25.09.1972

OLYMPIAHinterher leer

Münchens Stadtväter wollen aus dem Olympia-Quartier der Israelis ein „Friedenshaus“ machen. Die Bauträger, die noch keine der 19 Wohnungen des Hauses verkauft haben, nennen den Plan „einen Schmarren“.
Bürgermeister Walter Tröger vom olympischen Dorf in München -- der bis zum Ablauf seiner Amtszeit am 31. Oktober die 5000 ehemaligen Athletenwohnungen inspiziert -- bohrte mit dem Finger in einer von vier Einschußstellen in der Betonwand und zweifelte, "ob diese Wohnung überhaupt noch irgend jemand haben will".
In dieser Wohnung -- Connollystraße 31, Parterre, links -- waren am 5. September zwei israelische Olympiateilnehmer von arabischen Terroristen erschossen und neun weitere Athleten 17 Stunden lang als Geiseln festgehalten worden, bis sie beim nächtlichen Befreiungsversuch auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck getötet wurden.
Vor dem Haus erinnern Kränze des Bundestagspräsidenten, des Dorfbürgermeisters, benachbarter Mannschaften, der "Belegschaft des Postamts" und das Blumengebinde "einer deutschen Familie" ("Wir fühlen mit den Betroffenen und sind mit ihnen verbunden") an das Massaker.
Während die Blumen verwelken und einzelne Kranzschleifen "offenbar von Andenkensammlern" (Tröger) abgeschnitten werden, erwägt Münchens Stadtrat den Plan, das israelische Quartier zu einem "Friedenshaus" umzubauen. Oberbürgermeister Georg Kronawitter fand mit dieser Idee seines Amtsvorgängers Hans-Jochen Vogel im Ältestenrat "die Bereitschaft, etwas zu tun", weil man ja "so was nicht von heute auf morgen vergessen" dürfe.
Das Vorhaben, die zweigeschossige Maisonnettewohnung an der ConNollystraße in eine Gedenkstätte zu verwandeln, stieß freilich beim Bauträger des Hauses auf entschiedene Ablehnung. Für Peter Milau von der "Bayerischen Baukredit-Gesellschaft", die bislang noch keine der 19 Eigentumswohnungen im Haus Nummer 31 verkaufen konnte, ist "das alles ein Schmarren" -- offenbar, weil der normale Geschäftsgang behindert wird. Milau, zwei Wochen nach dem blutigen Dienstag: "Die Deutschen sind ja eine ganz besondere Rasse, die nie was vergessen kann."
Konkreter sind die Einwände der "Olympia-Dorf Maßnahmeträger-Gesellschaft" (ODMG), die im Auftrag der sechs Bau-Konsortien die Anlage künftig verwalten soll. "Alles in Ehren, sagt ODMG-Sprecher Gerhard Schmakat, und "ähnlich wie bei den Spielen werden dann die Rasenanlagen rundherum niedergetrampelt". Folge, laut Schmakat: "Die Leute in der Nachbarschaft werden ausziehen, beziehungsweise gar nicht erst kaufen."
Ums Geschäft sorgt sich auch Geschäftsführer Hans-Hermann Hesse von der "Bayerischen Hausbau KG", einer Schwesterfirma der Bauträgerin. Er hat "jedenfalls kein Verständnis dafür, daß wir jedes Vierteljahr die Einschußstellen nachbohren, und hinterher bleibt mir der ganze Block leerstehen".
Hausbau-Hesse, der für seine Olympia-Häuser vorläufig noch Miete (elf Mark pro Quadratmeter) vom Olympischen Organisationskomitee kassiert, sieht nur zwei Auswege für die städtischen Planer: "Entweder, die bauen in Fürstenfeldbruck irgendeine Gedenkstätte, oder sie kaufen gleich das ganze Haus."
Die 19 Wohneinheiten des dreieinhalbgeschossigen Gebäudes kosten freilich "so an die vier Millionen Mark" (Hesse), und das ist für die Stadt "finanziell unmöglich zu verkraften" (Oberbürgermeister Kronawitter). Selbst die vom Ältestenrat ins Auge gefaßten 500 000 Mark für die Israel-Gedenkstätte will Kronawitter "mit Bund, Land und eventuell Organisationskomitee" teilen.
Geschäftsführer Hesse, der bislang "von der Stadt noch nicht angesprochen wurde", hält den Gedenkplan vorläufig noch für "so eine Idee, die irgendwann wieder in Vergessenheit gerät" -- es sei denn, es meldeten sich "18 Verrückte, die unbedingt als Flurnachbarn einer Totengedenkstätte leben möchten".

DER SPIEGEL 40/1972
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