18.09.1972

FISCHFANGVerluste im Netz

Vor Islands Küsten droht noch immer ein Fisch-Krieg: Falls Reykjavik auf seiner 50-Meilen-Sperre besteht, sind „1700 Fischer arbeitslos“ -- so Joachim Genschow, Sprecher der deutschen Hochseefischerei.
Das "Aktionskomitee für die Freiheit der Fischerei" sah schwere See aufkommen: Zweihunderttausend Nordländer, meinte es zu erkennen, gefährdeten die "Existenz der deutschen Fischereiflotte" und "darüber hinaus die Lebensgrundlage weiter Kreise".
"Wir, die Bevölkerung von Bremerhaven und Cuxhaven", annoncierten deshalb in isländischen Zeitungen zehn Komitee-Mitglieder, "fordern die Regierung Islands auf, von der willkürlichen Erweiterung der Fischereizone Abstand zu nehmen."
Doch die ganzseitigen Zeitungsanzeigen im "Morgunbladid" und in der "Timinn" vom 10. August vergilbten wirkungslos. Statt "auf den Weg internationalen Rechts zurückzukehren" (Annoncentext), steckte Island am 1. September kraft eigener Völkerrechts-Auslegung seine Fischerei-Hoheitsgren -- zen von zwölf auf 50 Seemeilen ins Meer hinaus. Begründung: Nach dem Hering stehe nun auch der Kabeljau vor der Ausrottung. Da die Bevölkerung wachse, müsse sich Island die Fischbestände über seinem Festlands-Sockel sichern.
Die eigenwillige Grenzerweiterung fand freilich nur auf isländischen Seekarten statt: Nach wie vor werfen britische und deutsche Hochseefischer vor Island ihre Schleppnetze aus; die schmächtige Schutzboot-Flotte der vulkanischen Gletscherinsel kann gegen die anglo-teutonische Trawler-Armada nicht andampfen -- sie beschränkt sich auf Registrier- und Störmanöver.
Als auch die Sowjet-Union gegen die einseitige Ausdehnung der Fischereihoheit um Island protestierte, bot Reykjaviks Außenminister Einar Agustsson Gespräche an. Briten wie Westdeutsche, nach isländischem Recht seit Anfang September Schwarzfischer, wollen ebenfalls verhandeln -- wenigstens ein Waffenstillstand scheint möglich.
Die Fischerei-Manager in Bremerhaven und Cuxhaven -- im vergangenen Jahr landeten dort die deutschen Hochsee-Trawler etwa vier Fünftel ihres 345 000-Tonnen-Fangs an -- werden freilich schon beim bloßen Gedanken an eine isländische 50-Meilen-Sperre seekrank.
Dr. Joachim Genschow, Vorsitzender des Verbands der deutschen Hochseefischereien und Direktor der "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei GmbH, sieht für den Fall, daß sich die Isländer durchsetzen, 45 der 95 westdeutschen Trawler still in ihren Heimathäfen rosten.
"1700 Fischer und etwa 6000 Arbeitskräfte in der Fischindustrie", warnte Genschow, "sind dann arbeitslos." ÖTV-Mann Fritz Annerl, Fischerei-Sprecher der EWG-Gewerkschaften und Mitunterzeichner der Anzeigenappelle, pflichtet bei: "Das wäre das Ende der deutschen Frischfisch-Flotte."
Tatsächlich holten die Trawler im vergangenen Jahr allein 80 000 Tonnen Frischfisch, etwa 20 Prozent ihrer gesamten Hochsee-Fänge, aus den Gewässern rund um Island: vorwiegend Rotbarsch, Kabeljau, Schellfisch, Seelachs und Heilbutt. Weitere 40 000 Tonnen Island-Fische verarbeitete die Flottille 1971 zu Frost- und Salzfisch.
