18.09.1972

KIRCHE Heiland im Stüberl

Regensburgs Bischof Graber tat den ersten Schritt, um Therese von Konnersreuth zur Heiligen erklären zu lassen. Ein Regensburger Priester will dies mit einem Enthüllungs-Buch verhindern.
Dreieinhalb Jahrzehnte lang, von 1927 bis zum Tode 1962, aß sie und fast ebenso lange trank sie nichts. Sie lebte von Hostien, die nach katholischem Dogma der Leib Jesu Christi sind.
Sie blutete zuweilen aus den Augen und oft genau an den Stellen der Hände und Füße. an denen laut Bibel einst Jesus ans Kreuz genagelt wurde. Um diese Wunden -- "Stigmen" -- zu bestaunen, reisten an manchen Karfreitagen bis zu 15 000 Menschen an.
Oft geriet sie in Ekstase und begegnete dann dem Herrn -- mal als Kind. mal als Mann -- und Heiligen der Kirche. Mit Antonius von Padua (Lebzeit von 1195 bis 1231) stritt sie sich, wer von ihnen den Knaben Jesus tragen solle.
Mit dem Teufel unterhielt sie sich deutsch, Jesus sprach mit ihr ab und zu aramäisch. 20 Zentimeter konnte sie über dem Erdboden schweben und an zwei Orten, 400 Kilometer voneinander entfernt, zugleich sein.
Priestern sagte sie auf den Kopf zu, wenn sie daheim im Kämmerlein ihr Brevier nicht brav gebetet hatten. Anderen Besuchern weissagte sie die Zukunft im Dies- und im Jenseits. Oft war sie die Stimme ihres Herrn; sie öffnete den Mund, wenn ihr geistlicher Betreuer Josef Naber ankündigte: "Wollen wir den Heiland fragen!"
Vier Jahre lang war sie blind und konnte dann wieder sehen. Seit sie tot ist, hilft sie Lebenden in der Not.
Das alles und noch viel mehr glauben zahlreiche Katholiken von Therese Neumann, auch "Therese von Konnersreuth" und "Heilandsresl" genannt. Sie pilgern zu ihrem Grab und spenden Geld. Sie bauten ihr zum Gedenken in Konnersreuth ein mehrstöckiges Anbetungskloster "Theresianum" und ließen das erfolgreichste Konnersreuth-Buch auf malaiisch drucken.
Ungeduldig warten sie darauf, daß die Kirche ihren Wunderglauben amtlich anerkennt und ihre Therese erst selig und dann heilig spricht. Jahrelang schien es, als würden ihre Bitten vom zuständigen Oberhirten, dem Regensburger Bischof Rudolf Graber, nicht erhört. Noch 1966 verlautete aus seiner Umgebung: "Der Bischof läßt sich von der Welle der Petitionen nicht beeindrucken und denkt gar nicht an die Einleitung eines Informativprozesses."
Nun aber, zehn Jahre nach dem Tode der Therese Neumann, bahnt sich eine Wende an. Graber hat vor einiger Zeit den Jesuiten-Professor Carl Sträter beauftragt, Zeugen zu befragen und die Unterlagen zu sammeln, die für den einer Seligsprechung vorangehenden Informativprozeß notwendig sind. Zwar könnte Graber die langwierige Seligsprechungs-Prozedur in diesem frühen Stadium noch wieder stoppen, aber er hat sich bereits stärker mit der umstrittenen Schneiderstochter identifiziert als irgendein deutscher Bischof vor ihm.
In diesem Monat geschieht, worauf Resl-Gläubige so lange vergebens warteten: Graber kommt selbst nach Konnersreuth und ehrt Therese anläßlich ihres zehnten Todestages mit einem Pontifikalamt.
Doch Regensburgs Bischof feiert vermutlich eine Betrügerin. Während Graber die einstige Bauernmagd anscheinend für eine Heilige hält, will ein bislang kaum bekannter Regensburger Priester die Seligsprechung verhindern. Der Religionslehrer Dr. theol. Josef Hanauer veröffentlicht jetzt in einem 548-Seiten-Buch "Konnersreuth als Testfall" (Manz-Verlag, München) die Ergebnisse jahrelanger Recherchen über Leben und Wunder der Stigmatisierten.
Hanauer kommt zu dem Ergebnis. daß anscheinend "das ganze Konnersreuther Gebäude von Anfang bis zum Ende ein "frommer Betrug' ist". Was angeblich nur aus überirdischer Einwirkung abgeleitet werden könne, seien in Wahrheit "durchaus natürlich zu erklärende Dinge".
Der Konnersreuth-Kritiker zählt keineswegs zu jenen unfrommen Gegnern des Therese-Kults, die von vornherein alles für Lug und die Visionen der Therese Neumann für Trug halten. Der glaubensstrenge Forscher meint unter anderem aus theologischen Gründen, die Stigmen seien vorgetäuscht: weil "die Reihenfolge der bei Therese Neumann aufgetretenen Wunden nicht dem historischen Ablauf des Leidens Christi entspricht" --
Doch selbst dieser gläubige Forscher kommt zu Befunden, wie sie ein Staatsanwalt kaum anders zu Papier gebracht hätte. Auf weiten Strecken liest sich sein Konnersreuth-Buch wie ein Kriminalreport.
