimatstadt zu spenden, für diese nicht nur nach Klemperers Zeugnis während der NS-Zeit antisemitische Stadt? Warum sagt der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel, der seine medizinische Karriere in den USA machte und den Großteil seines Preisgeldes (820 000 Euro) für den Wiederaufbau der Frauenkirche spendete, als Begründung: "Ich fühlte mich dazu verpflichtet"?
Zur Weihestunde an diesem Sonntag wird jedenfalls leibhaftig oder virtuell eine Spendergemeinschaft anwesend sein, wie sie für die Wiedererrichtung eines historischen Denkmals einmalig sein dürfte: Der Staat, das Land und die Stadt zahlten gemeinsam knapp 60 Millionen Euro, weitere 101 Millionen Euro wurden privat gespendet. Zu diesen Förderern zählen Banken und Großfirmen, das Zweite Deutsche Fernsehen, Prominente, Menschen, die schon gestorben sind, mit ihren Nachlässen, aber auch Kinderhortgruppen, Kleinspender und all die vielen anderen Namenlosen aus der ganzen Welt. Nur noch ein paar Millionen fehlen, um für die Gesamtkosten von knapp 180 Millionen Euro aufkommen zu können.
Die vielen tausend Geber aus allen Geldbeutelklassen sind vereint in einer Empfindung, an die Politik nur noch selten herankommt: die Achtung vor der eigenen Geschichte. Historischer Bürgersinn, im erinnerungsgestörten Deutschland nicht gerade auffällig, sitzt in der Frauenkirche jedenfalls barockgoldrichtig.
Von außen wirkt die "Steinerne Glocke", die der vom Zimmermann zum Architekten aufgestiegene Baumeister George Bähr (1666 bis 1738) errichtet hat, wie man sich Gottes Stadtpalais vorstellen könnte. Prächtig, aber nicht einschüchternd und schon gar nicht vereinsamt. Die Fenster aus der oberen Kuppel schauen neugierig in ihre städtische Umgebung. Es grüßt Gott, Herr Nachbar.
Drinnen herrscht so etwas wie diskrete Pracht. Selbstgewisse Eleganz, die nicht Demut erzwingen möchte. Die Emporen sind gerundet, die Gläubigen werden nicht nur auf den Altar fixiert. Die Menschen können auch einander wahrnehmen. Darüber spannen sich zwei Kuppeln, eine kleinere innere und die große Außenkuppel, ein Wunderwerk aus Sandstein. Bis in den Kuppelhimmel setzen sich die Emporenrundungen fort - das Jenseits als ewiges Forum, als Volksversammlung -, welch ein unerschütterliches Vertrauen in bürgerliche Strukturen, bis ins Jenseits hinein.
Zur Lehrstunde für die Gegenwart wird die wiedererrichtete Frauenkirche durch die in ihr erkennbar werdende elegante Zähmung einer Zeitströmung. Der Barock hatte seine Macken, er war eine nicht ungefährliche Kraft, musste er doch die Katastrophe des Verlusts der kirchlichen Ordnung und der einen katholischen Wahrheit begleiten. Vergangenheit hatte für das Zeitalter der Putten und Posamente, der theatralischen Gesten und der Inszenierungen kein eigenes Recht, sie war Material.
In die Epoche fällt der Dreißigjährige Krieg, eine Phase unvorstellbarer Grausamkeit. Gefühle erstarren im Barock in eine Abfolge von Affekten: Trauer folgt Freude und Freude Trauer, wenn es das große Welttheater befiehlt.
Die Welt des Barock ist Choreografie und Form um der Form willen. Ein italienischer Bischof, von zu Hause einiges an Pracht und Kunstsinn gewöhnt, war schon 1577 bei einer Dresden-Reise beeindruckt und sprach das Segenswort, das die Dresdner Seele bis heute benedeit: "Elbflorenz".
