24.10.2005

POLENRaubzug in der Geschichte

Vielfältig gebrochene Biografien der sogenannten Volksdeutschen erregten das Land in der Schlussphase des Wahlkampfs.
Mit seinen Freunden aus der Sängervereinigung "Harmonia" stimmte der Eisenbahner Józef Tusk aus Danzig gern patriotische Lieder an, besonders das traurig-trotzige "Noch ist Polen nicht verloren". Doch nach dem Überfall der Deutschen auf Polen am 1. September 1939 war solche Sangesleidenschaft plötzlich lebensgefährlich geworden.
Schon einen Tag nach Kriegsbeginn donnerten Gestapo-Fäuste gegen seine Wohnungstür. Tusk wurde abgeführt und wegen Polentümelei ins Lager Stutthof bei Danzig gesperrt. Er musste Zwangsarbeit leisten und landete später im KZ Neuengamme bei Hamburg - Stationen, die einem aufrechten polnischen Patrioten zur Ehre gereichen sollten. Doch dann, plötzlich, kam der Bruch: 1944 tauchte Józef Tusk an der Westfront auf - in Wehrmachtsuniform.
61 Jahre später kramen wenig skrupulöse Wahlkampfstrategen Dokumente dieser eigentümlichen Biografie hervor und versuchen, Tusks Enkel damit fertig zu machen. Donald Tusk, 48, hatte sich um das Amt des Staatspräsidenten beworben und lag nach dem ersten Wahlgang vor seinem Kontrahenten Lech Kaczy nski. Der Raubzug in der Familiengeschichte des Kandidaten sollte diesen diffamieren: Wenn der Opa schon ein Verräter in den Reihen der mörderischen Wehrmacht war, dann kann der Enkel ja wohl auch kein aufrechter Patriot sein, insinuieren Tusks Gegner.
Die Schlammschlacht in der heißesten Wahlkampfphase hat aber auch ein Schlaglicht auf eine ganze Generation von Polen mit ähnlich gebrochener Biografie geworfen - jene knapp drei Millionen Menschen, welche die Nazis im besetzten Polen auf die "Deutsche Volksliste" setzten. Die Eroberer hielten vor allem Danziger, Schlesier und Pommern, die Deutsch sprachen oder deutsche Vorfahren hatten, für "germanisierungsfähig" - ob die Betroffenen das selbst wollten oder nicht, spielte keine Rolle. Wer seine Unterschrift unter die Aufnahmebescheinigung für die Volksliste verweigerte, ging oftmals ins KZ. Viele der sogenannten Volksdeutschen waren wehrpflichtig, so dass 1944 bis zu 250 000 ursprünglich polnische Bürger in den Reihen der Wehrmacht kämpften.
Józef Tusk ist unter den vielen ein Extremfall. 1907 in Danzig geboren, sprach er Deutsch und Polnisch. Wahrscheinlich konnte er sich auch auf Kaschubisch verständigen. Das Idiom der von Günter Grass in der "Blechtrommel" liebevoll gefeierten Minderheit gilt unter Sprachwissenschaftlern seit einigen Jahren nicht mehr als Dialekt des Polnischen, sondern als eigene Sprache. Heute bezeichnen noch etwa 50 000 Polen Kaschubisch als ihre Muttersprache, 1939 waren es rund 190 000.
Opa Tusk jedoch fühlte sich vor allem als Pole. Er engagierte sich im Danziger "Verband der Polen". Diesem Bündnis ging es darum, die Rechte und die Kultur des dort nur etwa vier Prozent zählenden polnischen Bevölkerungsanteils zu bewahren. Die Nazi-Besatzer verfolgten den Heimatclub mit gnadenloser Härte.
Das überfallene Land ließ Hitler anschließend weiter zerstückeln. Danzig-Westpreußen und der sogenannte Warthegau gingen an das Reich. Um Krakau wurde das sogenannte Generalgouvernement als "Polenreservat" unter der Knute seines Statthalters Hans Frank geschaffen. Wehrmacht, Gestapo und SS führten einen gnadenlosen Volkstumskrieg gegen die Polen.
Doch das Kriegsglück wendete sich. Im August 1944 standen die Alliierten in Frankreich, die Rote Armee rückte heran, die deutschen Rekrutierungsbehörden wurden plötzlich immer weniger wählerisch - und so kam Józef Tusk in die Wehrmacht. Im KZ Neuengamme stellte man ihn wohl vor die Wahl: entweder weiterhin Lager mit Zwangsarbeit, Hunger, willkürlichen Exekutionen, Menschenversuchen - oder die deutsche Uniform. Wehrmachtsakten führen ihn dann zwischen August und Oktober 1944 als Angehörigen des Grenadier-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillons 328. Die Nummer 8241 ist auf der metallenen Erkennungsmarke des deutschen Landsers Józef Tusk eingeprägt.
Die Einheit stand in der Nähe von Aachen. Sie war keine Kampftruppe, Soldaten wie er schoben in der Regel allenfalls Wache. Zwar erlaubte Hitler, dass die Wehrmacht und Waffen-SS eigene Verbände von Russen, Esten, Indern, Turkmenen und vielen anderen bildeten. Einen eigenen polnischen Verband genehmigte der Diktator dagegen nicht.
Tusk jedenfalls scheint sich schnellstens abgesetzt zu haben. Schon im November führen die Akten der "Polnischen Streitkräfte im Westen" seinen Namen. Diese 165 000 Mann starke Truppe kämpfte an der Seite der Westalliierten.
Wo genau Tusk die letzten Kriegsmonate verbracht hat, wird kaum zu klären sein. Erzählt hat er es seinem Enkel nach dem Krieg offenbar nie. Und das Schweigen hatte gute Gründe: Die kommunistische Propaganda brandmarkte die sogenannten Volksdeutschen jahrzehntelang als notorisch unzuverlässig, besonders natürlich diejenigen, die eine deutsche Uniform getragen hatten. Auch wer auf Seiten der Westalliierten gefochten hatte, galt den Warschauer Kommunisten als Verräter. Józef Tusk hatte auf beiden Seiten gedient - und war bei weitem nicht der Einzige.
Über die Wirrnisse des Landsers Tusk urteilt der Warschauer Historiker Wlodzimierz Borodziej: "Ein extremes, aber ein sehr übliches Schicksal". JAN PUHL
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 43/2005
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