Ein Leben lang verwahrte sich Therese Neumann nebst familiärem und geistlichem Anhang gegen fast jeden Versuch, ihre zahlreichen Besonderheiten von Ärzten oder Geistlichen überprüfen zu lassen. 1932 ließ sie lieber ihre Rente auf zehn Prozent kürzen. als zu einer Untersuchung zu gehen, wie es die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft verlangt hatte. Und sogar als 1937 das Heilige Offizium, die oberste katholische Glaubensbehörde, eine Prüfung verlangte, weigerte sich Therese ebenso beharrlich wie ihr Vater, der sich auch vorher in langjähriger Korrespondenz mit dem Regensburger Bischof gegen jedwede Untersuchung verwahrt und geschrieben hatte: "Was ich gesagt habe das bleibt feßt, so lange ich ein ofenes Auge habe, komt es nicht mehr vor. Sollte ich früher Sterben müßen, dan ist meine Familie der gleichen Gesinung."
Neben der Vorspiegelung falscher Wunder hält Hanauer jene "schwerste Hysterie" für den Hauptgrund der Konnersreuther Ereignisse, die bei der einzigen amtlichen medizinischen Untersuchung Therese Neumanns 1918 festgestellt worden war. Die damals Zwanzigjährige wurde deshalb zur Frührentnerin erklärt.
Auch ihre Ekstasen lassen sich nach Ansicht Hanauers (der sich auf die herrschende Meinung in der Medizin beruft) auf ihre hysterische Veranlagung zurückführen. Ein Indiz ist, daß "sie selber bestimmte, wann sie ihre Ekstasen haben wollte und wann sie auszufallen hatten" -- Zur Fastenzeit traten sie nie, am Ostersonntag immer auf. Kamen viele Besucher, dauerten sie länger. kamen wenige, blieben sie aus. Therese enttäuschte dann diejenigen. die sie mit Jesus mitbluten sehen wollten, mit Sprüchen wie: "Der Heiland leidet nix im Stüberl."
Neben der bei hysterischen Frauen oft hochentwickelten Fähigkeit zur Autosuggestion, die dann zu Stigmen führen kann, hält Hanauer aber auch die Irreführung der Besucher nahezu für erwiesen. Nie habe eine Wunde in Gegenwart eines anderen Menschen zu bluten begonnen. Auffällig oft seien Besucher aus dem Zimmer geschickt worden, die dann nach ihrer Rückkehr Therese mit offenen Wunden angetroffen hätten. Hanauer: "Der Verdacht auf künstliche Nachhilfe ist nur zu begründet, es muß sogar angenommen werden, daß sich Therese die Haut aufgekratzt hat und daß die dann vorhandenen Wunden künstlich zum Bluten gebracht worden sind."
Die Grenzen zwischen Hysterie und Betrug sind offenbar schwer zu ziehen. Die mehrjährige Blindheit zum Beispiel wurde zwar amtlich attestiert, aber zugleich wurde festgestellt, daß ihre Augen -- anders als sonst bei Blinden
"jeden Einfall des Lichtes mit einer Verengung der Pupille beantworteten, genauso wie jedes gesunde Auge es tut". Als der Tierfreundin einmal ein Käfig mit zwei Wellensittichen gebracht wurde. bat die Blinde: "Heiland, geh, laß mich doch die kleinen Vögerln ein wenig sehen ... Heiland, sei so gut!" Ihr Wunsch wurde Wirklichkeit, und sie erblindete erst wieder, als die Tiere fortgebracht wurden.
Mit dem Heiland pflegte sie fiberhaupt vertraulichen Umgang, als sei er ein Nachbar aus Konnersreuth. Sie unterhielt sich mit ihm, wer zur Hochzeit der Schwester eingeladen werden solle und wie die Stimmung im Domkapitel zu Regensburg sei. Sie schickte ihn manchmal weg ("Heiland, i hab jetzt keine Zeit, daß i red mit dir; i muß ausschlafen") und unterbrach eine Vision aus Jesu Kindheitstagen mit der Frage an ihren Neffen, ob er zu Mittag Hering gegessen habe.
Die Visionen der Therese sind für Hanauer "nichts anderes als gewöhnli -- che Halluzinationen". Oft schaute sie das, was sie in frommen Traktaten gelesen hatte. Der Mond erschien ihr bei Ostervisionen so lange immer als Sichel (wie sie es in einem Buch gelesen hatte), bis ein Domvikar sie darauf hinwies, Ostern werde immer bei Vollmond gefeiert. Seither sah sie den Oster-Mond nur noch rund.