Am wichtigsten aber war, dass die Dresdner Herrscher von sich und ihren Bauten selber begeistert waren. Eine eifrige Kurfürstenmutter ließ ihren regierenden
Sohn, Johann Georg I., in einem meergrünen Prunkkleid herumlaufen, auf das die Silhouette Dresdens aufgestickt war. Autosuggestion und inszenierter Narzissmus sind die Grundlagen der Imagewerbung, zu dieser Erkenntnis brauchten die Barockmenschen keinen Dieter Bohlen.
Das Luxus-Gen der sächsischen Herrscher - am stärksten schlug es bei Friedrich August I. (1670 bis 1733) durch, dem Regenten, der wegen seiner ausladenden Gestalt höflich-höfisch August der Starke genannt wurde. Er beerbte - welche bunte Homestory - seinen Bruder, der eine mit Blattern infizierte Mätresse geküsst hatte.
Dieser August ist, was seine ästhetische Leistung anlangt, in Deutschland nur mit dem Bayern-Ludwig der Spätromantik vergleichbar. Ähnlich dem "Kini" verschwindet die Figur des fetten Sachsen hinter einem Wust von Legenden: Angeblich zeugte er 365 Kinder.
Der Nachruhm verklärte die beiden, weil sie als Gegenmodell zu den Habsburgern und preußischen Hohenzollern erschienen. Beide waren zwar Verschwender, aber beide führten traumwandlerisch sicher die Waffe, mit der mittlere Mächte die Großen wirklich erschüttern: die Waffe der Schönheit.
Bis 1763 währte das "Augusteische Zeitalter", und unter dessen beginnender Pracht versteckte der starke August, was als übler Verrat ausgelegt werden kann. Er wechselte die Konfession, wurde aus Gründen der Machterweiterung katholisch, um die polnische Königswürde annehmen zu können.
Eine Gewissensentscheidung war Augusts Schritt gewiss nicht. Er bedeutete in jener Zeit, in der die ökumenische Annäherung der Konfessionen noch Zukunftsmusik war, eine Grenzüberschreitung, denn auch wenn die Katholiken im Zuge der Gegenreformation nach und nach Elemente der protestantischen Innerlichkeitskultur (Musikbegeisterung, Aufwertung der Frau als geistige Miterzieherin der Familie) übernahmen, schied doch ein Rubikon die päpstliche von der lutherischen Welt.
Aus der Klemme half August das Formdenken des Barock, das konträre Inhalte zu einem kunstvollen Ballett aufforderte. Da mussten sie miteinander einen steinernen Tanz aufführen, Luther, der Ketzer, und der Papst, der Antichrist für die Protestanten.
Die Katholiken sollten - allerdings erst unter der Herrschaft August II. - eine neue Hofkirche bekommen; die protestantischen Bürger, die Mehrheit im Lande, errichteten mit dem Segen des konvertierten Neukönigs August die Frauenkirche. Wo früher die Waffen gesprochen hätten, sprachen nun Handwerk und Schönheit.
Warum sollten in einer solchen Umgebung die Protestanten der Frauenkirche bei ihrem neuen Bau nicht auf Weltniveau bestehen? Sie wollten eine Orgel von Johann Gottfried Silbermann, sie wollten den venezianischen Hofmaler Giovanni Battista Grone (1682 bis 1748), der im hellen, heiteren Zusammenklang der Farben Ocker, Rosa und Grau die vier Evangelisten und die vier Tugenden lässig, leicht und unpathetisch in die Kuppel pinselte - der Meister war zwar Katholik, aber führender Theatermaler der Zeit, was wichtiger als der rechte Glaube war.
Und was für ein Könner da am Werk gewesen war, das entdeckte der Dresdner Kunstmaler Christoph Wetzel, der die zerstörten Grone-Bilder für den Wiederaufbau neu malen musste: Tausend Eier als Bindemittel für die Farbpigmente, gemischt mit Leinölfirnis und Nelkenöl, mussten in die Farbtöpfe, damit Grau, Ocker und Rosa so heiter wurden, wie sie einst gewesen waren.
