18.09.1972

BUNDESBANKGeld aus dem Nichts

Die Kreditpolitik der Bundesbank wird von Geschäftsbanken mit Tricks immer wieder unterlaufen. Gegen die Folge, eine ungewollte Geldschwemme, soll nun der Gesetzgeber etwas unternehmen.
Der Zentralbankier klagte über Ohnmacht: "Wir haben keine Effizienz mehr", bekannte Bundesbank-Vize Otmar Emminger, "wir können die Geld inflation mit den alten Instrumenten nicht mehr stoppen."
Nun haben die Währungshüter in Bonn einen Helfer gefunden; Bundeswirtschafts- und Finanzminister Helmut Schmidt versprach den Zentralbankiers. durch eine Änderung des Bundesbankgesetzes die Waffen wieder zu schärfen. falls die SPD/FDP-Koalition die Wahl gewinnt. Ein Schmidt-Berater über die Absichten des Bonner Wirtschafts-Strategen: "Der zieht die so richtig mit rein, er will für den Wahlkampf die Hilfe der angesehenen Bundesbank gewinnen."
Mit seinem Versprechen erfüllt Schmidt den Frankfurtern seit langem heimlich gehegte Wünsche. Denn die Frankfurter Währungshüter haben herausgefunden. daß nicht nur die internationalen Spekulanten ihre Stabilitätspolitik dauernd durchlöchern. Seriöse westdeutsche Banker haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr Tricks ausgedacht, um die Frankfurter Kreditbremsen auch ohne Auslandshilfe zu lockern.
"Es ist bedrückend" so Emminger, "wie stolz manche Banken, auch öffentliche institute, verkünden, sie hätten ihre Bilanzsumme um 24 Prozent ausgeweitet. Da wird die Inflation geschürt"
Denn die Bankiers, die wie Hermann Josef Abs stets gegen das "bedenkliche Problem der Weltinflation" wettern oder wie der Sparkassenfürst Ludwig Poullain den Tarifpartnern die Schuld an der Teuerung zuschieben und warnend von einer "Inflation ohne Beispiel" reden, schüren selbst kräftig den Kauf kraftschwund.
Obwohl die Bundesbank ihnen mit hohen Mindestreservesätzen (zinslose Abgaben auf einen großen Teil der Bankeinlagen) die Kassen leerte, dehnten sie ihre Kredite an die Wirtschaft beträchtlich aus.
Allein die Großbanken haben von Ende Dezember bis Ende Juli über zwölf Milliarden Mark, mehr als in den Jahren zuvor, an Unternehmer oder Konsumenten ausgeliehen, obwohl ihnen während der gleichen Zeit nur 3,7 Milliarden Mark in die Schalterhallen getragen wurden. Von Ende 1965 bis Ende 1970 waren dagegen Ausleihungen und Einlagen fast noch im Gleichschritt gestiegen. Grund der Kreditschwemme: Die Geldhändler sind auf einen Kunstgriff verfallen, Bares aus dem Nichts zu ziehen.
Nach der großen Bankpleite in den dreißiger Jahren hatten sich die Bankiers zunächst angewöhnt, nur Geld auszuleihen, falls sie diese Kredite durch Kleingeld. das ihnen Sparer auf kurze oder längere Frist überlassen hatten, oder durch Wechsel und Devisen, die bei der Notenbank gegen Bares einzutauschen sind, gedeckt waren;
Freilich, sie konnten schon bei die sem als seriös geltenden Geschäftsgebaren stets mehr Geld ausgeben, als sie einnahmen, weil die Kunden erfahrungsgemäß von ihren Giro-Konten nur etwa fünf Prozent in bar abheben, Zusätzlich zu den 50 Mark, die sie von jedem Tausender für Auszahlungen zu rücklegten, haben sie von allen Kundengeldern bei der Notenbank derzeit zwischen 7,2 und 17 Prozent zinslos ab zuliefern.
Den Rest können sie bedenkenlos verleihen. Da der Kunde, dem das Geld überlassen wird, wiederum bei seiner Bank nur einen Teil in bar abhebt, kann dieses Institut auch wiederum einen Teil des Kapitals an einen zweiten Kreditnehmer vergeben. Dank dieser Mechanik konnte der Bankenapparat selbst bei sehr vorsichtiger Politik insgesamt rund dreimal mehr Geld vcr leihen, als an liquiden Mitteln auf ihren Konten lagerte.