Fest überzeugt ist der Regensburger Kritiker der Konnersreuther Ereignisse davon, daß die alltäglich von Dutzenden, festtäglich oft von Zehntausenden umgebene und bewunderte Hysterikerin heimlich "ohne Zweifel gegessen und getrunken hat wie die übrigen Menschen". Dafür spricht vor allem die Weigerung Thereses, eine Zeitlang in ein katholisches Krankenhaus überzusiedeln und dort unter Aufsicht ohne Nahrung zu leben.
Und auch dafür, daß die einstige Zwergschülerin in der Ekstase angeblich nebst Aramäisch unter anderem Französisch, Griechisch und Portugiesisch verstand und lallend sprach, hat der Kritiker eine plausible Erklärung: Fromme Bewunderer hätten ihr solche Kenntnisse erst aufgeschwatzt und dann bestaunt. So hat ein des Aramäischen mächtiger Theologieprofessor einmal treuherzig einem anderen Resl-Fan berichtet: "Ja, denken Sie, ich brauchte ein volles Vierteljahr dazu. um schließlich ein Wort aus ihr herauszubekommen." Seit dem Tode dieses Professors tauchte denn auch in Thereses Wortschatz kein einziges neues aramäisches Wort mehr auf. Ihr Griechisch enthielt solche Schnitzer, wie sie ihrem Betreuer Naber häufig unterliefen. Und überdies ergab die Wortanalyse Hanauers. daß lallende Laute The. reses von Priestern zuweilen für eine Fremdsprache gehalten wurden, obwohl es sich in Wirklichkeit um Oberpfälzer Dialekt handelte.
Für viele Wunder, etwa das Schweben über der Erde, gibt es entweder überhaupt keine oder nur in Therese vernarrte Zeugen. Und mit Weissagungen traf die vielseitige Frau, wenn sie nicht orakelhaft sprach oder nicht Beweisbares behauptete, oft daneben. Einem Schwindler, der sich in Konnersreuth als Weihbischof von Prag ausgab, prophezeite sie, er werde noch Kardinal. Im Kriege sagte sie einen Soldaten tot. der später wieder Briefe schrieb. Einen Missionar in China erklärte sie für gehängt (wie es in einem Bistumsblatt gestanden hatte), ein paar Jahre später kehrte er heim.
Und mit ihrer Fähigkeit, echte von falschen Reliquien zu unterscheiden, blamierte sie Michael Buchberger, den Vorgänger Grabers auf dem Regensburger Bischofsstuhl. Als er nach einem Besuch in Konnersreuth an Thereses Spruch glaubte, sein Brustkreuz enthalte Holz vom Kreuze Christi, und es zu Hause öffnete, fand er keinen Span vor.
Buchautor Hanauer beschäftigte sich auch mit den Wundern, die sich nach dem Tode Thereses ereignet haben sollen und die bei einer Seligsprechung vom Vatikan bestätigt werden müßten. Eine angeblich überraschend von schwerer Krankheit geheilte Frau starb in Wirklichkeit einige Wochen nach der Wundermeldung, ohne daß sich ihr Zustand zwischendurch auch nur einen Deut gebessert hatte. Und umgekehrt hat eine holländische Pilgerin, die daheim die tote Therese hörte ("Für all diese Leiden erhältst du deine Gesundheit wieder") und in Konnersreuth von chronischem Gelenkrheuma genas, keinen einzigen Zeugen dafür benennen können, daß sie überhaupt krank war.
Auch sogenannte Gebetserhörungen. für die sich fromme Katholiken mit Dutzenden in Konnersreuth niedergelegten "Votivtafeln" bedankten, beeindrucken aufgeklärte Priester nicht. Unter den angeblich Erhörten sind Landwirte, die das Resl im Himmel um Regen baten, junge Leute, die Fürsprache für die Führerschein-Prüfung erflehten, und Frauen, die ein paar Tage früher als vorgesehen aus dem Krankenhaus entlassen wurden.
Hanauer urteilt über die Hilfsfähigkeit der toten Therese etwa so negativ wie über die Kunst des lebendigen Fräulein Neumann, Krankheiten anderer Menschen auf sich zu ziehen und so ihre Mitmenschen von Leiden zu befreien.
Dabei ergaben sich zuweilen Situationen, bei denen selbst die durchweg humorlosen, weil fanatischen Anhänger der Therese nicht ganz ernst bleiben konnten.
Einem Theologieprofessor widerfuhr es, daß er während einer Autofahrt die mitreisende Wunder-Frau bat: "Du könntest auch wirklich die Leiden deines Vaters, die ihm so zusetzen, auf dich nehmen.
Den Fortgang der Handlung schildert der Theologieprofessor so: ",Ist gut', antwortete Therese, und ich mußte fast lachen, als sich fast im selben Augenblick darauf ein lautes Knurren in Theresens Därmen hören ließ. Dies war eben eines der Krankheitssymptome bei Vater Neumann.

DER SPIEGEL 39/1972
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