Dresden stand damals für den kulturellen Stolz einer Mittelmacht. Der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing lehrte in "Minna von Barnhelm", dass ein sächsisches Edelfräulein mehr von der Liebe versteht als der sturtreue preußische Steifling Major von Tellheim.
Die Kunststadt, Augusts Zitadelle der Schönheit, hat auch später nie ihren Glanz verloren. Maler wie Caspar David Friedrich und Architekten wie Gottfried Semper erneuerten den Ruhm der Stadt. In Dresden war Carl Maria von Weber, der Komponist der romantischen Nationaloper "Der Freischütz", Musikdirektor.
In der Nazi-Zeit spätestens erwies sich jedoch, wie stumpf die Waffe Schönheit werden kann. Dresden war schon im Jahr vor Hitlers Machtergreifung eine Hochburg der NSDAP. Im September 1933 fand hier - lange bevor 1937 in München die berüchtigte Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet wurde - im Lichthof des Dresdner Rathauses die Ausstellung "Spiegelbilder des Verfalls in der Kunst" statt: eine Anti-Moderne-Schau, auf der unter anderen Otto Dix diffamiert wurde.
Am 13. Februar 1945 zahlte Dresden den Preis für die Hitler-Gefolgschaft. Möglicherweise einen viel zu hohen, denn
Bomber-Harris' Schlag war mehr als Vergeltung, er war die Vorwegnahme des Morgenthau-Plans. An was sollte ein Deutschland nach Hitler kulturell anknüpfen, wenn seine Kunstdenkmäler, die mit ihrer Schönheit zum Erbe der gesamten Menschheit gehörten, sinnlos zerstört wurden?
"Man geht hindurch, als liefe man im Traum durch Sodom und Gomorrha", schrieb Kästner über die Wiederbegegnung mit seiner verbrannten Heimat: "Es ist, als fiele das Herz in eine tiefe Ohnmacht."
Eine Bemerkung so traurig wie der Trümmerblick der Rathausfigur, aber auch nicht das Schlusswort über eine gestorbene Stadt. Aus Ohnmachten können Herzen erwachen. Das taten sie im Falle Dresdens. Eine schwierige Wiederbelebungsanstrengung.
Für die SED war die Zerstörung Dresdens zunächst ein Tabu, die berechtigte Tat der Sieger, die Strafe für den deutschen Faschismusglauben, vae victis. Die Losung hieß Aufbau, keinen Gedanken an das Gestern verschwenden.
Dann begann der Kalte Krieg, und es gab Schuldige: die anglo-amerikanischen Bomber, das völkerrechtswidrige Flächenbombardement, eine Kriegstechnik, zu der die friedliebende Sowjetunion nicht gegriffen habe. Schon 1950 veranstaltete man einen "nationalen Kampftag gegen amerikanische Kriegshetzer". Wo blieb Raum für öffentliche Trauer in den Schlachten der Propaganda?
Erst in den frühen achtziger Jahren emanzipierten sich die Gedenkveranstaltungen von der Propaganda-Regie der SED. Am 13. Februar 1982 versammelten sich 5000 junge Menschen und diskutierten mit Kirchenvertretern "alle tagespolitisch brisanten Themen". Nach dem Ende der Diskussion zogen etwa tausend junge Leute mit brennenden Kerzen zur Ruine der Frauenkirche und standen dort schweigend. Es waren Kerzen, die den Fall der DDR einleiteten, symbolische Waffen aus dem Arsenal der Schönheit, aus dem kerzenverliebten Barock. Auf alles schien der Stasi-Staat vorbereitet, aber nicht darauf.
Vorausgegangen war die zweite Zerstörung Dresdens, die Beseitigung der noch intakten Grundrisse. Oberbürgermeister Walter Weidauer, ein Betonkopf-Kommunist, erwies sich als leidenschaftlicher Gegner der Rekonstruktion.