In isländischen Gewässern können westdeutsche Fischer kostengünstiger arbeiten als anderswo, denn sie benötigen für die Rückreise nur vier bis fünf Tage. Da an Bord eingeeister Frischfisch etwa 15 Tage haltbar ist, bleibt ihnen eine Fangzeit von zehn bis elf Tagen -- zwei Tage mehr als beispielsweise bei Fangzügen vor der Ostküste Grönlands; vier Tage mehr, als wenn sie vor West-Grönland und Labrador fischen.
Die bis zu 400 Meter tiefen Fanggründe der Nordmeer-Insel sind überdies die fischreichsten des ganzen Atlantik. Günstige Strömungs- und Temperaturverhältnisse, Wassertiefen, die noch genügend Sonnenlicht eindringen lassen, schaffen über dem isländischen Festlandsockel eine fischgerechte Umwelt.
Der internationalen Island-Flotte gehen jährlich rund 700 000 Tonnen Fische ins Netz: davon die Hälfte den Isländern selbst, ein gutes Viertel den Briten, etwa 17 Prozent den Deutschen. Genschow: "700 000 Tonnen können dort ohne Raubbau gefischt werden."
Weniger abhängig von den Island-Fischen sind lediglich die 26 Vollfrostschiffe der bundesdeutschen Hochseeflotte. Anders als die Frischfischer verarbeiten und kühlen sie ihre Fänge bereits auf See und können deshalb wochenlang -- so der Küsten-Jargon -- "vor Fisch" bleiben.
Obwohl die Produktion von tiefgekühltem Fisch bis 1971 auf 70 000 Tonnen schrumpfte (1969 noch 102 000 Tonnen), hat der Frostfisch gute Marktchancen. Auch das küstenferne Bonn hat Wohlgefallen an deutscher Tiefkühl-Fracht: Für jeden der 15 neuen Vollfroster (3200 Bruttoregistertonnen), die spätestens bis 1975 auf Fahrt gehen sollen, gewährt der Bund 3,5 Millionen Mark Darlehen.
Dabei fallen Hilfsgelder aus Bonn an der Küste nicht gerade in die Taschen der Allerärmsten: Gefördert durch staatliche Abwrackprämien, rückte nämlich die deutsche Hochseefischerei in den vergangenen Jahren eng zusammen; vier Reederei-Gruppen teilen sich nach gemeinsamen Fang- und Absatzplänen die Fischgründe.
Von den 95 deutschen Hochsee-Fischdampfern (69 Frischfisch- und 26 Frostfischschiffe) fahren 58 allein für die "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei GmbH in Bremerhaven. deren Mehrheit dem Nahrungsmittel-Giganten Unilever gehört.
Für den Oetker-Mischkonzern fischt von Bremerhaven aus mit 20 Trawlern die Hanseatische Hochseefischerei AG. Zehn Hochseefischerei-Schiffe fahren unter der Flagge der Hochseefischerei Nordstern AG. deren Aktienmehrheit bei Walther J. Jacobs, Inhaber der Kaffeegroßrösterei Joh. Jacobs & Co. in Bremen, liegt. Sieben Schiffe gehen schließlich für die Hamburger Pickenpack-Gruppe auf Fahrt.
Noch ist das Fischerei-Quartett nicht stoßfrei aufeinander eingespielt: Trotz gemeinsamer Planung schwamm beim Frischfischfang 1971 ein Verlust von zehn Millionen Mark in die Netze. Doch in Bremerhaven grünt Hoffnung -die Frischfischpreise steigen schneller als die Fleischpreise.
Der isländische Fischkrieg gefährdet das angepeilte Sanierungsziel. Denn sollte der atlantische Inselstaat -- etwa durch eine internationale Konvention -- die Deutschen und Briten hinter die 50-Meilen-Grenze bannen, müßten die Frischfischer den längeren Weg nach Grönland und Labrador machen. "Die beträchtlichen Mehrkosten", so fürchtet Verbandschef Genschow. "könnten dann durch die Erlöse nicht mehr gedeckt werden."

DER SPIEGEL 39/1972
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