DER SPIEGEL



AFFÄREN

Eine Leiche, hundert Fragen

Von Holm, Carsten

Nach der Identifizierung seines am Nanga Parbat gestorbenen Bruders hält sich Reinhold Messner für rehabilitiert - doch seine Kritiker hegen weiter Zweifel.

Es hat ihn "viele schlaflose Nächte" und mehr als 100 000 Euro für Anwälte und Suchexpeditionen gekostet, nun glaubt er den Vorwurf einstiger Bergkameraden entkräftet, er habe seinen todkranken Bruder Günther 1970 am Nanga Parbat im Stich gelassen.

Reinhold Messner, 61, sitzt im Gerichtsmedizinischen Institut der Innsbrucker Universität vor Journalisten und fühlt sich rehabilitiert: Die DNA-Analyse einer Zehe lässt keinen Zweifel mehr daran, dass Skelettteile, die im August auf der Diamirseite des pakistanischen Berges gefunden wurden, zum Leichnam seines Bruders gehören.

Die "Rufmordkampagne" gegen ihn, behauptet der erfolgreichste Bergsteiger aller Zeiten vorigen Freitag, sei "jetzt vom Tisch". Nun wolle er mit dem Münchner Regisseur Joseph Vilsmaier ein Doku-Drama über das "Verbrechen" an ihm drehen, das "den Leuten die Augen öffnen" werde.

Der größte Teil des beabsichtigten Epos über den wohl hässlichsten Streit in der Geschichte des Alpinismus ist längst bekannt: Bei einer Buchvorstellung im Herbst 2001 hatte der Südtiroler seine frühere Crew vom Nanga Parbat ohne erkennbaren Grund massiv angegriffen. Einige Mitglieder von damals, so sein schlimmster Vorwurf, hätten vermutlich "nichts dagegen gehabt", wenn beide Messners umgekommen wären.

Der bayerische Kameramann Gerhard Baur, der in Chile lebende Abenteurer Hans Saler und der Münchner Max von Kienlin hatten daraufhin ihr jahrzehntelanges Schweigen über einige Merkwürdigkeiten gebrochen, die sich im Zusammenhang mit dem Tod von Günther Messner zugetragen hatten. So habe Messner zwei Teamkollegen, die unterhalb des Gipfels bis auf Rufnähe gefolgt waren, zugerufen, es sei "alles in Ordnung" - obwohl sein Bruder zu diesem Zeitpunkt längst in Lebensgefahr war.

Am 27. Juni 1970 hatten die Brüder Messner sich von ihrem Expeditionsteam gelöst und den Gipfel des 8125 Meter hohen Nanga Parbat als Erste über die Rupalwand, die höchste Eiswand der Erde, erreicht. Dabei wurde Günther Messner schwer höhenkrank. Aus purer Not, weil sich sein Bruder die Rückkehr ins Basislager über die Aufstiegsroute nicht mehr zutraute, wagten beide, so Reinhold Messner, den Abstieg über die unbekannte Diamirseite - ein Wagnis, das Messner weltberühmt werden ließ.

Bis zum Fuß der Diamirwand, auf eine Höhe von etwa 4700 Meter, will Messner seinen Bruder begleitet und ihn erst danach aus den Augen verloren haben. Günther Messner sei dann vermutlich in einer Eislawine umgekommen.

Doch Teamkollegen von einst zweifeln Messners Darstellung an. Die zentrale Frage der Fehde lautet: Bis wohin hat Messner seinen höhenkranken Bruder begleitet? Hat er ihn schon bald nach dem Gipfel allein gelassen, um durch den Abstieg über die Diamirwand zu Ruhm zu kommen? Warum sonst hatte er Tage später, als er völlig erschöpft wieder zur Mannschaft stieß, gefragt: "Wo ist Günther?"

Den Fundort des Leichnams auf einer Höhe von 4300 Metern sieht Messner nun als endgültigen Beweis dafür, dass er seinen Bruder bis zum Fuß der Abstiegswand begleitete. "Nur im untersten Teil der Wand ist es möglich, dass er ins Eis geriet", bekräftigt Messner in Innsbruck, weiter oben sei "nur Fels".

Doch für Expeditionsteilnehmer Gerhard Baur stellen sich auch nach dem Ergebnis der DNA-Analyse "hundert Fragen". Der Fundort sei "keineswegs ein endgültiger Beweis dafür, dass die Messners gemeinsam auf unter 5000 Meter hinabgingen". In dem Fall, so Baur, "hätte der fließende Gletscher die Leiche in den vergangenen 30 Jahren doch längst mehrere Kilometer weitergetragen".

Experten wie der baden-württembergische Expeditionsunternehmer Ralf Dujmovits, der zuletzt vor vier Jahren zehn Alpinisten über die Diamirflanke auf den Gipfel führte, stimmen den Messner-Kritikern zu. Es sei "genauso gut möglich", dass Günther Messner "kurz unterhalb des Gipfels abgestürzt und im abwärts fließenden Eis und Schnee auf die Höhe des Fundortes mitgetragen worden" sei. Über die Frage, wann sich die Brüder getrennt hätten, sage diese Stelle "nichts" aus.

Der Wahrheit könnte nun das Hamburger Landgericht näher kommen. Max von Kienlin, ein Gast der Expedition von 1970 und damals noch ein enger Freund Messners, hat in einem Buch über den Fall Tagebuchaufzeichnungen vorgelegt. Reinhold Messner, heißt es da, habe ihm unmittelbar nach der Überschreitung des Gipfels anvertraut, seinen Bruder bereits weit oben aus den Augen verloren zu haben.

Messner hat diese Aufzeichnungen als nachträgliche Fälschungen bezeichnet. Die Hamburger Richter, die über eine Klage Messners gegen Kienlins Buch entscheiden, haben im August ein Schriftgutachten in Auftrag gegeben, auf dessen Ergebnis sie jetzt warten.

In einer privaten Expertise für Kienlin schloss ein renommierter Gutachter "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" aus, dass die Notizen nach dem Herbst 2001 entstanden. Demnach wären sie niedergeschrieben worden, bevor der Streit begann. CARSTEN HOLM


DER SPIEGEL 43/2005
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