Nach dem Tod Stalins 1953 - der als Freund des Zuckerbäckerstils für eine gewisse Hemmung bei der Beseitigung des Alten stand - konnten Weidauer und seine Genossen loslegen, um aus Dresden eine sozialistische Musterstadt zu machen. "Nicht alles war schön, was vernichtet wurde", sagte Weidauer in einer Rede: "Im Gegenteil, ein großer Teil darf in seiner alten Form nie wieder erstehen. Keine Paläste für die Reichen und Hütten für die Armen, sondern Demokratie auch im Wohnungsbau."
Weidauer ließ große Teile, die wieder hätten aufgebaut werden können, einfach planieren. Da wurden Grundrisse für immer zerstört, zugunsten von Großblock- und Plattenbauten und autobahnbreiten Straßen. Der Kulturhistoriker Olaf B. Rader schreibt in einem soeben erschienenen Dresden-Geschichtsbuch von der "Doppelzerstörung" der Stadt "durch Bomben und Bagger"*.
Nicht alle Dresdner Grundrisse gingen
unter. Grundmauern der Semperoper, des
Taschenbergpalais, der Schinkelwache, der Katholischen Hofkirche und des Zwingers blieben erhalten. Die Semperoper ließ die DDR später im historischen Glanz wiedererstehen, ebenso die Hofkirche, den Zwinger und die Kreuzkirche.
Nur, was tun mit der Frauenkirche? Noch im Tode hatte sie zwei Tage den Bombensturm überlebt, ehe sie durch die Hitze des brennenden Interieurs zusammensackte. Die 30 Meter hohe Ruine, der klägliche Rest eines einst 91,23 Meter hohen Bauwerks, blieb unangetastet, zum Schutz vor Vandalen verschwand sie hinter einer Pflanzenwand.
Dornröschen ersparte man, wie bekannt, den Todesschlaf eines Mahnmals. Barock gibt es nicht zum halben Preis, nicht als Modern-Alt-Kombi wie den Berliner Reichstag oder als Verweisungsdenkmal, wie es die Stelen des Holocaust-Mahnmals darstellen. Auch zum ewigen Zeichen für ewige Diskussionen wie beim Berliner Schloss war den Dresdnern ihre Kirche zu schade.
Ohne Menschen wie den Zahnarzt Hans-Christian Hoch hätte es den Wiederaufbau der Frauenkirche nie gegeben. Zwei Wochen nach dem Mauerfall, am 24. November 1989, wurde im Hinterzimmer der Kunsthandlung Miech im großbürgerlichen Dresdner Viertel Blasewitz die Keimzelle des Frauenkirchenprojekts gelegt.
Für Hoch, der sein Studium gerade beendet hatte, seinen Vater, den Pfarrer Karl-Ludwig Hoch, und seine Freunde war die Ruine kein Antikriegsmahnmal, sondern eine schwärende Wunde. Man verfasste den "Ruf aus Dresden", in dem - mit sächsisch-radikaler Heimatverliebtheit - nicht weniger als der Wiederaufbau der Kirche in ihrer ganzen steinernen Pracht gefordert wurde.
Solch ein Wahnsinn braucht Chuzpe und Enthusiasmus, also einen wie den Trompeter Ludwig Güttler. Der Musiker begeisterte Kanzler Kohl, öffnete Banktresore und brachte national und international Spenden zusammen, wie es das noch nie für ein deutsches Projekt gegeben hatte.
So ein weltweiter Akt der Kulturinteressierten hinterlässt Spuren. An allen Ecken und Enden der Stadt wurden in den vergangenen Jahren Häuser saniert, restauriert, wiederaufgebaut: Die Dresdner Neustadt, die anders als die Altstadt 1945 von den Bomben kaum getroffen worden war, gilt inzwischen als eines der lebendigsten Stadtviertel Deutschlands.