Der Vorteil des Systems: Der Bankenapparat konnte schnell das Geld bereitstellen, das nötig war, um wirtschaftliches Wachstum zu finanzieren, und dennoch blieb die Notenbank
falls nicht gerade eine Dollarkrise störte -- in der Lage, zu bremsen: Sie konnte die Mindestreservesätze heraufsetzen oder einfach weniger Wechsel als zuvor oder teuerer gegen Geld einlösen.
Seit einiger Zeit, das hat Bundesbankdirektor Helmut Schlesinger beobachtet, betrachten die Banken aber auch ihre sogenannten Nostro-Guthaben, das sind Guthaben bei anderen Instituten, als Liquidität. Zu deutsch: Jeder Bankier borgt immer mehr Geld von seinen Berufskollegen und leiht diese Gelder wieder weiter an Unternehmen. Schlesinger: "Das ist ein Problem geworden."
Da bei diesem Verfahren das Guthaben des einen Bankiers die Schuld des anderen ist, heben sich gesamtwirtschaftlich Forderungen und Verbindlichkeiten gegeneinander auf: Sie sind ein blankes Nichts. So machen die Privatbankiers das, was ihnen seit langem verboten ist: selber Geld. Schimpft Bundesbank-Vizechef Emminger: "Das ist ein Rückfall in das vergangene Jahrhundert, wo jede Zettelbank Geld drucken konnte." Einer seiner Kollegen wünschte sich: "Wenn doch einer davon mal Pleite ginge, aber das können wir uns ja leider wohl nicht leisten."
Als Pleitenersatz überlegen sich die Bundesbankiers auf Schmidts Wunsch hin nun, wie das Gesetz verschärft werden könnte. Sie wollen dabei zwischen drei Möglichkeiten wählen:
* Die Mindestreservepflicht, die derzeit nur für bestimmte Einlagen gilt, könnte auf alle Depositen ausgedehnt werden. Vorteil: Die Banken müßten auch auf kurzfristige Schuldscheine, die sie jetzt unkontrolliert ausgeben können, eine Art Strafzins abliefern.
* Statt nur auf die Einlagen könnten Mindestreserven auch auf die Kredite erhoben werden. Für jede zusätzliche Leibgabe an Industrielle oder private Ratenkäufer müßten die Bankiers einen bestimmten Prozent -- satz an die Notenbank abliefern. Damit wäre auch die wilde Geldschöpfung aus dem Nichts etwas unter Kontrolle,
* Die sogenannte Kredit-Plafondierung; danach könnte die Bundesbank jedem Kreditinstitut diktieren, wieviel Geld es ausleihen darf. Obwohl die Gesetzesänderung bestenfalls nach der Wahl durchs Parlament gehen kann (Kanzlerberater Karl Otto Pöhl: "Irgend etwas wird kommen, egal, wer die Wahl gewinnt"), ist die Branche schon jetzt verärgert. Sparkassenpräsident Helmut Geiger wetterte: "Das wird ein weiterer Schritt in den Dirigismus, da reagieren wir allergisch." Jürgen Ponto von der Dresdner Bank lehnte die Pläne rundweg ab und forderte statt Verschärfung die Lockerung des Bundesbankgesetzes. Er meldete an, daß er ganz gern auf die Mindestreserve. die er gratis in Frankfurt hinterlegen muß, etwas Zins haben wollte.
Dirigistisch und nicht gerade im Interesse der Sparer wäre in der Tat die Kredit-Plafondierung, die das ohnedies zum Nachteil seiner Kunden eng versippte Gewerbe noch enger zusammenschweißt. Hessens Landesbank-Präsident Wilhelm Hankel spottet: "Es ist eine Schizophrenie, Wettbewerb im Kreditgewerbe zu fordern und dann ein Kartell von oben zu verordnen."
Freilich, selbst Zentralbankier Emminger mag keine Kredit-Plafondierung fordern. Emminger: "Ich würde etwas zur Vorsicht raten, ein solches System wäre zu starr, besser wäre eine Zuwachsreserve auf die Kreditgewährung."
Ganz sicher ist er auch nicht, ob eine Verschärfung des Bundesbankgesetzes und die damit verbundene Verlagerung der Verantwortung für die Preise von Bonn nach Frankfurt für die Währungshüter wirklich ein Gewinn ist. "Das Risiko ist für uns nicht gering", so sagt er, "der andere Partner könnte sich damit mehr freizeichnen."

DER SPIEGEL 39/1972
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