Und die riesigen Lücken in der ehemaligen Altstadt werden jetzt auch gefüllt. Vor allem der Neumarkt um die Frauenkirche herum gilt als Hauptinvestitionsprojekt. Auf rund vier Hektar entsteht ein neues Viertel, das zum Teil historischen Fotovorlagen nachgebildet wird: Es ist eines der größten Rekonstruktionsvorhaben innerstädtischer Wohnviertel nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland.
Auch der Rückgriff auf die Moderne ist in Dresden wieder erlaubt. Auf der anderen Seite des Barockensembles steht inzwischen eine neue Synagoge aus zwei kühnen Kuben - gekürt zum besten europäischen Bauwerk des Jahres 2001.
Kurz vor der 800-Jahr-Feier der Stadt, 2006, wird oben in Hellerau, in der ersten Gartenstadt der Moderne, das von Heinrich Tessenow errichtete Festspielhaus - eine Bau-Ikone der zehner Jahre - wiederbelebt sein. Es ist schon jetzt Sitz des neugegründeten Europäischen Zentrums der zeitgenössischen Künste. Eine Schau der Dresdner Kunstsammlungen - "Der Blick auf Dresden" - zeigt von Samstag an, wie sich Künstler bis heute von der Ansicht dieser Stadt fesseln lassen.
Die Mauern der DDR stürzten ein, die DDR stürzte mit. Auch Dresdens Mauern brachen, aber die Stadt lebt. Heimat ist mehr als ihre Mauern, sie ist die Liebe zu ihr. SUSANNE BEYER,
NIKOLAUS VON FESTENBERG, ULRIKE KNÖFEL
* Durs Grünbein: "Porzellan. Poem vom Untergang meiner Stadt". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 72 Seiten; 14,80 Euro.
* Olaf B. Rader: "Kleine Geschichte Dresdens". C. H. Beck, München; 192 Seiten; 16,90 Euro.
Von Susanne Beyer, Nikolaus von Festenberg und Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 43/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HEIMAT:
Auferstanden aus Ruinen

Video 01:24

Training in der Wüste Leben (wie) auf dem Mars

  • Video "Schlägerei auf der Carnival Legend: 23 Passagiere müssen Schiff verlassen" Video 01:34
    Schlägerei auf der "Carnival Legend": 23 Passagiere müssen Schiff verlassen
  • Video "Ziemlich beste Freunde: Äffchen und Hündin sind unzertrennlich" Video 00:47
    Ziemlich beste Freunde: Äffchen und Hündin sind unzertrennlich
  • Video "Fun Facts über Curling: Dann zählt das größte Bruchstück" Video 01:54
    Fun Facts über Curling: "Dann zählt das größte Bruchstück"
  • Video "Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: Sie ist eine Art Mini-Merkel" Video 03:30
    Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: "Sie ist eine Art Mini-Merkel"
  • Video "Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra" Video 00:47
    Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra
  • Video "Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: Schämen Sie sich" Video 02:36
    Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: "Schämen Sie sich"
  • Video "Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?" Video 02:40
    Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?
  • Video "Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein Herbst-Manöver" Video 00:41
    Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein "Herbst-Manöver"
  • Video "Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten" Video 03:30
    Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten
  • Video "Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab" Video 00:54
    Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab
  • Video "Sicherheitslage in der Welt: Wie zuverlässig sind die USA noch?" Video 04:17
    Sicherheitslage in der Welt: Wie zuverlässig sind die USA noch?
  • Video "Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn" Video 01:54
    Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn
  • Video "Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang" Video 02:45
    Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang
  • Video "Nach Freilassung von Deniz Yücel: Es bleibt ein bitterer Beigeschmack" Video 02:02
    Nach Freilassung von Deniz Yücel: "Es bleibt ein bitterer Beigeschmack"
  • Video "Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem Penis-Park auf sich hat" Video 02:28
    Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem "Penis-Park" auf sich hat
  • Video "Training in der Wüste: Leben (wie) auf dem Mars" Video 01:24
    Training in der Wüste: Leben (wie) auf dem Mars